Übergewicht: Prävention kann negative Folgen haben

Fast jedes fünfte Kind ist übergewichtig, sieben Prozent leiden gar unter Adipositas. Präventionskampagnen sollen dem entgegenwirken. Doch nun zeigt eine Studie, dass sie oft mehr schaden als nutzen.

Ein übergewichtiger Junge wird beim Arzt untersucht

Gut gemeint, aber nicht immer nützlich: Prävention durch Abschreckung funktioniert bei Kindern nur bedingt. (Bild: kwanchaichaidom/iStock, Thinkstock)

«Das bisschen Speck schadet nicht», heisst es oft, wenn Kinder zu dick sind. Experten wissen es besser. «Übergewicht gehört heute zu den häufigsten Ursachen körperlichen und seelischen Leidens in der westlichen Welt» so drastisch formuliert das Schweizer Netzwerk Essstörungen die Probleme, die durch Fettleibigkeit entstehen.

Prävention kann schaden

Gesundheitsbehörden, Organisationen und Verbände setzen daher auf Prävention, und kämpfen mit Plakat- und Informationsaktionen gegen Übergewicht und Adipositas bei Kindern. Möglichst früh anzusetzen, um Übergewicht erst gar nicht entstehen zu lassen, schien bislang ein gutes Rezept zu sein. Doch jetzt hat eine Untersuchung des Schweizer Experten-Netzwerks für Essstörungen ergeben, dass Prävention nicht immer hilfreich ist.

Die Non-Profitgesellschaft, die eine Informations- und Beratungs-Homepage in deutsch und französisch betreibt, kommt nach einer Analyse internationaler Studien zur Wirksamkeit von Präventionskampagnen zu einem erstaunlichen Ergebnis: «Präventionskampagnen, die eine Verbesserung des Essverhaltens von Kindern und Jugendlichen zum Ziel haben, bringen nichts», so das Fazit der Untersuchung. Stattdessen könne die Problematisierung von Ernährung und Übergewicht in der Kindheit und Jugend sogar schädlich sein. «Informationskampagnen über gesunde Ernährung schaden mehr, als dass sie nützen», sagte Erika Toman, Präsidentin des Netzwerks und Dozentin an der ETH Zürich. Mehr noch: Präventionsprogramme gegen Übergewicht können Essstörungen auslösen, warnt das Netzwerk.

Prävention kann Essstörungen auslösen

Stellen Kampagnen Übergewicht als Problem und Übel dar, beschämen sie Betroffene. «Die Schweiz wird immer dicker», hiess es zum Beispiel in einer Plakatkampagne der Gesundheitsförderung Schweiz, bei der breite Holzschlitten, Dreiräder mit überdimensional grosse Sitze und Zuckerdosen mit Schoppenaufsatz zu sehen waren. Welches Kind will angesichts solcher Bilder schon selbst mollig sein? Der Untersuchung zufolge sind solche Sujets Auslöser für den Wunsch, schlanker zu werden, dem Schönheitsideal zu entsprechen und eine Diät zu machen.

Gefährdet sind dabei vor allem Kinder, die nur ein leichtes Übergewicht haben. Denn Diäten können Störungen des Hunger- und Sättigungsmechanismus auslösen, die gefährlicher als leichtes Übergewicht sind. «Diese Störungen sind oft so nachhaltig, dass dadurch im Verlauf des Lebens das genetisch fixierte leichte Übergewicht zu einem massiven Übergewicht anwächst», so das Netzwerk. Auch Beatrice Conrad Frey, diplomierte Ernährungsberaterin FH in Huttwil, warnt vor Diäten: «Die Zurückhaltung, die eine Diät fordert, macht einfach nicht satt. Heisshungerattacken sind die Folge.» Die Gesundheitsgefahren, die durch Diäten entstehen, sind vor allem für Kinder im Wachstum besonders hoch. Eine Diät kann kann das Wachstum behindern und die Muskelmasse schwinden lassen.

Ursachen von Fettleibigkeit

Manche Kinder sind gefährdeter als andere, dick zu werden. Sie verfügen über besondere Risikofaktoren. Dazu gehört eine genetisch verankerte Neigung, schnell Fett anzusetzen. Verstärkt wird die Gefahr des Dickwerdens laut dem Kompetenzzentrum für Essstörungen und Adipositas in Zürich durch diese Faktoren:

  • Mangelnde Selbstsicherheit
  • Konflikte in der Familie und in der Schule
  • Hohe Erwartungen der Eltern, starker Druck in der Schule


Diese Einflüsse können zu sogenanntem Frust-Essen führen. Greifen die Kinder zusätzlich zu sehr energiereichen Lebensmitteln und bewegen sie sich wenig, setzt der Körper Fett an. Diäten, die zum Beispiel durch das Schönheitsideal einer schlanken Figur ausgelöst werden, führen darüber hinaus zum Jo-Jo-Effekt, also zu einer schnellen Gewichtszunahme nach dem Abnehmen.

Lieber die Eltern als die Kinder sensibilisieren

Aus diesen Gründen rät Erika Toman, Fachpsychologin für Psychotherapie am Kompetenzzentrum für Essstörungen und Adipositas, dass sich Präventionsprogramme gegen Übergewicht nicht an Kinder unter zwölf Jahren richten, sollten. «Thematisieren von Essen ist kontraproduktiv. Wer nahrhafte Lebensmittel problematisiert, indem er Kinder etwa darauf aufmerksam macht, dass Fettes dick macht, löst eher das Gegenteil aus», sagte Toman in einem Interview gegenüber der «NZZ».

Prävention kann also kontraproduktiv wirken. Dennoch ist Prävention nicht grundsätzlich überflüssig. Aktionen gegen die Entstehung von Übergewicht und Adipositas müssen allerdings sensibel und klug gebaut sein, damit sie greifen. Sinnvoll sind Präventionsprogramme, die Eltern sensibilisieren. Schliesslich sind sie es, die durch die Vorbildfunktion das Essverhalten ihrer Kinder massgeblich prägen.
 

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