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Figurenspieltherapie: Mit Figuren und Märchen Ängste angehen – und wann Kinder mehr brauchen

«Kinder brauchen Märchen»: So heisst ein bekanntes Buch des Kinderpsychologen Bruno Bettelheim. Auch in der Figurenspieltherapie spielen Geschichten und Symbole eine wichtige Rolle: Kinder drücken aus, was sie (noch) nicht in Worte fassen können. Für Eltern ist oft entscheidend: Was ist eine «normale» Angst? Wann braucht es Unterstützung? Und wie findest du in der Schweiz passende Hilfe? Familienleben traf zwei Winterthurer Figurenspieltherapeutinnen zum Interview. Diesen Text ergänzen wir mit dem heutigen Forschungsstand und mit Adressen, die weiterhelfen.

Handpuppen und Requisiten in einem Therapieraum für Figurenspiel.
Im Figurenspiel drücken Kinder aus, wofür ihnen die Worte fehlen. Foto: iStock, Thinkstock

Wenn Kinder Angst haben: erst einordnen, dann handeln

Angst ist bei Kindern grundsätzlich normal und sogar hilfreich: Sie schützt, signalisiert «Achtung» und gehört zur Entwicklung. Viele Ängste kommen phasenweise, zum Beispiel Angst vor Dunkelheit, Trennungsangst beim Kindergartenstart oder Sorgen vor Prüfungen. Wichtig wird es dann, wenn Angst anhaltend ist, das Kind im Alltag stark einschränkt oder sich körperlich bemerkbar macht (Bauchweh, Übelkeit, Schlafprobleme), ohne dass eine medizinische Ursache gefunden wird.

Behandlungsbedürftig ist Angst seltener. Selten ist sie deswegen nicht: Je nach Alter sind 5 bis 18 Prozent der Kinder von einer Angststörung betroffen, womit sie zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter zählt.[1] Bei der Störung mit Trennungsangst nennen die Klassifikationssysteme für Kinder und Jugendliche mindestens vier Wochen Dauer, für Erwachsene sechs Monate.[1] Auf den Zeitpunkt kommt es an. Viele betroffene Kinder werden jahrelang nicht behandelt, dabei trägt eine frühe Erkennung massgeblich zum Therapieerfolg bei.[1]

Als Faustregel kannst du dich fragen: Leidet mein Kind sichtbar? Meidet es regelmässig Situationen (Schule, Freund:innen, Schlafen allein)? Wird es über Wochen eher schlimmer statt besser? Wenn ja, lohnt sich eine fachliche Abklärung, idealerweise früh, bevor sich Vermeidung festsetzt.

Welche Ängste in welchem Alter einfach dazugehören, zeigt unser Überblick dazu, warum Kinder Ängste entwickeln. Steht das Klammern beim Abschied im Vordergrund, hilft der Beitrag zur Trennungsangst weiter.

Ein Besuch auf «der Insel»: Atmosphäre und Grundidee der Figurenspieltherapie

An der Klingel zu Brigit Oplatkas und Brigitta Schäflis Praxisräumen steht «Therapie» geschrieben. Die winzigen Räume in der Winterthurer Altstadt haben aber nichts Steriles, nichts Kaltes an sich. Man betritt eine Märchenwelt, die nach alten Textilien und Bastelleim riecht. Diese Welt ist voller Handpuppen, bunten Federn und kleinen Theaterrequisiten. Es fällt leicht, einzusehen, dass diese Praxis für ein Kind zu einem fremden Königreich, einer Märchenstadt, einer Oase werden kann. Oder, wie die beiden Therapeutinnen Brigit Oplatka, ehemalige Kindergartenlehrkraft, und Brigitta Schäfli, ausgebildete Heilpädagogin, zu sagen pflegen: Zu einer Insel.

Interview: Was ist Figurenspieltherapie – und warum ist sie noch wenig bekannt?

Frau Oplatka, Frau Schäfli, die Figurenspieltherapie ist wissenschaftlich kaum erforscht. In der Abteilung der Sonderpädagogik des Zürcher Volksschulamtes war sie vor einigen Jahren, so berichtete der Tages Anzeiger, sogar gänzlich unbekannt. Woran liegt das?

Oplatka: Die Methode ist noch sehr jung. Die psychotherapeutisch orientierte Spiel- und Kunsttherapieform basiert auf den Grundlagen der Entwicklungspsychologie von C.G. Jung und ist erst Ende der Achtziger Jahre durch Käthi Wüthrich entwickelt worden, danach entstanden Pionierlehrgänge.

