Gesundheit > KinderkrankheitenDiphtherie bei Kindern: Symptome erkennen, Impfschutz prüfen, richtig reagieren Aline Moser Diphtherie klingt nach Medizingeschichte. Verschwunden ist sie nicht: 2022 traten in einem Bundesasylzentrum in Bern zwei Ausbrüche auf, sechs Erkrankte brauchten ein Gegengift. Die Impfung schützt zuverlässig vor schweren Verläufen. Trotzdem lohnt sich der Blick in den Impfausweis, und es lohnt sich zu wissen, welche Halsschmerzen keine gewöhnliche Angina sind. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Halsschmerzen mit Fieber und Belägen im Rachen gehören rasch in die Praxis, vor allem bei unklarem Impfstatus. © KI generiert von ChatGPT Wann du sofort Hilfe holst Bei einer Rachendiphtherie bilden sich Beläge, die sich vom Gaumen bis zum Kehlkopf ausbreiten können. Sie bluten beim Abstreifen und verlegen die Atemwege unter Umständen so weit, dass ein Kind schwere Atemnot bekommt oder erstickt.[1] Ruf in diesen Fällen den Notruf 144: dein Kind bekommt schlecht Luft oder atmet pfeifend ein es kann nicht mehr schlucken und speichelt stark Lippen oder Gesicht verfärben sich bläulich der Hals schwillt sichtbar an, die Stimme wird tonlos Rasch melden heisst: noch am selben Tag in der Kinderarztpraxis oder beim Hausarzt anrufen. Das gilt bei Halsschmerzen mit Fieber und grau-weissen Belägen im Rachen, besonders nach einer Reise, nach Kontakt zu einer erkrankten Person oder bei unklarem Impfstatus. Auch eine Wunde, die über Wochen nicht abheilt und einen weisslich-grauen Belag trägt, sollte angeschaut werden. Sag am Telefon, dass du an Diphtherie denkst. Die Krankheit ist meldepflichtig: Labor und behandelnde Ärztin melden innerhalb von 24 Stunden an den kantonsärztlichen Dienst, und ein Verdacht verändert das Vorgehen in der Praxis sofort.[2] Was Diphtherie auslöst und wie sie sich überträgt Auslöser ist meist das Bakterium Corynebacterium diphtheriae. Es befällt vor allem die oberen Atemwege und produziert ein Gift, das Diphtherietoxin. Dieses Gift richtet den eigentlichen Schaden an. Dieselbe Krankheit lösen zwei verwandte Bakterien aus, Corynebacterium ulcerans und Corynebacterium pseudotuberculosis. Sie stammen aus dem Tierreich und werden über den Kontakt zu einem infizierten Tier übertragen.[2] Man unterscheidet die respiratorische Form, also die Diphtherie der Atemwege, und die kutane Form, die Hautdiphtherie. Der klassische Erreger wird von Mensch zu Mensch übertragen, über Tröpfchen beim Husten, Niesen und im nahen Körperkontakt. Seltener steckt man sich über verunreinigte Gegenstände an, bei der Hautdiphtherie über direkten Kontakt. Ansteckend ist nicht nur, wer krank ist: Manche Menschen tragen das Bakterium in sich, ohne Symptome zu entwickeln.[1] Zwischen Ansteckung und den ersten Beschwerden liegen meist zwei bis fünf Tage, möglich ist eine Spanne von einem bis zehn Tagen. Ansteckend ist eine erkrankte Person schon sieben Tage vor den ersten Symptomen und danach zwei bis vier Wochen lang. Unter Antibiotika verkürzt sich diese Zeit auf zwei bis vier Tage.[2] Diphtherie erkennen: Nase, Rachen und Haut Die Diphtherie der Atemwege Die Krankheit beginnt meist allmählich, mit Halsschmerzen, Fieber und Schluckbeschwerden. Später kommen Heiserkeit, pfeifende Atmung und geschwollene Lymphknoten dazu. Im Rachen entsteht eine angina-ähnliche Entzündung mit typischen grau-weissen, süsslich riechenden Belägen. Das Gift bleibt dabei nicht im Hals. Es kann Wochen später Herzmuskel, Nieren und Leber schädigen oder Lähmungen der Muskulatur auslösen.[1] Fachleute nennen die Kombination aus bellendem Husten, pfeifender Einatmung und heiserer Stimme den Krupp. Dazu kann eine deutliche Schwellung am Hals treten, im Fachjargon «bulls neck», und eine Lähmung des Gaumensegels.[2] Bei Säuglingen: die Nasendiphtherie Bei Säuglingen und Kleinkindern zeigt sich die Krankheit meist als Nasendiphtherie. Der Schnupfen ist dann eitrig und blutig. Die Nase geht schlecht auf. Das Baby wirkt unruhig und trinkt schlechter als sonst.[1] Ein blutiger Schnupfen beim Säugling gehört deshalb in die Praxis, auch ohne Fieber. Anzeige Die Hautdiphtherie Bei der Hautform sitzt der Erreger in einer Wunde oder Hautläsion. Typisch ist eine Stelle, die über längere Zeit nicht abheilt, oft mit einem weisslich-grauen Belag.