Gesundheit > Allergien & langwierige BeschwerdenDiabetes bei Kindern: «Kinder können und sollen ein normales Leben führen» Sigrid Schulze Diabetes – nur eine Krankheit für ältere Menschen? Keineswegs. Auch Babys, Klein- und Schulkinder können betroffen sein. Die Diagnose wirbelt vieles durcheinander – aber mit guter Schulung, moderner Technik und klaren Absprachen in Familie, Schule und Freizeit kann dein Kind Schritt für Schritt sicherer werden und seinen Alltag aktiv leben. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Eine regelmässige Kontrolle des Blutzuckerspiegels ist vor allem bei Diabetes Typ 1 wichtig. Davon sind in der Schweiz rund 3'000 Kinder betroffen. Bild: GettyImages Plus, Phynart Studio Diabetes bei Kindern – das Wichtigste zuerst Warnzeichen ernst nehmen Typische Warnzeichen – besonders, wenn sie neu auftreten oder sich rasch verstärken: sehr viel Durst, häufiges Wasserlassen (bei Kleinkindern auch wieder nasse Windeln oder erneutes Einnässen), ungeplanter Gewichtsverlust, starke Müdigkeit, Bauchschmerzen, Übelkeit/Erbrechen, Konzentrationsabfall. Sofort handeln / Notfall: Wenn dein Kind sehr schläfrig oder verwirrt wirkt, schnell und tief atmet, stark nach «Azeton/Frucht» aus dem Mund riecht, wiederholt erbricht oder nicht bei sich ist, lass es umgehend medizinisch beurteilen. Bei akuter Verschlechterung oder Bewusstseinsstörung: 144. Wichtig: Diabetes Typ 1 kann bei Kindern plötzlich auftreten und ist behandelbar – je früher er erkannt wird, desto sicherer. Wenn der Körper den Blutzuckerspiegel nicht mehr ausreichend regulieren kann, sprechen Fachleute von Diabetes mellitus. Bei Kindern ist Diabetes Typ 1 am häufigsten. Er entsteht, weil das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse angreift. Diabetes Typ 2 kommt in der Kindheit seltener vor, kann aber bei Jugendlichen – besonders bei Übergewicht, wenig Bewegung und familiärer Belastung – zunehmen. Für Eltern ist meist entscheidend: Was bedeutet die Diagnose ganz praktisch – heute, morgen, in der Schule, beim Sport und nachts? Genau dafür ist eine strukturierte Betreuung durch ein Kinderdiabetes-Team zentral. Welche Diabetes-Formen gibt es bei Kindern? Diabetes Typ 1: Kontrolle ist wichtig Art der Krankheit: Diabetes Typ 1 ist die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Betazellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Dann können sie nicht mehr das Insulin herstellen, das der Körper braucht, um den Blutzucker zu regulieren. Ursachen: Die Ursachen der Typ-1-Diabetes sind unbekannt. «Meist löst ein Infekt die Krankheit aus – zum Beispiel ein grippaler Infekt oder ein Magen-Darm-Infekt», erklärt Caroline Brugger. «Darüber hinaus gibt es eine genetische Prädisposition, also eine genetisch bedingte Krankheitsanfälligkeit, die aber circa 60 Prozent der Bevölkerung hat.» Therapie: Bei Diabetes Typ 1 ist vor allem wichtig, den Blutzucker zu kontrollieren – vor jedem Essen, vor dem Schlafen gehen und vor Sportaktivitäten. Je nach dem aktuellen Blutzucker, der Menge an zugeführten Kohlenhydraten und der geplanten körperlichen Aktivität muss dann synthetisches Insulin verabreicht werden. Kinder werden immer mit Insulin behandelt und sind in regelmässiger ärztlicher Kontrolle. Diabetes 2: Ernährung und Bewegung im Fokus Art der Krankheit: Wenn die Bauchspeicheldrüse zwar weiterhin, aber zu wenig Insulin produziert oder der Körper das Insulin nicht verwenden kann, um Blutzucker in Energie umzuwandeln, handelt es sich um Diabetes Typ 2. Ursachen: Für Typ-2-Diabetes gibt es viele