Gesundheit > Psychische GesundheitSternenkinder: Wie Eltern Abschied nehmen, ihre Trauer verarbeiten und wo sie in der Schweiz Hilfe finden Sigrid Schulze Babys, die zur Welt kommen, ohne je ihren Platz darin einnehmen zu dürfen, werden liebevoll «Sternenkinder» genannt. Zu erfahren, dass das eigene Kind im Bauch nicht mehr lebt oder bei der Geburt verstirbt, erschüttert zutiefst. Um gemeinsam Abschied zu nehmen und Erinnerungen zu schaffen, können Eltern von Sternenkindern in der Schweiz verschiedene Hilfsangebote nutzen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken «Sternenkinder» werden sie liebevoll genannt: Babys, die nicht lebend zur Welt kommen. Bild: sdominick, Getty Images Die Vorfreude auf Kai war gross. Doch dann, in der 21. Schwangerschaftswoche, waren keine Herztöne mehr zu hören. Kai ist ein Kind, das nur ein kurzes Leben hatte. «Sternenkind» wird er genannt. In der Schweiz unterstützen verschiedene Hilfsgruppen und -organisationen Eltern dabei, ihre Trauer zu verarbeiten und zu teilen. Und auch, um in Ruhe Abschied vom Kind nehmen zu können, gibt es einige Angebote für Eltern. Sich von den eigenen Gefühlen leiten lassen Gerade weil der gemeinsame Weg so kurz ist, ist er umso bedeutsamer. Eltern dürfen sich Zeit mit ihrem verstorbenen Baby nehmen. «Bei diesem Prozess ist es wesentlich, sich von den eigenen Gefühlen leiten zu lassen», weiss Madlaina Zindel, Mitarbeiterin der «Fachstelle Kindsverlust». «Was kann ich aus der Fürsorge für meine Tochter, meinen Sohn noch machen? Was ist mir wichtig, mit dem Kind zu teilen?» So lasse sich die Beziehungsebene zum eigenen Kind stärken. «Die Beziehung wird das ganze Leben lang bleiben. Denn es wird immer das eigene Kind bleiben, auch wenn es gestorben ist.» Der Verein «Stärnechind» hat viele Ideen gesammelt, wie Eltern von Sternenkindern direkt nach der Geburt Abschied nehmen und den Verlust so besser begreifen können. So darfst du dein Kind unter anderem waschen, baden, in den Armen halten, streicheln, anziehen, messen und wiegen, fotografieren und segnen lassen. «All das sind Handlungen, die später zu einer liebevollen Erinnerung werden können und sichtbar machen, dass es dieses Kind gegeben hat», sagt die Hebamme Madlaina Zindel. Eine wertvolle Möglichkeit bestehe auch darin, das eigene Kind mit nach Hause zu nehmen. So lässt sich in der Geborgenheit und im Schutz des eigenen Heims zusammen mit dem verstorbenen Kind trauern. Aber damit ist es nicht getan: Abschied zu nehmen ist ein langer Prozess. Wie Eltern eine Fehlgeburt verarbeiten, ist so verschieden wie die Familien selbst. Tipps und Ideen, um Abschied zu nehmen und zu trauern ☆ Erinnerungsstücke: Spuren, die das Kind «fassbar» machen, können dabei helfen. Solche Spuren können zum Beispiel kleine Hand- und Fussabdrücke, ein besonders schönes Foto, ein Tagebuch, ein selbstbemalter Gedenkstein, Kleidungsstücke oder eine Haarsträhne des kleinen Menschen sein. ☆ Ein Name für eine kleine Persönlichkeit: Sternenkinder bekommen von ihren Eltern meistens einen Namen, der ihre Individualität und ihre Persönlichkeit herausstellt. Ob dieser Name auch amtlich festgehalten wird, hängt in der Schweiz von Geburtsgewicht und Schwangerschaftsdauer ab. Als Totgeborenes gilt ein Kind, das ohne Lebenszeichen zur Welt kommt und mindestens 500 Gramm wiegt oder ein Gestationsalter von mindestens 22 vollendeten Wochen erreicht hat [1]. Bei einem Totgeborenen können Familienname und Vornamen im Personenstandsregister erfasst werden, wenn die Eltern das wünschen [1] [2]. Liegt das Kind unter beiden Werten, spricht das Gesetz von einer Fehlgeburt: Sie wird nicht im Personenstandsregister beurkundet, doch das Zivilstandsamt