Gesundheit > Psychische GesundheitWie Eltern Traumata an ihre Kinder vererben – und was die Weitergabe stoppt Sigrid Schulze Panikattacken, Depression oder Aggression müssen ihre Ursachen nicht im Leben der Betroffenen selbst haben. Auch schwere Erfahrungen der Eltern können nachwirken. Wie das biologisch geschieht, erforscht die Schweizer Neurobiologin Isabelle Mansuy an Mäusen. Was davon für Menschen gilt, ist bis heute offen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Unverarbeitete traumatische Erfahrungen können verändern, wie aktiv einzelne Gene sind. Der genetische Code selbst bleibt unangetastet. Bild: E+ Dass schwere Erfahrungen Spuren an den Schaltern des Erbguts hinterlassen, ist schon länger bekannt. Neu war die Erkenntnis, dass solche Spuren auch an spätere Generationen weitergegeben werden können. Darauf deuten mehrere Studien der Schweizer Neurobiologin Isabelle Mansuy hin, die am Institut für Hirnforschung der Universität Zürich und an der ETH Zürich forscht.[1] Verhaltensauffälligkeiten über mehrere Generationen Die Mäuse in Mansuys Labor haben ein schweres Schicksal erlitten. Das Forschungsteam trennte neugeborene Junge während der ersten zwei Lebenswochen täglich drei Stunden lang von ihren Müttern, zu wechselnden und unvorhersehbaren Zeiten.[2] Die Mütter wurden in dieser Zeit zusätzlich unter Stress gesetzt: Sie mussten fünf Minuten in 18 Grad kaltem Wasser schwimmen oder verbrachten 20 Minuten in einer engen Röhre.[2] Für die Jungtiere bedeutete das eine unberechenbare, unzuverlässige Fürsorge. Genau das ist der Punkt des Modells. Es bildet nicht körperliche Gewalt gegen Kinder nach, sondern Vernachlässigung und eine gestörte Bindung.[2] Tatsächlich beobachtete das Team Verhaltensauffälligkeiten über mehrere Generationen hinweg. Im Fachmagazin Nature Neuroscience beschrieb es 2014 auch einen Weg, über den das geschehen könnte: Im Sperma der belasteten Männchen war das Muster kleiner RNA-Moleküle verschoben, sogenannter microRNAs.[1] Der entscheidende Versuch folgte im Labor. Spritzte das Team RNA aus dem Sperma traumatisierter Männchen in befruchtete Eizellen unbelasteter Tiere, zeigten die daraus entstandenen Jungen dieselben Verhaltens- und Stoffwechselveränderungen.[1] Kontakt zu einem traumatisierten Vater hatten sie nie. Wie weit die Weitergabe reicht, hat das Labor seither weiterverfolgt. 2018 wies es die Symptome erstmals in der vierten Generation nach. Eine Untersuchung von 2022 ging zwei Generationen weiter. Verändertes Risikoverhalten und eine gestörte Zuckerregulation zeigten sich in der väterlichen Linie bis in die fünfte Generation, in der sechsten waren sie abgeschwächt.[2] Manche Symptome traten bei männlichen und weiblichen Tieren auf, andere nur bei einem Geschlecht, einzelne sogar in entgegengesetzter Richtung.[2] Genetischer Code bleibt jedoch unverändert Epigenetiker erforschen, wie die Aktivität der Gene gesteuert wird. Sie gehen davon aus, dass sich ein einschneidendes Ereignis unter anderem im Muster solcher kleinen RNA-Moleküle niederschlägt.[1] Diese Moleküle wirken wie Schalter. Sie können einzelne Gene aktiver machen, bremsen oder stilllegen, und das prägt wiederum die Gedanken- und Gefühlswelt. Der genetische Code selbst wird dabei nicht verändert. Nicht das Trauma wird also vererbt, sondern eine veränderte Regulation und damit womöglich eine erhöhte Anfälligkeit für bestimmte psychische Störungen. Sind die Ergebnisse auf Menschen übertragbar? Die Forschung ist dem Rätsel um weitergegebene Traumata immer näher auf der Spur. Bild: Unsplash Epigenetik ist ein junger Forschungszweig, und viele Zusammenhänge sind noch unerforscht. Mansuy untersucht deshalb auch Menschen mit traumatischen Erfahrungen und vergleicht sie mit Kontrollgruppen, die unbelastet aufgewachsen sind. Veröffentlicht ist davon bis heute wenig. Ihre Untersuchung an Betroffenen von 2020 führt das Labor auf der eigenen Publikationsliste weiterhin unter den Preprints, also unter den Arbeiten ohne Fachbegutachtung.[3] Von anderer Seite gibt es inzwischen belastbarere Hinweise. Eine finnische Arbeitsgruppe untersuchte 2025 das Sperma von Männern aus einer Geburtskohorte.[4] Bei Männern mit stark belasteter Kindheit fand sie an drei Stellen des Erbguts ein verändertes Methylierungsmuster und dazu abweichende Mengen von 68 kleinen RNA-Molekülen.[4] Auch beim Menschen hinterlassen frühe Belastungen also Spuren in den Keimzellen. Dass diese Spuren bei den Kindern etwas auslösen, ist damit nicht gezeigt. Dieser Nachweis fehlt bis heute.