Übergewichtige Kinder: Wann ist es Zeit für die Diät?

Fat Camps, Disziplinkurse und Crash Diäten – der Schönheitswahn kennt kein Alter und befällt oft schon die Kleinen. Dicke Kinder und Jugendliche leiden in der Schule unter Hänseleien und Schamgefühl, ihre Eltern sind frustriert. Wie weit darf man für den Wunsch nach Schönheit und Gesundheit gehen und wo grenzt der Schlankheitswahn an Irrsinn?

Übergewichtige Kinder: Zeit für die Diät?

Crash Diäten sind nichts für übergewichtige Kinder. Arbeiten Sie besser an einer gesunden und ausgewogenen Ernährung. Foto: Blend Images, Thinkstock

Kürzlich sorgte die US-Autorin Dara-Lynn Weiss weltweit für Schlagzeilen und löste einen Sturm der Entrüstung aus: Da ihre Tochter Beatrice laut BMI als stark übergewichtig galt, wurde sie von der Mama kurzerhand auf eine Diät gesetzt. Fortan wurde Beatrice getadelt, wenn sie sich auf Kindergeburtstagen Süsses gönnte oder in der Pizzeria zuschlug. Eine einfache Massnahme zur Erhaltung der Gesundheit wurde bald zur Obsession; Mutter und Tochter zählten Kalorien und kannten die genaue Zusammensetzung aller Nahrungsmittel. Die Presse reagierte auf Beatrices‘ Fall schnell und ungnädig: Weiss wurde als «Rabenmutter» und «narzisstisch» beschimpft. Dieser Fall wirft die Frage auf, wie weit Eltern und Kinder für ein Schönheitsideal gehen dürfen.

Übergewicht bei Kindern und seine Ursachen

Obwohl Übergewicht bei Kindern in der Schweiz nicht so verbreitet ist wie in den USA: Laut einer Untersuchung der Schulärztlichen Dienste der Städte Basel, Bern und Zürich, die im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz zum Schuljahr 2014/2015 durchgeführt wurde, sind viele Kinder zu dick. Bereits im Kindergarten sind 12 Prozent aller Kinder von Übergewicht betroffen. Diese Zahl steigt während der Primarschule auf 20.8 Prozent und findet in der Oberstufe mit 23.4 Prozent einen Höchstwert. Kurz: 17.3 Prozent der Schüler aller untersuchten Schulstufen sind übergewichtig oder fettleibig. Die Ursachen dafür sind vielseitig. In vielen Fällen führt die kalorienreiche Ernährung in Kombination mit Bewegungsmangel zu überschüssigen Pfunden. Statt draussen Fussball zu spielen oder herumzutoben, sitzen Kinder vor dem Computer oder Fernseher. Auch Eltern haben einen grossen Einfluss auf das Essverhalten ihrer Kinder. Zum einen, weil sie eine Vorbildfunktion haben und Kindern falsche Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten vorleben, zum anderen steigt die Wahrscheinlichkeit auf Fettleibigkeit, wenn bereits die Eltern davon betroffen sind. Extrapfunde aus der Kindheit werden meist bis ins Erwachsenenalter hineingetragen, wodurch gesundheitliche Risiken erhöht werden.

Wann ist mein Kind zu dick?

Diese Frage, die sich viele Eltern stellen, ist nicht immer leicht zu beantworten. Manchmal täuscht das äussere Bild, manchmal wollen Eltern das Problem einfach nicht erkennen. Eine Untersuchung ergab, dass 89 Prozent der Eltern mit übergewichtigen Kindern im Alter von fünf bis sechs Jahren sich gar nicht bewusst sind, dass ihre Kinder zu viel wiegen. In solchen Fällen kann der Body-Mass-Index (BMI) als Orientierungshilfe dienen. Dieser setzt das Gewicht eines Menschen im Verhältnis zu seiner Körpergrösse. Errechnet wird er mit dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpermasse in Metern im Quadrat. Lesen Sie hier, in welchem Gewichtsbereich Ihr Kind liegen sollte. Wenn Ihr Kind sich normal ernährt und genügend bewegt, aber trotzdem einen zu hohen BMI hat, sollten Sie mit dem Arzt abklären, ob das Übergewicht an einer Krankheit liegen könnte.

 

Übergewichtige Kinder: Folgen

Wenn eine amerikanische Autorin ihr siebenjähriges Mädchen auf Diät setzt, spielt die ganze Welt verrückt. Aus gutem Grund? Viele Eltern sind der Meinung, dass Kinder frei von Diätzwängen und Kalorienzahlen aufwachsen und eine unbeschwerte Kindheit führen sollten. Ein bisschen Babyspeck hat ja auch noch niemandem geschadet, oder? Natürlich müssen Kinder nicht gertenschlank wie Supermodels sein und keine Pizza mehr essen dürfen. Gefährlich wird es aber, wenn das Übergewicht zu Gesundheitsproblemen führt.

Die ersten Anzeichen von gesundheitlichen Problemen ausgelöst durch Übergewicht sind Kurzatmigkeit bei Bewegung, verstärktes Schwitzen, Rücken- und Gelenkschmerzen und Schlafprobleme. Ausserdem erhöht Übergewicht das Risiko auf Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Arthrose und bestimmte Krebserkrankungen. Auch die psychische Gesundheit kann unter dem Übergewicht leiden: Oft werden übergewichtige Kinder in der Schule gehänselt, haben ein vermindertes Selbstwertgefühl und erkranken vielleicht sogar an Depressionen. Spätestens dann, wenn Ihre Kinder unter dem Übergewicht leiden oder weinend aus der Schule nach Hause kommen, sollten Sie sich gemeinsam eine sinnvolle Methode zum Abnehmen überlegen. Aber Achtung: Übertreiben Sie nicht! Quälen Sie Ihr Kind wegen kleinen Fettpölsterchen nicht und planen Sie das Abnehmen in kleinen Schritten.

Mit diesen Tipps nehmen übergewichtige Kinder ab

  • Ziehen Sie als Familie an einem Strang
    Kinder können nur schlecht verstehen, weshalb sie verzichten müssen, während ihre Geschwister unbeschwert Süssgetränke trinken und genüsslich Glacé schlecken. Lassen Sie Ihr Kind deshalb nicht nur Salat essen, wenn Sie für die restliche Familie Pasta Bolognese auftischen. Verkleinern Sie besser die Portionen oder tischen kleinere Teller. Wenn Sie erst nach 10 min nachschöpfen, lernen Kinder, das Sättigungsgefühl zu spüren. Lassen Sie den Kochtopf während dem Essen nicht auf dem Tisch stehen. Eine Möglichkeit ist auch, für die ganze Familie ein ausgewogeners Gericht zu kochen. Das nährt und sättigt länger. So sind Eltern ihren Kindern ein gutes Vorbild.
  • Kinder sollen schwitzen
    Kinder brauchen Bewegung und Sport um sich fit zu halten. Sie müssen Ihr Kind dafür nicht gleich in einen Fussball- oder Gymnastikverein schicken; auch unorganisiertes Spielen an der frischen Luft wirkt bereits Wunder. Wenn Kinder beim Spazieren, Radfahren, Trampolin springen, Herumtollen oder Durchstreifen der Nachbarschaft ins Schwitzen kommen, haben sie bereits viel für ihre Gesundheit gemacht.
  • Medienkonsum einschränken
    Fernsehprogramme sind zwar ein guter Zeitvertreib, werden aber passiv konsumiert. Das Gleiche gilt für Computerspiele und Spielkonsolen. Ihr Kind muss nicht gleich auf seine Lieblingssendungen verzichten, Sie sollten aber feste Fernseh- und Computerzeiten einführen.
  • Essen Sie frisch und saisonal
    In Fertigprodukten sind oft Inhaltsstoffe versteckt, die Ihrem Kind nicht gut tun. Wenn Sie das Essen selbst frisch zubereiten, wissen Sie genau, was in den Topf kommt. Lassen Sie die Kinder Ihnen beim Kochen helfen. Servieren Sie bunt und ansprechend, so schmeckt auch gesundes Essen. Als Getränk bietet sich ungesüsstes Wasser an. Welche Flüssigkeitsmenge Ihr Kind benötigt, erfahren Sie hier. Wer's digital mag: Die Gesundheitsförderung Schweiz hat eine App entwickelt, bei der man den zusätzlichen Flüssigkeitsbedarf während sportlichen Aktivitäten berechnen kann. Weitere Informationen dazu finden sich hier.
  • Keine Mahlzeit auslassen
    Kinder brauchen Energie für den Alltag. Lassen Sie deshalb auf keinen Fall das Frühstück weg. Besser ist es, wenn ihre Kinder am Abend etwas Leichtes essen.

Bei all diesen Punkten ist wichtig, dass Sie als Eltern mit Ihrem Kind zusammenarbeiten. Geben Sie ihm nicht das Gefühl, dass es wegen der überschüssigen Pfunde weniger wert ist und erklären Sie ihm, wie wichtig ein normales Gewicht für die Gesundheit ist. Stecken Sie die Ziele vorerst nicht zu hoch, motivieren und loben Sie Ihr Kind für sein Durchhaltevermögen. Falls Ihr Kind stark übergewichtig ist, kann sich auch ein Gespräch mit dem Ernährungsberater lohnen.

Übergewicht bei Kindern: Übertreiben Sie es nicht

Was die gute Ernährung von Kindern angeht, ist Vorsorge besser als Nachsorge. Brechen Sie nicht in Panik aus, wenn Ihr Kind noch ein wenig Babyspeck hat – dieser verschwindet meist von alleine, wenn sich Kinder im Kindergarten oder nach Schulstart zusammen mit Freunden austoben. Wichtig ist, dass Sie sich bereits früh Gedanken über eine gesunde Ernährung für die ganze Familie machen. Kinder müssen aber weder Models noch Puppen sein! Solange sie sich mit ihrem Gewicht wohl fühlen und kein Gesundheitsrisiko besteht, sind auch ein paar überschüssige Rundungen kein Grund zur Sorge.

Und was Beatrice Weiss angeht: Durch den strengen Ernährungsplan ihrer Mutter reduzierte sie ihr Gewicht von 42 auf 34 Kilogramm. Ob sie ihre Gewichtsprobleme je vergessen und wieder normal essen kann, bleibt fragwürdig. Ihre Mutter sieht das ganz pragmatisch: Jeder Mensch habe ein Problem, Beas‘ sei halt ihr Gewicht. Damit müsse sie leben.

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