Gesundheit > KinderkrankheitenPolio (Kinderlähmung): Symptome, Impfung und warum die Krankheit noch nicht besiegt ist Aline Moser Auf dem Impfplan deines Babys steht ein Wort, das nach Geschichtsbuch klingt: Poliomyelitis. Der letzte Fall von Kinderlähmung durch ein Wildvirus liegt in der Schweiz mehr als vierzig Jahre zurück. Trotzdem bekommt dein Kind schon im ersten Lebensjahr zwei Impfungen dagegen, die dritte folgt mit zwölf Monaten. Hier liest du, was Polio im Körper anrichtet, woran du eine Erkrankung erkennen würdest und warum der Schutz auch in einem poliofreien Land nötig bleibt. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die letzte Dosis gegen Kinderlähmung steht im Alter von 4 bis 7 Jahren an, meist rund um den Schuleintritt. © KI generiert von ChatGPT Was Polio ist und warum die Krankheit lähmt Der Name sagt schon, wo die Krankheit ansetzt. Poliomyelitis ist griechisch zusammengesetzt und beschreibt eine Entzündung der grauen Substanz im Rückenmark. Dort sitzen die Nervenzellen, die den Muskeln ihre Befehle geben. Die Polio-Viren gelangen über den Mund in den Körper. Sie vermehren sich zuerst im Rachen. Dann im Darm. Von dort können sie ins Nervensystem übertreten und genau diese Nervenzellen zerstören. Fällt eine solche Zelle aus, bekommt der zugehörige Muskel kein Signal mehr. Er erschlafft. Und weil Nervenzellen nicht nachwachsen, ist der Schaden in vielen Fällen dauerhaft. Der Name Kinderlähmung stammt daher, dass vor allem Kinder unter fünf Jahren betroffen sind. Anstecken kann sich aber jede ungeimpfte Person in jedem Alter.[5] Wie Polio übertragen wird und wie lange ein Kind ansteckend ist Der wichtigste Weg ist die Schmierinfektion: über schmutzige Hände, verunreinigtes Wasser oder verunreinigte Lebensmittel. Weil sich die Viren zu Beginn im Rachen vermehren, ist in den ersten Tagen auch eine Übertragung durch Husten oder Niesen möglich. Ansteckend ist ein Kind deutlich länger, als es krank wirkt. Im Nasen-Rachen-Sekret lässt sich das Virus rund eine Woche nachweisen, im Stuhl weitere drei bis sechs Wochen. Deshalb ist zum Zeitpunkt einer Diagnose meist schon geschehen, was man verhindern möchte: Fast alle ungeimpften Menschen im selben Haushalt haben sich bis dahin bereits angesteckt.[1] Auf Reisen in Länder mit Poliorisiko zählt deshalb, was dort ohnehin gilt: Hände waschen, Wasser aus verschlossenen Flaschen, Gekochtes statt Rohes. Symptome: Warum die meisten Infektionen unbemerkt bleiben Bei rund 90 Prozent der Infizierten verläuft eine Ansteckung völlig ohne Beschwerden. Wer überhaupt etwas spürt, hält es meist für einen gewöhnlichen Infekt. Fieber, Kopfschmerzen, Halsweh, Übelkeit oder Durchfall.[1] Zwischen der Ansteckung und diesen ersten Beschwerden vergehen üblicherweise 3 bis 6 Tage, bis zu einer Lähmung 7 bis 14 Tage. Die gesamte Spanne reicht von 3 bis 35 Tagen. Bei einem Teil der Erkrankten wandert das Virus weiter und löst eine Hirnhautentzündung mit Fieber, Nackensteife und Rückenschmerzen aus.[4] Wie du eine Hirnhautentzündung beim Kind erkennst, liest du im eigenen Artikel dazu. Das klassische Bild der Kinderlähmung entwickeln weniger als ein Prozent der Infizierten. Die Lähmung ist schlaff. Sie betrifft meist nur eine Körperseite, die Beine öfter als die Arme. Seltener ist die Atemmuskulatur betroffen.[1] Genau das macht die Erkrankung lebensgefährlich: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation führt eine von 200 Infektionen zu einer bleibenden Lähmung, und von den gelähmten Personen sterben fünf bis zehn Prozent, wenn die Atemmuskeln ausfallen.[5] Für den Alltag heisst das vor allem eines: Eine schlaffe Lähmung bei einem Kind ist immer ein Notfall. Sie hat viele mögliche Ursachen, und Polio gehört in der Schweiz heute zu den unwahrscheinlichsten davon. Abklären muss sie trotzdem sofort eine Ärztin. Behandeln lässt sich Polio bis heute nicht Gegen die Polio-Viren selbst gibt es kein Medikament. Antibiotika helfen nicht. Sie wirken gegen Bakterien, nicht gegen Viren. Behandelt werden können nur die Beschwerden, und nach der akuten Phase folgen je nach Verlauf längere physiotherapeutische und orthopädische Nachbehandlungen.[4] Anzeige Wie es danach weitergeht, lässt sich nicht vorhersagen. Manche Lähmungen bilden sich vollständig zurück, andere bleiben ein Leben lang. Und selbst wer sich nach der Erkrankung gut erholt hat, ist nicht auf der sicheren Seite: Noch Jahrzehnte später kann ein Post-Poliomyelitis-Syndrom auftreten, mit zunehmender Muskelschwäche und Schmerzen.