«Über Bücher reden hilft beim Austausch zwischen Generationen»

Ist ein Kinderbuch nur für Kinder spannend? Nein, finden die Macher des Prix Chronos. Es kann sogar Jung und Alt zusammenbringen. Doch was braucht ein Buch, damit es von beiden gerne gelesen wird? Eine Spurensuche.

Grossvater liest mit Enkel

Wenn Jung und Alt zusammen lesen, kann das die Beziehung und das Verständnis füreinander stärken. (Bild: shironosov/iStock, Thinkstock)

Auf der Bühne schleichen sich zwei als Jungen verkleidete Mädchen durch ein Labyrinth von Krankenhausgängen. Sie suchen das Zimmer, in dem ihre Grossmutter liegt. Sie finden die richtige Türe und öffnen sie ganz sachte. Die Kinder nähern sich dem Bett, in dem Oma teilnahmslos liegt - beide mit einer Stofftiergans unter dem Arm ausgerüstet. «Oma, schau was wir dir mitgebracht haben», sagt der eine «Knabe» und beide reichen ihr die Gänse. Omas Augen verwandeln sich von einem apathischen Starren in ein leuchtendes Feuerwerk, als sie die Gänse entgegennimmt: «Sind die für mich?», fragt sie begeistert.

Beziehungen zwischen den Generationen im Fokus

Die Szene stammt aus dem Kinderbuch «PeterSilie» von Antje Damm. Das zentrale Thema des Buches ist die Beziehung zwischen dem Jungen Nick und seiner Grossmutter: Nick will seine Oma aufheitern, da sie im Spital liegt. Er weiss aus einer von Omas Geschichten, dass sie Gänse mag; darum begibt er sich mit seinem Freund auf die Suche nach Gänsen und findet einen nicht ganz legalen Weg, diese zu beschaffen...

Antje Damms Kinderbuch ist eines von vier nominierten Büchern für den Prix Chronos. Der Preis stellt die Beziehungen zwischen den Generationen in den Vordergrund und will durch gemeinsames Lesen Jung und Alt vereinen (siehe Box unten). Eine Jury aus jungen und älteren Lesern aus der Deutschschweiz stimmt jedes Jahr für ihren Favoriten ab. Das Gewinnerbuch wird an der Preisverleihung verkündet – dieses Jahr fand diese Anfang April im Zürcher Volkshaus statt.

Was ist der Prix Chronos?

Jedes Jahr werden im Rahmen des Prix Chronos vier Kinderbücher ausgewählt, die sich an Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis zwölf Jahren richten. Alle Geschichten handeln von Generationenbeziehungen und leisten mit Charme und Humor einen Beitrag zum besseren Verständnis zwischen Jung und Alt. Der Leseförderungspreis ist eine Zusammenarbeit von Pro Senectute und Pro Juventute. In der Deutschschweiz wurde er dieses Jahr zum dreizehnten Mal verliehen. Die Autorin oder der Autor des Gewinnerbuches erhält ein Preisgeld von 2000 Franken. Laut den Organisatoren erfreut sich die Prämierung wachsendem Interesse: Jedes Jahr lesen mehr begeisterte Jugendliche und Senioren mit, so die Verantwortlichen. Dieses Jahr hätten über 1200 Kinder und Erwachsene mitgelesen und beurteilt.

Ein Bücherwurm zu sein ist «in»

Zuschauer beim Prix Chronos

Die Lesegruppe von Rümlang vor der Veranstaltung - alle sind gespannt, wer der diesjährige Gewinner des Prix Chronos sein wird. (Bild: zVg./Pro Senectute, Fotografin: Sonja Ruckstuhl)

Für ihren Liebling hat auch eine Lesegruppe aus Rümlang abgestimmt– eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Seniorinnen, Mädchen und Jungen verschiedenen Alters, die für den Event extra ins Volkshaus angereist ist. Ist denn Lesen bei jungen Menschen überhaupt noch cool? Die Kids bejahen die Frage einstimmig mit etwas verdutzten Mienen. Selbstverständlich sei Lesen noch angesagt! Die Viert- bis Sechstklässler sind sich auch einig, was ein spannendes Buch unbedingt beinhalten müsse: «Action und Abenteuer!», rufen sie.

Eine Seniorin ist eher wegen des Austauschs zwischen den Generationen als für die Action dabei: Der Prix Chronos sei eine gute Veranstaltung, um neben ihren Enkeln auch mit anderen jungen Menschen in Kontakt  treten zu können. Am meisten hat die Seniorin die Lesekompetenz der Schüler erstaunt. Denn sie studierten die Bücher sehr genau und können ihre Gedanken und Meinungen präzise ausdrücken. «Als ich in dem Alter war, konnte ich das noch nicht so gut», sagt sie.

Dass die Rümlanger Gruppe zusammengefunden hat, ist Susanne Räth zu verdanken. Die Bibliothekarin der Gemeinde Rümlang ist vor fünf Jahren auf den Prix Chronos aufmerksam geworden. Seither organisiert sie mit der lokalen Schule Lese- und Diskussionsrunden zu den nominierten Büchern. Alle sind freiwillig dabei, aber wenn man am der Preisverleihung teilnehmen will, muss man sich auch an den Diskussionsrunden beteiligen: «Denn nur wenn man über Bücher redet, kann ein Austausch zwischen den Generationen stattfinden», meint die Bibliothekarin.

«Jeder ist ein grosser Philosoph»

Schliesslich lüftet der bekannte Badener Slampoet und Autor Simon Libsig das Geheimnis: Der Gewinner des diesjährigen Prix Chronos ist «PeterSilie» von der Autorin Antje Damm. Die 52-jährige Deutsche nimmt auf der Bühne sichtlich erfreut ihren Preis entgegen. Damm, die ursprünglich gelernte Architektin ist, wird häufig als Philosophin bezeichnet. «Das macht mich aber nicht einzigartig, denn jeder – Kinder inklusive – hat das Potential, ein grosser Philosoph zu sein», meint die Kinderbuchautorin.

Eine Erkenntnis zum Leseverhalten der Generationen zum Schluss, die vermutlich die eReader-Hersteller weniger erfreuen wird: Die digitalen Buchversionen sind bei den Jungen out. Anders bei den Senioren – denn da können sie die Schriftgrösse an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen. Die Mädchen und Jungen stürzen sich derweil am Ende der Veranstaltung auf die gedruckten Bücher, die sie an der Preisverleihung kostenlos mitnehmen durften.

PeterSilie Buchcover

 

Preisträger «Prix Chronos 2017»

«PeterSilie»
Antje Damm,
Tulipan Verlag, erschienen im Januar 2016.
ISBN: 978-3-86429-253-8

 

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