Gesundheit > KinderkrankheitenWilde Blattern: Warum die Windpocken-Impfung dein Kind gleich doppelt schützt Anina Peter Viele Eltern halten die wilden Blattern für harmlos. Eine Impfung ziehen sie darum gar nicht erst in Betracht. Dabei geht es bei der Windpocken-Impfung nicht nur um den Schutz vor den juckenden Bläschen auf der Haut. Ebenso wichtig ist: Wer Windpocken durchmacht, trägt das Varizella-Zoster-Virus oft lebenslang in sich – und kann Jahre oder Jahrzehnte später Herpes Zoster (Gürtelrose) entwickeln. Genau diese Langzeitperspektive ist ein zentraler Grund, warum die Varizellenimpfung in der Schweiz seit 2023 als Basisimpfung empfohlen wird: zwei Dosen im Alter von 9 und 12 Monaten. Hier erfährst du, was das für deine Familie bedeutet – praktisch, verständlich und wissenschaftlich fundiert. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die wilden Blattern muss man einfach durchmachen? Nein, es gibt eine Impfung gegen die Kinderkrankheit. © GettyImages Plus, Petko Ninov Das Wichtigste zur Windpocken-Impfung bei Kindern Neu im Schweizer Impfplan ist seit diesem Jahr die Windpocken-Impfung: Die Impfung gegen wilde Blattern wird für alle Kinder ab neun Monaten empfohlen. Zur aktuellen Empfehlung der Bundesamts für Gesundheit. Die Schweiz ist mit dieser Empfehlung spät dran: In den meisten europäischen Ländern wird die Impfung schon seit Jahren empfohlen. Der Grund für die Empfehlung: Eine durchgemachte Windpockeninfektion kann später Gürtelrose auslösen. Der sogenannte Herpes Zoster kann schwerwiegende Folgen haben. Die Impfung schützt nicht nur vor den wilden Blattern, sondern kann auch das Risiko für spätere Zoster-Erkrankungen senken. Was die Infektionen miteinander zu tun haben. Der Lebendimpfstoff wird in zwei Dosen verabreicht. Im Normalfall im 9. und 12. Lebensmonat. Empfohlen wird eine Kombination mit der Masern, Mumps, Röteln Impfung, die zu diesem Zeitpunkt gemacht wird. Die Impfung kann aber auch problemlos zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Nebenwirkungen sind selten. Mehr dazu. «Wollt ihr euer Kind auch gleich gegen wilden Blattern impfen?», fragte uns die Kinderärztin, als wir den Termin für die empfohlene Masern, Mumps, Röteln-Impfung besprachen. Wir schauten sie erstaunt an. Wir hatten zuvor noch nie von der Möglichkeit gehört. Wie wir später herausfanden, geht es auch vielen anderen Eltern so. Und manche fragen sich: «Muss man Windpocken nicht einfach mal durchmachen?» Genau hier lohnt sich ein genauer Blick: Windpocken sind oft mild – aber nicht immer. Und selbst nach einem «harmlosen» Verlauf kann das Virus später wieder aktiv werden. Wer die wilden Blattern für harmlos hält, weiss nicht, welche Folgen sie haben können. Sandra Burri, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Vorstand Kinderärzte Schweiz Windpocken (Varizellen) – kurz erklärt Windpocken (Varizellen) werden durch das Varizella-Zoster-Virus ausgelöst. Typisch sind Fieber und ein stark juckender Ausschlag mit Bläschen. Viele Kinder kommen gut durch die Erkrankung – trotzdem ist «harmlos» nicht gleich «risikofrei». Warum Windpocken mehr als «Kinderkrankheit» sind Komplikationen können auch bei zuvor gesunden Kindern auftreten. Dazu gehören zum Beispiel bakterielle Hautinfektionen durch Aufkratzen, Entzündungen der Lunge oder – selten – neurologische Komplikationen. Besonders sorgfältig muss man hinschauen, wenn in der Familie oder im Umfeld Personen mit erhöhtem Risiko leben, etwa Säuglinge, Schwangere oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem. In solchen Situationen zählt nicht nur der Schutz «für mein Kind», sondern auch der Schutz vulnerabler Personen im Alltag. Kinderärztin Sandra Burri schüttelt bei der Aussage «einfach durchmachen» den Kopf. «Wer so denkt, hat die Impfung nicht verstanden», sagt das Vorstandsmitglied von Kinderärzte Schweiz. «Eine Varizellen-Infektion bedeutet mehr als einfach ein paar rote Punkte auf der Haut!» Wer die wilden Blattern hatte, kann nämlich später plötzlich an einer weitaus gefährlicheren Krankheit leiden. Und genau davor soll die Impfung schützen. Sandra Burri ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin (Pädiatrie). Sie hat mehrere Jahre in verschiedenen