Gesundheit > KinderkrankheitenADHS bei Kindern: Weshalb eine gründliche Abklärung so wichtig istUnaufmerksamkeit, Vergesslichkeit, Hyperaktivität – ADHS kann Familien im Alltag stark fordern. Gleichzeitig gibt es viele Gründe, weshalb Kinder unruhig sind, sich schlecht konzentrieren oder im Unterricht «abtauchen». Eine sorgfältige, mehrperspektivische Abklärung hilft, Fehldiagnosen zu vermeiden, Begleiterkrankungen zu erkennen und passende Unterstützung zu planen. Im Interview erzählt Doris Vögeli vom Leben mit zwei Töchtern mit ADHS – ergänzt mit aktuellem, wissenschaftlich fundiertem Wissen für Eltern in der Schweiz. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Leben mit ADHS: Doris Vögeli mit ihren Töchtern Tanya (links) und Claire (rechts). Foto: Doris Vögeli Kurz erklärt: Was ist ADHS – und was nicht? ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neuroentwicklungsbezogene Störung. Entscheidend ist nicht, ob ein Kind «lebhaft» oder «verträumt» ist, sondern ob die Schwierigkeiten über längere Zeit bestehen, in mehreren Lebensbereichen auftreten (z.B. Schule und Zuhause) und zu Leidensdruck oder deutlichen Einschränkungen führen. Fachgesellschaften betonen zudem: Eine Diagnose ist nur dann sinnvoll, wenn daraus konkrete, hilfreiche Schritte abgeleitet werden können – nicht als Etikett. Wichtig für viele Familien: ADHS zeigt sich nicht bei allen gleich. Manche Kinder sind vor allem unaufmerksam (umgangssprachlich oft «ADS» genannt), andere eher hyperaktiv-impulsiv, viele gemischt. Gerade bei Mädchen kann ADHS leichter übersehen werden, weil Hyperaktivität weniger auffällt und eher innere Unruhe, Tagträumen, Perfektionismus oder Erschöpfung im Vordergrund stehen. Was ist ADHS? Der Begriff ADHS bezeichnet eine psychiatrische Diagnose und steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Meist tauchen bei Betroffenden folgende Symptome auf: Unaufmerksamkeit, Zerstreutheit, Vergesslichkeit (obligatorisch für eine Diagnose), Hyperaktivität und Impulsivität (fakultativ für eine Diagnose). Betroffen sind fünf bis sechs Prozent aller Schweizer Kinder, wobei sich die Krankheit meist im Kindergarten bemerkbar macht. Als Ursache gilt eine neurobiologische Funktionsstörung. Betroffen sind die Hirnabschnitte, welche übergeordnete Steuerungs- und Koordinationsaufgaben übernehmen. Wichtige Reize und Impulse können schlecht gefiltert und gehemmt werden. Wann ist eine Abklärung sinnvoll? Eine Abklärung kann helfen, wenn du über mehrere Monate beobachtest, dass dein Kind im Alltag deutlich leidet oder immer wieder aneckt – und zwar trotz altersgerechter Struktur, Geduld und Unterstützung. Typische Hinweise (je nach Alter) sind zum Beispiel: Im Vorschulalter: sehr grosse Impulsivität, anhaltende Unruhe, häufige Unfälle, starke Gefühlsausbrüche, Schwierigkeiten in Gruppen. In der Primarschule: häufiges Vergessen von Material, kaum «dranbleiben», viel Zeitverlust bei Hausaufgaben, Probleme mit Arbeitsorganisation, konflikthafte Situationen, Frust, wiederkehrende negative Rückmeldungen aus der Schule. In der Oberstufe: Überforderung durch steigende Anforderungen, starke Prokrastination, Schulvermeidung, sinkendes Selbstwertgefühl, Risikoverhalten, innere Unruhe oder Erschöpfung. Wenn du unsicher bist: Du musst nicht warten, bis «gar nichts mehr geht». Frühzeitige Abklärung kann entlasten – und verhindert, dass Kinder jahrelang hören, sie müssten sich «einfach mehr anstrengen». So läuft eine ADHS-Abklärung ab Eine gute ADHS-Abklärung ist mehr als ein einzelnes Gespräch. Der Leitlinienstandard (AWMF, 2023) im deutschsprachigen Raum empfiehlt ein strukturiertes Vorgehen mit mehreren Informationsquellen. In der Praxis sieht das oft so aus: 1) Erstgespräch und Anamnese Du schilderst, was euch auffällt: seit wann, in welchen Situationen, was entlastet oder verschärft. Wichtig sind auch Entwicklung (Sprache, Motorik), Schwangerschaft/Geburt, familiäre Belastungen sowie psychische Erkrankungen in der Familie. 