Gesundheit > Psychische GesundheitÜbergewichtige Kinder: Wann ist es Zeit zu handeln – und warum eine Diät nicht hilft Jan Schlatter Wenn ein Kind zu viel wiegt, geht es nicht um die Figur, sondern um die Gesundheit. In der Schweiz waren 2023 rund 12 Prozent der 6- bis 12-Jährigen übergewichtig, knapp 3 Prozent adipös.[1] Aber wann ist mein Kind wirklich zu dick? Und was hilft, wenn eine Diät der falsche Weg ist? Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die Zahl auf der Waage sagt bei Kindern wenig aus. Der BMI wird immer im Verhältnis zu Alter und Geschlecht beurteilt.[2] Bild: Maya23K, Getty Images Simon ist zehn Jahre alt und übergewichtig. Von seinen Mitschülern wird er «der Dicke» genannt, was ihn sehr verletzt. Abzunehmen hat er schon oft versucht. Seine Methoden haben bisher nicht funktioniert. Er leidet immer mehr unter seinem Gewicht, wirkt traurig und zieht sich zurück. Simon ist kein Einzelfall. Übergewicht hängt bei Kindern auch mit der psychischen Gesundheit und der Lebensqualität zusammen[1] – und genau diese Seite übersehen Ratschläge rund ums Abnehmen gerne. Übergewicht bei Kindern und seine Ursachen Das Bundesamt für Gesundheit erhebt die Zahlen im Monitoringsystem Sucht und NCD. Im Jahr 2023 lag der Anteil der übergewichtigen Kinder zwischen 6 und 12 Jahren bei 11,9 Prozent, jener der adipösen bei 2,7 Prozent. Relevante Unterschiede nach Alter oder Geschlecht gab es keine, und über die Jahre blieben die Anteile relativ stabil.[1] Von einer Epidemie, die Jahr für Jahr weiter wächst, kann in der Schweiz also nicht die Rede sein. Auf der einfachsten Ebene entsteht Übergewicht aus einem längeren Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch. Die Faktoren, die auf dieses Gleichgewicht einwirken, sind allerdings komplex. Der Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugendalter (akj) beschreibt Adipositas als multifaktorielle, chronische Erkrankung, deren Entstehung von Wechselwirkungen zwischen Genetik, Umwelteinflüssen und Lebensumständen abhängt.[3] Neben Ernährung und Bewegung zählen auch Stress, Schlafmangel, Medikamente, der Hormonhaushalt und das Mikrobiom dazu.[1] Liegt Übergewicht in der Familie? Teilweise ja – aber anders, als der alte Spruch von den dicken Eltern und den dicken Kindern nahelegt. Genetische Veranlagung ist einer von mehreren Faktoren, nicht der einzige und nicht der entscheidende.[1] Dazu kommt der Alltag, den eine Familie gemeinsam lebt: Wann und wo gegessen wird, wie viel Zeit vor Bildschirmen vergeht, ob am Wochenende jemand mit nach draussen geht. Genau deshalb setzt die Behandlung nicht beim Kind allein an. Zu den Zielen der Adipositastherapie gehören die nachhaltige Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten und des Essverhaltens in der Familie, die Förderung des Selbstwertgefühls und die Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern. Eine stabile Abnahme von BMI, Taillenumfang oder Fettmasse gilt dabei ausdrücklich als Begleiteffekt dieser Veränderungen – nicht als deren Zweck.[3] Adipositas: Wann ist mein Kind zu dick? Am Augenschein lässt sich das nicht entscheiden. Der Body-Mass-Index setzt das Gewicht ins Verhältnis zur Körpergrösse: Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergrösse in Metern zum Quadrat.