Gesundheit > Psychische GesundheitÜbergewicht bei Kindern: «Eine Diät ist keine Option» – was stattdessen hilft Sigrid Schulze 17,2 Prozent der Schweizer Schulkinder sind übergewichtig oder adipös.[1] Viele Eltern fragen sich, was sie gegen das Übergewicht tun können. «Eine Diät ist kein geeignetes Mittel», warnt Beatrice Conrad Frey. Was stattdessen hilft, verrät die diplomierte Ernährungsberaterin im Interview. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Es scheint, als hätten Kinder beim Gemüse Tomaten auf den Augen. Foto: iStock, Thinkstock Wie viele Kinder in der Schweiz sind übergewichtig? Wie viele Schweizer Kinder sind zu dick? Beatrice Conrad Frey: Rund 17 Prozent der Schweizer Schulkinder gelten als übergewichtig, vier Prozent davon sind stark adipös, also krankhaft übergewichtig. Diese Zahlen, die sich auf die Jahre 2011 bis 2013 beziehen, hat die Gesundheitsförderung Schweiz im Rahmen ihres letzten BMI-Monitorings ermittelt. Im Vergleich zur vorhergehenden Studie zeigen sie eine Stagnation auf hohem Niveau. Nachtrag der Redaktion, August 2026 Die Grössenordnung stimmt bis heute. Das fünfte «Vergleichende BMI-Monitoring» von Gesundheitsförderung Schweiz erschien im Oktober 2025 und wertet Angaben von 31 182 Schülerinnen und Schülern aus elf Kantonen und vier Städten aus. Danach sind 17,2 Prozent übergewichtig oder adipös, und zwar 12,7 Prozent übergewichtig plus 4,5 Prozent adipös. Die Werte steigen mit der Schulstufe: 11,1 Prozent auf der Grundstufe, 18,6 Prozent auf der Mittelstufe, 20,9 Prozent auf der Oberstufe. Gegenüber dem ersten Bericht von 2010 ist die Gesamtprävalenz um 1,3 Prozentpunkte gesunken.[1] Welche Folgen Übergewicht haben kann Welchen Gefahren sind dicke Kinder ausgesetzt? Schon bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen treten chronische Krankheiten wie Diabetes Typ II auf. Auch Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck können Folgen von Übergewicht sein. Darüber hinaus begünstigt Übergewicht einige Krebsarten. Die meisten dicken Kinder leiden ausserdem psychisch stark unter ihrem Aussehen. Warum eine Diät bei Kindern nicht hilft Eltern fragen sich, was sie tun können, wenn ihr Kind zu dick ist. Hilft eine Diät? Nein, eine Diät ist keine Option. Es kann nicht sein, dass von einem Kind verlangt wird, auf etwas zu verzichten, was andere haben dürfen. Diäten wirken sich auf Kinder grundsätzlich nicht günstig aus. Stellen Sie sich vor, jemand verbietet Ihnen, Schokolade zu essen… Ich würde ständig an Schokolade denken. Genau! Darüber hinaus macht die Zurückhaltung, die eine Diät fordert, einfach nicht satt. Heisshungerattacken sind die Folge. Eine Diät kann sogar die Gesundheit des Kindes beeinträchtigen: Es besteht die Gefahr, dass sie das Wachstum behindert und die Muskelmasse schwinden lässt. Was Eltern stattdessen tun können Was können Eltern ihrem Kind anstelle einer Diät raten? Nicht nur das Kind, sondern alle Familienmitglieder sind gefordert! Die Essgewohnheiten der Familie gehören auf den Prüfstand. Was das Kind braucht, sind Verhaltensregeln, die für alle gelten. Welche Regeln sind sinnvoll? Wir essen grundsätzlich am Tisch, nicht stehend, nicht vor dem Fernseher. Wir essen regelmässig und lassen das Frühstück nicht ausfallen, denn ein ausgewogenes Frühstück ist der beste Start in einen fitten Tag. Wir trinken in der Regel keine Süssgetränke, sondern Wasser oder ungesüssten Tee. Sicher müssen Eltern auch ihr Kochverhalten umstellen? Ja, grundsätzlich gehören täglich Früchte, Gemüse, Vollkornprodukte, Milchprodukte und regelmässig Fisch, Eier und Fleisch auf den Tisch. Sinnvoll ist es, den Tipps der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung zu folgen. Eine Übersicht findet sich in diesem Merkblatt.