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ADHS-Therapie: «Der wichtigste Grund für Medikamente ist aus Elternsicht der Leidensdruck» – und welche Therapien sonst helfen

Die Therapiemöglichkeiten bei ADHS sind vielfältig und setzen am besten ganzheitlich an. Dabei kann auch eine medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka wie Ritalin sinnvoll sein, trotz bekannter Nebenwirkungen, sagt Gesundheitsforscher Dominik Robin von der ZHAW im Interview von 2018. Wir ordnen seine Aussagen aus heutiger Sicht ein und zeigen dir, wo du in der Schweiz Beratung bekommst.

Medikamente bei ADHS: Warum sich Eltern trotz möglicher Nebenwirkungen für Psychopharmaka entscheiden und wie eine gute ADHS-Therapie aussieht.
Medikamente sind bei ADHS ein Baustein von mehreren – und sie gehören in ärztliche Hand, weil sie sorgfältig eingestellt und begleitet werden müssen [2]. Bild: iStock

Heute weiss man: ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, hat eine erbliche Komponente – ob aus dieser Veranlagung tatsächlich eine ADHS wird, hängt aber zusätzlich von den Lebensumständen ab. Der Krankheitsverlauf ist entsprechend vielfältig. Insofern gibt es auch nicht die eine ADHS-Therapie, die allen Kindern hilft, sondern jede ADHS-Diagnose erfordert eine individuelle Behandlung. Wie sorgfältig diese Abklärung ausfallen muss, zeigt eine Schweizer Befragung: Kinderärztinnen und Kinderärzte führten für eine ADHS-Diagnose in der Regel drei Konsultationen mit der Familie durch, zwei davon im Beisein des Kindes [4]. Die meisten Eltern wünschen sich dabei eine Therapie ohne Medikamente.

Warum sie trotzdem in manchen Fällen begründet ist, welche Therapieformen es überhaupt gibt und warum eine gute Behandlung das Umfeld miteinbezieht, erklärt Gesundheitsforscher Dominik Robin von der ZHAW. Robin beschäftigt sich seit vielen Jahren in verschiedenen Forschungsprojekten mit dem Thema ADHS [6]. Unter anderem hat er untersucht, warum sich Eltern für eine medikamentöse Behandlung der ADHS ihrer Kinder entscheiden, obwohl sie starke Nebenwirkungen haben können. Das Gespräch stammt aus dem Jahr 2018.

Was die Redaktion ergänzt

Robins Aussagen geben wir unverändert wieder. Drei Punkte ordnen wir aus heutiger Sicht dazu ein:

  • Medikamente sind ein Baustein, nicht die Therapie. Fachleute sprechen von einer multimodalen Behandlung, die auf drei Pfeilern steht: Psychoedukation, Verhaltenstherapie und – wo nötig – Medikamente [2]. Auch in der Schweizer Praxis wird dieser kombinierte Ansatz bevorzugt: Mehr als die Hälfte der befragten Kinderärztinnen und Kinderärzte informierte über ADHS sowie über Coaching, Patientenorganisationen, medikamentöse Behandlung und Ergotherapie [4].
  • Bei kleinen Kindern kommt zuerst die Beratung. Schon im Vorschulalter gilt ein Elterntraining als hilfreich und wirksam. Dort lernen Eltern, welche Strukturen und Regeln ein Kind braucht, um mit Reizüberflutung umzugehen [2]. Und was ADHS überhaupt ist, gehört zur Psychoedukation als erster Schritt dazu [2].
  • Methylphenidat ist in der Schweiz ein kontrollierter Wirkstoff. Er steht im Verzeichnis a der Betäubungsmittelverzeichnisverordnung und untersteht damit der Betäubungsmittelkontrolle [1]. Solche Medikamente werden ausschliesslich von entsprechend ausgebildeten ärztlichen Fachpersonen eingesetzt, und die Einnahme muss ärztlich begleitet werden [2].

Herr Robin, ein Arzt hat bei einem Kind ADHS diagnostiziert. Ist jetzt in jedem Fall eine Therapie sinnvoll?

Wenn das Kind in der Schule und/oder zu Hause leidet und womöglich von Mitschülern ausgegrenzt wird, ist es wichtig gegenzusteuern. Voraussetzung dafür, ist aber auch eine Bereitschaft zur Therapie.

Wo setzt die ADHS-Therapie an?

Die Störung ADHS wird oftmals als Defizit im Neurotransmitter-Haushalt beschrieben. Eigentlich ist sie aber viel komplizierter, denn es kommen individuelle, soziale, schulische und gesellschaftliche Faktoren dazu. Die Neigung zu ADHS ist zwar vererbbar, doch ob aus dieser Neigung auch ADHS wird, hängt von Umweltbedingungen ab. Das heisst kein ADHS-Fall ist wie der andere. Er wird immer bestimmt vom Charakter des Kindes und seinem Umfeld – die Therapie wird deshalb auch darauf ausgerichtet. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern in die Therapie durch Gespräche miteinzubeziehen. Manchmal kann auch eine Familientherapie sinnvoll sein.

Zwischen welchen Möglichkeiten der ADHS-Behandlung kann der Arzt wählen?

Ein wesentlicher Pfeiler der Behandlung ist die psychiatrische Gesprächstherapie. Jüngeren Kindern kann eine Maltherapie helfen, ihrem emotionalem Erleben Ausdruck zu geben. Auch Ergotherapie, die vor allem die Handlungsfähigkeit der Kinder unterstützen soll, und andere psychomotorische Förderungen können sehr hilfreich sein. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von alternativen Therapien. In einem Grossteil der Fälle werden darüber hinaus Medikamente verordnet. Sie enthalten in der Regel den Wirkstoff Methylphenidat. Er wirkt im Bereich der Nervenenden und beeinflusst die Aktivität von Dopamin und Noradrenalin. Das bekannteste Medikament mit diesem Wirkstoff ist Ritalin.