Spitälern und Kliniken gearbeitet. Heute hat sie ihre eigene Praxis in Bern. Daneben ist sie im Vorstand von Kinderärzte Schweiz tätig sowie im Verein der Berner-Haus- und Kinderärzte (VBHK). Soll man sein Kind gegen Windpocken impfen? «Ja, impf dein Kind gegen Windpocken», empfiehlt Burri den Eltern, die sie in ihrer Praxis behandelt. Die Impfung schützt nicht nur vor Windpocken und möglichen Komplikationen der Erkrankung, sondern kann auch das Risiko für spätere Erkrankungen durch Varizella-Zoster (insbesondere Herpes Zoster) senken. Genau darum ist die Windpockenimpfung im Babyalter sinnvoll. Wichtig ist eine realistische Erwartung: Keine Impfung bietet einen Schutz «für alle Fälle». Ziel ist, die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung deutlich zu senken und vor allem schwere Verläufe und Komplikationen möglichst zu verhindern. Diese Nutzen-Risiko-Abwägung ist auch der Kern, warum die Empfehlung in der Schweiz angepasst wurde. Bei uns fehlte eine solche Empfehlung bis 2023. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stufte – anders als viele unserer Nachbarländer – eine Windpockeninfektion lange als meist harmlos ein. Seit 2023 gilt: Die Impfung wird als Basisimpfung für alle Kinder empfohlen. Windpocken-Impfung in der Schweiz: Was gilt aktuell? Basisimpfung (9 und 12 Monate) Das Bundesamt für Gesundheit hat per 2023 den Impfplan angepasst. «Windpocken verlaufen bei gesunden Kindern zwar meist harmlos, aber später im Leben kann dies zu Gürtelrose führen. Ab 2023 wird die kombinierte MMRV-Impfung darum für alle Kinder im Alter von 9 und 12 Monaten empfohlen», lautet die aktuelle Empfehlung. Eine Nachholimpfung wird im Alter von 13 Monaten bis 39 Jahren empfohlen. In der Praxis bedeutet das für dich meist: zwei Impfungen rund um den Zeitpunkt, an dem ohnehin die MMR-Impfung geplant ist. Kinderärzt:innen kombinieren Varizellen häufig als MMRV (Masern, Mumps, Röteln, Varizellen). Ob Kombinationsimpfstoff oder getrennte Impfstoffe sinnvoll sind, klärst du am besten individuell in der Praxis – zum Beispiel, wenn dein Kind bereits Impfungen nachholen muss oder es medizinische Besonderheiten gibt. Das kostet die Windpockenimpfung in der Schweiz Mit der offiziellen Impfempfehlung werden die Kosten ab sofort von der Obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Grundversicherung) übernommen. Die Kostenübernahme bezieht sich auf die empfohlene Basisimpfung und die Nachholimpfung. Ab wann Kinder gegen Windpocken geimpft werden Die Impfung wird im Normalfall im ersten Lebensjahr mit neun und zwölf Monaten gemacht. Die Varizellenimpfung wird in den meisten Fällen kombiniert mit der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Der Lebendimpfstoff wird in zwei Dosen verabreicht. Ihr habt diesen Termin verpasst, wollt euer Kind aber gerne impfen? Kein Problem. «Die Varizellenimpfung kann bei älteren Kindern problemlos nachgeholt werden», sagt Burri. In diesem Fall werden die beiden Dosen einfach im Abstand von vier Wochen verabreicht. Nachholimpfung: Was gilt bei älteren Kindern und Jugendlichen? Wenn dein Kind älter ist und weder eine dokumentierte Varizellenimpfung noch eine sicher durchgemachte Windpocken-Erkrankung hat, ist eine Nachholimpfung gemäss BAG-Empfehlung möglich. Wichtig ist dabei vor allem die saubere Dokumentation im Impfbüchlein. Ob eine Blutuntersuchung (Serologie) sinnvoll ist, wird in der Regel nur in bestimmten Situationen diskutiert – zum Beispiel, wenn die Vorgeschichte unklar ist und eine Impfung aus medizinischen Gründen sorgfältig geplant werden muss. Für die meisten Familien ist der nächste Schritt ganz praktisch: Impfstatus gemeinsam mit der Kinderärzt:in anschauen und das passende Schema festlegen. Nebenwirkungen und Sicherheit: Was ist normal, wann solltest du abklären? Die häufigsten Nebenwirkungen der Windpocken-Impfung Laut Infovac sind Nebenwirkungen bei einer Windpocken-Impfung selten. Die Impfung wird in der Regel gut vertragen, schreibt auch das BAG. Dein Kind kann an Rötungen oder Schmerzen an der Einstichstelle leiden. Bei etwa 15% der Patient:innen trat 7 bis 21 Tage nach der Impfung kurzzeitig Fieber auf und bei etwa 4% entwickelten sich ein leichter windpockenartiger Ausschlag mit