Gesundheit > KinderkrankheitenHat mein Kind Epilepsie? Symptome und Formen der Nervenkrankheit – und was du im Anfall tun kannst Sigrid Schulze Zuckt dein Baby wiederholt unkontrolliert, versteift sich plötzlich oder wirkt immer wieder für kurze Zeit «wie weg»? Sprich das zeitnah bei deiner Kinderärzt:in an. Hinter solchen Episoden kann Epilepsie stecken – es gibt aber auch harmlose oder anders zu behandelnde Ursachen. Epilepsie verläuft sehr unterschiedlich: Viele Kinder können mit der richtigen Therapie anfallsfrei werden oder deutlich weniger Anfälle haben. Hier erfährst du, wie du Anfälle besser einordnest, was im Notfall wichtig ist, wie die Diagnose abläuft und was Familien im Alltag entlastet. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Gewitter im Kopf: Während einem epileptischen Anfall entladen sich Nervenzellen im Gehirn. © GettyImages Plus, SewcreamStudio Epilepsie bei Kindern: Das Wichtigste in Kürze: Epilepsie ist eine Erkrankung des Nervensystems. Es gibt verschiedene Formen von Epilepsie. Bei allen treten epileptische Anfälle auf. Während eines Anfalls entladen sich Nervenzellen im Gehirn plötzlich gleichzeitig. Ein epileptischer Anfall ist durch Zucken, Versteifung oder auch Abwesenheit gekennzeichnet. Hier findest du die häufigsten Symptome von Epilepsie. Aber: Ein einzelner Anfall bedeutet nicht gleich, dass dein Kind auch Epilepsie hat. Im Notfall: Kind vor Verletzungen schützen, Zeit messen, nichts in den Mund geben, nicht festhalten. Dauert das Krampfen länger als drei Minuten, hol ärztliche Hilfe; in der Schweiz gilt die Notrufnummer 144. Klarheit bringen nur verschiedene Abklärungen und die Diagnose Epilepsie durch die Kinderärzt:in. Diese kann euch auch die passende Therapie empfehlen. Epilepsie beginnt meist im Kindesalter – im Normalfall bereits in den ersten sechs Lebensjahren. Bereits Säuglinge können von infantilen Spasmen betroffen sein. Über die Ursachen kindlicher Epilepsien weiss man heute mehr als früher – vererbt wird die Erkrankung aber nur selten. Kindgerechte Aufklärung, ausreichend Schlaf und gut geplante Bewegung erleichtern betroffenen Kindern den Alltag. Zudem sollte das Umfeld immer auf einen Anfall vorbereitet sein. Tipps für den Umgang mit Epilepsie. Wenn du bei deinem Kind ungewohnte Anfälle bemerkst, ist das beängstigend – und gleichzeitig wichtig, ruhig und strukturiert vorzugehen. Viele Episoden lassen sich gut abklären. Und selbst wenn es Epilepsie ist: Mit Diagnose, Therapie und einem Notfallplan gewinnen viele Familien wieder Sicherheit. Epilepsie bei Babys & Kindern – kurz erklärt Epilepsie ist eine chronische Erkrankung des Nervensystems. Dabei kommt es wiederholt zu epileptischen Anfällen: Nervenzellen im Gehirn senden plötzlich gleichzeitig zu viele elektrische Signale. Je nachdem, wo das passiert und wie weit sich die Aktivität ausbreitet, sieht ein Anfall ganz unterschiedlich aus – von kurzen «Wegtritten» bis zu deutlichem Verkrampfen und Zucken. Wichtig: Nicht jeder einzelne Anfall bedeutet automatisch Epilepsie. Von einer Epilepsie spricht man laut der Schweizerischen Epilepsie-Liga meist erst dann, wenn mehrere Anfälle spontan und ohne erkennbaren Auslöser auftreten [1]. Ein Fieberkrampf zum Beispiel kann wie ein epileptischer Anfall aussehen, ist aber keiner [5]. Zur Einordnung braucht es immer die ärztliche Abklärung. Epilepsie ist auch keine einheitliche Krankheit, sondern eine grosse Gruppe von Erkrankungen mit sehr unterschiedlichen Symptomen, Verläufen und Ursachen. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten von epileptischen Anfällen: Ein fokaler Anfall entsteht in einem begrenzten Bereich des Gehirns. Bei einem generalisierten Anfall sind beide Gehirnhälften von Anfang an beteiligt [2]. Welche Anfälle gibt es? Symptome nach Anfallsform Wenn du weisst, was du beobachtest, kannst du bei der Abklärung viel beitragen. Hilfreich ist, auf vier Dinge zu achten: Beginn (plötzlich oder langsam), Dauer, Bewusstsein und Ansprechbarkeit sowie körperliche Zeichen (Blick, Atmung, Zucken, Versteifung). Fokale Anfälle – typische Zeichen Fokale Anfälle beginnen in einem umschriebenen Abschnitt des Gehirns und können sehr unterschiedlich aussehen. Manche Kinder bleiben teilweise ansprechbar, andere wirken wie «weg» und haben danach eine Erinnerungslücke; für Aussenstehende sind solche Anfälle teilweise kaum zu bemerken. Typisch können sein: einseitige Zuckungen (z.B. nur ein Arm, eine Gesichtshälfte) ungewöhnliche Blickrichtung oder Augen-/Kopfverdrehung Schmatzen, Kauen, Nesteln, «automatische» Bewegungen (Automatismen) plötzliche Angst, «komisches Gefühl im Bauch», Übelkeit oder Wahrnehmungsveränderungen (bei älteren Kindern) Manchmal breitet sich ein fokaler Anfall über beide Gehirnhälften aus und geht in einen tonisch-klonischen Anfall über. Generalisierte Anfälle – tonisch-klonisch, myoklonisch Der bekannteste generalisierte Anfall ist der tonisch-klonische Anfall (früher «Grand Mal»). Er läuft in drei Phasen ab [2]: tonische Phase: Bewusstlosigkeit, Sturz, Versteifung des ganzen Körpers, kurzer Atemstillstand klonische Phase: grobes Zucken an Gesicht, Armen, Beinen und Rumpf, die Atmung setzt meist wieder ein Nachphase: Das Bewusstsein kehrt zurück, das Kind ist erschöpft und oft verwirrt Weitere generalisierte Anfallsformen sind myoklonische Anfälle: sehr kurze, blitzartige Muskelzuckungen ohne Bewusstseinsstörung, oft an Schultern und Armen. Sie können wie «Erschrecken» wirken und dazu führen, dass Kinder Gegenstände fallen lassen. Absencen – «kurze Wegtritte» Absencen sind kleine, sehr kurze Anfälle ohne Krampfen und bei Kindern die mit Abstand häufigste Form epileptischer Anfälle [2]. Führendes Zeichen ist eine kurze Abwesenheit: Das Kind reagiert nicht, hat meist geöffnete Augen und macht danach einfach weiter – oft ohne zu merken, dass etwas passiert ist. Zurück bleibt eine Erinnerungslücke. Bei häufigen Absencen kann es wirken, als ob das Kind «träumt» oder im Unterricht unaufmerksam ist. Mit zunehmendem Alter werden Absencen seltener. Eltern-Orientierung: Anfallsform erkennen Diese Übersicht ersetzt keine Diagnose, hilft dir aber, Beobachtungen zu ordnen – und im Notfall schneller richtig zu handeln. Anfallsart Typische Dauer Was du sehen kannst Was jetzt tun Absence meist wenige Sekunden starrer Blick, keine Reaktion, danach sofort «wieder da» ruhig bleiben, Zeitpunkt notieren; bei Häufung ärztlich abklären lassen Fokaler Anfall oft 30 Sekunden bis 2 Minuten einseitige Zuckungen, Automatismen (Schmatzen/Nesteln), Verwirrtheit Gefahren entfernen, begleiten, beobachten oder filmen wenn möglich; danach Ruhe Tonisch-klonischer Anfall häufig 1–3 Minuten Bewusstlosigkeit, Versteifung, Zucken, evtl. Speichel Uhr starten, schützen, Seitenlage nach dem Anfall; Notfallkriterien beachten Infantile Spasmen (Säugling) sehr kurz, oft Serien ruckartiges Beugen von Kopf/Rumpf, Arme hochreissen, oft mehrmals hintereinander zeitnah kinderärztlich oder neuropädiatrisch abklären (dringend), Video