Gesundheit > KinderkrankheitenGlutenunverträglichkeit bei Kindern erkennen und behandeln – erst testen, dann Gluten weglassen Ronja Lindt Dein Kind bekommt Bauchweh und Durchfall von Getreidebrei oder Brot? Dahinter kann eine Zöliakie stecken. Sie zeigt sich aber oft ganz anders – und ganz ohne Bauchweh. Wir erklären, woran du eine Glutenunverträglichkeit erkennst, wie sie abgeklärt wird und warum du mit dem Weglassen von Gluten unbedingt warten musst, bis die Diagnose steht. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Bauchweh nach dem Essen kann ein Hinweis auf eine Zöliakie sein – muss es aber nicht. Klarheit bringt nur eine ärztliche Abklärung, und die braucht ein Kind, das weiterhin Gluten isst. Bild: Zinkevych iStock, Getty Images Der Nachwuchs hat Blähungen, Bauchschmerzen und ist auffallend weinerlich? Beschwerden durch Gluten bleiben bei Kindern oft jahrelang unentdeckt. Dabei ist Zöliakie nicht selten: Rund eine von 100 Personen ist betroffen [1], bei Kindern in der Schweiz geht das Kinderspital Zürich von etwa einem Fall auf 132 Kinder aus [2]. Unbehandelt kann die Erkrankung weitreichende Folgen haben. Hier liest du, wie Eltern eine Glutenunverträglichkeit erkennen, wie die Abklärung abläuft und warum eine glutenfreie Ernährung erst nach der Diagnose beginnen darf. Eine Autoimmunerkrankung – und keine Allergie Zöliakie wird umgangssprachlich oft «Glutenallergie» genannt. Das ist irreführend: Es handelt sich um eine immunvermittelte Systemerkrankung, also eine Autoimmunerkrankung, und ausdrücklich nicht um eine Lebensmittelallergie [3]. Das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Dünndarm. Die Schleimhaut entzündet sich chronisch, mit der Zeit bilden sich die Dünndarmzotten zurück, und der Körper kann Nährstoffe nur noch vermindert aufnehmen [1]. Das führt zu Beschwerden wie Bauchschmerzen und Durchfall. Ausgelöst wird die Entzündung durch Gluten, ein Klebereiweiss aus dem Getreide. Es steckt in Weizen (samt Einkorn, Emmer und Khorasan-Weizen, oft als Kamut verkauft), in Dinkel und Ur-Dinkel, in Grünkern, Gerste und Roggen [1]. Damit die Erkrankung überhaupt entsteht, braucht es eine genetische Veranlagung: Fast alle Betroffenen tragen die Merkmale HLA-DQ2 oder HLA-DQ8 [2]. Deshalb tritt Zöliakie in manchen Familien gehäuft auf. Vererbt wird allerdings nur die Veranlagung, nicht die Krankheit selbst – wer die Gene trägt, erkrankt längst nicht zwangsläufig. Zöliakie, Weizenallergie oder Glutensensitivität? Drei Krankheitsbilder werden im Alltag gerne vermischt, obwohl sie unterschiedlich abgeklärt und behandelt werden [4]: Zöliakie: Autoimmunerkrankung. Gluten schädigt die Dünndarmschleimhaut. Die Therapie ist lebenslang glutenfrei. Weizenallergie: eine echte Allergie. Der Körper reagiert auf Weizenproteine als Allergen. Bei Kindern gehört Weizen zu den häufigsten Nahrungsmittelallergenen, und die Allergie verliert sich meist bis zur Pubertät. Nachgewiesen wird sie über Haut- und Bluttests bei der Allergologin. Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität: Betroffene reagieren Stunden bis Tage nach glutenhaltigen Speisen mit ähnlichen Beschwerden, der Dünndarm wird dabei aber nicht geschädigt. Es gibt keinen spezifischen Test – Zöliakie und Weizenallergie müssen zuerst ausgeschlossen werden. Auch eine Laktoseintoleranz macht ähnliche Beschwerden. Sie kann bei Zöliakie sogar vorübergehend dazukommen, weil die geschädigte Schleimhaut weniger Laktase bildet. Meist verschwindet das unter glutenfreier Ernährung von selbst [2]. Oft nur unspezifische Symptome Zöliakie gilt als Chamäleon: Sie kann sich in jedem Lebensalter zeigen, im Bauch oder ganz woanders im Körper – und sie kann auch ohne jedes Symptom verlaufen [2]. Genau das macht sie zu einer unterdiagnostizierten Erkrankung. Bis die Diagnose steht, vergehen vor allem bei älteren Kindern und Erwachsenen im Schnitt zehn Jahre [3]. Bei Babys und Kleinkindern treten erste Anzeichen häufig ab dem Zeitpunkt auf, ab