Gesundheit > Psychische GesundheitKinder psychisch kranker Eltern brauchen gezielte Unterstützung – von Grosseltern, Paten und Fachstellen Sigrid Schulze Wenn Eltern eine Depression oder eine Angststörung haben, leiden auch die Kinder. Wie Eltern, Grosseltern und Paten Kinder psychisch kranker Eltern auffangen können, weiss die Fachpsychologin für Psychotherapie, Joëlle Gut - Lützelschwab aus Biel. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Kinder psychisch kranker Eltern dürfen nicht alleine gelassen werden. Foto: djedzura, iStock, Thinkstock Hier bekommst du sofort Hilfe Kinder und Jugendliche: Pro Juventute, Telefon 147 – rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich. Der Anruf erscheint nicht auf der Telefonrechnung [5]. Erwachsene: Die Dargebotene Hand, Telefon 143 – rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr. Die Beratung ist kostenlos, je nach Telefonanbieterin können aber Gebühren anfallen [6]. Beratung genau zu diesem Thema: Das Institut Kinderseele Schweiz berät Kinder, Jugendliche, Eltern und Angehörige kostenlos – telefonisch unter 052 208 10 10, per E-Mail, anonym online oder vor Ort in Winterthur und Männedorf [3]. In einem psychiatrischen Notfall wendest du dich an die behandelnde Ärztin, an deine Hausärztin oder deinen Hausarzt, an den psychiatrischen Notfalldienst deiner Region oder an ein Kriseninterventionszentrum [3]. Wann aus einer Krise eine Erkrankung wird Rund jede zweite Person erkrankt irgendwann im Leben an einer psychischen Störung [1]. Wie lässt sich unterscheiden, ob psychische Probleme noch normal sind oder ob eine ernsthafte Erkrankung wie eine Depression oder eine Angststörung vorliegt? Joëlle Gut - Lützelschwab: Eine psychische Störung führt zu subjektivem Leiden oder zu Einschränkungen im Leben, zum Beispiel in sozialen Beziehungen oder beruflicher Leistungsfähigkeit. Kurz zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine psychische Störung dann vorliegt, wenn der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann. Die Kinder werden zum Beispiel nicht in die Schule geschickt, Post bleibt unbeantwortet liegen. Psychisch krank ist ein Mensch auch dann, wenn er sich selber oder sein Umfeld gefährdet, weil er sich zum Beispiel völlig unterernährt oder sich das Leben nehmen möchte. Welche Folgen die Krankheit für die Kinder hat Oftmals haben die erkrankten Menschen Kinder, um die sie sich kümmern müssen. Welche Folgen kann die psychische Erkrankung eines Elternteils auf die Kinder haben? Kinder psychisch kranker Eltern sind grundsätzlich für psychische Krankheiten anfälliger als andere. Zum einen sind sie einem höheren Risiko ausgesetzt, vom erkrankten Elternteil vernachlässigt oder körperlich und/oder psychisch misshandelt zu werden. Zum anderen haben viele psychische Krankheiten eine genetische Komponente. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst psychisch erkranken, liegt Vermutungen von Experten zufolge zwei bis sogar drei Mal höher als bei Kindern psychisch gesunder Eltern. Oft fühlen sich die betroffenen Kinder schuldig, sie glauben, für die Erkrankung der Mutter oder des Vaters verantwortlich zu sein. Andere leiden unter der emotionalen Unerreichbarkeit des psychisch kranken Elternteils. Ergänzung der Redaktion: Die Fachgesellschaft pädiatrie schweiz beziffert das Risiko heute höher als im Interview von 2016 angenommen. Nach verschiedenen Studien ist die Wahrscheinlichkeit, selbst eine psychische Störung zu entwickeln, um den Faktor drei bis sieben erhöht; bei einer Depression der Eltern um das Zwei- bis Sechsfache [2]. Betroffen sind weltweit rund 15 bis 23 Prozent aller Kinder – auf die Schweiz übertragen etwa 300'000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren [2]. Erhöhtes Risiko heisst dabei nicht Vorbestimmung: Kinder können sich auch unter schwierigen Umständen gut entwickeln, wenn sie verlässliche Beziehungen und ein stabiles Umfeld haben. Wie sich diese Widerstandskraft stärken lässt, ist gut untersucht. Wenn Kinder die Rolle der Eltern übernehmen Wie verändert sich der Alltag für Kinder psychisch kranker Eltern? Einkauf erledigen, zu jüngeren Kindern schauen, kochen – in den meisten Fällen übernehmen die Kinder nach und nach diese täglichen Aufgaben und teils sogar die Rolle des erkrankten Elternteils, da niemand sonst sich dafür verantwortlich fühlt. Im Fachjargon heisst das «Parentifizierung». Ergänzung der Redaktion: Wie verbreitet das ist, zeigt eine repräsentative Schweizer Erhebung aus dem Jahr 2017: 7,9 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren übernehmen regelmässig und massgeblich Verantwortung für die Betreuung oder Pflege einer nahestehenden Person [2]. International werden sie als «Young Carers» bezeichnet. Was betroffene Kinder besonders belastet Unter welchen konkreten Alltagssituationen leiden Kinder psychisch kranker Eltern besonders? In der Therapie hören wir oft, was Kinder psychisch kranker Eltern besonders belastet. Sie fühlen sich isoliert, wenn sie im Kindergarten nie einen Znüni dabei haben oder keine Freunde mit nach Hause nehmen dürfen, weil sie dem psychisch erkrankten Elternteil zu viel sind. Tatsächlich ist soziale Isolation neben Beziehungsproblemen, Scheidung, Arbeitslosigkeit und Geldnot eine häufige Folge der psychischen Erkrankung [2]. Das Schwierigste ist, dass der Alltag so unberechenbar ist. Das Kind weiss nie, wie es dem erkrankten Elternteil geht. Es hofft beim Aufwachen stets, dass dieser Tag ein sogenannter «guter Tag» ist, an dem die Mutter oder der Vater gute Laune hat und sich zuverlässig um seine Bedürfnisse kümmern kann. Was Kinder psychisch kranker Eltern brauchen Was brauchen Kinder psychisch kranker Eltern besonders? Kinder, die in so schwierigen Umständen aufwachsen, brauchen – neben dem psychisch erkrankten Elternteil – eine Betreuungs- oder Bezugsperson, die Stabilität verkörpert. So haben sie jemanden, mit dem sie Ängste, Schuldgefühle und Unsicherheiten besprechen können. Das kann zum Beispiel der Elternteil sein, der nicht erkrankt ist. Was der gesunde Elternteil tun kann Was kann der gesunde Elternteil für das Kind tun? Vor allem ist es wichtig, für das Kind einfach da zu sein, ihm Verlässlichkeit und Sicherheit zu bieten und seine Fragen zur Krankheit zu beantworten. Das Kind sollte wissen, welche Krankheit Mami oder Papi hat, weshalb sie bzw. er anders als früher reagiert. Vor allem sollte dem Kind klar werden, dass es selbst in keinem Zusammenhang mit der Krankheit steht! Es wäre gut, wenn der nichtbetroffene Elternteil einen grösseren Anteil der Betreuung übernehmen würde. So könnte er beobachten, ob das Kind sich zurückzieht, Schlafstörungen hat oder zu Wutausbrüchen neigt. All das können Indizien für einen seelischen Schmerz oder einen Hilferuf sein, die einen Besuch beim Kinderpsychologen sinnvoll machen. Ergänzung der Redaktion: Dass Kinder über die Erkrankung Bescheid wissen, ist kein Nebenschauplatz. Kinder und Jugendliche wollen und sollen ihrem Alter und ihrem Wissensstand entsprechend informiert werden – jüngere Kinder wünschen sich diese Informationen meist vom betroffenen Elternteil, Jugendliche eher von einer Fachperson. Tatsächlich erhalten betroffene Familien solche Informationen weder während eines Klinikaufenthalts noch danach zuverlässig [2]. Wer unsicher ist, wie er das Gespräch führt, kann sich bei einer Beratungsstelle Unterstützung holen – auch dafür ist das Institut Kinderseele Schweiz da [3]. Wie Paten und Grosseltern entlasten Wie können andere Menschen im Umfeld, zum Beispiel Paten, helfen? Sie können viel Zeit mit dem Kind verbringen, es aus dem Umfeld rausholen, um bei sich zu Hause einen Nachmittag lang zu spielen oder gemeinsam Ferien zu machen. Sie können auch ein offenes Ohr für das Kind haben und sich nach Möglichkeit an der Betreuung und der Haushaltung