[1] Die Polio-Impfung im Schweizerischen Impfplan: 2, 4 und 12 Monate, dann noch einmal zum Schulstart Weil sich Polio nicht behandeln lässt, trägt die Impfung den ganzen Schutz. Sie steckt in der Sechsfachimpfung, die das Bundesamt für Gesundheit im Alter von 2, 4 und 12 Monaten empfiehlt. Ein einziger Piks deckt damit Diphtherie, Wundstarrkrampf, Keuchhusten, Kinderlähmung, Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B ab. Der erste Termin fällt mit dem zweiten Lebensmonat zusammen. Im Alter von 4 bis 7 Jahren folgt eine Auffrischung gegen Wundstarrkrampf, Diphtherie, Keuchhusten und Kinderlähmung, möglichst beim Eintritt in die obligatorische Schulzeit. Damit hat dein Kind vier Dosen gegen Poliomyelitis erhalten, und mehr braucht es nicht, solange kein besonderes Risiko besteht.[2] Anders liegt der Fall, wenn dein Kind nach dem beschleunigten Schema mit 2, 3, 4 und 12 Monaten geimpft wurde, das die Kinderärztin etwa vor einem frühen Krippeneintritt wählen kann. Dann sind insgesamt fünf Dosen nötig.[2] Welche Termine sonst noch anstehen, zeigt die Übersicht zum Impfplan für Babys. Geimpft wird in der Schweiz mit einem Totimpfstoff, der gespritzt wird. Die Schluckimpfung auf dem Zuckerwürfel, an die sich ältere Generationen erinnern, enthielt abgeschwächte lebende Viren. Sie kommt hier nicht mehr zum Einsatz und taucht im aktuellen Impfplan mit keinem Wort mehr auf. Auch wenn ein Termin verpasst wurde, ist nichts verloren: Für unvollständig geimpfte Kinder gibt es Nachholschemata, die Impfserie muss also nicht neu begonnen werden.[2] Wenn du unsicher bist, wo dein Kind steht, nimm den Impfausweis zum nächsten Termin mit. Die Kinderärztin sieht auf einen Blick, was fehlt. Der Schutz ist verbreitet: In der Erhebung 2020 bis 2022, an der alle 26 Kantone teilnahmen, hatten 96 Prozent der Zweijährigen die Grundimmunisierung mit drei Dosen. Bei den Achtjährigen, für die damals noch fünf Dosen empfohlen waren, hatten 94 Prozent mindestens vier und 81 Prozent alle fünf erhalten.[3] Polio in der Schweiz: seit 1982 kein Wildvirus-Fall, und trotzdem wird geimpft Poliofrei ist die Schweiz seit Anfang der 1990er-Jahre; den letzten Fall von Kinderlähmung durch ein Wildvirus gab es hier 1982.[1] Der weltweite Trend zeigt in dieselbe Richtung. Seit 1988 sind die Fälle durch Wildviren um mehr als 99 Prozent zurückgegangen, und nur noch zwei Länder gelten als endemisch, haben also eine durchgehende Übertragung des Wildvirus.[5] Es sind Afghanistan und Pakistan. Für 2024 weist das BAG dort Erkrankungen mit dem Wildtyp 1 aus, und mutierte Abkömmlinge von Impfstämmen haben dort seit dem Jahr 2000 mehrere hundert Erkrankungen ausgelöst, vor allem in Regionen mit niedriger Durchimpfung.[1] Diese Mutanten stammen aus der Schluckimpfung mit lebenden Viren. Der Totimpfstoff, mit dem in der Schweiz geimpft wird,[2] kann eine solche Erkrankung nicht auslösen.[4] Wie kurz der Weg von Afghanistan und Pakistan nach Europa ist, zeigte sich im Herbst 2025. In einer Abwasserprobe aus Hamburg wurde Wildpoliovirus Typ 1 nachgewiesen, genetisch verwandt mit einem Fund aus Kandahar in Afghanistan. Erkrankt ist in Deutschland niemand; nachgewiesen wurde das Virus bislang nur im Abwasser. In den Monaten davor waren dort schon Abkömmlinge von Impfstämmen im Abwasser aufgetaucht, ebenfalls ohne dass jemand erkrankt wäre.[6] Solche Nachweise sind der Grund, warum ein poliofreies Land weiterimpft. Solange irgendwo auf der Welt zu wenige Menschen geschützt sind, kann das Virus wieder eingeschleppt werden. Und dann trifft es die Ungeimpften.[1] Praktisch heisst das zweierlei. Hol vor der nächsten Fernreise den Impfausweis deines Kindes hervor und lass den Polioschutz prüfen. Für Reisen in Länder mit Poliorisiko sind zusätzliche Auffrischungen nötig, die aktuellen Empfehlungen dazu stehen auf healthytravel.ch.[2] Und wenn du ohnehin gerade planst: Welche Reiseimpfungen sonst noch sinnvoll sind, klärst du am besten im selben Termin mit der Kinderärztin ab. Quellen Bundesamt für Gesundheit BAG: Poliomyelitis / Kinderlähmung. Abgerufen am 08.09.2026. Bundesamt für Gesundheit BAG: Schweizerischer Impfplan 2026. Stand Februar 2026. Abgerufen am 08.09.2026. Bundesamt für Gesundheit BAG: Durchimpfung von 2-, 8- und 16-jährigen Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, 2020–2022. BAG-Bulletin 13 vom 25.03.2024. Abgerufen am 08.09.2026. Robert Koch-Institut (Deutschland): RKI-Ratgeber Poliomyelitis. Stand 23.10.2025. Abgerufen am 08.09.2026. Weltgesundheitsorganisation WHO: Poliomyelitis (Fact Sheet). Stand 02.04.2025. Abgerufen am 08.09.2026. WHO-Regionalbüro für Europa: Detection of wild poliovirus type 1 in environmental sample in Germany. Medienmitteilung vom 13.11.2025. Abgerufen am 08.09.2026.