Gesundheit > KinderkrankheitenWenn das Kind schlecht hört: Oft steckt ein Paukenerguss dahinter – und ab wann du zum Arzt gehst Sigrid Schulze Der Paukenerguss – Flüssigkeit hinter dem Trommelfell, die nicht abfliessen kann – gehört zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter: Rund 80 Prozent aller Kinder haben bis zum sechsten Geburtstag mindestens einmal einen [1]. Meist verschwindet er von selbst wieder. Entscheidend ist, dass das Gehör dabei im Blick bleibt. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Besonders Kleinkinder sind von Paukenergüssen betroffen. Foto: Hermes Rivera, Unsplash Das Wichtigste in Kürze Sammelt sich Flüssigkeit hinter dem Trommelfell, spricht man von einem Paukenerguss. Betroffen sind vor allem kleine Kinder. Rund 80 Prozent der Paukenergüsse heilen von selbst aus – je länger der Erguss besteht, desto seltener. Kinder hören mit einem Paukenerguss oft schlechter. Das kann die Sprachentwicklung, das Gleichgewicht und die Leistung in der Schule beeinträchtigen. Abschwellende Nasentropfen, Antibiotika und Antihistaminika lösen den Erguss selbst nicht auf [6]. Besteht der Erguss drei Monate oder länger, gehört das Gehör geprüft. Erst dann steht eine Operation mit Trommelfellschnitt und Paukenröhrchen überhaupt zur Debatte [4]. Seit einiger Zeit scheint dein Kind nicht recht zu hören. Es reagiert nicht, wenn es an der Tür klingelt, das Handy bimmelt oder es gerufen wird. Vielleicht fällt dir auch auf, dass es selbst lauter spricht als üblich oder den Ton am Fernseher höher dreht. Ursache: Paukenerguss Besonders häufig liegt die Ursache für eine solche Hörstörung hinter dem Trommelfell. Hat sich dort Flüssigkeit angesammelt, die nicht abfliessen kann, hat dein Kind einen Paukenerguss. Weh tut er in der Regel nicht: Ohrenschmerzen treten beim Paukenerguss nur selten auf. Er stört aber das Trommelfell bei seiner Aufgabe, Schallwellen weiterzuleiten. Neben der Hörminderung sind ein Druckgefühl im Ohr – wie Watte –, Ohrgeräusche und Schwindel möglich [1]. Und das ist die wichtigste Nachricht für Eltern: In etwa 80 Prozent der Fälle heilt ein Paukenerguss von allein aus. Je länger er besteht, desto geringer werden die Chancen darauf – dauert er bereits sechs bis zwölf Monate, verschwindet er nur noch in rund 30 Prozent der Fälle spontan [1]. Abwarten ist deshalb kein Nichtstun: Kinder mit einem Paukenerguss gehören so lange in ärztliche Kontrolle, bis der Erguss weg ist [4]. Nicht jede Hörminderung kommt aus dem Mittelohr So häufig der Paukenerguss ist – er ist nicht die einzige Erklärung dafür, dass ein Kind schlecht hört. Am Universitäts-Kinderspital Zürich wird das Hörvermögen deshalb mit altersgerechten Verfahren geprüft: mit Verhaltens- oder Spielaudiometrie, mit Sprachaudiometrie und mit Funktionsmessungen von Mittel- und Innenohr [3]. Erst danach steht fest, wo das Problem sitzt. Der Unterschied ist gross: Liegt die Ursache im Mittelohr, lässt sich die Hörstörung oft mit einem Paukenröhrchen beheben. Sitzt sie im Innenohr, hilft keine Operation – dann geht es um Hörgeräte und Fördermassnahmen [3]. Wie ein Hörtest bei Kindern abläuft und warum ein gutes Gehör von Anfang an zählt, liest du hier. Wie ein Paukenerguss entsteht Normalerweise verbindet die Eustachische Röhre (Tuba auditiva) das Mittelohr mit dem Nasenrachenraum und belüftet es auf diese Weise. Manchmal aber ist die Belüftung gestört. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein Atemwegsinfekt die Schleimhäute oder die Rachenmandel an der hinteren Rachenwand stark anschwellen lässt. Dann kann Flüssigkeit, die die Schleimhäute im Mittelohr bilden, nicht mehr abfliessen. Ein Paukenerguss ist entstanden. Je länger die Flüssigkeit verbleibt, umso zähflüssiger und schleimiger wird sie. Als Auslöser kommen neben dem Infekt der oberen Atemwege eine Mittelohrentzündung, Allergien, eine vergrösserte Rachen- oder Gaumenmandel, Nasenpolypen, eine verkrümmte Nasenscheidewand oder Fehlbildungen im Schädel-Gesichts-Bereich infrage. Kleine Kinder trifft es besonders oft, weil ihre Ohrtrompete kurz, eng und eher waagerecht verläuft. Wann du mit dem Kind zum HNO-Arzt gehst Der Hals-, Nasen-, Ohren-Arzt erkennt einen Paukenerguss mit dem Ohrmikroskop. Bleibt der Befund unklar, helfen ein Hörtest und ein Tympanogramm weiter: Beim Paukenerguss zeigen sich eine teils erhebliche Hörminderung und ein unbewegliches Trommelfell [1]. Paukenergüsse gehören zum Berufsalltag jeder HNO-Praxis, denn sie treten sehr häufig auf. Wann ist ein Termin fällig? Merkst du über mehrere Wochen, dass dein Kind schlechter reagiert, lauter spricht oder den Ton lauter dreht, lass die Ohren anschauen. Besteht ein Erguss drei Monate oder länger, soll das Gehör mit einer Hörprüfung untersucht werden – das ist der Zeitpunkt, an dem die Fachgesellschaften eine Operation überhaupt erst zur Diskussion stellen [4]. Kommen Ohrenschmerzen oder Fieber dazu, steckt eher eine akute Mittelohrentzündung dahinter, die rascher angeschaut gehört. Nicht so lange zugewartet wird bei Kindern mit Risikofaktoren: bei Fehlbildungen im Schädel-Gesichts-Bereich, einer schon bestehenden Innenohrschwerhörigkeit, einer Sehschwäche oder einer deutlichen Sprachentwicklungsstörung [2]. Was Nasentropfen und Inhalieren wirklich bringen Abschwellende Nasentropfen sollen die Schleimhäute abschwellen lassen und die Verbindung zwischen Mittelohr und Nasenrachenraum wieder frei machen. Das Universitätsspital Zürich nennt solche Massnahmen, um die Belüftung der Ohren zu fördern [2]. Auf den Erguss selbst wirken Medikamente allerdings nicht. Ian Williamson von der University of Southampton, Mitautor der unten beschriebenen Nasenballon-Studie, hält fest, dass alle verfügbaren medikamentösen Behandlungen des Paukenergusses – Antibiotika, Antihistaminika, abschwellende Mittel und Nasensprays mit Kortison – unwirksam seien, unerwünschte Wirkungen hätten und deshalb nicht empfohlen werden könnten [6]. Was das für dich heisst: Nasentropfen und Inhalieren können die Nase frei machen und deinem Kind das Atmen erleichtern. Dass sie die Flüssigkeit im Ohr auflösen, ist nicht belegt. Antibiotika sind ein Fall für eine bakterielle Infektion, die behandelt werden muss – nicht für den Paukenerguss selbst. Steht eine Allergie hinter der Entzündung im Nasen-Rachen-Raum, gehört sie behandelt; bei allergischem Schnupfen kann eine örtliche Behandlung mit Glukokortikoiden sinnvoll sein [2]. Nasenballon bei Paukenerguss Als vielversprechendes Mittel gegen den Paukenerguss gilt der Nasenballon, den das Kind mit je einem Nasenloch aufpusten muss, während das andere Nasenloch zugehalten wird. Der erhöhte Naseninnendruck kann die Verbindung zwischen Nase und Ohr wieder öffnen. Zu den Massnahmen, mit denen sich die Ohren selber besser belüften lassen, zählt das Universitätsspital Zürich neben dem Politzer-Ballon auch das Valsalva-Manöver und