[2] Diese Form fällt weniger dramatisch auf. Genau darin liegt ihr Risiko: Sie wird spät bemerkt und trägt den Erreger weiter. Echter Krupp und Pseudokrupp sind zwei verschiedene Dinge Der bellende Husten bei Diphtherie hiess früher «echter Krupp». Was Eltern heute in der Schweiz weitaus häufiger erleben, ist der Pseudokrupp mit seinem bellenden Husten, ausgelöst von Viren und meist nach wenigen Stunden überstanden. Beide klingen ähnlich. Der Unterschied liegt im Rachen: Beim Pseudokrupp fehlen die festhaftenden Beläge. Beurteilen kann das nur eine Ärztin oder ein Arzt, nicht die Taschenlampe zu Hause. Wie die Diagnose gestellt wird Gesichert wird der Verdacht im Labor. Dafür braucht es Abstriche aus Nase und Rachen, bei einer Hautdiphtherie zusätzlich aus der Wunde. Angelegt wird eine Kultur, und ob der gefundene Keim das Toxin bilden kann, klärt eine PCR auf das Toxin-Gen. Fällt dieser Test negativ aus, bildet der Keim kein Gift. Das ist der häufigere Befund. Er ändert das Vorgehen: Das Kind bekommt ein Antibiotikum, eine Isolation ist dann nicht zwingend, und Kontaktpersonen werden nur abgestrichen, wenn sie selbst Beschwerden haben. Bei Verdacht auf eine Diphtherie der Atemwege wird ein Kind im Spital isoliert, mindestens bis der Laborbefund da ist. Weist das Labor ein giftbildendes Bakterium nach, dauert die Isolation bis zum Ende der Antibiotikatherapie. Aufgehoben wird sie frühestens, wenn zwei Abstriche aus Nase und Rachen negativ ausfallen, abgenommen im Abstand von mindestens 24 Stunden und frühestens 24 Stunden nach der letzten Antibiotikadosis. Bei einer Hautdiphtherie wird die Wunde abgedeckt, und direkter Kontakt zu ihr wird vermieden.[2] Behandlung: Gegengift und Antibiotikum Behandelt wird auf zwei Wegen. Ein Antibiotikum bekämpft das Bakterium. In der Schweiz steht Amoxicillin an erster Stelle, Clarithromycin an zweiter. Bei schweren Verläufen und bei unklarem oder unvollständigem Impfstatus kommt das Antitoxin dazu, das das Gift neutralisiert. Damit keine Komplikationen entstehen, muss diese Serumtherapie möglichst schnell erfolgen.[2] Die Sterblichkeit bei Rachendiphtherie ist hoch, sie liegt bei bis zu 50 Prozent. Mit der sofortigen Gabe des Gegengifts sinkt sie auf 5 bis 10 Prozent.[1] Auch das Umfeld wird betreut. Enge Kontaktpersonen erhalten eine Antibiotikaprophylaxe, und wer ungeimpft oder unvollständig geimpft ist, wird geimpft. Als vollständig geimpft gilt, wer mindestens drei Dosen zur Grundimmunisierung und die dem Alter entsprechende Auffrischimpfung erhalten hat.[2] Was die Impfung leistet Der Schweizerische Impfplan 2026 zählt die Impfung gegen Diphtherie zu den Basisimpfungen. Säuglinge erhalten drei Dosen einer Kombinationsimpfung im Alter von 2, 4 und 12 Monaten, zusammen mit dem Schutz gegen Tetanus, Pertussis, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B.[3] Dieses Schema mit drei statt vier Dosen im Kleinkindalter gilt seit der Umstellung des Impfplans im Jahr 2019. Danach folgen zwei Auffrischimpfungen im Kindes- und Jugendalter. Die erste ist im Alter von 4 bis 7 Jahren vorgesehen, möglichst mit dem Eintritt in die Primarschule. Die zweite folgt zwischen 11 und 15 Jahren. Im Erwachsenenalter geht es weiter: eine Auffrischung mit 25 Jahren, dann mit 45 und mit 65, ab 65 Jahren im Abstand von zehn Jahren.[3] Warum Kinderärztinnen zum Impfen raten und wie der Schweizer Impfplan aufgebaut ist, erklärt der Ratgeber zu den Impfungen für Kinder. So prüfst du den Schutz deines Kindes. Nimm den Impfausweis und such die Einträge mit D, DTPa oder dTpa. Für die Grundimmunisierung zählst du drei Dosen im Alter von 2, 4 und 12 Monaten, dazu die Auffrischung mit 4 bis 7 Jahren und eine zweite zwischen 11 und 15 Jahren. Fehlt eine Dosis, ist der Zug nicht abgefahren. Nachholimpfungen gegen Diphtherie sind in jedem Alter vorgesehen, und das passende Schema stellt die Kinderarztpraxis zusammen.