2) Informationen aus der Schule / Betreuung Weil ADHS in verschiedenen Umfeldern sichtbar sein muss, werden Rückmeldungen von Lehrer:in, Heilpädagog:in oder Betreuungspersonen einbezogen – oft über standardisierte Fragebögen und konkrete Beispiele. 3) Standardisierte Diagnostik Je nach Setting gehören dazu klinische Interviews, Verhaltensbeobachtung, Fragebögen sowie bei Bedarf neuropsychologische Abklärungen (z.B. Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen, Arbeitsgedächtnis). Ziel ist nicht «ein Testresultat», sondern ein Gesamtbild. 4) Körperliche Untersuchung und Ausschluss anderer Ursachen ADHS-Symptome können durch anderes verstärkt oder erklärt werden. Darum gehört eine medizinische Abklärung dazu (z.B. Hör-/Sehprobleme, neurologische oder endokrinologische Ursachen, Nebenwirkungen von Medikamenten). Schlaf wird gezielt angesprochen, weil chronischer Schlafmangel Konzentration und Impulssteuerung massiv beeinträchtigen kann. 5) Einordnung: Stärken, Belastungen, Funktion im Alltag Eine sorgfältige Diagnostik schaut nicht nur auf Defizite. Was gelingt deinem Kind? In welchen Situationen blüht es auf? Welche Bedingungen helfen (Bewegung, klare Abläufe, kurze Arbeitsphasen)? Diese Ressourcen sind zentral für den Förderplan. 6) Rückmeldung und Plan Am Schluss steht eine verständliche Rückmeldung: Welche Diagnose(n) treffen zu? Was spricht dafür, was dagegen? Und vor allem: Welche nächsten Schritte sind sinnvoll – zu Hause, in der Schule und therapeutisch. Differenzialdiagnosen und häufige Begleiterkrankungen Eine gründliche Abklärung ist auch deshalb so wichtig, weil ADHS selten «allein» kommt oder weil andere Themen ähnlich aussehen können. Fachleitlinien nennen unter anderem: Schlafstörungen (z.B. zu wenig Schlaf, unregelmässiger Rhythmus) und dadurch Tagesmüdigkeit Angststörungen und depressive Symptome (Rückzug, Grübeln, Leistungsdruck) Autismus-Spektrum-Störung (z.B. soziale Kommunikation, Reizverarbeitung) Lernstörungen (Lese-Rechtschreib-Störung, Rechenstörung/Dyskalkulie) Sprachentwicklungsstörungen oder motorische Entwicklungsstörungen Störung des Sozialverhaltens oder starke emotionale Dysregulation Diese Unterscheidung ist nicht «Korinthenkackerei»: Sie entscheidet darüber, welche Unterstützung wirkt – und welche nicht. Was du zur Abklärung mitbringen kannst - und was oft wirklich hilft Du musst nicht perfekt vorbereitet sein. Aber du kannst viel dazu beitragen, dass Fachpersonen schneller ein klares Bild bekommen: Beobachtungsprotokoll (1–2 Wochen): Wann klappt es gut? Wann eskaliert es? Wie lange dauern Hausaufgaben? Was passiert bei Übergängen (Morgen, Heimkommen, Schlafenszeit)? Schulunterlagen: aktuelle Beurteilungen, Lernberichte, Beispiele von Heften/Tests, Rückmeldungen von Lehrer:in. Fragenliste: «Welche Diagnosen kommen noch infrage?», «Wie wird Schlaf abgeklärt?», «Welche Unterstützung ist in der Schule möglich?» Entwicklungsinformationen: frühe Motorik/Sprache, Auffälligkeiten bei Feinmotorik, Koordination, Wahrnehmung. Alltag: Schlafzeiten, Medienzeiten, Bewegung, Essverhalten – nicht als «Schuldfrage», sondern zur Einordnung. Viele Eltern erleben Entlastung, wenn die Abklärung nicht nur «ADHS ja/nein» beantwortet, sondern konkrete, alltagstaugliche Empfehlungen formuliert. In der Schweiz: Wer hilft weiter – und wo bekommst du schnelle Unterstützung? In der Schweiz ist häufig die erste Anlaufstelle die Kinderärzt:in. Von dort aus können je nach Bedarf Zuweisungen erfolgen, zum Beispiel an Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychologie oder eine spezialisierte neuropsychologische Diagnostik. Auch schulpsychologische Dienste können – je nach Kanton und Fragestellung – eine wichtige Rolle spielen, insbesondere wenn es um schulische Unterstützung und Nachteilsausgleich geht. Wann du rasch handeln solltest Hol dir umgehend Hilfe, wenn du Anzeichen für eine akute Krise bemerkst: Selbstverletzung, Suizidgedanken, massive Schulverweigerung über längere Zeit, starke Aggression mit Fremdgefährdung oder wenn du dich als Elternteil nicht mehr sicher fühlst, die Situation zu Hause zu halten. In akuten Notfällen gilt in der Schweiz: 144. Ausserdem kann je nach Region ein psychiatrischer Notfalldienst oder die Notfallstation eines Spitals unterstützen. Nach der Diagnose: Erste nächste Schritte, die sich bewährt haben ADHS ist gut behandelbar – oft durch eine Kombination mehrerer Bausteine. Laut der AWMF-Leitlinie (2023) gehören dazu insbesondere Psychoedukation (Verstehen, was ADHS bedeutet), verhaltenstherapeutische Massnahmen und Unterstützung im Alltag und in der Schule; Medikamente können – abhängig von Alter, Ausprägung und Belastung – ein zusätzlicher, wirksamer Bestandteil sein. Psychoedukation: Dein Kind lernt: «Ich bin nicht faul oder dumm – mein Gehirn funktioniert anders.» Elterntraining / Beratung: klare, kurze Anweisungen; Routinen; positive Verstärkung; realistische Ziele; Konflikte deeskalieren. Schulische Massnahmen: kurze Arbeitsaufträge, ruhiger Sitzplatz, Pausen, Strukturhilfen, ggf. Nachteilsausgleich (je nach Situation und kantonalen Vorgaben). Therapien nach Bedarf: z.B. bei Lernstörungen, Angst, Depression oder bei starker motorischer/planerischer Überforderung. Medikamente: Stimulanzien wie Methylphenidat können Symptome deutlich reduzieren; wichtig sind engmaschige Verlaufskontrollen, Dosierung nach Wirkung und Nebenwirkungen sowie regelmässige Überprüfung, ob und wie lange das Medikament noch gebraucht wird. Viele Familien berichten: Der grösste Unterschied entsteht, wenn das Umfeld aufhört, ADHS als «fehlenden Willen» zu interpretieren – und stattdessen passende Rahmenbedingungen schafft. Genau da setzt eine gute Abklärung an. ADHS wird bei Kindern oft im Schulalter diagnostiziert. Wie war es bei Ihnen? Doris Vögeli: Symptome haben mein Mann und ich bei unserer älteren Tochter Claire schon vor dem Kindergarten entdeckt. Sie konnte nie gut schlafen, war unruhig, hektisch und hatte wenig Geduld. Sie fiel oft hin, rannte Sachen um und entsprechend viel ging auch zu Bruch. Sie reagierte auf alles und jedes und konnte nie bei der Sache bleiben. Zum Spielen mit anderen Kindern kam Claire meist gar nicht; viel zu lange wollte sie sich mit ihnen über den Ablauf und die Regeln unterhalten. Wir dachten immer, dass unsere Tochter halt einfach lebhaft ist! Im Kindergarten konnte sie jedoch nie mehr als eine Anweisung am Stück befolgen, weshalb uns die Kindergärtnerin auch bald ans Herz legte, einen Arzt aufzusuchen. Wie hast du auf diesen Vorschlag reagiert? Natürlich wurde ich zuerst richtig wütend, meine Tochter war doch schliesslich wie alle anderen Kinder auch! Vielleicht ein bisschen zappliger und unruhiger, aber doch nicht krank! Ausserdem habe ich im Urteil der Kindergärtnerin