weniger als zehn Bläschen. Wann du dich besser melden solltest Kontaktiere eure Kinderärzt:in, wenn dich etwas beunruhigt oder wenn dein Kind ungewöhnlich krank wirkt. Eine zeitnahe Abklärung ist besonders wichtig bei sehr hohem Fieber, deutlicher Verschlechterung des Allgemeinzustands, Atemproblemen, anhaltendem schrillem Schreien, Zeichen einer starken allergischen Reaktion (z.B. Schwellung im Gesicht, Atemnot) oder wenn ein Ausschlag sich rasch ausbreitet und das Kind stark beeinträchtigt ist. Im Notfall gilt in der Schweiz: 144. «Doppelter Schutz» – korrekt erklärt 1) Windpocken verhindern und Komplikationen reduzieren Der erste Schutz ist naheliegend: Die Impfung senkt das Risiko, überhaupt an Windpocken zu erkranken. Und wenn es trotz Impfung zu einer sogenannten Durchbruchsinfektion kommt, verläuft sie im Durchschnitt milder – mit weniger Bläschen, weniger Fieber und einem geringeren Risiko für Komplikationen. Das ist im Familienalltag oft entscheidend: weniger Leidensdruck für dein Kind, weniger Folgetermine und weniger Risiko, dass sich der Ausschlag infiziert. 2) Langzeitfolgen im Blick: Herpes Zoster (Gürtelrose) Der zweite Schutz betrifft die Zukunft. Windpocken und Gürtelrose haben denselben Erreger: das Varizella-Zoster-Virus. Nach einer natürlichen Windpockeninfektion «schläft» das Virus häufig in Nervenzellen und kann später wieder aktiv werden. Die Impfung kann dieses Risiko reduzieren, weil sie eine Infektion mit dem Wildvirus verhindert. Wichtig ist aber eine sorgfältige Formulierung: Eine Impfung ist keine Garantie, dass später nie Gürtelrose auftritt. Sie kann das Risiko senken – und sie verhindert, dass dein Kind die typischen Windpocken durchmachen muss. Windpocken-Impfung: Herpes Zoster nach wilden Blattern Was haben die wilden Blattern nun aber mit Herpes Zoster zu tun? Ganz einfach: Die wilden Blattern werden durch das Varizella-Zoster-Virus ausgelöst. «Dieses bleibt nach einer Infektion im Körper, in den Zellen unseres Nervensystems», erklärt Sandra Burri. Das Virus kann dort sehr viele Jahre überleben – und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aktiv werden. Bei Personen mit einem geschwächten Immunsystem, bei Stress und auch im Alter können die Viren dann Gürtelrose (Herpes Zoster) auslösen. Windpocken-Impfung bietet Schutz vor Gürtelrose Herpes Zoster kann unter Umständen gefährlich und sehr schmerzhaft werden. «Gürtelrose kann schwerwiegende Folgen haben», sagt Burri und warnt vor dauerhaften Schäden an den Augen oder im Ohrenbereich und lange anhaltenden Nervenschmerzen. Wer gegen wilde Blattern geimpft wurde, hatte das Virus zwar auch «gesehen». Aber: Im Vergleich zur natürlichen Infektion ist das Risiko für schwere Verläufe deutlich reduziert, und eine spätere Reaktivierung ist nach aktuellem Wissensstand seltener. Für Eltern ist vor allem eines wichtig: Die Entscheidung betrifft nicht nur die nächste Kita-Welle, sondern auch eine mögliche Erkrankung im Erwachsenenalter. Wenn in Kita oder Schule Windpocken herumgehen: Was du konkret tun kannst Wenn ein Fall in der Kita, Spielgruppe oder Schule auftaucht, tauchen oft dieselben Fragen auf: «Ist mein Kind geschützt? Dürfen wir noch hin? Was ist mit dem Baby zu Hause?» Impfstatus prüfen: Schau ins Impfbüchlein. Hat dein Kind bereits 2 Dosen erhalten, ist es in der Regel gut geschützt. Ungeimpft und keine durchgemachte Erkrankung: Melde dich bei eurer Kinderärzt:in. Je nach Alter und Situation kann eine rasche Nachholimpfung sinnvoll sein. Vulnerable Personen schützen: Wenn zu Hause ein Neugeborenes lebt, jemand schwanger ist oder eine Person mit Immunschwäche, sprich frühzeitig mit der Ärzt:in. Hier geht es oft um individuelle Schutzmassnahmen. Bei Symptomen zu Hause bleiben: Wenn dein Kind Fieber hat oder ein typischer Ausschlag beginnt, bleibt es zu Hause und ihr klärt das weitere Vorgehen ärztlich. Wer die wilden Blattern hatte, soll sich gegen Herpes Zoster impfen Das BAG empfiehlt seit 2022 allen gesunden Personen ab 65 Jahren, die nicht gegen wilde Blattern geimpft wurden, sich gegen Herpes Zoster zu impfen. Personen mit Immundefizienz sollen sich bereits ab 50 Jahren, mit schwerer Immundefizienz bereits ab 18 Jahren impfen lassen. Zur Empfehlung.