Schäfli: Da wir von der Wirksamkeit der Figurenspieltherapie überzeugt sind, sind wir Figurenspieltherapeutinnen in der Schweiz in den letzten Jahren sehr aktiv geworden, um uns zu vernetzen und die Methode bekannter zu machen. So konnte 2008 die Höhere Fachschule für pädagogisches und therapeutisches Figurenspiel in Interlaken gegründet werden.

Ist nur in der Schweiz noch Pionierarbeit nötig oder ist die Therapie auch in anderen Ländern noch nicht wirklich verbreitet?

Schäfli: Auch in Deutschland gibt es einen Lehrgang für Figurenspieltherapie, verbreitet ist die Methode aber deswegen noch lange nicht. In Österreich und in den USA gibt es auch verschiedene kleine Zentren, welche die Methode anwenden. Diese sind aber nicht wirklich miteinander vernetzt, da, vor allem in den USA, nicht von einer einheitlichen Therapieform gesprochen werden kann.

Oplatka: Hie und da gibt es aber Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit einem Problemkind an uns wenden. Die Methode fruchtet also schon. Was aber nicht heisst, dass die Kosten von der Schule übernommen werden.

Anmerkung der Redaktion: Die Schule besteht bis heute, hat ihren Sitz aber inzwischen in Olten und heisst Fachschule Figurenspieltherapie FSF.[2]

Wie läuft eine Sitzung ab – und was bedeutet «Therapie im Spiel»?

Wie läuft eine typische Therapiestunde bei Ihnen ab?

Oplatka: Jedes Kind entwickelt seine eigenen Rituale. Sobald die Kinder sich wohl fühlen, wollen sie meist gleich mit den Figuren spielen oder ihre ganz persönliche Figur modellieren. Sie stellen sich vor das Gestell mit den vielen Menschen- und Tierfiguren und suchen sich eine aus, mit der wir anschliessend improvisierte Geschichten erfinden oder auch ein Märchen spielen. Oft wählen sie unbewusst die Figur aus, die ihr Problem widerspiegelt. Da war beispielsweise ein Kind, das sich zuallererst intuitiv die «Kranke» mit dem Gips aussuchte. Im darauf folgenden Elterngespräch erfuhr ich, dass es in früher Kindheit zahlreiche Notfallhospitalisierungen der Geschwister miterlebt hatte. Seine akute Trennungsangst war darauf zurückzuführen.

Schäfli: Wichtig ist bei allen Kindern, dass sie erst einmal ankommen und wissen, dass alles, was zu ihnen gehört, willkommen ist. Kinder in belastenden Lebenssituationen sind oft verunsichert, müssen sich in ihrem Umfeld stark zurücknehmen oder erleben dauernden Stress durch Ängste, Misserfolg und negative Rückmeldungen. Hier dürfen sie erst mal nur da sein, sich ganz angenommen fühlen, Sicherheit und Vertrauen erfahren. Neben Figurenspiel- und bau ziehen wir je nach Neigungen des Kindes zahlreiche weitere kreative Mittel wie Gestalten mit Lehm, mit Filz, Sandbilder bauen mit Figuren und vielen Requisiten, Malen, Kochen oder Musizieren bei.

Für wen kann Figurenspieltherapie passen?

Für wen ist Figurenspieltherapie gedacht?

Oplatka: Die Figurenspieltherapie eignet sich eigentlich für die ganze Palette von emotionalen und sozialen Nöten, die ein Kind betreffen können: Ängste, Trennungen, Entthronung durch ein kleineres Geschwister, Trauer, Missbräuche, Probleme in der Schule, Einnässen, Mobbing, Mutismus. Vermehrt werden in letzter Zeit Kinder von psychisch kranken Eltern angemeldet.

Schäfli: Ja, die Fälle, die wir behandeln sind sehr unterschiedlich. Jedes Kind hat seine ganz eigene Geschichte. Figurenspieltherapie ist auch für grössere Kinder geeignet: Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Kinder, wenn sie dürfen, sich viel länger in der Fantasiewelt zuhause fühlen, als es die gesellschaftlichen Normen vorschreiben. Heute werden die Kinder viel zu früh des spielerischen Tuns beraubt und auf die Ebene des intellektuellen Lernens gedrängt. Dabei lassen sich im kreativen Spiel, das aus dem Unbewussten genährt wird, viele Probleme angehen. Alltagsprobleme können zuhause im Spiel verarbeitet werden, sofern die Möglichkeit zum Spielen vorhanden ist. Bei schwerwiegenderen Problemen braucht das Kind aber Führung und Begleitung.