einen direkten Angriff auf meine Erziehung gesehen. Zum Arzt gegangen seid ihr aber trotzdem? Ja, wir haben unseren damaligen Kinderarzt aufgesucht. Nach nicht einmal einer Stunde Gespräch kam er zum Resultat, dass da vielleicht etwas sein könnte. Er betonte jedoch stark, dass jedes Kind unterschiedlich ist und dass wir uns keine Sorgen machen sollten. Was habt ihr nach diesem Urteil unternommen? Vorerst nichts. In der 2. Klasse sind die Probleme jedoch wieder verstärkt aufgetaucht. Claire war langsam und wurde oft ausgelacht, weil ihre Antworten immer zu spät kamen. Sie hatte extreme Schwierigkeiten in Mathematik. Bald hatten wir erneut ein Gespräch mit der Lehrerin. Da wir eingesehen haben, dass etwas nicht stimmen kann, haben wir Claire zu einem Kinder- und Jugendpsychiater geschickt. In drei Sitzungen hat sie unter anderem eine Familienaufstellung gezeichnet und sollte dem Arzt die verschiedenen Familienrollen erklären. Claire kam fast nicht mehr zur Ruhe! Was er unternehmen sollte, wusste jedoch auch dieser Psychiater nicht so recht. Und dann kam die endgültige Diagnose? Nein, noch nicht. Mein Mann und ich haben beinahe zeitgleich einen Vortrag zum Thema ADHS im Familienzentrum Reinach (BL) besucht. Ein Psychologe informierte die Zuhörer über ADHS und nach wenigen Minuten schaute mein Mann mich an und fragte «Kennt er unsere Tochter?» Wir haben uns also für eine dritte Abklärung bei diesem Psychologen entschieden und endlich schien uns jemand entgegen zu kommen. Wie lief die Abklärung ab? Claire war damals zehn Jahre alt. Der Kinderarzt händigte nicht nur meinem Mann und mir einen Fragebogen aus, sondern auch Claires Lehrerin. In langen Gesprächen sprachen wir über Claires Entwicklung seit der Geburt. Danach wurden neuropsychologische Tests durchgeführt, altersentsprechende Rechenaufgaben gelöst, Sensoriktests und Gleichgewichtsspiele gemacht. Der Kinderarzt war stets sehr liebevoll und ermunternd. Drei Wochen später erklärte er uns im Gespräch, dass es sich bei unserer Tochter um einen sehr klaren Fall von ADHS handle: Die verzögerte Reife, gravierende Probleme in der Feinmotorik und Schwächen in der räumlichen Wahrnehmung wiesen eindeutig darauf hin. Er wunderte sich sehr darüber, dass die klaren Symptome nicht schon von den anderen Ärzten eingeordnet werden konnten. Eine kanadische Studie hat ergeben, dass Ärzt:innen viel zu voreilig ADHS diagnostizieren, obwohl nur eine Unreife vorliegt. Da es keine eindeutigen Symptome gibt, werden viele Diagnosen voreilig gemacht. Ob ein Kind ADHS hat oder nicht, wird nicht in mehreren Tests und Gesprächen ermittelt, sondern nach einem einzigen Gespräch mit den Eltern. So wie uns die ersten Ärzt:innen nach einem einzigen Gespräch versicherten, dass unsere Tochter nichts hat. Wichtig sind aber auch die Lehrer:innen und vor allem das Kind selber. Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität sind eben nicht immer Anzeichen für ADHS. Wie hast du die Diagnose aufgenommen? Ich habe noch in der gleichen Sekunde zu weinen begonnen. Nicht, weil ich das Ergebnis so erschreckend fand, sondern weil mir bewusst wurde, wie ungerecht ich zu Claire gewesen war. Der Kinderarzt erklärte mir, wie sehr Claire anders sein wollte, es aber einfach nicht konnte. Oft hat mein Mann vor der Diagnose zu ihr gesagt: «Du musst dich nur mehr anstrengen, dann geht das schon!» Danach haben wir realisiert, dass dem leider nicht so ist. Wie hat Claire reagiert? Ihre erste Reaktion war: «Ah Mami, ich dachte immer mit mir stimmt etwas nicht!» Sie war erleichtert, eine Erklärung für ihr Verhalten