[1] Feste Grenzwerte wie bei Erwachsenen gibt es bei Kindern aber nicht. Der Wert muss immer gegen alters- und geschlechtsabhängige Kurven gelesen werden, weil sich Körperbau und Fettanteil im Wachstum ständig verändern. Seit dem 15. Juni 2026 empfiehlt pädiatrie schweiz dafür neue nationale Wachstumskurven. Sie beruhen auf Daten von über 43'000 Kindern und Jugendlichen aus allen Sprachregionen der Schweiz. Neu werden die Grenzen ab dem 2. Geburtstag über sogenannte Äquivalenzkurven definiert: Die Kurve für Übergewicht erreicht am 18. Geburtstag einen BMI von 25, jene für Adipositas einen BMI von 30.[2] In welchem Bereich dein Kind liegt, erklärt unser Beitrag zum BMI für Kinder. Einordnen kann den Wert aber nur die Kinderärztin, weil sie die Kurve über die Jahre mitverfolgt. Wenn dein Kind sich ausgewogen ernährt, sich genügend bewegt und der BMI trotzdem über der Kurve liegt, gehört das abgeklärt. Dahinter können hormonelle Ursachen oder Medikamente stecken.[1] Anzeige Übergewichtige Kinder: Folgen Viele Eltern wollen ihrem Kind eine unbeschwerte Kindheit ohne Kalorienzählen ermöglichen. Das ist ein guter Reflex. Kinder müssen weder gertenschlank sein noch auf Pizza verzichten. Problematisch wird es erst, wenn die Gesundheit darunter leidet. Übergewicht und vor allem Adipositas zählen zu den Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2, einige Krebsformen und Erkrankungen des Bewegungsapparats. Dazu kommt der Zusammenhang mit psychischer Gesundheit und Lebensqualität. Und für adipöse Kinder gilt: Sie sind auch als Erwachsene häufiger übergewichtig oder adipös.[1] Die seelische Belastung beginnt oft früher als die körperliche. Hänseleien in der Schule, Rückzug, ein angeschlagenes Selbstwertgefühl – und in manchen Fällen ein Essverhalten, das aus dem Ruder läuft. Wenn dein Kind heimlich isst oder grosse Mengen in kurzer Zeit verschlingt, lohnt sich ein Blick auf das Thema Binge Eating bei Kindern. Wann zur Ärztin – und wer die Behandlung bezahlt Die erste Anlaufstelle ist die Kinderärztin oder der Hausarzt, auch die Schulärztin kommt infrage. Seit 2014 ermöglicht die Krankenpflege-Leistungsverordnung eine umfassende Betreuung: Jede Kinder- und Hausarztpraxis darf Kinder mit einem BMI unter 30 kg/m² selbst behandeln und dazu Ernährungsberatung und Physiotherapie verordnen.[4] Der empfohlene Ablauf sieht zuerst sechs Monate multiprofessionelle strukturierte Individualtherapie vor, mit bis zu sechs Ernährungsberatungen und zwei Physiotherapien. Nehmen BMI oder Begleiterkrankungen danach weiter zu, wird das Kind an ein multiprofessionelles Gruppenprogramm oder an eine Adipositasspezialistin für Kinder und Jugendliche überwiesen. Die Kosten beider Wege übernehmen die Krankenkassen.[4] Wichtig ist der lange Atem. Die Fachempfehlungen rechnen mit einer anfangs intensiveren Behandlung von mindestens sechs Monaten und einem ganzen Jahr inklusive Nachbetreuung.[3] Welche Angebote es in deiner Region gibt, findest du im Angebotsverzeichnis des Fachverbands akj.[5] Statt Diät: So unterstützt du dein Kind im Alltag Eine Diät im klassischen Sinn ist bei Kindern kein geeignetes Mittel – das sagt auch die Ernährungsberaterin Beatrice Conrad Frey im Interview «Eine Diät ist keine Option». Die Fachempfehlungen begründen das mit dem Risiko: Rigide Kontrolle und blosses Kalorienüberwachen sollen der flexiblen Selbstkontrolle weichen, unter anderem um Nebenwirkungen wie Essstörungen zu vermeiden.[3] Freude an Bewegung und am Essen ist dabei kein Beiwerk: Psychisches Wohlbefinden geht mit deutlich besseren Behandlungsergebnissen einher.