Nach welchen Kriterien wählt der Arzt die Behandlungsmethode?

Das kommt auf die Schwere der Störung an. Bei einem leichten ADHS-Fall kann zum Beispiel schon ein Sportangebot helfen, dem Kind nötigen Ausgleich zu bieten. Ist die Störung stärker ausgeprägt, können Medikamente hilfreich oder gar notwendig sein. Hier lassen sich die Dosierung und die Art des Medikaments variieren. Der Einsatz von Psychopharmaka sollte aber immer auch von einer anderen Therapie, zum Beispiel einer psychologischen Betreuung, begleitet werden.

Sind Psychopharmaka nicht schädlich?

In einer Zürcher Studie tauchten bei knapp 90 Prozent der Kinder, die pharmakologisch behandelt wurden, Nebenwirkungen wie Appetitrückgang und Schlafstörungen auf. Zu möglichen Nebenwirkungen können auch Hungerattacken, Bauchschmerzen, Schwindel und Kopfschmerzen gehören. Deshalb ist es sehr wichtig, mit dem Arzt Kontakt zu halten und die Medikation nach drei bis sechs Monaten erneut zu besprechen.

Warum stimmen Eltern trotz Nebenwirkungen zu, das Kind mit Medikamenten behandeln zu lassen?

Die Eltern entscheiden sich nicht vorschnell für Medikamente. Meist haben sie bereits lange Behandlungswege hinter sich und schon andere Therapieformen ausprobiert. Der wichtigste Entscheidungsgrund für eine medikamentöse Behandlung ist aus Elternsicht der Leidensdruck der Kinder, der sich in körperlichen, psychischen und sozialen Auffälligkeiten äussert. Der Leidensdruck entsteht zunächst im schulischen Umfeld, weitet sich dann aber auf die Familie aus. Dieser Mechanismus lässt sich als ein «Hinüberschwappen» bezeichnen – es besteht eine gegenseitige, negative Einwirkung. Trotzdem tun sich Eltern nicht leicht, einer Behandlung mit Psychopharmaka zuzustimmen. Eltern müssen den Nutzen der Behandlung, zum Beispiel Leistungssteigerung in der Schule, mit den Risiken abwägen. Dabei stehen sie oft unter Druck, weil ihr Umfeld aufgrund des auffälligen Verhaltens der Kinder ihre Erziehung in Frage stellt.

Wie schnell tritt durch eine Therapie Besserung ein?

ADHS ist eine Herausforderung für Familien. Zu wissen, welche Ursache die Unruhe und die Unaufmerksamkeit haben, kann aber schnell zu einer ersten Entspannung führen. Wenn ein Kind medikamentös behandelt wird, wird die gesamte Organisation des Alltags leichter, denn der Bewegungsdrang des betroffenen Kindes wird sofort spürbar vermindert und die Konzentrationsfähigkeit erhöht. Dosis und Medikament müssen aber immer wieder reguliert und überprüft werden.

Was können Eltern neben der Therapie tun, um ihrem Kind zu helfen?

Eltern von einem Kind mit ADHS sind im Alltag stark gefordert. Sie haben daher wenig Zeit. Sich trotzdem über die Störung intensiv zu informieren, ist sehr hilfreich. Darüber hinaus ist es wichtig, dem Kind zuzuhören, seine Gefühle und Sorgen nachzuvollziehen. Familienberatungsstellen helfen, schwierige Probleme in der Familie oder der Schule zu lösen.

Wo du in der Schweiz Beratung bekommst

Robin verweist auf Familienberatungsstellen. Konkret sind das in der Schweiz vor allem diese Anlaufstellen – ergänzt von der Redaktion:

  • elpos Schweiz, die ADHS-Organisation, berät Betroffene und Angehörige kostenlos am Telefon: montags, dienstags und donnerstags von 9 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr unter 044 311 85 20. Ein Termin für ein Telefon- oder Videogespräch lässt sich auch online buchen [3].
  • Eine Kinder- und Jugendpsychiaterin oder einen Kinder- und Jugendpsychiater findest du über die Suche der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP). Ein Ampelsystem zeigt dort an, wie schnell eine Fachperson neue Patientinnen und Patienten aufnimmt [5].
  • Der schulpsychologische Dienst deiner Gemeinde und der kinder- und jugendpsychiatrische Dienst deines Kantons sind meist die erste Adresse, wenn die Schwierigkeiten vor allem in der Schule auftreten. Wie du dein Kind dort zusätzlich unterstützt, liest du in unseren Tipps für Hausaufgaben und Prüfungen.

Quellen

  1. Eidgenössisches Departement des Innern: Betäubungsmittelverzeichnisverordnung (BetmVV-EDI, SR 812.121.11), Stand am 13. März 2026 (PDF), Verzeichnis a. Abgerufen am 17.08.2026.
  2. elpos Schweiz: Therapie – wie wird ADHS therapiert? Abgerufen am 17.08.2026.
  3. elpos Schweiz: Angebot – ADHS-Beratung. Abgerufen am 17.08.2026.
  4. pädiatrie schweiz: ADHS: Diagnostik und Behandlung, 26.09.2023. Abgerufen am 17.08.2026.
  5. Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: Psychiatersuche. Abgerufen am 17.08.2026.
  6. ZHAW: Forschungsprojekt «Fachpersonenbefragungen ADHS». Abgerufen am 17.08.2026.

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