Ursachen. Erkrankungen können ebenfalls durch eine genetische Prädispoisiton beschleunigt werden. Ausserdem kann die Einnahme gewisser Medikamente zur Erhöhung des Blutzuckerspiegels und somit zu einem Diabetes Typ 2 führen. Weitere Faktoren sind eine ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. Therapie: Bei Diabetes Typ 2 steht besonders im Fokus, eine ausgewogene Ernährung einzuführen. Darüber hinaus ist es wichtig, das Kind zu Bewegung zu motivieren. Denn sowohl die ausgewogene Ernährung als auch die regelmässige Bewegung helfen dem Kind, Gewicht zu verlieren. Sinken die Blutzuckerwerte trotzdem nicht, werden Tabletten, sogenannte Antidiabetika, verschrieben. Die Verabreichung von Insulin wird erst notwendig, wenn diese Wege nicht zum Erfolg führen. Neben Typ 1 und Typ 2 gibt es seltenere Formen (zum Beispiel monogenetische Diabetesformen). Wenn der Verlauf oder die Familiengeschichte untypisch ist, klärt das Behandlungsteam das gezielt ab – für Eltern ist wichtig zu wissen: Die genaue Einordnung beeinflusst die Therapie. Symptome: So kann sich Diabetes bemerkbar machen «Zu den typischen Symptomen von Diabetes Typ 1» gehören vermehrter Harndrang, gesteigerter Durst, allgemeine Schwäche wie auch Müdigkeit, Nachlassen der Schulleistungen und Gewichtsverlust», berichtet Caroline Brugger. «Manche Kinder nässen nachts wieder ein.» Für dich als Orientierung im Alltag: Bei kleineren Kindern fällt oft zuerst auf, dass sie ungewöhnlich viel trinken, häufiger Windeln brauchen oder plötzlich wieder einnässen. Bei Schulkindern kann zusätzlich eine neue Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit oder ein Leistungsknick auffallen. Manchmal wirken Kinder «wie erkältet», werden aber nicht wirklich besser. Es ist sehr wichtig, dass Diabetes Typ 1 rechtzeitig erkannt wird, um lebensbedrohliche Stoffwechsel-Entgleisungen zu vermeiden. Der oder die Kinderärzt:in ist die erste Anlaufstelle: Mit einer einfachen Blutzucker- und Urinkontrolle können Abweichungen rasch erkannt werden. Wenn es deinem Kind über längere Zeit nicht wohl ist, darfst du das offen ansprechen und um eine entsprechende Abklärung bitten. Bei Diabetes Typ 2 sind zu Beginn oft kaum klare Symptome sichtbar. Müdigkeit, Leistungseinbussen oder Kopfschmerzen können vorkommen, sind aber unspezifisch. Wenn du dir Sorgen machst (zum Beispiel bei starkem Übergewicht, deutlicher Bewegungsarmut oder familiärer Häufung), hol dir ärztlichen Rat. Akute Risiken verstehen Unterzuckerung beim Kind: Anzeichen und erste Schritte Unterzuckerungen (Hypoglykämien) können bei Typ-1-Diabetes im Alltag vorkommen – zum Beispiel durch ungeplante Bewegung, weniger Essen als gedacht oder zu viel Insulin. Typische Zeichen sind Zittern, Blässe, Schwitzen, Heisshunger, Bauchweh, Kopfschmerzen, Unruhe, plötzliches «anders sein» (Reizbarkeit, Weinen, Wut) oder Konzentrationsprobleme. Bei stärkeren Unterzuckerungen können Verwirrtheit, Koordinationsprobleme oder Bewusstseinsstörungen auftreten. Was du tun kannst: Folge dem Notfall- und Behandlungsplan eures Diabetes-Teams. Wenn dein Kind wach ist und sicher schlucken kann, wird in der Regel rasch wirksamer Zucker gegeben und der Wert kontrolliert. Wenn dein Kind nicht schlucken kann, bewusstlos ist oder einen Krampfanfall hat: 144 und den Notfallplan anwenden (zum Beispiel Glukagon gemäss Verordnung). Überzuckerung und Ketoazidose: Warnzeichen und warum es dringend ist Hohe Werte allein sind nicht automatisch ein Notfall – aber sie müssen ernst genommen werden, besonders wenn zusätzlich Krankheit, Bauchschmerzen