[3] Ernährung: Zieht als Familie an einem Strang Kinder verstehen schlecht, weshalb sie verzichten sollen, während die Geschwister Süssgetränke trinken und Glacé schlecken. Setz deinem Kind deshalb nicht Salat vor, während für den Rest der Familie Pasta Bolognese auf den Tisch kommt. Koch lieber für alle ausgewogener. Kleinere Teller helfen, und wer erst nach zehn Minuten nachschöpft, gibt dem Sättigungsgefühl Zeit. Den Kochtopf lässt du besser in der Küche. Dass die ganze Familie ihre Gewohnheiten ändert, ist kein netter Zusatz, sondern erklärtes Therapieziel.[3] Kinder sollen schwitzen Kinder brauchen Bewegung und Sport, um fit zu bleiben. Du musst dein Kind dafür nicht gleich in einen Fussball- oder Gymnastikverein schicken. Auch unorganisiertes Spielen an der frischen Luft wirkt. Spazieren, Radfahren, Trampolin springen, Herumtollen, die Nachbarschaft durchstreifen: Wenn Kinder dabei ins Schwitzen kommen, haben sie viel für ihre Gesundheit getan. Feste Bildschirmzeiten statt Dauerberieselung Fernsehen ist ein guter Zeitvertreib, wird aber passiv konsumiert. Dasselbe gilt für Computerspiele und Konsolen. Dein Kind muss nicht auf seine Lieblingssendungen verzichten. Feste Fernseh- und Bildschirmzeiten sind trotzdem sinnvoll – nicht zuletzt, weil auch Schlafmangel als Entstehungsfaktor gilt.[1] Koch frisch und saisonal In Fertigprodukten stecken oft Zutaten, die dein Kind nicht braucht. Wenn du selbst kochst, weisst du, was in den Topf kommt. Lass die Kinder mithelfen. Servier bunt und ansprechend, so schmeckt auch Gesundes. Als Getränk eignet sich Wasser. Wie viel Kinder trinken sollten, hängt von Alter und Bewegung ab. Tipp: Keine Mahlzeit auslassen Kinder brauchen Energie für den Alltag. Lass deshalb keine Mahlzeit ausfallen, auch das Frühstück nicht. Am Abend darf es dafür etwas Leichteres sein. Regelmässige Mahlzeiten sind auch deshalb sinnvoll, weil starre Verbote und Auslassen Heisshunger fördern. Bei all diesen Punkten gilt: Arbeite mit deinem Kind zusammen, nicht gegen es. Gib ihm nie das Gefühl, wegen seines Gewichts weniger wert zu sein. Steck die Ziele anfangs nicht zu hoch und lob dein Kind für sein Durchhaltevermögen. Wie stark Eltern eingebunden werden, richtet sich nach dem Alter: Bei kleineren Kindern umfassend, bei Jugendlichen nach ihrem Reifegrad und ihren eigenen Wünschen.[3] Übergewicht bei Kindern: Übertreib es nicht Bei der Ernährung von Kindern ist Vorsorge besser als Nachsorge. Brich nicht in Panik aus, wenn dein Kind noch etwas Babyspeck hat. Wichtiger ist, dass du dir früh Gedanken über eine gesunde Ernährung für die ganze Familie machst. Und der Druck von aussen bleibt ein Thema, gerade wenn Kinder älter werden. Wie du deinen Teenager durch Diättrends und Fragen zum Körperbild begleitest, liest du separat. Kinder müssen weder Models noch Puppen sein. Solange sie sich wohlfühlen und kein Gesundheitsrisiko besteht, sind ein paar Rundungen kein Grund zur Sorge. Quellen Bundesamt für Gesundheit (BAG), Monitoringsystem Sucht und NCD (MonAM): Übergewicht und Adipositas (Alter: 6–12). Abgerufen am 21.08.2026. Pädiatrie Schweiz / Fachverband akj: Neue Wachstumskurven und Definitionen von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz (PDF, Juni 2026). Abgerufen am 21.08.2026. Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugendalter (akj): Grundregeln für die Praxis der interdisziplinären Adipositasbehandlung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz (PDF, März 2017, überarbeitet April 2024). Abgerufen am 21.08.2026. Fachverband akj: Therapie – konservative Behandlung von Kinder-Adipositas. Abgerufen am 21.08.2026. Fachverband akj: Angebote für Familien nach Region. Abgerufen am 21.08.2026.