Oplatka: Ebenfalls ein gesellschaftliches Problem im Zusammenhang mit Kindern ist heutzutage die Passivität. Ein Kind, das ständig fernsieht, lernt fälschlicherweise, dass es sich nicht aktiv am Lauf der Dinge beteiligen kann. Diese Ohnmacht wiederspiegelt sich im echten Leben dann auch. Mit selbstgespielten Märchen und eigenen Geschichten können Kinder das «Schicksal» ihres Helden und später auch ihr eigenes selbst in die Hand nehmen. Dies zu erleben ist hoffnungsstiftend. Diesen Mut und dieses Selbstvertrauen wollen wir den Kindern mitgeben.

Figurenspieltherapeutin Brigit Oplatka.
Die Figurenspieltherapeutin Brigit Oplatka ist überzeugt von der Heilkraft der Märchen und Figuren.

Was sagt die Wissenschaft heute? Einordnen statt versprechen

Für Eltern ist wichtig zu wissen: «Figurenspieltherapie» ist keine einheitlich geregelte, international klar definierte Standardbehandlung wie zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie wird in der Schweiz im Feld der Kunsttherapie geführt; die Fachschule ist anerkannter Modulanbieter für die Höhere Fachprüfung «Kunsttherapie».[2] Viele Elemente wie Spiel, Symbolarbeit, kreatives Gestalten und Beziehungsgestaltung finden sich aber auch in etablierten kinderpsychotherapeutischen Vorgehensweisen wieder, insbesondere dann, wenn Kinder noch nicht gut über Gefühle sprechen können.

Wie gut ist die Methode selbst untersucht? Eine Suche in der medizinischen Fachdatenbank PubMed nach «Figurenspieltherapie» liefert eine einzige Publikation: einen beschreibenden Fachbeitrag aus dem Jahr 2013, keine kontrollierte Studie.[3] Wirksamkeitsnachweise aus klinischen Vergleichsstudien gibt es für die Methode also nicht. Das ist kein Beweis dagegen, dass sie einzelnen Kindern hilft. Es heisst: Belegt ist es nicht.

Für Angststörungen im Kindes- und Jugendalter ist die Lage klarer. Die Schweizer Behandlungsempfehlungen, die auch die Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) mitträgt, stellen nicht-medikamentöse Massnahmen an den Anfang: Beratung, Erziehungsberatung und die Aufklärung des Umfelds bis hin zur Schule.[1] Unter den Psychotherapieverfahren zeigt die KVT die höchste Wirksamkeit und die beste Evidenz.[1] Für andere psychotherapeutische Verfahren neben der KVT lässt sich aufgrund der Studienlage keine evidenzbasierte Empfehlung geben.[1]

Eine Absage an das Spiel ist das nicht. Dieselben Empfehlungen halten fest, dass vor allem jüngeren Kindern Spieltherapien oder der Zugang über Zeichnungen und Geschichten einen Übergangsraum zwischen Fantasie und Realität bieten. Dieser Raum erleichtert es ihnen, Gefühle auszudrücken und Zusammenhänge zu verstehen, und er hat sich in der Behandlung von Ängsten sehr bewährt.[1]

Ein Unterschied bleibt dabei wichtig: Was für spielbasierte Zugänge allgemein gilt, ist damit nicht für die Figurenspieltherapie im Besonderen belegt. Die Begriffe klingen ähnlich und meinen nicht dasselbe.

Praktisch heisst das: Spielerische Zugänge können den Einstieg erleichtern, die Beziehung tragen und Übungen kindgerecht verpacken. Bei einer klaren Angststörung ersetzen sie die evidenzbasierte Kernbehandlung nicht automatisch. Wenn dich ein Angebot interessiert, hilft eine pragmatische Frage: Wie werden Ziele, Verlauf und Einbezug der Eltern geplant, und wie wird überprüft, ob es besser wird?

Kann Figurenspieltherapie allein tiefsitzende Ängste und Traumata lösen?

Kann denn Figurenspieltherapie alleine tiefsitzende Ängste und Traumata lösen?