oder Erbrechen dazukommen. Eine diabetische Ketoazidose (DKA) kann entstehen, wenn dem Körper wirksames Insulin fehlt: Dann baut er Fett ab und es entstehen Ketone, die den Körper übersäuern. Warnzeichen können sein: Übelkeit/Erbrechen, Bauchschmerzen, schnelle/tiefe Atmung, starker Durst, Austrocknung, Azeton-/«Frucht»-Geruch, Müdigkeit bis Benommenheit. Wenn du solche Zeichen bemerkst, orientiere dich am Plan eures Behandlungsteams (inklusive Ketonkontrolle, falls vereinbart) und lass dein Kind dringend medizinisch beurteilen. Bei schwerem Eindruck oder Bewusstseinsveränderung: 144. Behandlung im Alltag Bei Typ 1 besteht die Behandlung aus Insulin, regelmässiger Glukosekontrolle und dem Erlernen von Zusammenhängen: Essen (Kohlenhydrate), Bewegung, Stress, Wachstum und Pubertät können Werte deutlich beeinflussen. Ziel ist nicht «perfekte» Zahlen um jeden Preis, sondern Sicherheit, ein möglichst stabiler Alltag und langfristiger Schutz vor Folgeproblemen. Viele Familien nutzen heute Sensoren zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM), teilweise kombiniert mit Insulinpumpen oder sogenannten automatisierten Insulinabgabesystemen. Diese Technologien können Alarme bei Unterzuckerung bieten und Trends anzeigen – sie ersetzen aber nicht die Schulung und die Absprachen im Alltag. Moderne Hilfsmittel machen Alltag leichter Heute stehen für die Therapie moderne Hilfsmittel zur Verfügung. Bei der Verabreichung von Insulin haben sich zum Beispiel der Pen und Insulinpumpe durchgesetzt. Ein Pen lässt sich statt einer Spritze verwenden. Er wird mit einer Insulinpatrone befüllt, die auf Knopfdruck oder mithilfe eines Drehmechanismus eine bestimmte Menge Insulin abgibt. Eine Insulinpumpe dagegen ist kleines elektronisches Gerät, ungefähr so gross wie eine Checkkarte, das am Gürtel oder in einer Tasche der Kleidung getragen wird. Sie gibt rund um die Uhr präzise Dosen Insulin durch einen Katheter ab. Das regelmässige Spritzen entfällt. Schule, Sport, Lager, Reisen: so wird es in der Schweiz praktikabel Für viele Eltern ist der Schritt zurück in Kita, Schule oder Tagesstrukturen der emotional schwierigste: «Traut sich das Team das zu?» Mit einem klaren Plan wird es meist deutlich leichter. Schule/Betreuung: Bitte euer Diabetes-Team um einen schriftlichen Notfall- und Betreuungsplan für den Alltag (Unterzuckerung, Sport, Ausflüge, Krankheitstage). Vereinbare ein Gespräch mit Klassenlehrer:in/Schulleitung und – je nach Kanton und Situation – Schulgesundheitsdienst oder zuständiger Stelle. Ziel ist, dass mehrere Bezugspersonen wissen: typische Warnzeichen, wie Alarme eingeordnet werden, was im Notfall zu tun ist und wann 144 zu rufen ist. Sport: Bewegung ist ausdrücklich erwünscht. Entscheidend ist Vorbereitung: Glukose vor/bei/nach Sport im Blick behalten, Traubenzucker bzw. schnelle Kohlenhydrate dabei haben und Regeln für Pausen kennen. Besonders am Anfang hilft es, Sporteinheiten gemeinsam mit dem Behandlungsteam nachzubesprechen, bis ihr Muster erkennt. Klassenlager und Reisen: Gut machbar, aber nicht «nebenbei». Klärt frühzeitig Zuständigkeiten, Material (Sensoren, Katheter, Batterien, Ersatz), Aufbewahrung (Hitze/Kälte), Zeitverschiebung (Insulinplan) und Notfallkontakte. Wichtig ist auch: Wer entscheidet wann über Abbruch und wer kann medizinisch helfen? Psychische Gesundheit & Familienleben «Die Diagnose Diabetes ist zunächst ein Schock für Eltern», weiss Caroline Brugger. Die Therapie, die Eltern für ihr Kind managen müssen, bedeutet viel tägliche Arbeit. «Manche Kinder