Gesundheit > KinderkrankheitenWenn das Kind gestürzt ist: In diesen Fällen braucht es einen Arzt Sigrid Schulze Ein Sturz vom Wickeltisch, von der Treppe oder auf dem Spielplatz gehört zu den häufigsten Kinderunfällen. Dabei ist es nicht immer leicht einzuschätzen, wie schwer dein Kind verletzt ist. Hier findest du eine klare Orientierung: Was du sofort prüfen kannst, welche Warnzeichen ärztlich abgeklärt werden müssen und wie du dein Kind in den ersten 24 Stunden sinnvoll beobachtest. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Vorbeugen ist gut, verhindern kann man Stürze jedoch nicht. Foto: anatols, iStock, Thinkstock In Kindern schlummert der wahre Entdeckergeist. Kaum können sie ein Stückchen robben oder sogar quer durchs Zimmer krabbeln, kennt ihre Neugier keine Grenzen. Auf einen Stuhl, eine Treppe oder ein Balkongeländer zu klettern, ist für sie ein unwiderstehliches Abenteuer – ein Abenteuer, das mit einem Sturz enden kann. Was Eltern nach einem Sturz am meisten beschäftigt, ist meist nicht die Beule, sondern die Unsicherheit: «Ist das noch normal – oder ist es gefährlich?» Gerade bei Kopfstössen (Verdacht auf Gehirnerschütterung bzw. Schädel-Hirn-Trauma) ist es wichtig, Warnzeichen zu kennen und zugleich zu wissen, was zu Hause gut beobachtbar ist. Sofort nach dem Sturz: die 3 wichtigsten Fragen Atmung und Bewusstsein: Atmet dein Kind normal? Ist es wach, ansprechbar, passend reagierend? Stärke des Unfalls (Mechanismus): Wie hoch war der Sturz, wie schnell/kräftig war der Aufprall, auf welchen Untergrund (hart/weich), auf welchen Körperteil (Kopf/Gesicht/Nacken)? Sichtbare Verletzungen: Gibt es eine starke Blutung, eine tiefe Wunde, eine auffällige Schwellung, Schmerzen beim Bewegen oder eine Fehlstellung? Wenn du bei einem dieser Punkte ein ungutes Gefühl hast oder dein Kind «nicht wie sonst» wirkt, ist eine ärztliche Einschätzung sinnvoll – lieber einmal zu früh als zu spät. Ein Sturz gehört zu den häufigsten Kinder-Unfällen Stürze verursachen die meisten Verletzungen von Klein- und Vorschulkindern, obwohl sie oft nicht einmal tief fallen. «Meist stolpern sie beim Laufen und Rennen auf gleicher Ebene oder fallen aus geringer Höhe», so Dr. Guido Baumgartner, Facharzt der Chirurgie am Ostschweizer Kinderspital. «Bei Schulkindern und Jugendlichen stehen dagegen Stürze von einem Spielgerät, vom Fahrrad oder beim Sport im Vordergrund.» Zum Glück geht ein Sturz meist glimpflich aus. «Doch mancher Schmerz kann vermieden werden, wenn Säuglinge und Kleinkinder geschützt werden und grössere Kinder und Jugendliche lernen, mit Gefahren umzugehen», rät Dr. Guido Baumgartner Wichtig zu wissen: Ob ein Sturz gefährlich ist, hängt weniger davon ab, ob eine grosse Beule sichtbar ist, sondern stärker von der Kombination aus Aufprall, Symptomen und Alter. Besonders bei Babys sind Kopf und Nacken empfindlicher, und sie können Beschwerden noch nicht beschreiben. Besondere Sturzgefahr auf der Treppe «Kopf- und Halsverletzungen sowie Knochenbrüche resultieren in vielen Fällen, wenn Kinder eine Treppe hinunterfallen», warnt der deutsche Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. «Bei Säuglingen verschulden in der Regel die Betreuungspersonen, die das Kind auf dem Arm tragen, den Unfall auf der Treppe, wenn sie selbst stolpern.» Ein Treppensturz kann besonders tückisch sein, weil mehrere Stufen nacheinander getroffen werden können und der Kopf dabei häufiger beteiligt ist. Nach einem Treppensturz ist eine ärztliche Abklärung grosszügig sinnvoll – vor allem bei Babys, bei Symptomen oder wenn du den Ablauf nicht sicher beurteilen kannst. So lässt sich der Sturz von der