beteiligen. Ergänzung der Redaktion: Solche Patenschaften gibt es in mehreren Schweizer Städten und Kantonen als organisiertes Angebot, etwa in Basel und in Winterthur; in der Region Winterthur besteht zusätzlich eine SOS-Kinderbetreuung für betroffene Familien [2]. Was erkrankte Eltern selbst tun können Gibt es etwas, was die Mutter oder der Vater trotz ihrer Depression oder Angstzustände selbst tun können, um ihren Kindern die Situation zu erleichtern? Wenn ein Elternteil merkt, dass es ihm nicht gut geht, sollte er sich möglichst bald Hilfe holen. Nicht selten ist der Hausarzt erster Ansprechpartner. Immer öfter melden sich betroffenen Eltern aber auch direkt in der Psychotherapeutischen Praxis. Wenn die psychischen Symptome noch nicht über Monate andauern, lässt sich aus einer Mischung verschiedener Therapien und Lösungsansätze wie Psychotherapie, manchmal Medikamenten und häuslicher Entlastung die Situation effektiv verbessern. Ergänzung der Redaktion: Eine besondere Situation ist die Zeit nach einer Geburt. Eine postnatale Depression betrifft rund 15 Prozent der Mütter und etwa 10 Prozent der Väter [2]. Auch hier gilt: je früher Hilfe geholt wird, desto besser für alle in der Familie. Wann Kinder fachliche Hilfe brauchen Brauchen Kinder auch fachkundige Hilfe? Ja, das kann notwendig sein. Je nach Erkrankungsgrad und Krankheitsverlauf muss das Kind nicht nur in einem ambulanten Setting betreut, sondern sogar umplatziert werden, also in einer anderen Familie oder Einrichtung untergebracht werden. Ergänzung der Redaktion: Viele Eltern fürchten genau das und meiden deshalb den Kontakt zum Hilfssystem [2]. Eine Fremdplatzierung ist aber das letzte Mittel, nicht das erste. Wenn Eltern krankheitsbedingt nicht mehr alle Erziehungsaufgaben wahrnehmen können, lässt sich diese Verantwortung vorübergehend oder längerfristig, teilweise oder ganz an andere übertragen – zum Beispiel über eine Beistandschaft [2]. Wer sich ernsthaft Sorgen um das Wohl eines Kindes macht, kann sich an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde wenden; wie eine Meldung bei der KESB abläuft, erklären wir separat. Welche Institutionen betroffene Kinder auffangen Welche Institutionen fangen betroffene Kinder auf? Noch vor wenigen Jahren standen Kinder psychisch kranker Eltern noch wenig in der Aufmerksamkeit. Die Tatsache, dass das Zusammenleben mit einem psychisch erkrankten Elternteil ein beträchtliches Risiko für einen ungünstigen Entwicklungsverlauf des Kindes darstellt, rückte erst durch verschiedene Studien wie die Winterthurer Studie aus dem Jahr 2006 in den Fokus der Fachwelt [4]. Bestrebungen laufen, Beratungsstellen und Kliniken diesbezüglich zu sensibilisieren. Sind Kinder stark betroffen, wird versucht, sie bei bereits vorhandenen Bezugspersonen unterzubringen. Ansonsten sind je nach Situation sozialpädagogische Grossfamilien, Pflegefamilien oder eine andere Institution Anlaufstelle. Ergänzung der Redaktion: Diese Antwort beschreibt den Stand von Anfang 2016. Die erwähnte Winterthurer Studie war eine Prävalenzstudie, die 2006 von der Arbeitsgruppe Familienpsychiatrie der Integrierten Psychiatrie Winterthur und des Kantonsspitals Winterthur gemeinsam mit der ZHAW erarbeitet wurde. Sie stellte fest, dass Fachleute in sozialen, schulischen und psychiatrischen Institutionen für das Thema zu wenig sensibilisiert sind [4]. Aus ihr ging 2010 das Winterthurer Präventions- und Versorgungsprojekt wikip hervor, aus diesem 2014 die nationale Stiftung Institut Kinderseele Schweiz [4]. Die «Bestrebungen» von damals sind heute konkrete Angebote. Anlaufstellen in der Schweiz Inzwischen gibt es in der ganzen Schweiz Beratungs-, Behandlungs- und Unterstützungsangebote für Familien mit psychisch erkrankten Eltern [2]. Diese Wege stehen dir offen: Institut Kinderseele Schweiz: kostenlose Beratung für Kinder, Jugendliche, Eltern, Angehörige und Fachpersonen – telefonisch, per E-Mail, anonym