dem das Kind feste, getreidehaltige Nahrung zu sich nimmt – etwa Griessbrei oder Zwieback. Typisch sind dann [1]: Durchfall oder auffallend massiger, stark riechender Stuhl, aber auch Verstopfung Blähbauch, aufgetriebener Bauch, Bauchschmerzen Erbrechen und Übelkeit Gewichtsverlust, Wachstumsstörungen oder ein Stillstand beim Wachsen Blässe, Appetitlosigkeit, Weinerlichkeit, Müdigkeit Bei grösseren Kindern und Jugendlichen ähneln die Beschwerden eher jenen von Erwachsenen: chronische Müdigkeit und Leistungsknick, unklarer Gewichtsverlust, Kleinwuchs, eine verspätet einsetzende Pubertät, Kopfschmerzen, Gelenk- oder Knochenschmerzen sowie immer wiederkehrende Aphten im Mund. Auch eine hartnäckige Eisenmangelanämie, auffällige Leberwerte oder Zahnschmelzdefekte können auf eine Zöliakie hinweisen [5]. Wichtig: Ein einzelnes dieser Zeichen genügt, um an Zöliakie zu denken. Und umgekehrt schliesst ein Kind ohne Bauchweh die Erkrankung nicht aus. So wird eine Zöliakie abgeklärt Zuerst testen, dann verzichten Lass Gluten auf keinen Fall vorsorglich weg, solange die Abklärung läuft. Sowohl die Blutwerte als auch eine allfällige Gewebeprobe werden dann falsch unauffällig, und die Zöliakie lässt sich weder bestätigen noch ausschliessen [2]. Dein Kind muss bis zum Abschluss der Diagnostik normale Mengen Gluten essen [5]. Wer schon glutenfrei isst, braucht unter Umständen eine ärztlich begleitete Glutenbelastung über Monate, bevor überhaupt getestet werden kann. Ein Verdacht gehört deshalb zuerst in die Kinderarztpraxis – nicht in den Einkaufskorb. Hast du den Verdacht, dass eine Zöliakie bestehen könnte, lass dein Kind kinderärztlich untersuchen. Am Anfang steht eine Blutentnahme. Bestimmt werden zwei Werte gleichzeitig: die Transglutaminase-Antikörper (tTG-IgA) und das Gesamt-IgA [5]. Der zweite Wert ist kein Beiwerk – Kinder mit einem IgA-Mangel haben trotz Zöliakie unauffällige Standardwerte. Bei ihnen wird stattdessen auf IgG-Basis getestet [2]. Wie es weitergeht, hängt von der Höhe der Antikörper ab. Liegt der tTG-IgA-Wert mindestens zehnmal über der Obergrenze des Normbereichs, kann die Diagnose ohne Magen-Darm-Spiegelung gestellt werden – dafür braucht es zusätzlich einen positiven Endomysium-Antikörper-Wert (EMA-IgA) aus einer zweiten, unabhängigen Blutprobe. Sind die Antikörper erhöht, aber unterhalb dieser Schwelle, ist eine Gewebeprobe aus dem Dünndarm nötig, um eine falsch-positive Diagnose zu vermeiden [5]. Eine Zuweisung in die pädiatrische Gastroenterologie wird auch dann empfohlen, wenn die Diagnose allein über das Blut gelingt. Steht die Diagnose fest, sollten sich auch Eltern und Geschwister testen lassen, da die Veranlagung in der Familie liegt. Umgekehrt gilt: Kinder mit Typ-1-Diabetes, einer Schilddrüsen- oder Lebererkrankung, mit Down-, Turner- oder Williams-Beuren-Syndrom sowie mit IgA-Mangel gehören zu den Risikogruppen und sollten auf Zöliakie untersucht werden – auch ohne Beschwerden [5]. Finger weg von Selbsttests: Schnelltests aus dem Handel ersetzen keine ärztliche Diagnose, und Stuhltests, Kinesiologie, Bioresonanz oder Pendeln können eine Zöliakie weder bestätigen noch ausschliessen [1]. Glutenfreie Ernährung als einzige Therapie Zöliakie begleitet Betroffene ein Leben lang. Sie ist bisher nicht heilbar, und die Therapie besteht aus einer konsequent glutenfreien Ernährung. Alle glutenhaltigen Getreide müssen dauerhaft wegbleiben. Offensichtlich ist das bei Pizza, Nudeln, Brot, Müesli oder Kuchen. Versteckter kommt Gluten in Fertigprodukten als Bindemittel vor, in Knabbergebäck, in Saucen oder in Ketchup. Glutenfrei sind dagegen unverarbeitete Lebensmittel wie Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Eier, Hülsenfrüchte, Tofu, Kartoffeln, Reis, Mais, Buchweizen, Quinoa, Obst, Gemüse und Nüsse. Wer selbst backen möchte, findet Rezepte für glutenfreies Brot. Sonderfall Hafer: Hafer zählt nicht zu den glutenhaltigen Getreiden. Das Problem ist die Verunreinigung – auf dem Feld, bei