stellt seit dem 1. Januar 2019 auf Antrag eine Bestätigung aus – auf Wunsch mit Vor- und Nachnamen des Kindes [1] [2]. Für Mutter und Vater kann es tröstend sein zu wissen, dass das kurze Leben ihres Sternenkindes amtlich festgehalten ist. ☆ Trauerfeier und Bestattung: Zum Abschiednehmen gehört für viele Eltern die Bestattung. Sie können ihr Kind kremieren lassen und die Urne mit nach Hause nehmen. Später lässt sich die Asche an einem persönlichen Ort verstreuen oder die Urne in einem Grabfeld beisetzen [3]. Eltern können sich aber auch für eine Erdbestattung entscheiden. Das Bestattungswesen ist in der Schweiz kantonal und kommunal geregelt: Meldepflichtige Kinder haben Anrecht auf dieselben Bestattungsarten wie ein älterer verstorbener Mensch, für nicht meldepflichtige Kinder gibt es kein Einzelgrab – sie können in besonderen Grabfeldern oder Gemeinschaftsgräbern für früh verstorbene Kinder beigesetzt oder ausserhalb eines Friedhofs bestattet werden [3]. In vielen Schweizer Städten und Gemeinden sind in den letzten Jahren solche Grabfelder und Gemeinschaftsgräber entstanden [3]. Ob deine Wohngemeinde eines führt, erfährst du bei der Gemeindeverwaltung, in der Geburts- oder Kinderklinik oder bei einem Bestattungsinstitut; die Fachstelle kindsverlust.ch fasst die Möglichkeiten zusammen [3]. Neben dem Abschied stellen sich rasch praktische Fragen – eine davon betrifft die Arbeit. Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung besteht, wenn das Kind lebensfähig geboren wird oder wenn die Schwangerschaft mindestens 23 Wochen gedauert hat [4]. Endet sie früher, besteht dieser Anspruch nicht; die Fachstelle kindsverlust.ch empfiehlt in diesem Fall, sich ärztlich krankschreiben zu lassen [2]. Was rund um eine Totgeburt und den Mutterschaftsurlaub sonst noch gilt, liest du in unserem Ratgeber dazu. Auch Geschwisterkinder trauern Geschwisterkinder haben je nach Alter verschiedene Vorstellungen vom Sterben und vom Tod und drücken ihre Gefühle individuell aus. «Es ist hilfreich und wertvoll, Geschwisterkinder von Beginn an ins Geschehen miteinzubeziehen und ehrlich mit ihnen zu sein», erklärt Madlaina Zindel. Wie du mit Kindern über den Tod sprichst, ohne sie zu überfordern, hängt stark vom Alter ab. Auch Geschwisterkinder könnten aktiv etwas tun, um ihre Gefühle und Trauer auszudrücken: zum Beispiel Kleider auswählen, den Sarg bemalen, oder ein Bild für das Sternenkind zeichnen. «Auch für Nachfolgekinder kann es wichtig und heilsam sein zu wissen, dass vor ihnen bereits ein Kind da war und sie ein älteres Geschwister haben, das nicht mehr hier ist.» Ein nächstes Kind nach dem Verlust Nach einer Fehlgeburt oder Totgeburt wieder schwanger zu sein, stellt betroffene Frauen und Paare vor neue Herausforderungen. Madlaina Zindel weiss: «Häufig wird die Schwangerschaft von vielen Fragen und Gefühlen der Unsicherheit und Angst begleitet. Eine professionelle Begleitung kann helfen, wieder Vertrauen zu gewinnen, Ängste abzubauen und gestärkt weiterzugehen.» Dass auf diesem Weg auch ein negativer Test oder eine Schwangerschaft im Umfeld zum Trigger werden kann, ist normal. Die Fachstelle kindsverlust.ch berät kostenlos und vermittelt bei Bedarf eine spezialisierte Hebamme oder weitere Fachpersonen aus deiner Region [5]. Die Hebammenleistungen selbst übernimmt die obligatorische Grundversicherung – unabhängig davon, ob das Kind lebt oder nicht. Nach einer frühen Fehlgeburt vor der 13. Schwangerschaftswoche bleiben allerdings Franchise und Selbstbehalt bestehen [2]. Angebote für Eltern von Sternenkindern Spezielle Angebote wie Informationen und Broschüren, ein Foto von einer professionellen Fotografin oder einem Fotografen