Ich kann nicht schlafen: Schlafstörungen bei Kindern rechtzeitig behandeln

Im Laufe seiner Entwicklung ist jedes dritte Kind von Schlafstörungen betroffen. Dr. med. Peter Hunkeler, Kinderarzt am Kinderspital Zürich, erklärt im Interview mit familienleben, wie Eltern mit Schlafstörungen umgehen können und wann sie ein Fall für das Schlaflabor sind.

Schlafstörungen bei Kindern: Wenn Kinder nicht durchschlafen können

Manche Kinder wollen einfach nicht einschlafen, andere können es wirklich nicht. Sie leiden an einer Schlafstörung. Foto: monkeybusinessimages, iStock, Thinkstock

Sie haben schon viele Kinder, die nicht einschlafen oder durchschlafen konnten, behandelt. Bei wem war es besonders schlimm?

Dr. Peter Hunkeler: Ich erinnere mich an den Fall eines kleinen Mädchens, das eine frei laufende innere Uhr hatte. Die Schlafphasen haben sich immer mehr verschoben, bis das Mädchen am Tag geschlafen hat und in der Nacht wach war.  Ein anderer Fall ist der einer Jugendlichen, die an einem Hirntumor litt und aufgrund dessen eine ausgeprägte Tagesmüdigkeit hatte, welche die Lebensqualität stark einschränkte.

Was haben Sie mit der Jugendlichen gemacht?

Wir laden unsere Patienten zusammen mit ihren Eltern in der Regel in die Schlafsprechstunde ein, um das weitere Prozedere zu besprechen. Bei der Jugendlichen haben wir in der Folge eine Polysomnographie und einen Schlaflatenztest durchgeführt. Dabei musste sie eine Nacht im Schlaflabor übernachten und es wurden mehrere Körperfunktionen wie Hirnströme, Augen- und Muskelbewegungen, Sauerstoffsättigung und Atemverhalten gemessen. Am nächsten Tag wurde sie zu bestimmten Zeiten in einen abgedunkelten Raum geführt, wo sie sich in ein Bett legen konnte. Wenn Patienten tagsüber mehrmals innerhalb von kurzer Zeit einschlafen, ist das nicht normal.

Kann ein Kind im Schlaflabor überhaupt schlafen?

Da Kinder nicht in ihrem eigenen Bett schlafen und «verkabelt» sind, entspricht die Schlafsituation nicht der gewohnten Situation. Gewisse Ergebnisse können deshalb durch die ungewohnte Schlafsituation ausgelöst werden und sind schwierig zu interpretieren. Beim Auswerten der Daten konzentrieren wir uns nur auf eindeutige Auffälligkeiten.

Wann müssen Kinder ins Schlaflabor?

Für das Schlaflabor braucht es eine klare Indikation und Fragestellung. Das sind zum Beispiel der Verdacht auf Schlafarchitekturstörungen oder eine ausgeprägte Tagesmüdigkeit. In unserer Sprechstunde ist es jedoch eher selten, dass wir die Kinder ins Schlaflabor schicken müssen.

Wie unterscheiden Eltern eine vorübergehende Schlafstörung von einer, die behandelt werden muss?

Was Eltern als Störung bezeichnen, ist sehr individuell. Wenn eine Familie denkt, dass sie nicht mehr mit der Situation klar kommt, sollte sie eine Fachperson aufsuchen. Das ist in der Regel der Kinderarzt.

Wie kommt es zu Schlafstörungen bei Kindern?

Eine Schlafstörung kann viele Ursachen haben. Die meisten Schlafstörungen sind funktioneller Art, das heisst es liegt keine organische Ursache vor.

Wie werden Eltern im Kinderspital Zürich beraten?

Wichtigstes Arbeitsinstrument ist das Schlafprotokoll. In dieses werden die Schlafgewohnheiten des Kindes eingetragen. Zusätzlich füllen die Eltern einen Fragebogen aus. In der Schlafsprechstunde wird dann mit den Eltern eine ausführliche Anamnese durchgeführt. Dabei erfährt der Arzt vieles über die Schwangerschaft, Geburt, familiäre Situation und Rollenverteilung innerhalb der Familie. Weiter wird das Kind klinisch untersucht. Anschliessend werden die Eltern beraten.

Wie sieht diese Beratung aus?

Die Beratung erfolgt nach dem 3-Stufen-Konzept: Ich bespreche mit den Eltern die Tagesstruktur, das Anpassen der Bettzeiten an die individuellen Schlafzeiten und das selbstständige Einschlafen.

Wie lange sollte ein Kind pro Nacht schlafen?

Der Schlafbedarf ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Es gibt Einjährige, die elfeinhalb Stunden schlafen und Altersgenossen, die über 16 Stunden Schlaf benötigen. Wenn das Kind relativ wenig Schlaf braucht, aber länger im Bett liegt, kann dies zu Schlafstörungen führen.

Kann ein Kind zu viel schlafen?

Nein, ein Kind kann nur zu lange im Bett liegen.

Sollten Kinder immer zur gleichen Zeit ins Bett?

Das kommt auf das Kind an. Kinder mit wenig Tagesstruktur können durchaus gut schlafen, wenn sie mal früher oder später ins Bett gebracht werden. Bei Kindern mit Schlafproblemen ist eine Tagesstruktur mit fixen Bettzeiten am Abend aber sehr wichtig und kann ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

Dürfen Eltern ein Kind zu sich ins Bett holen, wenn es nicht schlafen kann?

Das richtet sich danach, was für die Eltern stimmt und was der Grund für das Schlafproblem ist. Generell haben Kinder, die mit einer Einschlafhilfe wie beispielsweise dem Nuggi in den Schlaf begleitet werden, mehr Mühe beim Durchschlafen. Das kommt davon, dass sie nachts wieder nach der Einschlafhilfe verlangen.

Wann hat ein Kind einen gesunden Schlaf?

Wenn es tagsüber rundum glücklich ist und sich gut entwickelt.

Peter HunkelerDr. med. Peter Hunkeler ist Kinderarzt FMH mit Schwerpunkt Entwicklungspädiatrie. Seit 2009 ist er Oberarzt der Abteilung Entwicklungspädiatrie mit den Interessengebieten Schlaf- und Schreistörungen.

Das interdisziplinäre Zentrum für Schlafmedizin am Kinderspital Zürich berät Eltern, deren Kinder nicht schlafen können. Weitere Informationen finden Sie unter www.kispi.uzh.ch

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