sind schwerer einzustellen, denn nicht nur die Ernährung, auch Bewegung, Wachstum und Stress haben Einfluss auf den Blutzuckerspiegel.» Das alles lernen Kinder und Eltern in der Diabetikerschulung. Zusätzlich zur Technik ist das Emotionale zentral: Viele Eltern kennen Angst vor nächtlichen Unterzuckerungen, Schuldgefühle («Hätte ich es früher merken müssen?») oder ständige Alarmbereitschaft. Kinder können sich «anders» fühlen oder genervt sein von Messungen und Regeln. Das ist normal. Hilfreich sind klare Rollen (wer macht was), altersgerechte Verantwortung, und bei Bedarf psychologische Unterstützung über die Diabetes-Sprechstunde oder spezialisierte Fachpersonen. Experten-FAQ «Kinder können und sollen ein normales Leben führen» – FAQ mit Caroline Brugger (Verein Swiss Diabetes Kids) Was ist die wichtigste Botschaft nach der Diagnose? Dass du Zeit bekommst, reinzuwachsen. Am Anfang fühlt es sich nach Dauerstress an – mit Schulung und Routine wird vieles leichter. Woran merken Eltern Diabetes Typ 1 am ehesten? Oft an starkem Durst, häufigem Wasserlassen, Müdigkeit und Gewichtsverlust. Bei kleineren Kindern fällt auch erneutes Einnässen auf. Was sollten Eltern unbedingt vermeiden? Sich selbst die Schuld zu geben. Typ-1-Diabetes ist nicht «verursacht» durch Erziehung oder einzelne Lebensmittel. Wie wichtig ist Schulung? Extrem wichtig. Du lernst, Situationen einzuschätzen: Essen, Sport, Stress, Wachstum, Krankheit – das beeinflusst alles. Was hilft im Schulalltag am meisten? Klare Absprachen und ein Notfallplan, den alle kennen. Wenn die Schule weiss, was zu tun ist, sinkt die Angst auf allen Seiten. Können Kinder mit Typ-1-Diabetes Sport treiben und ins Klassenlager? Ja. Mit Vorbereitung und Betreuung ist das möglich – und für das Kind wichtig. Wann wird es «normaler»? Wenn die Therapie im Alltag angekommen ist. Dann sind Kinder mit Diabetes Typ 1 leistungsfähig – körperlich und kognitiv – wie andere Kinder auch. Ist Diabetes heilbar? Diabetes Typ 1 ist nicht heilbar. «Die Diagnose gilt für das gesamte Leben. Diabetes Typ 1 lässt sich weder voraussagen noch vorbeugen», sagt Caroline Brugger. Deshalb haben heute Kinder mit Diabetes Typ 1 die Chance, gleichlang «gesund» alt zu werden wie andere Menschen.» Bei Diabetes 2 lässt sich durch die eine dauerhafte Therapie erreichen, dass sich die Blutzuckerwerte normalisieren. Checkliste: so bereitest du den Termin in der Diabetes-Sprechstunde vor Diese Fragen helfen dir, das Gespräch effizient zu nutzen (nimm sie gern als Notizzettel mit): Sicherheit: Was sind bei unserem Kind typische Unterzuckerungszeichen? Was ist unser konkreter Notfallplan (zu Hause, Schule, Sport, nachts)? Krankheitstage: Was gilt bei Fieber, Erbrechen oder wenig Essen (inklusive Ketone, wann melden, wann Notfall)? Schule/Betreuung: Wer soll geschult werden, und welche schriftlichen Unterlagen bekommt die Schule? Sport: Welche Strategien passen zu unseren Aktivitäten (Training, Schwimmen, Turnen, Wettkampf)? Technik: Welche Ziele haben wir mit Sensor/Pumpe/Alarmen? Was sind häufige Fehlerquellen (Sensor-Alarm, Kompression, Messdifferenzen)? Belastung: Wie geht es uns als Familie? Welche psychosoziale Unterstützung ist verfügbar? Anlaufstellen für Betroffene Verein Swiss Diabetes Kids, eine Selbsthilfeorganisation für Familien mit einem oder mehreren Kindern mit Diabetes Typ 1: www.swissdiabeteskids.ch Die Patientenorganisation diabetesschweiz wurde 1957 gegründet, mit dem Ziel, die Lage der Diabetikerinnen und Diabetiker in der Schweiz zu verbessern: www.diabetesschweiz.ch