verstärkte Kau- und Schluckbewegungen. Eine Studie der University of Southampton hat 320 Kinder im Alter von vier bis elf Jahren untersucht. Nach drei Monaten hatten 49,6 Prozent der Kinder, die den Nasenballon benutzten, einen normalen Mittelohrdruck – in der Vergleichsgruppe ohne Ballon waren es 38,3 Prozent [6]. Der Ballon hilft also, aber er ersetzt das Abwarten nicht: Ein grosser Teil der Kinder wird auch ohne ihn wieder gesund. Und weil die Studie Kinder ab vier Jahren einschloss, ist offen, wie gut das Aufpusten bei Kleinkindern klappt. Ein Nasenballon kommt ausserdem nur dann zum Einsatz, wenn der Rachenraum nicht entzündet ist. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Keime in das Mittelohr gelangen. Muss operiert werden? Bei Kindern ohne Risikofaktoren gilt: zuerst abwarten. Die amerikanische HNO-Fachgesellschaft empfiehlt ausdrücklich, kein Paukenröhrchen einzusetzen, solange ein einzelner Erguss weniger als drei Monate besteht – gerechnet ab dem Beginn oder, wenn dieser unbekannt ist, ab der Diagnose [4]. Hält er drei Monate oder länger an, soll das Gehör geprüft werden. Sind beide Ohren betroffen und ist eine Hörminderung belegt, werden Paukenröhrchen angeboten. Kinder mit einem chronischen Erguss, die kein Röhrchen erhalten, sollen alle drei bis sechs Monate nachkontrolliert werden [4]. Für den Eingriff spricht auch, wenn das Sekret hinter dem Trommelfell bereits zäh und dick ist, wenn dein Kind so schlecht hört, dass die Sprachentwicklung leidet, oder wenn das Trommelfell durch wiederkehrende Ohrinfektionen langfristig Schaden nehmen könnte. Auch Gleichgewichtsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten oder ein Leistungsabfall in der Schule zählen zu den Gründen, die für ein Röhrchen sprechen können. Hängt die Sprachentwicklung hinterher, ist ausserdem eine logopädische Abklärung ein Thema. Wann ein Kind zur Logopädie gehört und wie du zu einem Termin kommst, erfährst du in unserem Ratgeber. Ein kleiner Schnitt ins Trommelfell Ein kleiner Schnitt ins Trommelfell – nur ein bis zwei Millimeter lang – reicht aus, um den Schleim abzusaugen. «Der Trommelfellschnitt dient zur Druckentlastung und Ergussentleerung aus dem Mittelohr», erklärt der HNO-Facharzt Reto Hasler, der im aargauischen Wohlen praktiziert, auf seiner Praxis-Website. «Da dieser Schnitt im Normalfall innerhalb weniger Tage zuheilt, muss unter Umständen zur Langzeitbelüftung ein Paukenröhrchen eingesetzt werden.» Der Eingriff erfolgt durch den Gehörgang unter mikroskopischer Kontrolle und dauert 10 bis 30 Minuten. Paukenröhrchen für die Belüftung Das Paukenröhrchen (Paukendrainage) ist 1,2 bis 1,5 Millimeter dick und besteht meist aus Kunststoffen wie Silikon oder Polyethylen [2]; es gibt es auch aus Titan, Gold-Platin oder vergoldetem Silber. Es sorgt im Trommelfell für die nächsten Monate für die Belüftung des Mittelohres. Bei Kindern wird der Eingriff in Vollnarkose durchgeführt, in der Regel ambulant. Reichen Trommelfellschnitt und Röhrchen nicht aus, kann es nötig sein, zusätzlich die stark vergrösserte Rachenmandel zu entfernen. Entzündet sich das Ohr später am liegenden Röhrchen, werden dafür antibiotische Ohrentropfen verschrieben – ohne zusätzliches Antibiotikum zum Schlucken [4]. Leben mit Paukenröhrchen im Ohr Darf das Kind mit einem Paukenröhrchen ins Wasser? Hier hat sich die Fachmeinung bewegt. Die amerikanische HNO-Fachgesellschaft rät ausdrücklich davon ab, routinemässig