[4] Für Eltern ist noch etwas anderes wichtig. In der Traumaforschung gilt der biologische Weg als der schwächere der beiden. Die Zürcher Psychologin und Traumaforscherin Rahel Bachem nennt die epigenetischen Effekte im Interview über Generational Trauma «weniger eindeutig und ausgeprägt als die psychosozialen Folgen». Was sie in Forschung und Praxis vor allem beobachtet: Ein Trauma wird über Interaktion, Vermeidung und das Verhalten der Eltern weitergegeben. Wer selbst kaum Nähe zulassen kann, prägt damit den Bindungsstil seines Kindes. Beobachtungen aus ganzen Bevölkerungsgruppen passen ins Bild, beweisen aber nichts. «So leiden die Kinder von Menschen, die die Gräueltaten der Roten Khmer erlebt haben, heute vermehrt unter Depressionen. In Australien ist unter den Kindern von Vietnamveteranen die Suizidrate erhöht», schrieb das Deutsche Ärzteblatt 2014.[5] «Auch Mediziner beobachten, dass manche Erkrankungen wie bipolare Störungen häufig über Generationen in Familien auftreten, ohne dass bisher ein dafür verantwortliches Gen gefunden wurde.»[5] Ob dahinter Biologie steckt, das Aufwachsen in einer belasteten Familie oder beides, lässt sich aus solchen Zahlen nicht ablesen. Sollte sich der biologische Weg beim Menschen bestätigen, stellt sich die Frage, ob psychische Erkrankungen künftig gezielter behandelt werden können. Denkbar sind sowohl neue medikamentöse als auch psychotherapeutische Ansätze. Das ist bislang eine Hoffnung, kein Befund. Eine anregende Umgebung stoppte die Weitergabe Müssen sich Eltern, die selbst traumatisiert sind, nun sorgen, dass ihre Kinder ebenfalls unter psychischen Krankheiten und Lebensängsten leiden werden? Nicht unbedingt. Das Team um Mansuy erzielte in einer weiteren Studie auch ein hoffnungsvolles Resultat.[6] Traumatisierte Mäusemännchen kamen nach ihrer Kindheit in eine abwechslungsreiche, anregende Umgebung. Das verhinderte, dass sie ihre Verhaltenssymptome an den Nachwuchs weitergaben.[6] Bei den Jungtieren normalisierten sich zugleich die epigenetischen Veränderungen an einem Stressgen im Hippocampus.[6] Entscheidend ist dabei ein Unterschied, der leicht untergeht: Gemessen wurde eine anregende Umgebung, nicht ein Leben ohne Stress. «Lange nach den traumatischen Erlebnissen führt die Haltung in einer abwechslungsreichen Umgebung dazu, dass die Verhaltenssymptome bei erwachsenen Tieren rückgängig gemacht und nicht mehr an den Nachwuchs vererbt werden», fasst Isabelle Mansuy die Erkenntnisse zusammen. Für den Menschen lässt sich daraus keine Anleitung ableiten. Was der Befund zeigt, ist etwas Grundsätzlicheres: Die epigenetischen Spuren sind keine Einbahnstrasse.[6] Was du tun kannst, wenn dich deine eigene Geschichte belastet Aus einer Mausstudie folgt kein Rat für deine Familie. Aus dem, was in der Traumatherapie gut belegt ist, dagegen schon. Ein unverarbeitetes Trauma bleibt selten bei einem Menschen. Wenn Erinnerungen, Schreckhaftigkeit oder Gefühlstaubheit dich im Alltag mit deinem Kind einschränken, ist das ein Grund, dir Unterstützung zu holen. Es ist kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Beim Elternnotruf erreichst du rund um die Uhr eine Fachperson, kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym: 0848 354 555. Beraten wird zu Erziehungsfragen, in Krisen, bei Überforderung und bei Gewalt. Für die Behandlung einer Traumafolgestörung ist die Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Praxis die richtige erste Adresse. Für Kinder zählt vor allem, dass sie verlässlich begleitet aufwachsen. Ein stabiles Umfeld kann früh erlebten Stress zu einem grossen Teil ausgleichen. Wie Kinder diese Widerstandskraft aufbauen, zeigt der Beitrag über Resilienz. Ist ein Elternteil psychisch erkrankt, brauchen die Kinder zusätzlich eigene Ansprechpersonen. Was dabei hilft, steht im Artikel über Kinder psychisch kranker Eltern. Quellen Gapp K, Jawaid A, Sarkies P et al.: Implication of sperm RNAs in transgenerational inheritance of the effects of early trauma in mice. Nature Neuroscience 17, 667–669 (2014). Abgerufen am 23.08.2026. Boscardin C, Manuella F, Mansuy IM: Paternal transmission of behavioural and metabolic traits induced by postnatal stress to the 5th generation in mice. Environmental Epigenetics 8(1), dvac024 (2022). Abgerufen am 23.08.2026. Laboratory of Neuroepigenetics, Universität Zürich und ETH Zürich: Publikationsliste des Mansuy Lab. Abgerufen am 23.08.2026. Tuulari JJ, Bourgery M, Iversen J et al.: Exposure to childhood maltreatment is associated with specific epigenetic patterns in sperm. Molecular Psychiatry (2025). Abgerufen am 23.08.2026. Deutsches Ärzteblatt: Wie traumatische Erlebnisse vererbt werden. 30.04.2014. Abgerufen am 23.08.2026. Gapp K, Bohacek J, Grossmann J et al.: Potential of Environmental Enrichment to Prevent Transgenerational Effects of Paternal Trauma. Neuropsychopharmacology 41, 2749–2758 (2016). Abgerufen am 23.08.2026.