Freizeit > FesteEntspannte Weihnachten im grossen Familienkreis: So wirst du verschiedenen Erwartungen gerecht Luisa Müller Ein Weihnachtsfest mit Grosseltern, Eltern, Kindern, vielleicht Tanten, Onkeln und Cousins kann sehr schön sein. Es kann aber auch anstrengend sein. Viele Erwartungen treffen aufeinander, alte Rollen tauchen wieder auf, Kinder sind müde und aufgeregt. In der Schweiz leben zwar nur wenige Familien dauerhaft mit drei Generationen im selben Haushalt, aber viele feiern die Feiertage gemeinsam mit mehreren Generationen, oft über mehrere Tage. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Weihnachten mit Grosseltern, Tanten und Cousins: Trotz vieler Erwartungen und alter Rollen lässt sich das Fest bewusst entspannt gestalten. © ViewApart / Getty Images Verschiedene Generationen haben oft unterschiedliche Bedürfnisse. Wir zeigen Dir, wie Du besser verstehen und das Fest so gestalten kannst, dass es für deine Familie stimmig wird. Oft prallen an Weihnachtsfesten im grösseren Kreis unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinander: Pensionierte Grosseltern mit viel Zeit, Eltern in einem dichten Arbeitsalltag, Kinder, die von Geschenken und Eindrücken überflutet sind. Dazu kommen verschiedene Traditionen, religiöse Bezüge und Sprachen, etwa in Familien mit Migrationshintergrund. Feiertage sind daher eine «Hochrisiko-Zeit» für Konflikte. Wenn die Erwartungen an Harmonie sehr hoch sind, eskalieren Spannungen leichter. Die Muster sind immer wieder ähnliche. Es gibt: Unrealistische Erwartungen an ein perfektes Fest Rollenkonflikte, zum Beispiel wenn du gleichzeitig «gutes Kind», Gastgeberin und Mutter oder Vater sein willst Starre Vorstellungen von Traditionen, etwa «bei uns war es immer so» Vergleiche mit anderen Familien oder mit der eigenen Kindheit Für Eltern kommt dazu: Der Alltag ist meist eh schon voll. Für Kinder ist Weihnachten jedoch eine sehr prägende Zeit. Sie lernen: Wie ihr als Familie mit Erwartungen umgeht Wie Konflikte ausgetragen oder vermieden werden Ob sie ihre eigenen Bedürfnisse zeigen dürfen Gut gestaltete Familienfeste sind darum eine Chance. Deine Kinder erleben Nähe, Zugehörigkeit und Rituale. Du kannst ihnen Werte vorleben: Respekt, Offenheit, auch den Umgang mit Unterschiedlichkeit. Um dies zu erreichen ist es jedoch wichtig, sich im Vorfeld der vier typischen Spannungsfelder bewusst zu werden Unterschiedliche Erwartungen an Traditionen Ältere Generationen hängen oft an vertrauten Abläufen, Liedern oder Speisen. Jüngere Familien wünschen sich mehr Flexibilität, weniger Konsum oder vielleicht andere Rituale. Typische Fragen in diesem Kontext sind zum Beispiel: Muss das Fest immer am gleichen Ort stattfinden? Wie streng sind religiöse oder traditionelle Elemente? Wie lange müssen alle am Tisch sitzen bleiben? Viele Konflikte entstehen, wenn Traditionen als unveränderlich gelten. Fachleute empfehlen, Rituale bewusst zu wählen und gemeinsam anzupassen, statt sie automatisch zu wiederholen. Rollenbilder und Arbeitsteilung An Feiertagen fallen besonders viele Aufgaben an: einkaufen, kochen, dekorieren, Kinder betreuen, Geschenke organisieren. Wenn fast alles bei einer Person landet, steigt der Stress. Beratungsstellen betonen daher oft, wie wichtig eine faire Aufgabenteilung und das Wahrnehmen eigener Grenzen sind. Das gilt auch dafür, wer sich um ältere Angehörige oder um sehr kleine Kinder kümmert. Erziehungsfragen und Umgang mit den Kindern Grosseltern und Eltern haben oft unterschiedliche Vorstellungen davon, wie viel Bildschirmzeit, Süsses oder Höflichkeit «sein darf». Kinder merken die Spannungen sofort. Sie geraten unter Druck, wenn sie zwischen verschiedenen Regeln hin und her wechseln und sich dabei für eine Seite «entscheiden» sollen. Geld, Geschenke und Konsum In vielen Familien geht es um die Menge und Art der Geschenke. Diesbezüglich ist es wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass Kinder vor allem das Zusammensein und wiederkehrende Rituale brauchen, nicht immer mehr und teurere Dinge. Unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten in der Familie können zudem hier zusätzlich Spannungen schaffen. Das Festessen mit der ganzen Familie: Wer sich die Spannungsfelder bewusst macht und Erwartungen anspricht, vermeidet Überraschungen unterm Baum. © DGLimages / Copyright Wenn Du Dir dieser Spannungsfelder bewusst bist, hast Du schon einen grossen Schritt vorwärts gemacht. Konkret helfen Dir dann die folgenden 6 Schritte zu entspannteren Feiertagen. Kläre Erwartungen frühzeitig Plane nicht «im stillen Kämmerlein». Reflektiere bewusst