oder Erinnerungsboxen für Mütter und Väter von Sternenkindern können in dieser schwierigen Situation unterstützen. Wichtige Ansprechpartner für Eltern Die unabhängige Non-Profit-Organisation «Fachstelle Kindsverlust» aus Bern berät betroffene Eltern während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit kostenlos – telefonisch unter 031 333 33 60 und per E-Mail an fachstelle@kindsverlust.ch. Auf der Website finden sich ausserdem kostenlose Fachbroschüren, hilfreiche Adressen und Angebote sowie Informationen zu rechtlichen Fragen, zur Bestattung und zu Gedenkstätten und Gedenkfeiern. Der Verein Stärnechind stellt eine kostenlose Begleitbroschüre zur Verfügung; die dazugehörige Website mein-sternenkind.ch erklärt Schritt für Schritt, was rund um Geburt, gemeinsame Zeit und Bestattung möglich ist. Hinter dem Verein «Himmelskind» stehen Frauen, die selbst ein Baby verloren haben. Sie begleiten andere betroffene Eltern schon ab der Diagnose, organisieren auf Wunsch eine Sternenkinderfotografin oder einen Sternenkinderfotografen, informieren über Bestattung, Aufbahrung, Mutterschutz und Versicherungsfragen und helfen, die Bestattung zu organisieren. Erreichbar ist der Verein unter +41 78 252 15 63 und trauerbegleitung@himmelskind.ch. Kleider und Erinnerungsbox für Sternenkinder Der Verein «Stärnechind» stellt für Sternenkinder Kleidung wie Kleider, Mützchen und Einschlagtücher her, die Eltern in der Klinik erhalten. Ausserdem gestaltet der Verein Erinnerungsboxen: Eine Box zur Erinnerung enthält unter anderem eine zweiteilige Herzkette aus Ton, von der ein Herz dem Kind auf seine letzte Reise mitgegeben werden kann. «Damit möchten wir Eltern die Zeit der Trauer ein bisschen erleichtern», so der Verein. «Die Box soll den Eltern zur Aufbewahrung persönlicher Sachen dienen, die sie mit der kurzen, aber wertvollen Zeit mit ihrem Kind in Verbindung bringen können.» Ein professionelles Foto vom Fotografen Der Verein «Herzensbilder» macht kostenlose professionelle Fotografien von Familien, in denen ein Kind oder ein Elternteil schwer erkrankt ist oder ein Kind viel zu früh oder still geboren wird. Jedes Foto wird zu einem Herzensbild, weil es Verbundenheit, Tapferkeit und Liebe versinnbildlicht. Auf der Seite sind viele der Herzensbilder – wunderschön fotografiert – zu finden. Auch die Stiftung «Dein Sternenkind» vermittelt ehrenamtliche Fotografinnen und Fotografen in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Südtirol – die Fotos erhalten die Eltern kostenlos. Wo Eltern von Sternenkindern Trauer teilen können Die Kontaktplattform «Sternenkinder Eltern» des Vereins Stärnechind gibt Eltern von Sternenkindern die Möglichkeit, sich nach einer kurzen Registrierung zu vernetzen und mit anderen Betroffenen die tiefe Trauer zu teilen. Denn es ist wichtig, sich verstanden zu fühlen, ohne sich gross erklären zu müssen. Erfahrungsberichte betroffener Mütter und Väter, die ihr Kind früh verloren haben, sammelt die Fachstelle kindsverlust.ch. «Regenbogen Schweiz» ist eine Vereinigung von Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern. Der Verein unterstützt Selbsthilfegruppen und hilft dabei, eine Gruppe in deiner Region zu finden. Quellen Schweizerische Eidgenossenschaft: Zivilstandsverordnung (ZStV, SR 211.112.2), Art. 9 und Art. 9a. Abgerufen am 10.08.2026. kindsverlust.ch: Rechtliche Fragen. Abgerufen am 10.08.2026. kindsverlust.ch: Bestattung, Gedenkstätten und Gedenkfeiern für frühverstorbene Kinder. Abgerufen am 10.08.2026. Schweizerische Eidgenossenschaft: Erwerbsersatzverordnung (EOV, SR 834.11), Art. 23. Abgerufen am 10.08.2026. kindsverlust.ch: Begleitung bei Folgeschwangerschaft. Abgerufen am 10.08.2026.