der Ernte und in der Mühle kommt Hafer regelmässig mit Weizen und Gerste in Kontakt. Die IG Zöliakie der deutschen Schweiz empfiehlt deshalb, Hafer nur dosiert und in Kleinstmengen einzuführen, und zwar unter Kontrolle einer Ernährungsberatung [1]. Auf eigene Faust gehört er nicht auf den Teller. Ob im Restaurant, auf dem Kindergeburtstag oder beim Kauf von Medikamenten: Gluten versteckt sich in vielen Produkten. Wie das im Familienalltag aussieht, schildert ein Erfahrungsbericht über das Leben mit Zöliakie. Für Kita, Kindergarten und Schule lohnt es sich, die Diagnose und die konkreten Regeln schriftlich zu hinterlegen – gerade Znüni, Geburtstagskuchen und Backprojekte sind die typischen Stolperstellen. Lass dir die Ernährungsberatung ärztlich verordnen: Der Schweizerische Verband der Ernährungsberater/innen SVDE führt eine eigene Fachgruppe Zöliakie [1]. Sie hilft nicht nur beim Einkaufen, sondern achtet auch darauf, dass nichts fehlt. Denn eine geschädigte Schleimhaut nimmt Eisen, Folsäure, Vitamin B12, Vitamin D und Kalzium schlechter auf. Nachgewiesene Mängel werden parallel zur Ernährungsumstellung ausgeglichen, bis sich die Werte normalisiert haben. Nach der Diagnose sind ausserdem Verlaufskontrollen vorgesehen: klinisch rund drei Monate nach der Umstellung, dann mit Blutwerten ein Jahr nach der Diagnose und anschliessend alle ein bis zwei Jahre [2]. Was passiert, wenn eine Zöliakie unbehandelt bleibt Beschwerden wie Völlegefühl, Durchfall oder Blähungen lassen sich durch die angepasste Ernährung meist gut in den Griff bekommen. Je früher die Erkrankung erkannt wird, desto besser: Unter glutenfreier Ernährung heilt die Darmschleimhaut in den meisten Fällen wieder aus, die Beschwerden verschwinden, und die Lebenserwartung ist normal [3]. Bleibt eine Zöliakie dagegen unerkannt, hält die Entzündung an und der Körper nimmt zu wenig Nährstoffe auf. Bei Kindern können daraus Wachstumsstörungen und eine verzögerte Pubertät entstehen, bei Blutarmut auch eine anhaltende Müdigkeit. Längerfristig drohen Knochenschmerzen und eine verminderte Knochendichte bis hin zur Osteoporose durch den Kalzium- und Vitamin-D-Mangel [3]. Auch das Risiko für bestimmte Krebsarten ist erhöht – dabei geht es vor allem um eine seltene Form von Lymphdrüsenkrebs des Dünndarms. Eine konsequent glutenfreie Ernährung kann diese Komplikationen verhindern. Ein häufiges Missverständnis: Typ-1-Diabetes ist keine Folge einer unbehandelten Zöliakie. Beide sind Autoimmunerkrankungen und beruhen auf derselben genetischen Grundlage, weshalb sie überdurchschnittlich oft zusammen auftreten. Fachgesellschaften empfehlen deshalb, Kinder mit Typ-1-Diabetes gezielt auf Zöliakie zu testen [5] – die Blickrichtung ist also umgekehrt. Wichtig bleibt darum: Bei einem begründeten Verdacht abklären lassen, statt Gluten auf Verdacht zu streichen. Und nach der Diagnose die Ernährungsberatung einbeziehen, damit die Ernährung nicht nur glutenfrei, sondern auch vollwertig ist. Weiterführende Informationen: Die IG Zöliakie der deutschen Schweiz betreibt mit Zöli-Kids, Zöli-Teens und Zöli-Youth eigene Angebote für Kinder und Jugendliche mit Zöliakie und ihre Familien. Eine Ernährungsberatung mit Erfahrung in Zöliakie findest du über die Fachgruppe Zöliakie des Schweizerischen Verbands der Ernährungsberater/innen SVDE. Quellen IG Zöliakie der deutschen Schweiz: Was ist Zöliakie? Abgerufen am 17.08.2026. Kinderspital Zürich, A. Clavuot und F. Righini: Merkblatt Zöliakie (PDF), Stand 13.09.2025. Abgerufen am 17.08.2026. Universitätsspital Zürich: Zöliakie (Glutenunverträglichkeit): Symptome und Behandlung. Abgerufen am 17.08.2026. IG Zöliakie der deutschen Schweiz: Verwandte Krankheitsbilder. Abgerufen am 17.08.2026. European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN): Neue Leitlinie zur Diagnosestellung der Zöliakie bei Kindern (PDF, deutsche Fassung, herausgegeben von der IG Zöliakie der deutschen Schweiz), Leitlinie 2020. Abgerufen am 17.08.2026.