zu haben und machte schnell das Beste daraus: «Dann kann ich also nichts dafür, wenn ich immer schlechte Noten habe?» Nach und nach kam immer mehr Selbstvertrauen. Natürlich müssen auch einem Kind mit ADHS Grenzen gesetzt werden. Wir schimpfen Claire nicht mehr aus, wenn mal wieder Teller oder Gläser am Boden landen, aber beim Auflesen der Scherben muss sie mithelfen. Wie lief die Behandlung ab? Wir erhielten Ritalin und eine Tabelle, in die wir verschiedene Mengen und Auswirkungen eintragen mussten. Nach einer gewissen Zeit konnte der Arzt die richtige Dosis abschätzen. Bald zeigten sich jedoch Nebeneffekte, vor allem Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Nach einer Weile wechselten wir auf Concerta, was Claire auch heute noch nimmt. Neben der medikamentösen Behandlung arbeiteten wir eng mit dem Kinderarzt zusammen. In der Anfangsphase musste Claire alle drei Wochen zu einem Gespräch, bald alle drei Monate und heute mit 15 Jahren nur noch alle neun Monate. Wer hat die Kosten übernommen? Wir. Nach all den Untersuchungen konnte ADHS bei Claire erst im Alter von zehn Jahren bestätigt werden. Die Invalidenversicherung zahlt aber nur, wenn die Abklärung vor dem neunten Lebensjahr gemacht wurde. Auch Ergotherapie bringt nach dem zehntes Altersjahr nicht mehr allzu viel, da sich das Kind bereits so an die Kompensationsmechanismen gewöhnt hat. Als ich das erfuhr, war ich gleichzeitig wütend und verzweifelt. Da war leider nicht viel zu machen. Wie geht es Claire heute? Sie ist inzwischen 15 Jahre alt und nimmt ihr Concerta nicht mehr regelmässig. Beim Beginn der Medikamenteneinnahme hat sie sich davor gefürchtet, ein anderer Mensch zu werden. Dies ist glücklicherweise nicht passiert. Natürlich ist sie manchmal immer noch zapplig und ungeschickt: In ihrem kurzen Leben hatte sie bereits 19 Mal einen Gipsverband! Vor kurzem ist sie aber zu mir gekommen und hat gesagt, dass sie es nicht mehr wirklich brauche. Darüber bin ich froh. Wir sehen die Medikamente als gute Unterstützung, sind aber froh, wenn es auch ohne geht. Vor Langzeitschäden haben wir uns nie gefürchtet. Das Medikament hat meinen Kindern so sehr geholfen, ihr wirkliches Potenzial zu erleben. Dafür sind wir alle sehr dankbar. Du hast eine zweite Tochter? Ja, Tanya. Auch bei ihr wurde im Alter von sieben Jahren ADHS diagnostiziert. Da wusstest du bereits, was auf dich zukam. Ja, um dieses Wissen war ich sehr froh. Bei Tanya konnten die Kosten von der Invalidenversicherung übernommen werden und wir haben früh mit Ritalin und Ergotherapie begonnen. Vor der Therapie war Tanya sehr langsam und machte viele Fehler beim Rechnen. Mit den Medikamenten hat sich das stark verbessert. Eines Nachmittags kam sie strahlend nach Hause und erzählte mir mit einem breiten Lachen «Mami, ich bin heute mit meinen Aufgaben fertig geworden und durfte beim Lehrer vorne stehen!» Da ging mir das Herz auf. Wie reagiert euer Umfeld auf Claires und Tanyas Diagnose? Wir haben gelernt, dass es sehr wichtig ist, offen und transparent zu sein. Wenn Lehrer:innen von der Krankheit wissen, können sie sich dem Kind ein wenig anpassen. Auch Menschen aus dem Umfeld zeigen mehr Verständnis und sind nachsichtiger. ADHS ist nichts, wofür man sich schämen muss. Doris Vögeli lebt mit ihrer Familie in Reinach (BL). Vor der Geburt ihrer ersten Tochter Claire arbeitete sie im Gastgewerbe, gab diesen Beruf jedoch für den Job als «Vollzeitmutter» auf. Heute engagiert sie sich als Präsidentin der Elternbildung Reinach und verbringt viel Zeit mit ihrem Mann und den Töchtern Claire (15) und Tanya (12).