mitnehmen Krämpfe und Zuckungen: Epilepsie beim Baby erkennen Besonders schwer zu erkennen sind infantile Spasmen. Sie treten oft zwischen dem dritten und achten Lebensmonat auf. Betroffene Babys reissen plötzlich die Arme hoch und beugen Kopf und Rumpf nach vorne – wie ein kurzes Zusammenzucken. Diese Bewegungen können dezent sein oder in Serien auftreten. Sie können mit normalen kindlichen Reflexen (z.B. Moro-Reflex) verwechselt werden. Wenn du solche Episoden wiederholt beobachtest, ist eine rasche Abklärung wichtig. Hilfreich ist ein kurzes Video (wenn sicher möglich), weil Spasmen im Untersuchungszimmer oft nicht auftreten. Erste Hilfe beim epileptischen Anfall Einen Anfall zu unterbrechen, der einmal begonnen hat, ist praktisch unmöglich. Am wichtigsten ist deshalb, dein Kind vor Verletzungen zu schützen, die Zeit zu messen und nach dem Anfall Atmung und Bewusstsein zu prüfen [3]. Was du tun solltest (Step-by-step) 1. Ruhe bewahren und auf die Uhr schauen: Merke dir, wann der Anfall beginnt. Die Dauer ist für die Ärzt:in und für die Entscheidung «144 ja/nein» zentral. 2. Gefahren weg: Entferne harte Gegenstände, lege etwas Weiches unter den Kopf, löse beengende Kleidungsstücke am Hals und nimm eine Brille ab. 3. Nah bleiben: Begleite dein Kind ruhig und lass es nicht allein – auch nicht «nur kurz». 4. Nach dem Anfall: Wenn die Zuckungen aufhören, bring dein Kind in die Seitenlage und befreie die Atemwege von Speichel oder Erbrochenem. Bleib bei ihm, solange es verwirrt ist, und biete danach eine Ruhemöglichkeit an. Was du nicht tun solltest Diese Punkte sind der Grund, warum sich Eltern hinterher oft Vorwürfe machen – dabei ist Nichtstun hier genau richtig [3][5]: nichts zwischen die Zähne zwängen (kein Löffel, kein Finger, kein Tuch) und den Kiefer nicht mit Gewalt öffnen – es besteht Verschluckungsgefahr die Krampferscheinungen nicht unterdrücken: nicht festhalten, nicht aufrichten, nicht schütteln und nicht «aufwecken» nicht beatmen, solange die Zuckungen andauern – Kinder sind im Anfall häufig blau, das ist vorübergehend nichts zu trinken geben Wann ist es ein Notfall? (144 / sofort Hilfe holen) Notfall-Box: Wann du 144 wählen solltest Das Krampfen dauert länger als 3 Minuten. Die Schweizerische Epilepsie-Liga nennt diese Marke als Punkt, an dem ärztliche Hilfe nötig wird [3]. Hält ein Anfall länger als 5 Minuten an, spricht man von einem Status epilepticus – das ist ein lebensbedrohlicher Notfall und muss sofort behandelt werden [2]. Mehrere Anfälle folgen direkt nacheinander, ohne dass dein Kind dazwischen wieder zu sich kommt. Dein Kind bleibt nach dem Anfall bewusstlos oder hat Atemprobleme und du bist unsicher, ob es normal atmet [3]. Es ist der erste Anfall im Leben deines Kindes [5]. Es gibt eine Verletzung (Sturz, Kopfverletzung) oder der Anfall passierte im Wasser. Dein Kind ist sehr jung (insbesondere Säugling) oder du hast Sorge wegen ungewöhnlicher Symptome. Dein Kind hat eine bekannte Epilepsie und der Anfall entspricht nicht dem üblichen Muster oder das verordnete Notfallmedikament wirkt nicht wie besprochen. Merke dir: Lieber einmal zu früh Hilfe holen als zu spät. Und: Miss die Zeit – unter Stress wirkt ein Anfall oft länger, als er tatsächlich ist. Bei Anfallsformen ohne Krampfen – etwa Absencen, Verwirrtheit oder Nesteln – bleibst du ruhig an der Seite deines Kindes, bis der Anfall vorbei ist, und erzählst ihm danach, wie er ablief und wie lange er dauerte. Hat mein Kind wirklich Epilepsie? Häufige