Deine eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse und spreche diese offen an. Du kannst zum Beispiel: Bereits im Herbst mit den wichtigsten Beteiligten telefonieren oder ein kurzes Treffen vereinbaren Fragen stellen wie: «Was ist dir dieses Jahr wirklich wichtig?» oder «Was machen wir nur, wenn genug Kraft da ist?» Deine eigene Sicht klar formulieren: «Mir ist wichtig, dass die Kinder genug Schlaf bekommen» Lege gemeinsam Prioritäten fest Du kannst nicht alles gleichzeitig erfüllen: ein perfektes Menü, ein aufgeräumtes Haus, zufriedene Kleinkinder und lange Tischgespräche. Eine psychologisch sinnvolle Strategie ist, bewusst zu entscheiden, welche 2 bis 3 Dinge Priorität haben. Beispiele für Prioritäten sind u.a.: Zeitfenster, in denen alle wirklich präsent sind, ohne Handy Einfache, aber gemeinsame Mahlzeiten, statt mehrere Gänge Rituale, die allen Generationen etwas bedeuten, zum Beispiel eine Geschichte, ein Lied oder ein Spaziergang Verteile Aufgaben fair Überlege, welche Aufgaben wirklich bei dir liegen müssen und was andere übernehmen können. Teile Verantwortung bewusst, statt alles «irgendwie» zu machen. Konkrete Ideen dafür sind: Gemeinsam Menü planen und Aufgaben verteilen, inklusive Abwasch Grosseltern bitten, ein Ritual zu übernehmen, etwa eine Geschichte oder ein Lied Jugendliche einbeziehen, zum Beispiel für Musik, Dekoration oder Spiele mit jüngeren Kindern Wenn du merkst, dass dir etwas zu viel ist, benenne das. Du schützt damit auch deine Kinder, denn elterlicher Dauerstress wirkt sich messbar auf das Verhalten und Wohlbefinden von Kindern aus. So bleibt Weihnachten für Kinder entspannt Gerade kleine Kinder sind an Weihnachten stark gefordert. Sie erleben viele neue Eindrücke, Geschenke, Lärm und wechselnde Orte. Fachstellen berichten, dass Stress und Überforderung schon bei jüngeren Kindern spürbar zunehmen. Hilfreich sind hier zum Beispiel: Klare Ruhezeiten, auch wenn Besuch da ist Ein ruhiger Raum, wo ein Kind lesen, spielen oder sich zurückziehen darf Begrenzte Bildschirmzeit und klare Regeln, die du im Vorfeld mit Grosseltern absprichst Ein vertrauter Ablauf, etwa immer zur gleichen Zeit Essen und Geschenke Sprich mit Grosseltern offen darüber, dass ein übermüdetes Kind schneller weint oder trotzt und dass Pausen kein «verwöhnen», sondern eine wichtige Form von Fürsorge sind. Vereinbart einen Umgang mit heiklen Themen Meide möglichst schwere Familienthemen am Fest oder verschiebe sie bewusst auf einen anderen Zeitpunkt zu. Dazu gehören zum Beispiel alte Konflikte, Erbstreitigkeiten oder sehr unterschiedliche politische Haltungen. Du kannst z.B. im Vorfeld sagen: «Ich wünsche mir, dass wir an Heiligabend nicht über Geld oder Erbe sprechen. Wenn es etwas zu klären gibt, machen wir dafür einen Termin im Januar ab.» «Die Kinder bekommen viel mit. Es wäre mir wichtig, dass wir vor ihnen nicht laut streiten.» Falls ein Gespräch trotzdem kippt, helfen kurze Unterbrechungen, etwa ein Spaziergang oder eine kleine gemeinsame Aufgabe in der Küche. Unterschiedliche Bedürfnisse der Generationen akzeptieren In Mehrgenerationen-Treffen gibt es keine perfekte Lösung, die alle gleich glücklich macht. Es hilft, Unterschiede ausdrücklich anzuerkennen. Solche Unterschiede können z.B. sein: Grosseltern möchten vielleicht lange am Tisch sitzen. Für Kleinkinder ist das zu lang; ein Spielteppich im gleichen Raum oder ein früherer Start mit dem Essen kann helfen. Jugendliche wünschen sich Rückzug mit dem Handy oder Laptop. Du kannst ihnen Zeitfenster geben, in denen das okay ist, und andere Zeiten, in denen alle anwesend sind. Eltern in angespannten Arbeitssituationen brauchen vielleicht mehr Pausen, auch wenn Besuch da ist. Diese Unterschiede werden verstärkt durch die Tatsache, dass sich Rollenmuster und Lebensentwürfe in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben. Das kann im Familienkreis befreiend, aber auch irritierend wirken. Eine offene Haltung hilft beiden Seiten. Ein entspanntes Weihnachtsfest im grossen Familienkreis bedeutet nicht, dass alles reibungslos läuft. Es bedeutet eher: Ihr habt gemeinsam entschieden, was euch wichtig ist. Aufgaben sind verteilt, niemand ist dauerhaft am Limit. Kinderbedürfnisse werden ernst genommen. Unterschiedliche Erwartungen dürfen ausgesprochen werden, ohne dass jemand abgewertet wird. Konflikte dürfen vorkommen, ihr findet aber wieder zueinander. Wenn du jedes Jahr einen kleinen Schritt in diese Richtung gehst, verändert sich über die Zeit viel. Deine Kinder erleben: In unserer Familie dürfen alle verschieden sein. Und trotzdem gehören wir zusammen.