[2] Wo Eltern Hilfe bekommen Ernährungsgewohnheiten umzustellen, ist schwer. Wo können Eltern sich Hilfe holen? Professionelle Ernährungsberater können bei der Umstellung der Ernährung helfen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten einer vom Arzt verordneten Therapie. Über den Schweizerischen Verband diplomierter Ernährungsberater/innen HF/FH SVDE lassen sich professionelle Ernährungsberater vor Ort finden. Bewegung wirkt besser als Verbote Kinder können leicht Regeln umgehen. Am Kiosk kosten Süssigkeiten nur wenig Geld. Das macht es leicht, heimlich zu essen. Ab einem gewissen Alter haben Eltern nur wenig Einfluss darauf, was das Kind isst, wenn es unterwegs ist. Doch effektiver als Verbote erscheinen mir Angebote, zum Beispiel im Bereich Bewegung. Leider wird der Bewegungsdrang von Kindern oft unterbunden. Sie werden aus Angst vor Gefahren auf dem Schulweg beispielsweise mit dem Auto zur Schule gebracht. Gut, wenn Eltern sich zusammen mit ihren Kindern bewegen, statt den Fernseher die Kinder hüten zu lassen! Geregelte Fernsehzeiten sind wichtig, damit Kinder nicht zu lange bewegungslos sitzen. Auch die Politik ist gefordert. Was die Politik beitragen könnte Welchen Angeboten könnte die Politik den Weg ebnen? Was wir brauchen, sind Kantinen, in denen gehaltvolles und frisches Essen Kindern schmeckt. Und den Kindern muss es leicht gemacht werden, Obst zu essen und Wasser zu trinken, indem ihnen Obst und Wasser zum Beispiel in den Pausen in der Klasse oder auf dem Hof angeboten werden. Wann du fachliche Hilfe holen solltest Ergänzung der Redaktion Ein einzelner BMI-Wert sagt bei Kindern wenig aus. Er muss immer auf Alter und Geschlecht bezogen werden, und die Grenzen dafür sind in der Schweiz neu gezogen: Mitte Juni 2026 hat pädiatrie schweiz aktualisierte Wachstumskurven empfohlen. Ab zwei Jahren gelten seither Äquivalenzkurven, die einem Erwachsenen-BMI von 25 kg/m² (Übergewicht) beziehungsweise 30, 35 und 40 kg/m² (Adipositas Grad 1 bis 3) entsprechen. Bis zwei Jahre gelten die BMI-Kurven der WHO.[3] Einordnen kann das nur eine Fachperson. Deine erste Anlaufstelle ist deshalb die Kinder- oder Hausarztpraxis, und sie kann die Behandlung auch gleich selbst übernehmen. Seit 2014 zahlt die Grundversicherung eine multiprofessionelle strukturierte Behandlung, einzeln oder in der Gruppe, mit ärztlichen Konsultationen, Ernährungsberatung und Physiotherapie.[4] Suchst du ein Angebot in deiner Nähe, findest du es im Verzeichnis des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AKJ). Weiterführende Links: • BMI für Kinder: so wird er berechnet • Übergewichtige Kinder: Wann ist es Zeit zu handeln • Gesunde Ernährung für Kinder: Tipps für den Alltag • Bewegungsparcours fürs Wohnzimmer: Weil Kinder genug Bewegung brauchen • «GORILLA»: das Bewegungs- und Ernährungsprogramm für Kinder und Jugendliche. Seine Trägerin, die Schtifti Foundation, heisst seit Dezember 2024 GORILLA Schweiz. Beatrice Conrad Frey liebt es, zu kochen, zu backen und zu essen. Als diplomierte Ernährungsberaterin FH in Huttwil und Roggwil weiss sie, wie all das auf gesunde und sinnvolle Weise geschieht. Und dass Bewegung nicht nur wichtig ist, sondern auch Spass macht. In ihrer Freizeit betreibt sie verschiedene Ausdauersportarten. Quellen Gesundheitsförderung Schweiz: Faktenblatt 125 «Vergleichendes BMI-Monitoring 2025» (PDF), Oktober 2025. Abgerufen am 24.08.2026. Schweizerische Gesellschaft für Ernährung SGE: Ernährungsscheibe für Kinder von 4 bis 12 Jahren. Abgerufen am 24.08.2026. Pädiatrie Schweiz / Fachverband AKJ: Neue Wachstumskurven und Definitionen von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz (PDF), Juni 2026. Abgerufen am 24.08.2026. Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugendalter AKJ: Therapie. Abgerufen am 24.08.2026.