Verwechslungen Ein epileptischer Anfall kann ein Hinweis auf Epilepsie sein – muss es aber nicht. Viele Ereignisse wirken für Eltern wie ein Anfall, sind aber etwas anderes. Das ist einerseits beruhigend – andererseits wichtig, weil manche Ursachen anders behandelt werden. Fieberkrampf: tritt im Zusammenhang mit Fieber auf und ist der häufigste Notfall dieser Art im Säuglings- und Kindesalter. Ungefähr 3 von 100 Kindern erleiden einen Fieberkrampf, typischerweise zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem sechsten Lebensjahr. Ein Fieberkrampf ist kein epileptischer Anfall, und Kinder, die einen hatten, zeigen später keine Beeinträchtigungen in Entwicklung, Schulleistung oder Verhalten [5]. Mehr dazu liest du in unserem Ratgeber zu Fieberkrämpfen bei Babys und zu hohem Fieber beim Kind. Wichtig: Nach jedem Fieberkrampf gehört dein Kind ärztlich untersucht – auch, weil hinter dem Fieber eine ernste Erkrankung wie eine Hirnhautentzündung stecken kann. Beim ersten Fieberkrampf oder wenn er länger als fünf Minuten dauert, rufst du die 144 [5]. Synkope (Ohnmacht): kann bei Schmerz, Angst, langem Stehen oder Flüssigkeitsmangel auftreten. Manche Kinder zucken dabei kurz, was mit Epilepsie verwechselt werden kann. Typisch sind Blässe, Schweiss, «Wegknicken» und rasche Erholung. Tics und stereotype Bewegungen: wiederholte, ähnliche Bewegungen oder Laute; meist bleibt das Kind ansprechbar. Schlafphänomene: zum Beispiel Pavor nocturnus (Nachtschreck), Schlafwandeln oder ruckartige Einschlafzuckungen. Das Kind wirkt verwirrt, erinnert sich später oft nicht, die Episoden treten in bestimmten Schlafphasen auf. Atemanhalte-Anfälle: bei kleinen Kindern teils nach Ärger oder Schmerz; das Kind weint, hält die Luft an und kann kurz wegtreten. Nichtepileptische Anfälle: Nicht jeder Anfall ist epileptisch, auch wenn er zunächst so aussieht. Die Ursachen können körperlich oder psychisch sein. Selbst erfahrene Neurolog:innen verwechseln beides gelegentlich – ein Grund mehr, nicht selbst zu diagnostizieren [1]. Abklärung ist besonders wichtig, wenn Episoden wiederholt auftreten, dein Kind sich verletzt, die Entwicklung auffällig ist, oder du das Gefühl hast, «etwas stimmt nicht». In welchem Alter beginnt Epilepsie bei Kindern? Schon Neugeborene können epileptische Anfälle haben. «Daraus muss allerdings nicht immer eine Epilepsie entstehen», darauf weist Julia Franke, Geschäftsführerin der Schweizerischen Epilepsie-Liga, hin. Die ersten Anfälle treten häufig bereits in der frühen Kindheit auf: Mehr als ein Drittel der Patient:innen erlebt die ersten Symptome in den ersten sechs Lebensjahren. «Neue Epilepsien im Erwachsenenalter sind seltener», sagt Julia Franke. Diese Formen der Epilepsie gibt es bei Kindern Absence-Epilepsie Die Absence-Epilepsie, auch stille Epilepsie genannt, gehört zu den generalisierten Epilepsien. Sie ist nicht immer leicht zu erkennen, denn die betroffenen Kinder zeigen keine Muskelzuckungen. Die einzelnen Anfälle dauern nur fünf bis zehn Sekunden, treten bei manchen Kindern aber mehr als hundertmal täglich auf. Das Kind ist dann einen Moment lang nicht ansprechbar und hat danach eine Erinnerungslücke. Die Epilepsie macht sich meist ab einem Alter von fünf Jahren bemerkbar; die Behandlungsmöglichkeiten gelten als gut. Doose-Syndrom Beim Doose-Syndrom, das bei Kindern ab einem Alter zwischen eineinhalb und fünf Jahren erstmals auftritt, zucken die Muskeln bei einem Anfall und verlieren plötzlich ihre Spannung. Daher besteht die