Treppe vermeiden Die amerikanische Gesellschaft der Kinder- und Jugendärzte, die American Academy of Pediatrics, hat einige Tipps für Eltern gesammelt, die ihr Kind vor einem Sturz von der Treppe bewahren wollen: Treppenschutzgitter vor einer Treppe anbringen. Treppen frei von Spielzeug und anderen Dingen halten, die zu Stolperfallen werden können. Für gute Beleuchtung der Treppen zu jeder Zeit sorgen. Kinder auf der Treppe nicht aus den Augen lassen. Kinder dazu ermahnen, nichts zu tragen, während sie die Treppen hinauf- oder hinuntergehen. Grössere Objekte können das Kind aus dem Gleichgewicht bringen und es stolpern lassen. Eltern sollten soweit wie möglich vermeiden, ihr Kind die Treppen hinauf- oder hinunterzutragen. Wenn dies dennoch erforderlich ist, sollten sie zumindest nichts anderes in den Händen haben. Als Vorbild sollten Eltern sich auch immer am Treppengeländer festhalten. Strategien für eine sichere Babyschale Eltern sollten ihr Baby nicht nur während der Autofahrt anschnallen, sondern auch dann, wenn sie die Schale tragen oder auf dem Boden abstellen. Auf dem Tisch steht die Babyschale gefährlich! Bei heftigen Strampelbewegungen kann sie bis zur Kante rutschen und kippen. Wer die Babyschale anhebt, sollte sich unbedingt vorher vergewissern, dass der Tragebügel fixiert ist! Zusätzlich hilfreich im Alltag: Stell die Babyschale möglichst immer auf den Boden (nicht auf Sofa, Tisch oder Bett), und trag sie so, dass du Stolperfallen (Teppichkanten, Kabel, Treppen) gut siehst. Viele Stürze passieren nicht «beim Fahren», sondern beim Abstellen oder Tragen. Sturz-Gefahren leicht vermeiden Balkon Räume alle Gegenstände auf dem Balkon weg, auf die dein Kind klettern könnte. Zu gross ist die Gefahr, dass es von einer Kiste oder einem Blumenkübel aus über das Geländer fallen könnte. Kabel Kabel werden zu Stolperfallen, wenn sie auf dem Boden liegen. Darüber hinaus besteht Verbrennungsgefahr, wenn an den Kabeln elektrische Geräte wie Wasserkocher oder Bügeleisen hängen, die auf das stolpernde Kind stürzen könnten. Ungesicherte Regale Wenn oben im Regal ein verlockender Gegenstand liegt, zögern Kinder oft nicht, das Regal hochzuklettern. Gut, wenn es an der Wand befestigt ist und daher nicht auf das Kind kippen kann! Bad Ein Badvorleger schützt vor dem Ausrutschen auf nassen Fliesen, eine rutschsichere Einlage verhindert manchen Sturz in der Dusche oder Badewanne. Zusatz, der oft unterschätzt wird: Rutschige Socken auf Parkett oder Platten erhöhen das Sturzrisiko deutlich. Antirutschsocken oder barfuss (zu Hause) kann bei kleinen Kindern – je nach Boden – sicherer sein. Auch ein kleiner Sturz kann Folgen haben Trotz aller Vorsicht lässt sich nicht jeder Sturz vermeiden. Wenn dein Kind weint, versuchst du als Erstes, den Grad der Verletzung einzuschätzen. «Gibt es nur einen blauen Fleck oder eine kleine Beule oder könnten innere Verletzungen entstanden sein?», fragen sich Eltern. Zum Glück tragen Kinder nach einem Sturz oft nur eine kleine Schnittwunde oder Prellung davon. Trotzdem lohnt sich ein wacher Blick: Nach einem Kopfstoss können Beschwerden verzögert auftreten. Dazu gehören zum Beispiel Erbrechen, auffällige Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Verhaltensänderungen oder Gleichgewichtsstörungen. Auch Sehstörungen oder eine ungewohnt «verlangsamte» Reaktion können Hinweise sein. Wichtig für die Einordnung (und zur Beruhigung ohne falsche Sicherheit): Eine Kopfbeule allein ist häufig und meistens harmlos – sie zeigt, dass die Haut und das Gewebe reagiert haben. Entscheidend sind Allgemeinzustand und Verlauf: Wird dein Kind innerhalb von Minuten wieder