Wasser-Vorsichtsmassnahmen zu empfehlen – also Ohrstöpsel, Stirnbänder oder ein Verzicht aufs Schwimmen [4]. Beim Schwimmen und Baden braucht dein Kind normalerweise keine Ohrstöpsel. Es gibt allerdings Situationen, in denen ein Schutz sinnvoll sein kann [5]: wenn Wasser im Gehörgang schmerzt wenn das Ohr läuft oder immer wieder gelaufen ist beim Baden in Seen oder in nicht gechlorten, wenig sauberen Becken beim Untertauchen des Kopfes in der Badewanne, weil Seifenwasser leichter durch das Röhrchen dringt als klares Wasser Beim Tauchen hört der Spass auf: Reto Hasler warnt auf seiner Praxis-Website, Tauchen mit einem Paukenröhrchen könne lebensgefährlich sein, weil eintretendes kaltes Wasser Schwindel auslöst und man so unter Wasser die Orientierung verliert. Er rät ausserdem, den Gehörgang beim Baden und Duschen zu schützen, solange das Röhrchen liegt. An diesem Punkt gehen die Empfehlungen auseinander – kläre das Vorgehen deshalb mit der HNO-Ärztin oder dem HNO-Arzt deines Kindes ab. Wattestäbchen haben im Ohr ohnehin nichts verloren. Und wenn dein Kind Ohrenschmerzen bekommt oder Sekret aus dem Ohr läuft, gehört es angeschaut: Das kann eine Entzündung am liegenden Röhrchen sein. Paukenröhrchen stossen sich alleine ab Nach durchschnittlich sechs bis zwölf Monaten stossen sich die Röhrchen bei Kindern von selber in den Gehörgang ab, ein Zweiteingriff erübrigt sich also meistens – so beschreibt es Reto Hasler. Die amerikanische Fachgesellschaft nennt für die Funktionsdauer eine Spanne von rund 6 bis 18 Monaten [5]. Das Trommelfell wächst danach in der Regel wieder zu. Ein weisser Fleck als Narbe kann zurückbleiben, beeinträchtigt das Hören aber meist nicht; bei 1 bis 2 von 100 Kindern bleibt nach einem Kurzzeitröhrchen ein kleines Loch im Trommelfell zurück, das sich oft von selbst schliesst und sonst operativ verschlossen werden kann [5]. Reto Hasler: «Sehr selten kann sich das Röhrchen innerhalb von wenigen Wochen in den Gehörgang abstossen. In solch einem Fall müsste der Eingriff wiederholt und ein anderes Paukenröhrchen eingesetzt werden.» Nachkontrollen sind Pflicht: Die Ohren sollen innerhalb von drei Monaten nach dem Eingriff untersucht werden [4], danach regelmässig weiter, meist alle sechs Monate, bis das Röhrchen draussen ist [5]. Diese Termine sind auch dann wichtig, wenn dein Kind gar keine Beschwerden hat. Quellen Universitätsspital Zürich: Paukenerguss – Häufigkeit, Ursachen, Symptome, Diagnostik und Prognose. Abgerufen am 11.08.2026. Universitätsspital Zürich: Paukenerguss Behandlung – konservative Massnahmen, Risikofaktoren und operatives Vorgehen. Abgerufen am 11.08.2026. Universitäts-Kinderspital Zürich: ORL – Ohren-Nasen-Hals – Hördiagnostik bei Kindern und Therapieoptionen bei Hörstörungen. Abgerufen am 11.08.2026. Rosenfeld RM et al.: Executive Summary of Clinical Practice Guideline on Tympanostomy Tubes in Children (Update), American Academy of Otolaryngology – Head and Neck Surgery Foundation, 2022 (US-Fachgesellschaft, ersatzweise herangezogen). Abgerufen am 11.08.2026. AAO-HNSF: Ear Tubes – A Caregiver’s Guide (PDF), Patienteninformation zur Leitlinie, 2022 (US-Fachgesellschaft, ersatzweise herangezogen). Abgerufen am 11.08.2026. University of Southampton: Simple procedure using a nasal balloon can help treat hearing loss in children – Ergebnisse der randomisierten Studie von Williamson et al., veröffentlicht im CMAJ, 2015. Abgerufen am 11.08.2026.