Gefahr zu stürzen und sich zu verletzen. Dravet-Syndrom Das Dravet-Syndrom kann sich bereits bei drei Monate alten Babys zeigen, wenn sie Fieber haben. Ursache ist meist eine genetische Mutation. Das Dravet-Syndrom kann die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Lennox-Gastaut-Syndrom Auch das Lennox-Gastaut-Syndrom, das durch Fehlbildungen der Hirnanlage oder genetische Veränderungen verursacht wird, führt zu Entwicklungsstörungen. Das Syndrom lässt sich nur schwer behandeln, die Symptome können sehr unterschiedlich sein. Nächtliche Epilepsien bei Kindern Die Rolando-Epilepsie, die häufig auftritt, ist eine fokale Epilepsie. In der Regel dauern die Anfälle nur kurz an und legen sich von selbst wieder. Sie ereignen sich meist in der Nacht, wenn das Kind einschläft oder aufwacht. Auffallend sind dann laute Geräusche aus dem Rachen und rhythmische Zuckungen einer Gesichtshälfte. Meist treten die Anfälle bei Kindern zwischen dem vierten und zwölften Lebensjahr auf und legen sich in oder nach der Pubertät. Auch das selten auftretende Landau-Kleffner-Syndrom, bei dem sich die Anfälle während des Schlafs ereignen, gehört zu den nächtlichen Epilepsien. Das Syndrom macht sich meist im Alter von drei bis sieben Jahren erstmals bemerkbar. Die nächtliche epileptische Aktivität kann Schäden im Sprachzentrum anrichten. Auslöser: Was kann Epilepsie bei Kindern auslösen Rund ein Drittel aller Epilepsien ist genetisch bedingt. Davon ist allerdings nur ein kleiner Teil erblich – oft handelt es sich um Mutationen, die nicht vererbt wurden, sogenannte De-Novo-Mutationen. Insgesamt sind mehr als 90 Prozent aller Epilepsien nicht erblich [1]. Wenn du dir also die Frage stellst, ob du etwas «weitergegeben» hast: In den allermeisten Fällen lautet die Antwort Nein. Manchmal bleibt die Ursache trotz Abklärung unklar. Daneben gibt es erworbene Ursachen. Julia Franke: «Epileptische Anfälle bei Neugeborenen können auch durch Schädigungen im Rahmen der Geburt entstehen, wenn das Baby einen Sauerstoffmangel erleidet». Aber: Nur etwa 15 Prozent dieser Babys entwickeln langfristig eine Epilepsie, die über einen längeren Zeitraum therapiert werden muss. Zusätzlich kann es Faktoren geben, die Anfälle begünstigen (ohne die eigentliche Ursache zu sein). Viele Familien berichten zum Beispiel, dass Schlafmangel, Infekte, Stress oder flackerndes Licht Anfälle wahrscheinlicher machen. Welche Auslöser bei deinem Kind relevant sind, klärt ihr am besten zusammen mit der behandelnden Fachperson. Mithilfe von Elektroden werden die Hirnströme gemessen, um so eine Erkrankung des Nervensystems festzustellen. © GettyImages, luaeva Abklärung & Diagnose: So wird Epilepsie bei Kindern festgestellt Manchmal ist die Diagnose nach dem ersten Termin klar. Manchmal braucht es mehrere Schritte – nicht, weil «niemand weiss, was los ist», sondern weil Anfälle selten auftreten, das EEG nicht immer sofort auffällig ist oder weil die genaue Einordnung (Anfallsform, Syndrom) erst mit der Zeit möglich wird. 1 Das Kind hatte einen Anfall, dabei aber kein Fieber? In diesem Fall ist es sinnvoll, das Kind bei einer Neuropädiater:in untersuchen zu lassen. Auch nach einem Fieberkrampf solltest du ärztlichen Rat einholen [5]. 2 Die Neuropädiater:in wird dich genau befragen. Deshalb hilft es, wenn du den Anfall möglichst genau beobachtet hast. Wenn es sicher möglich ist, mach ein Video, das du der Fachperson zeigen kannst. Die Checkliste weiter unten hilft dir, nichts zu vergessen. 