über eine verschlüsselte Online-Beratung oder persönlich in Winterthur und Männedorf. Bei schriftlichen Anfragen kommt die Antwort innert dreier Arbeitstage; im Beratungsteam arbeiten Fachpersonen und Menschen, die selbst betroffen sind [3]. Pro Juventute 147 für Kinder und Jugendliche: rund um die Uhr, kostenlos, per Telefon, WhatsApp oder E-Mail [5]. Die Dargebotene Hand 143 für Erwachsene: rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr, dazu eine Chatberatung täglich von 10 bis 22 Uhr [6]. Sprechstunden für Angehörige und Kinder an mehreren psychiatrischen Kliniken für Erwachsene sowie Elterngruppen, unter anderem in Bern, Zürich und Winterthur. In der Westschweiz bieten unter anderem ZigZag Plus im Kanton Waadt, die Stiftung As'trame und Le Biceps in Genf Unterstützung für Kinder psychisch erkrankter Eltern an. Die Kinderarztpraxis ist ein guter erster Ort, um Belastungen anzusprechen: Die Vorsorgeuntersuchungen bieten Gelegenheit, über familiäre Belastungen zu sprechen und auf professionelle Hilfe hinzuweisen. Wichtig ist dabei der Grundsatz «no wrong door»: Betroffene Familien sollen sich an die Fachperson ihres Vertrauens wenden können und von dort weitervermittelt werden – es gibt keine falsche Tür [2]. Wie lange psychische Krankheiten dauern Wie lange dauern psychische Krankheiten in der Regel? Die Dauer der psychischen Erkrankung ist ganz unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab. So kommt es darauf an, um welche Störung es sich handelt und wie stark sie ausgeprägt ist. Eine Psychose zum Beispiel ist schwerer behandelbar als eine spezifische Angststörung. Ein wesentlicher Punkt ist auch, ob und zu welchem Zeitpunkt sich die Betroffenen Hilfe suchen. Bei nahezu allen psychischen Erkrankungen ist die Psychotherapie ein zentraler, in seiner Wirksamkeit gut belegter Behandlungsansatz. Je nach Art und Schwere einer psychischen Erkrankung kann zusätzlich eine Behandlung mit Arzneimitteln sinnvoll oder erforderlich sein. Zur Person: Joëlle Gut - Lützelschwab, geboren 1976, ist FSP Fachpsychologin für Psychotherapie, eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, dipl. Paartherapeutin und Familientherapeutin. Leiterin der privaten Praxis für systemische Therapie und Beratung mit Standorten in Bern, Biel und Solothurn. Neben der Privatpraxis, in der sie mit Paaren, Familien und Kindern arbeitet, ist sie Supervisorin für Kinder- und Jugendpsychotherapie. Weitere Informationen: www.psychotherapie-be.ch Die Angaben zur Person und alle Antworten im Interview geben den Stand von Januar 2016 wieder. Das Buch von Lihie Aimée Jacob und Katharina Tanner Buchtipp: ZiegenHundeKrähenMama Lotte und Pauls Mama ist immer traurig und liegt im Bett. Mal bellt sie wie ein Hund, mal krächzt sie wie eine Krähe. Da haben die Kinder eine Idee und wünschen sich Mamas Lieblingswetter. Plötzlich schneit es mitten im Sommer. Und noch ein Wunder geschieht: Die ZiegenHundeKrähenMama verwandelt sich zurück in die richtige Mama und singt mit Lotte und Paul das Ziegenlied. Dieses Buch lässt die Kinder sprechen. Eine psychisch belastete Mutter, die sich verwandeln kann und die Fantasie der beiden Geschwister stehen im Mittelpunkt der Geschichte. Das Buch ist im Orell Füssli Verlag erschienen. Quellen Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan): Lebenszeitprävalenzen psychischer Erkrankungen, Obsan Bulletin 5/2017 (PDF), abgerufen am 17.08.2026. pädiatrie schweiz: Kinder und Jugendliche aus Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil, abgerufen am 17.08.2026. Institut Kinderseele Schweiz: Wir beraten dich kostenlos, abgerufen am 17.08.2026. Institut Kinderseele Schweiz: Geschichte – von der Winterthurer Prävalenzstudie zu wikip, abgerufen am 17.08.2026. Pro Juventute: 147 – wir sind für dich da, abgerufen am 17.08.2026. Die Dargebotene Hand: Kontaktmöglichkeiten, Kosten und Erreichbarkeit, abgerufen am 17.08.2026.