Schäfli: Wir sind natürlich überzeugt, dass therapeutisches Figurenspiel eine sehr effektive Heiltherapie ist. Das Kind nimmt unsere Hilfe jedoch in seinem Rhythmus auf. Die Sternstunde, in der sich ein Knoten löst, kommt manchmal plötzlich und unerwartet. Wir üben keinen Druck aus. Die Grundlage der Figurenspieltherapie, wie bei jeder anderen Methode, ist die Beziehung und das Vertrauen. Wir sehen unser Therapieangebot als Insel für das Kind, wo es sich im eigenen Tempo seinen inneren Themen zuwenden darf, alles ausprobieren kann und nie verurteilt wird.

Oplatka: Wichtig ist uns der Einbezug der Familie. Wenn nötig arbeiten wir vernetzt mit weiteren involvierten Fachpersonen. Der Aufbau einer Vertrauensbasis mit den Eltern ist essentiell, denn wenn Eltern ihr Kind vertrauensvoll in die Therapie schicken, spürt das Kind dies.

Beispiel aus der Praxis: Wenn Symptome über Figuren «sprechen» dürfen

In welchem konkreten Fall war Ihre Methode besonders erfolgreich?

Schäfli: Da gibt es ganz viele Beispiele! Wir arbeiten oft mit etwas grösseren Schosspuppen, mit denen sich Kinder oft besonders gut identifizieren können. Ein Mädchen wurde von ihren Eltern in die Therapie geschickt, weil es Schlafprobleme und ständig Bauchweh hatte. Das Thema wurde vom Mädchen lange gar nicht angesprochen. Die Schosspuppe Franziska erzählte ihr aber, dass sie Bauchschmerzen habe, besonders in der Nacht. Das Interesse des Kindes war geweckt und sie begannen sich auszutauschen. Die Schosspuppe erzählte von einem Klumpen im Bauch, der auftauche, sobald sie ins Bett geschickt werde. Im Spiel bot das Mädchen der Schosspuppe Franziska an, ihren Klumpen raus zu operieren. Franziska nahm das Angebot dankend an – seitdem ist das Bauchweh beim Mädchen verschwunden.

Oplatka: Da sich Kinder entwicklungsbedingt noch nicht auf der abstrakten, mentalen Ebene ausdrücken können, jedoch über symbolisches Denken verfügen, hilft ihnen die magische Verknüpfung von Fantasie und Realität, um ein Problem zu lösen. Wir Therapeutinnen verstehen uns bei diesen Erlebnissen als Assistentinnen, als Verbündete des Kindes, und als Zeuginnen.

Anmerkung der Redaktion: Solche Schilderungen sind Einzelfälle aus der Praxis der beiden Therapeutinnen. Sie ersetzen keine Wirksamkeitsstudie, und bei körperlichen Beschwerden gehört immer eine kinderärztliche Abklärung dazu.

Ein Kind gestaltet in der Therapie eine eigene Figur aus Modelliermasse.
«Viele Kinder wollen sofort ihre eigene Figur gestalten», erzählt Oplatka. Hier zum Beispiel ein zukünftiger Drache.

Wie viel lenken Therapeutinnen – und wie viel führt das Kind?

Greifen Sie denn nie mit Gegenfragen oder Erläuterungen zum Geschehenen ein?

Schäfli: In der Rolle der Therapeutin stellen wir, wenn nötig, klärende Fragen: Wie geht es dieser Figur jetzt? Braucht diese Figur hier noch einen Helfer? Als Figur greifen wir in die Handlung der Geschichte ein, wenn wir einem Kind modellhaft ein neues Verhaltensmuster aufzeigen möchten, zum Beispiel sich wehren, Nein sagen. Manche Kinder haben eine ganz klare Vorstellung davon, was unsere Figur im Stück sagen und tun soll – andere hingegen sind da offener und wünschen sich unbewusst vielleicht unsere Hilfe.

Oplatka: Im Spiel werden neue Verhaltensweisen ausprobiert oder auch schmerzhafte Themen angegangen. Das ist ein subtiler Vorgang. Den richtigen Moment zu finden, um mit unserer Figur in die Geschichte einzugreifen oder nachzuhaken, ist eine fragile Gratwanderung. Auch hier ist es jedoch von Kind zu Kind unterschiedlich. Gewisse Kinder brauchen viel Hilfe von unserer Seite, bei anderen genügt der Aufforderungscharakter der Figuren.