3 Bei dieser Fachperson, die auf die Entwicklung und Erkrankungen des Nervensystems von Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist, werden die Hirnströme mit Hilfe eines EEG (Elektroenzephalogramm) gemessen. Die Untersuchung ist schmerzfrei, ohne Strahlenbelastung und gesundheitlich unbedenklich; gegen Ende wird meist eine Serie rhythmischer Lichtblitze auf die Augen gerichtet [6]. 4 Oft wird auch eine Magnetresonanztomografie (MRI) empfohlen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Veränderungen der Hirnstruktur erkennen oder ausschliessen. 5 Mit Hilfe einer neuropsychologischen Untersuchung werden Konzentrations- und Lernschwierigkeiten abgeklärt. Sie zeigt Stärken und Schwächen deines Kindes im Detail und hilft, Schule und Umfeld passend zu beraten. Mögliche Behandlung: Medikamente, weitere Optionen, Mitentscheiden Die Behandlung richtet sich nach Anfallsform, Ursache, Alter und Alltagssituation deines Kindes. Meist beginnt die Therapie mit einem Medikament, das die Anfälle unterdrückt – Fachleute sprechen von anfallssuppressiven Medikamenten (ASM) oder Antikonvulsiva, früher hiessen sie Antiepileptika [4]. Julia Franke: «Sie können bei etwa rund zwei Dritteln aller Betroffenen die Anfälle unterdrücken.» Wie gut die Aussichten sind, hängt stark von der Epilepsieform ab: Bei manchen Arten werden 90 Prozent der Betroffenen anfallsfrei, bei anderen höchstens 10 bis 20 Prozent [4]. Eine erfolgreiche Behandlung dauert bei Kindern meist mehrere Jahre. Wichtig im Alltag ist vor allem die regelmässige Einnahme. Unregelmässigkeit ist ein häufiger Grund, warum Anfälle trotz grundsätzlich wirksamer Therapie wieder auftreten. Wenn Nebenwirkungen auftreten (z.B. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Stimmung), sprich früh mit der behandelnden Ärzt:in – oft gibt es Alternativen oder Anpassungen. Setz Medikamente nie eigenständig ab. Dazu gehört auch eine angepasste Lebensweise, etwa ausreichend Schlaf und regelmässige Schlafzeiten. Dauern die Anfälle trotz Medikamenten an, sollte geprüft werden, ob eine Operation infrage kommt [4]. Möglich ist sie, wenn sich der Anfallsursprung eindeutig auf ein Hirnareal eingrenzen lässt und dieses ohne neurologische und neuropsychologische Folgen entfernt werden kann; dafür braucht es unter anderem eine Video-EEG-Aufzeichnung der Anfälle [6]. Das trifft aber nur auf einen kleinen Teil zu: insgesamt auf etwa 2 bis 3 Prozent aller Betroffenen [4]. Je jünger das Kind ist, desto grösser sind die Vorteile einer erfolgreichen Operation. Kommt eine Operation nicht infrage, gibt es weitere Optionen. Eine ketogene Diät oder eine modifizierte Atkins-Diät – beides extrem fettreiche, kohlenhydratarme Ernährungsformen unter fachlicher Begleitung – kann zu guten Erfolgen führen [6]. Eine weitere Möglichkeit ist der Vagusnervstimulator, ein kleines Stimulationsgerät, das unter die Haut implantiert und mit dem Vagusnerv am Hals verbunden wird. Leben mit Epilepsie: Alltag, Schule, Sport Epilepsie betrifft nicht nur «Anfälle», sondern auch Alltag, Selbstwert und manchmal Lernen oder Schlaf. Viele Kinder möchten vor allem eines: nicht anders sein. Mit guter Vorbereitung ist sehr viel möglich – die überwiegende Mehrzahl der Menschen mit Epilepsie hat keine geistige Behinderung [1]. Schule, Kita, Tagesfamilie: Notfallplan gibt Sicherheit Die Schweizerische Epilepsie-Liga rät dazu, offen mit der Erkrankung umzugehen: «Schon Zwei- bis Dreijährige können kindgerecht über ihre Krankheit aufgeklärt werden. Auch