ruhiger, spielt es altersentsprechend und treten keine Warnzeichen auf, spricht das eher gegen eine schwere Verletzung. Umgekehrt gilt: Wenn etwas nicht stimmig wirkt, lass es abklären. Zu Hause beobachten: 24-Stunden-Checkliste nach Kopfsturz Wenn keine Notfallzeichen vorliegen und du mit einer ärztlichen Fachperson abgesprochen hast, dass Beobachten zu Hause ok ist, helfen dir diese Punkte für die ersten 24 Stunden: Alle 2–3 Stunden (auch abends) kurz prüfen: Ist dein Kind gut weckbar? Reagiert es normal (Blickkontakt, Stimme, altersgerechtes Verhalten)? Trinken/Essen: Trinkt es ausreichend? Ist die Appetitlosigkeit kurzzeitig oder ausgeprägt? Schmerzen: Nimmt der Kopfschmerz zu oder bleibt er stark? Klappt normales Spielen/Bewegen? Erbrechen: Einmaliges Erbrechen kann vorkommen (z.B. durch Stress/Weinen). Wiederholtes Erbrechen oder Erbrechen zusammen mit Schläfrigkeit, Kopfschmerz oder Verwirrtheit ist ein Alarmzeichen. Schlaf – darf mein Kind schlafen? Ja, Schlaf ist erlaubt. Wichtig ist, dass dein Kind normal weckbar bleibt und nicht ungewöhnlich schwer zu erwecken ist. Verhalten: Achte auf ungewöhnliche Reizbarkeit, Teilnahmslosigkeit, Verwirrtheit, «anders als sonst». Bewegung/Koordination: Stolpert es auffällig, wirkt es wacklig, klagt über Schwindel? Augen: Siehst du neue Sehstörungen oder fallen dir deutlich unterschiedlich grosse Pupillen auf? Wichtig: Wenn sich Symptome verschlechtern oder neue Symptome dazukommen, hol ärztliche Hilfe – auch nachts. Schweiz: So holst du schnell Hilfe Notfall: Bei akuten Warnzeichen wähle 144 (Sanitätsnotruf). Ausserhalb der Praxiszeiten: Nutze den kantonalen kinderärztlichen Notfalldienst oder die Notfallstation. Die Nummer findest du meist auf der Website deiner Gemeinde/deines Kantons oder über die Telefonnummer deiner Kinderärzt:in (oft mit Ansage). Beim Anruf hilfreich: Alter deines Kindes, was genau passiert ist (Höhe/Untergrund), Zeitpunkt, Kopf ja/nein, aktuelle Symptome (Bewusstsein, Erbrechen, Kopfschmerz, Verhalten), Medikamente und relevante Vorerkrankungen. Sturz beim Kind: Wann zum Arzt? Das Kind sollte sofort vom Arzt behandelt werden, wenn: es beim Aufprall das Bewusstsein verloren hat es sich an nichts erinnert Blut oder Ausfluss aus Nase, Ohren und Mund kommt es nach dem Aufprall mehrmals erbricht es über anhaltende Übelkeit klagt es starke oder zunehmende Kopfschmerzen hat es apathisch oder kaum zu wecken ist es sehr reizbar und schwer zu beruhigen ist es verwirrt ist und unzusammenhängend spricht es Gleichgewichtsprobleme hat es (Krämpfe unkontrollierte Bewegungen von Armen oder Beinen) hat Ergänzend gilt: Auch ohne die oben genannten Punkte ist eine zeitnahe ärztliche Beurteilung besonders sinnvoll, wenn dein Kind unter 1 Jahr ist, wenn es aus grösserer Höhe gestürzt ist (z.B. Wickeltisch, Fensterbank, mehrere Treppenstufen), wenn der Aufprall auf harten Untergrund erfolgte oder wenn du den Unfallhergang nicht sicher beurteilen kannst. Bei Platzwunden gilt: Blutungen am Kopf können stark wirken, weil die Kopfhaut gut durchblutet ist. Drücke mit einem sauberen Tuch einige Minuten gleichmässig auf die Stelle. Wenn die Wunde klafft, die Blutung nicht stoppt oder du unsicher bist, lass sie ärztlich versorgen. Denk auch an den Tetanus-Schutz: Bei offenen Wunden kann ein Check des Impfausweises sinnvoll sein, besonders wenn der Impfschutz unklar ist. Im Zweifelsfall solltest du dich nicht scheuen, den Sanitätsnotruf 144 zu wählen. Die Mitarbeiter der Sanitätsnotrufzentralen sind gut geschult. So können sie die Verletzung gut einschätzen und dir Anleitung bei erster Hilfe geben oder, wenn nötig, einen Krankenwagen schicken.