Sicherheit & Warnzeichen: Wann du rasch Hilfe holen solltest

Auch wenn spielerische Therapieformen vielen Kindern gut tun können: Manchmal braucht es raschere oder spezifischere Unterstützung.

Bei akuter Gefahr für Leib und Leben wählst du den Sanitätsnotruf 144. Kinder und Jugendliche selbst erreichen rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich die Beratung 147 von Pro Juventute, per Telefon, über WhatsApp oder per E-Mail an beratung@147.ch. Der Anruf erscheint auf keiner Telefonrechnung.[4] Für Eltern ist die eigene Kinderärztin die erste Adresse.

Hol dir zeitnah professionelle Hilfe (Kinderärzt:in, Kinder- und Jugendpsychiatrie oder -psychotherapie, Notfall), wenn du eines oder mehrere dieser Warnzeichen bemerkst:

  • Selbstverletzung, Suizidgedanken oder Aussagen wie «ich will nicht mehr leben».
  • Starke Verzweiflung, häufige Panikattacken oder Angst, die das Kind «überflutet».
  • Schulverweigerung oder anhaltendes Meiden wichtiger Situationen über mehrere Wochen.
  • Trauma-Hinweise (z.B. nach Gewalt/Unfall): wiederkehrende Albträume, Flashbacks, starke Schreckhaftigkeit, deutliche Veränderung im Verhalten.
  • Ess-, Schlaf- oder körperliche Beschwerden mit deutlichem Gewichtsverlust, Erschöpfung oder starker Einschränkung im Alltag.

Wichtig: Körperliche Symptome wie Bauchweh oder Kopfschmerzen sind bei Angst häufig, sollten aber besonders bei neuem, starkem oder anhaltendem Verlauf immer auch kinderärztlich abgeklärt werden.

Wenn die Schule zum Auslöser wird, findest du im Beitrag zur Schulangst bei Kindern konkrete Schritte. Bei älteren Kindern lohnt sich der Überblick zur psychischen Gesundheit von Teenagern.

So findest du in der Schweiz passende Hilfe

Wenn du dir unsicher bist, starte niedrigschwellig: deine Kinderärzt:in oder Hausärzt:in kann körperliche Ursachen prüfen, den Schweregrad einschätzen und dich gezielt weiterweisen. Je nach Kanton und Situation können auch der Schulpsychologische Dienst, schulärztliche Dienste oder die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste (KJPD) Anlaufstellen sein.

Der Weg über die Kinderärztin hat einen handfesten Vorteil. Ärztinnen und Ärzte mit dem Facharzttitel Kinder- und Jugendmedizin dürfen psychologische Psychotherapie anordnen, und erst diese Anordnung löst die Kostenübernahme durch die Grundversicherung aus.[5] Pro Anordnung sind bis zu 15 Sitzungen möglich; danach können weitere 15 angeordnet werden, und nach insgesamt 30 Sitzungen braucht es eine Kostengutsprache der Krankenkasse.[5]

Für eine Therapie ist es sinnvoll zu klären:

  • Qualifikation: Handelt es sich um eine psychotherapeutische Behandlung (z.B. Kinder- und Jugendpsychotherapeut:in) oder um ein komplementäres beziehungsweise kunsttherapeutisches Angebot?
  • Behandlungsplan: Welche Ziele werden vereinbart (z.B. wieder allein einschlafen, wieder in die Schule gehen), wie wird der Verlauf überprüft?
  • Elternarbeit: Wie wirst du einbezogen (Elterngespräche, Übungen für zuhause, Umgang mit Vermeidung)?
  • Kosten: Seit dem 1. Juli 2022 vergütet die Grundversicherung die psychologische Psychotherapie, wenn sie ärztlich angeordnet ist und die Fachperson dafür zugelassen ist.[5] Die Figurenspieltherapie fällt nicht in diese Kategorie: Ihr Ausbildungskonzept ist auf die Anerkennung durch die Register EMR und ASCA ausgerichtet.[2] Die Mehrheit der Schweizer Versicherer nutzt das EMR-Label als Entscheidungsgrundlage für Leistungen der Erfahrungsmedizin, also für Zusatzversicherungen.[6] Lass dir vor dem Start eine schriftliche Kostenschätzung geben und kläre mit deiner Versicherung ab, was sie übernimmt.