Verwandte und Betreuungspersonen sollten informiert sein und wissen, was im Fall eines Anfalls zu tun ist.» Für Betreuungspersonen ist ein klarer, kurzer und einheitlicher Ablauf entscheidend. Sinnvoll ist ein schriftlicher Notfallplan (z.B. für Schule, Hort, Verein): Welche Anfälle hat dein Kind typischerweise und wie sehen sie aus? Was ist bei einem Anfall zu tun (inkl. «Zeit messen»)? Wann 144 wählen? Gibt es ein Notfallmedikament, wer darf es geben und wo liegt es? Kontaktpersonen und behandelnde Stelle Besprich den Plan mit der behandelnden Ärzt:in und übe ihn mit den wichtigsten Betreuungspersonen. Das nimmt allen Beteiligten Angst und verhindert Überreaktionen. Verordnete Notfallmedikamente solltest du zudem stets bei dir haben, und es lohnt sich, die Erste-Hilfe-Schritte zwischendurch immer wieder durchzugehen. Sport und Bewegung: ja – mit kluger Risiko-Abwägung Auch Kinder mit Epilepsie sollten Sport treiben, denn Sport wirkt sich positiv auf Motorik, Kondition, Konzentration, Gehirnleistung und Körpergefühl aus, und er baut Stress und Spannungen ab. Wichtig ist allerdings, das Kind vor Gefahren zu schützen: Ein epileptischer Anfall am Wasser kann lebensgefährlich sein. Dort gilt deshalb nie unbeaufsichtigt, klare Regeln, und je nach Situation Schwimmhilfe und sehr nahe Begleitung. Welche Aktivitäten sinnvoll sind, hängt stark davon ab, ob Anfälle angekündigt werden, wie häufig sie sind und wie gut sie kontrolliert sind. Gut geeignet sind Sportarten, die in Gruppen und am Boden ausgeübt werden können. Schlaf, Medien, Reisen: kleine Stellschrauben, grosse Wirkung Schlaf: Regelmässiger Schlaf ist für viele Kinder ein wichtiger Schutzfaktor. Besonders bei Jugendlichen kann Schlafmangel ein häufiger Trigger sein. Bildschirm/Flackern: Nur ein kleiner Teil der Betroffenen reagiert auf flackerndes Licht. Trotzdem lohnt es sich, bei auffälligem Zusammenhang mit Games oder Videos das Thema gezielt anzusprechen und individuell abzuklären. Reisen: Nimm Medikamente im Handgepäck mit, plane Zeitverschiebungen (Einnahmezeiten) und führe den Notfallplan mit. Bei Klassenlagern ist eine gute Übergabe an die Begleitpersonen zentral. Checklisten & nächste Schritte Checkliste für den Arzttermin Wann war die Episode (Datum/Uhrzeit), wie lange dauerte sie? Was genau hast du gesehen (Blick, Atmung, Hautfarbe, Zucken, Versteifung, Sprache)? War dein Kind ansprechbar? Erinnerte es sich danach? Gab es Fieber, Infekt, Schlafmangel, Stress, neue Medikamente? Wie war es nachher (Müdigkeit, Kopfschmerz, Verwirrtheit, normal)? Video vorhanden (falls sicher aufgenommen)? Familiengeschichte (Fieberkrämpfe, Epilepsie, Migräne)? Anlaufstellen in der Schweiz Für verlässliche Informationen und Unterstützung im Alltag ist die Schweizerische Epilepsie-Liga eine wichtige Anlaufstelle. Spezialisierte Abklärung und Behandlung für Kinder bieten die neuropädiatrischen Zentren der Kinderspitäler. Bei akuten Notfällen gilt in der Schweiz: 144. Quellen Schweizerische Epilepsie-Liga: Einstieg – Epileptischer Anfall. Abgerufen am 07.08.2026. Schweizerische Epilepsie-Liga: Anfallsformen. Abgerufen am 07.08.2026. Schweizerische Epilepsie-Liga: Erste Hilfe bei einem Anfall. Abgerufen am 07.08.2026. Schweizerische Epilepsie-Liga: Behandlung. Abgerufen am 07.08.2026. Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB): Patienteninformation Fieberkrampf (PDF). Abgerufen am 07.08.2026. Universitäts-Kinderspital Zürich: EEG & Epilepsie bei Kindern. Abgerufen am 07.08.2026.