[3] Ist der Ausweis verschwunden, hilft ein Anruf in der Praxis, die die Impfungen dokumentiert hat. Ein Punkt ist für Familien wichtig: Die Impfung richtet sich gegen die Wirkung des Toxins, nicht gegen die Besiedelung mit dem Bakterium. Geimpfte Personen können den Erreger also tragen und weitergeben, und milde Formen im Rachen oder auf der Haut bleiben möglich. Was die Impfung zuverlässig verhindert, sind die schweren, toxinbedingten Verläufe.[2] Wie oft Diphtherie in der Schweiz vorkommt Seit den 1980er-Jahren werden in der Schweiz nur noch Einzelfälle von Diphtherie der Atemwege in der Bevölkerung gemeldet. Möglich bleibt, dass die Krankheit durch Einreisende aus Ländern mit lückenhafter Durchimpfung eingeschleppt wird.[2] Genau das geschah 2022. In einem Bundesasylzentrum in Bern traten zwischen Juli und Oktober zwei Ausbrüche auf, betroffen waren überwiegend Minderjährige. Insgesamt wurden 20 Fälle beschrieben, sechs davon mit Symptomen der Atemwege und mit Bedarf an Antitoxin. Es war das erste Mal seit den 1970er-Jahren, dass in der Schweiz Diphtherie-Antitoxin gebraucht wurde.[4] Diese Zahlen sind der Stand der damaligen Auswertung, nicht das Endergebnis: Der zweite Ausbruch lief zum Zeitpunkt der Publikation noch.[4] Wie viele Fälle die Schweiz heute meldet, steht in der laufenden Statistik der meldepflichtigen Infektionskrankheiten.[1] Die Schweiz stand damit nicht allein. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten zählte bis Ende September 2022 in sieben europäischen Ländern 92 Diphtheriefälle unter Migrantinnen und Migranten, 66 davon mit Hautdiphtherie. Zum Vergleich: Zwischen 2016 und 2020 meldeten die Länder der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums im Schnitt 52 Diphtheriefälle pro Jahr, über alle Gruppen hinweg.[5] Diphtherie auf Reisen In Regionen mit niedriger Durchimpfung kommt Diphtherie weiterhin vor, etwa in Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.[1] Vor einer Fernreise gehört der Impfausweis deshalb auf den Tisch, gemeinsam mit den übrigen Impfungen, die für die Reise nötig sind. Für die Auffrischimpfungen ab dem Jugend- und Erwachsenenalter sieht der Impfplan vor, dass die Abstände von 10 beziehungsweise 20 Jahren im Einzelfall verkürzt werden. Genannt werden der Kontakt zu einem Diphtheriefall, Reisen in hochendemische Gebiete und ein begrenzter Zugang zu medizinischer Versorgung.[3] Für das Kinderschema gelten diese Abstände nicht. Dort geht es um die Grundimmunisierung. Steht eine Reise an, bevor dein Baby alle Dosen hat, kann die Praxis das Schema vorziehen: Der Impfplan sieht dafür ein beschleunigtes Vorgehen mit Dosen im Alter von 2, 3, 4 und 12 Monaten vor, das in speziellen Situationen für alle Säuglinge erwogen werden kann.[3] Ob bei deinem Kind vor der Reise eine Dosis fehlt, klärst du in der Sprechstunde, idealerweise einige Wochen vor dem Abflug. Quellen Bundesamt für Gesundheit BAG, Abteilung Übertragbare Krankheiten: «Diphtherie», Krankheiten und Impfungen, Schweiz, abgerufen am 23.08.2026. bag.admin.ch Bundesamt für Gesundheit BAG, inhaltlich geprüft durch die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie (SGInf): «Diphtheriefall in der Allgemeinbevölkerung: Empfehlungen für die Behandlung und Verhütung der Verbreitung in der Schweiz», BAG-Bulletin 37 vom 9. September 2024, Schweiz, Stand August 2024, abgerufen am 23.08.2026. bag.admin.ch Bundesamt für Gesundheit und Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF): «Schweizerischer Impfplan 2026», Richtlinien und Empfehlungen, Schweiz, Stand Februar 2026, abgerufen am 23.08.2026. bag.admin.ch Jacob Kofler, Alban Ramette, Patricia Iseli und weitere (Kantonsarztamt Bern, Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern, Inselspital Bern): «Ongoing toxin-positive diphtheria outbreaks in a federal asylum centre in Switzerland, analysis July to September 2022», Eurosurveillance 27(44), Schweizer Untersuchung in einer europäischen Fachzeitschrift, 3. November 2022, abgerufen am 23.08.2026. eurosurveillance.org European Centre for Disease Prevention and Control: «Increase of reported diphtheria cases due to Corynebacterium diphtheriae among migrants in Europe», Rapid Risk Assessment, EU/Schweden, 6. Oktober 2022, abgerufen am 23.08.2026. ecdc.europa.eu