Kinderärzte fordern: «Schluss mit dem gefährlichen Diätenhype!»

Der Gesundheitswahn hat die Schweizer Kinderzimmer erreicht. Immer mehr Eltern setzen ihre Sprösslinge auf Diät. Teilweise mit schwerwiegenden Folgen.

Diäten für Kinder: Ein gefährlicher Trend

Einseitige Ernährung kann Kindern schaden: Dieser 3-Jährige bekommt nur vegane Kost vorgesetzt. Bild: newearthmama, Instagram. 

Hungerkuren, vegane Ernährung, gluten- und laktosefreie Lebensmittel: Immer mehr Eltern in der Schweiz wenden bei ihren Kindern vermeintlich gesundheitsfördernde Ernährungsmethoden an. Dies zeigt eine Umfrage der «SonntagsZeitung». Bei 42 von 43 befragten Ärzte sassen schon Kinder in der Praxis, denen die Eltern eine «Weglass»-Diät verordneten. Und das, obwohl es dafür keine medizinischen Gründe gab. Dabei ist vielen Eltern nicht bewusst, dass sie ihrem Nachwuchs damit oft schaden. Jeder vierte Arzt musste schon betroffene Kinder in den Spital einweisen.

Welche schwerwiegenden Folgen die vermeintliche «gesunde Ernährung» haben kann, zeigt der Fall eines sechs Monate alten Mädchens. Notfallmässig kam es mit einem schweren Infekt ins Kinderspital Basel. Die Diagnose: körperliche und geistige Entwicklungsstörungen, Mangel an Vitamin B12 und Vitamin D. Ursache dafür war die strikt vegane Ernährung zu Hause.

Diäten in Eigenregie sind gefährlich für Kinder

Als Risiko gilt nicht nur der vollständige Verzicht auf tierische Produkte. Andere Eltern tischen ihren Kindern kalorienreduzierte Magermenüs auf; aus Sorge sie würden zu dick. Recherchen der «SonntagsZeitung» ergaben, dass diese Eltern oft selbst übergewichtig seien oder eine Essstörung wie Magersucht hätten. Im Kanton Aargau musste ein Kinderarzt einen Siebenjährigen ins Spital überweisen. Der Bub war viel zu dünn. Abklärungen ergaben: Zu Hause hielten die Eltern das Essen knapp. Auf ihr Geheiss musste der Kleine joggen gehen und Krafttrainings absolvieren – alles in einem Mass, das seinem Alter nicht entsprach.

Zugenommen hat auch die Zahl der Eltern, die ihrem Nachwuchs Allergikerprodukte servieren – im Glauben, diese seien besonders gesund. «Diäten mit gluten- und laktosefreier Nahrung werden vermehrt angewandt, meist, ohne dass abgeklärt wird, ob das medizinisch nötig ist», beobachtet Ernährungsberaterin Sonja Ricke. Dabei bestehe die Gefahr, dass gerade durch Weglassen von Laktose oder Gluten eine Untersensibilisierung entstehe. Infolge entwickle der Körper eine Intoleranz.

Hohe Dunkelziffer

«Jegliche Extremform von Ernährung kann das Kindswohl gefährden», sagt Raoul Furlano, Leitender Arzt für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung am Universitäts-Spital beider Basel. Diäten ohne medizinischen Hintergrund seien «fahrlässig» und könnten zu Mangelerscheinungen führen.

Mangelerscheinungen, bedingt durch Krankheit, gab es zwar schon früher. «Neu aber haben jene Fälle zugenommen, die auf selbst gewählte Diäten zurückzuführen sind», sagt Furlano. Laut Studien litten 10 bis 15 Prozent der hospitalisierten Kinder an Mangelernährung. Doch längst nicht alle Fälle würden entdeckt, schliesst Furlano. «Die Dunkelziffer ist hoch.»

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