ADHS: Behandlung

Claire und Tanya VögeliClaire (links) und Tanya (rechts) im Jahr 2010. «Mit der Zeit haben sich unsere Töchter gut mit der Krankheit arrangiert», erklärt Doris Vögeli.

Wie lief die Behandlung ab?

Wir erhielten Ritalin und eine Tabelle, in die wir verschiedene Mengen und Auswirkungen eintragen mussten. Nach einer gewissen Zeit konnte der Arzt die richtige Dosis abschätzen. Bald zeigten sich jedoch Nebeneffekte, vor allem Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Nach einer Weile wechselten wir auf Concerta, was Claire auch heute noch nimmt. Neben der medikamentösen Behandlung arbeiteten wir eng mit dem Kinderarzt zusammen. In der Anfangsphase musste Claire alle drei Wochen zu einem Gespräch, bald alle drei Monate und heute mit 15 Jahren nur noch alle neun Monate.

Wer hat die Kosten übernommen?

Wir. Nach all den Untersuchungen konnte ADHS bei Claire erst im Alter von zehn Jahren bestätigt werden. Die Invalidenversicherung zahlt aber nur, wenn die Abklärung vor dem neunten Lebensjahr gemacht wurde. Auch Ergotherapie bringt nach dem zehntes Altersjahr nicht mehr allzu viel, da sich das Kind bereits so an die Kompensationsmechanismen gewöhnt hat. Als ich das erfuhr, war ich gleichzeitig wütend und verzweifelt. Da war leider nicht viel zu machen.

Wie geht es Claire heute?

Sie ist inzwischen 15 Jahre alt und nimmt ihr Concerta nicht mehr regelmässig. Beim Beginn der Medikamenteneinnahme hat sie sich davor gefürchtet, ein anderer Mensch zu werden. Dies ist glücklicherweise nicht passiert. Natürlich ist sie manchmal immer noch zapplig und ungeschickt: In ihrem kurzen Leben hatte sie bereits 19 Mal einen Gipsverband! Vor kurzem ist sie aber zu mir gekommen und hat gesagt, dass sie es nicht mehr wirklich brauche. Darüber bin ich froh. Wir sehen die Medikamente als gute Unterstützung, sind aber froh, wenn es auch ohne geht. Vor Langzeitschäden haben wir uns nie gefürchtet. Das Medikament hat meinen Kindern so sehr geholfen, ihr wirkliches Potenzial zu erleben. Dafür sind wir alle sehr dankbar.

Sie haben eine zweite Tochter?

Ja, Tanya. Auch bei ihr wurde im Alter von sieben Jahren ADHS diagnostiziert.

Da wussten Sie bereits, was auf sie zukam.

Ja, um dieses Wissen war ich sehr froh. Bei Tanya konnten die Kosten von der Invalidenversicherung übernommen werden und wir haben früh mit Ritalin und Ergotherapie begonnen. Vor der Therapie war Tanya sehr langsam und machte viele Fehler beim Rechnen. Mit den Medikamenten hat sich das stark verbessert. Eines Nachmittags kam sie strahlend nach Hause und erzählte mir mit einem breiten Lachen «Mami, ich bin heute mit meinen Aufgaben fertig geworden und durfte beim Lehrer vorne stehen!» Da ging mir das Herz auf.

Wie reagieren ihre Mitmenschen auf Claires und Tanyas Diagnose?

Wir haben gelernt, dass es sehr wichtig ist, offen und transparent zu sein. Wenn Lehrer von der Krankheit wissen, können sie sich dem Kind ein wenig anpassen. Auch Menschen aus dem Umfeld zeigen mehr Verständnis und sind nachsichtiger. ADHS ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Doris Vögeli lebt mit ihrer Familie in Reinach (BL). Vor der Geburt ihrer ersten Tochter Claire arbeitete sie im Gastgewerbe, gab diesen Beruf jedoch für den Job als «Vollzeitmutter» auf. Heute engagiert sie sich als Präsidentin der Elternbildung Reinach und verbringt viel Zeit mit ihrem Mann und den Töchtern Claire (15) und Tanya (12).

Weiterführende Links:

Fotos: Doris Vögeli
Autor: Jasmine Helbling im März 2012

Haben auch Sie Erfahrungen mit ADHS gemacht? Schreiben Sie einen Kommentar oder diskutieren Sie im Forum!

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter