Schlafmangel: Forscher fordern späteren Schulbeginn

Ältere Kinder leiden unter Schlafmangel. Weil sich in der Pubertät der Schlaf-Wach-Rhythmus verschiebt, werden sie abends erst spät müde. Wissenschaftler plädieren deshalb dafür, den Schulbeginn nach hinten zu verlegen.

Schlafmangel: Warum Jugendliche zu Nachteulen werden

Schlafmangel kann sich negativ auf die Leistungsfähigkeit des Jugendlichen auswirken. Foto: AndreyPopov, iStock, Thinkstock

«Ich bin noch gar nicht müde!» Während der gesamten Kindheit ist es nicht leicht, Kinder abends so rechtzeitig ins Bett zu schicken, dass sie morgens ausgeschlafen am Frühstückstisch sitzen. Kaum gehen sie auf die Pubertät zu, wird es noch schwieriger, sie vor Schlafmangel zu bewahren. Denn ein Grossteil älterer Kinder ist abends tatsächlich nicht müde genug, um früh genug einzuschlafen.

Schlafmangel: Hormon lässt Kinder spät müde werden

In der Pubertät werden Kinder erst spät müde. In den ersten fünf Jahren nach Auftreten der Menarche bzw. dem Stimmbruch gehen Jugendliche während der Schultage immer später ins Bett, so das Ergebnis einer Studie der Universität Basel. Eine Untersuchung der US-amerikanischen Brown-Universität zeigt, dass sich sogar bereits ab dem zehnten Lebensjahr der Schlaf-Wach-Rhythmus verschiebt. Das Hormon Melatonin, das für den Schlafrhythmus verantwortlich ist, wird abends später produziert.

Jugendliche schlafen weniger als sieben Stunden

Jugendliche schlafen unter der Woche im Schnitt weniger als sieben Stunden täglich, fanden Wissenschaftler der Marburger Universität und des Dillenburger Instituts für Gesundheitsförderung und –forschung heraus. «Damit schlafen sie deutlich weniger als ältere Erwachsene», so Prof. Ulrich Koehler, der das Schlafmedizinische Zentrum am Universitätsklinikum Giessen und Marburg (UKGM) leitet. Das späte Fernsehen, Chatten und heimliche Lesen führen zum Schlafmangel und lassen Jugendliche am Morgen den Wecker überhören. Gähnend am Frühstückstisch sitzen sie nicht nur, weil ihnen Schlaf fehlt. Da das Hormon Melatonin nicht nur abends später ausgeschüttet, sondern morgens auch später abgebaut wird, fällt ihnen das frühe Aufstehen zusätzlich schwer. Ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus zufolge würden sie am liebsten bis acht oder neun Uhr schlafen.

Schlafmangel mit weitreichenden Folgen

«Junge Leute leiden unter permanentem Schlafmangel, was sich ungünstig auf Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit auswirkt», informierten die Universität Marburg und das Dillenburger Institut für Gesundheitsförderung und -forschung schon 2012. Demnach fühlen sich knapp zwei Drittel der Jugendlichen tagsüber nicht ausgeruht und leistungsfähig. «Sie leiden zudem verstärkt an gesundheitlichen Problemen wie psychischen Beschwerden, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und fehlen häufiger am Arbeitsplatz oder in der Schule». Zu wenig Schlaf begünstigt ausserdem Stimmungsschwankungen und Suchtverhalten, zeigen weitere Studien. Eine starke Tagesmüdigkeit führt auch zu deutlich erhöhter Unfallgefährdung, insbesondere im Strassenverkehr. Sind die Jugendlichen dennoch gut in der Schule angekommen, können sie sich dort kaum konzentrieren.

Wissenschaftler fordern späteren Schulbeginn

Wozu früh in die Schule gehen, wenn Kinder und Jugendliche dort träumen? Immer mehr Schlafforscher fordern deshalb, den Schulbeginn nach hinten zu verlegen. «Naheliegend ist, dass ein späterer Unterrichtsbeginn am Morgen für Jugendliche in der Pubertät Sinn machen könnte», so äussert sich Silvia Frey von der Universität Basel. Damit schliesst sie sich den Forderungen der American Academy of Pediatrics an. Sie will die Startzeit aller US-Schulen, die Kinder zwischen zehn und 18 Jahren besuchen, auf 8.30 Uhr oder später verschieben. Prof. Till Roenneberg, Leiter der Human Chronobiologie am Institut für Medizinische Psychologie der Universität München, fordert sogar einen Schulbeginn um 9 Uhr, um Schlafmangel bei Jugendlichen vorzubeugen.

Widerstand gegen späteren Schulbeginn

Obwohl die wissenschaftliche Lage seit Jahren eindeutig ist, bleiben Konsequenzen aus. Nach wie vor müssen Schweizer Jugendliche grösstenteils um ca. 7.30 Uhr in der Schule sein - eine halbe Stunde früher als in Deutschland und eine Stunde früher als in Frankreich und Italien. In England, Schweden und Portugal beginnt die Schule sogar erst um 9 Uhr. Doch gerade viele Eltern wollen den Schulbeginn in der Schweiz lassen wie er ist. Sie fühlen sich beruhigter, wenn ihre Kinder bereits auf dem Schulweg sind, wenn sie selbst zur Arbeit gehen.

Fängt die Schule später an, ist sie auch später aus. Das ist eine Rechnung, die vielen Lehrern missfällt. Sie sind froh, wenn sie am Nachmittag früh die Schule verlassen, um in Ruhe zu Hause den nächsten Schultag vorzubereiten. Auch die Schüler selbst blieben von Unannehmlichkeiten nicht verschont, wenn der Unterricht noch länger dauert, als der Lehrplan 21 ohnehin schon vorsieht. Dann wird es unter Umständen schwierig, am Nachmittag noch rechtzeitig beim Sportverein oder beim Musikunterricht anzukommen.

Vorreiter Basel und Bern

Im Kanton Basel-Stadt hat der Grosse Rat bereits 2013 beschlossen, den Schulbeginn immerhin um 20 Minuten zu verschieben und auf acht Uhr festzulegen. Auch das Berner Schulamt nimmt die wissenschaftliche Lage ernst. Es will den Stundenplan so umgestalten, dass die erste Stunde morgens ganz frei bleibt. «Es hat viel mit Trägheit zu tun, dass kaum jemand auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse reagiert», sagte Annemarie Tschumper, Co-Leiterin des Berner Gesundheitsdienstes, dem Beobachter. Bis zum Jahresende soll eine Entscheidung fallen.

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