Ein Hinweis zu solchen Labels: Das EMR selbst hält fest, dass sein Qualitätslabel keine Aussage über die Wirksamkeit einer erfahrungsmedizinischen Methode macht.[6] «EMR-anerkannt» heisst also, dass die Ausbildung und die Qualitätskriterien stimmen, nicht dass die Methode geprüft wirksam ist.

Fachpersonen findest du über das nach Kantonen geordnete Verzeichnis des Fachverbands Figurenspieltherapie. Dort sind allerdings ausschliesslich dessen Mitglieder aufgeführt. Eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung, die unabhängig von einer einzelnen Methode ansetzt, vermitteln dir deine Kinderärztin oder der KJPD deines Kantons.

Was du als Elternteil zuhause tun kannst

Du musst nicht «perfekt therapieren». Oft helfen kleine, wiederholte Schritte im Alltag:

  • Gefühle benennen, ohne zu dramatisieren: «Ich sehe, du hast Angst. Wir schaffen das Schritt für Schritt.»
  • Vermeidung freundlich begrenzen: Angst schrumpft selten durch Ausweichen. Hilfreicher sind kleine, machbare Annäherungen (z.B. 2 Minuten allein im Zimmer, dann 5 Minuten).
  • Rituale und Vorhersehbarkeit: Gerade bei Trennungsangst helfen klare Abschiedsrituale und kurze, verlässliche Übergaben.
  • Spiel nutzen: Du kannst Figuren, Plüschtiere oder Zeichnungen einsetzen: «Was würde der mutige Fuchs jetzt tun?» So entsteht Distanz, ohne das Problem zu verdrängen.
  • Körper beruhigen: Atmen, Bewegung, warme Dusche, Kneten, Schaukeln – viele Kinder regulieren sich über den Körper schneller als über Worte.

Wenn du merkst, dass ihr euch in endlosen Beruhigungs-Schlaufen verheddert (du erklärst, versicherst, diskutierst, und die Angst wird trotzdem grösser), ist das kein «Elternversagen». Das ist oft ein Zeichen, dass ihr Unterstützung von aussen braucht. Dass Eltern die wichtigsten Rollenmodelle sind, betonen auch die Schweizer Behandlungsempfehlungen: Kinder brauchen die Möglichkeit, sich selbst zu erproben, um Ängste zu überwinden.[1]

Figurenspieltherapie für Erwachsene: was kann sie leisten?

Wir haben jetzt nur von Figurenspieltherapie für Kinder gesprochen, es gibt sie aber auch für Erwachsene. Müssen Sie dafür andere Methoden anwenden?

Schäfli: Eigentlich funktioniert die Figurenspieltherapie für Erwachsene genauso gut wie für Kinder. Die Geschichten, die im Spiel entstehen und die Themen, die darin angesprochen werden, reflektieren wir mit den Erwachsenen.

Oplatka: Es ist wohl einfach seltener, dass sich Erwachsene hundertprozentig auf das Figurenspiel einlassen. Immer mehr auf Interesse stösst unsere Methode aber in Senioren- oder Pflegeheimen. Es ist schon öfters vorgekommen, dass die verloren geglaubte Sprachfähigkeit von Menschen mit Demenz durch das Spiel mit einer Figur wieder aktiviert wurde oder wieder Blickkontakt aufgenommen werden konnte. Es ist natürlich das Schönste, wenn wir durch das Figurenspiel das Strahlen in den Augen der Menschen wieder finden können.

FAQ: Häufige Fragen von Eltern

Ab welchem Alter ist Figurenspieltherapie sinnvoll?

Das hängt weniger vom Alter als vom Entwicklungsstand ab. Viele Kinder können schon im Vorschulalter über Spiel, Figuren oder kreative Materialien Themen ausdrücken. Bei Jugendlichen braucht es oft mehr Mitbestimmung und Transparenz: Was ist das Ziel, wie hilft das im Alltag? Die Schweizer Empfehlungen betonen ohnehin, dass Kinder und Jugendliche altersgerecht über Symptome, Störung und Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt und in alle Entscheidungsschritte einbezogen werden.[1]

Woran erkenne ich, ob es meinem Kind in der Therapie besser geht?

Gute Zeichen sind: mehr Zutrauen, weniger Vermeidung, besserer Schlaf, weniger körperliche Beschwerden, mehr Freude an Kontakten. Dazu kommt, dass du zuhause allmählich wieder «normaler» begleiten kannst, ohne ständig Angst managen zu müssen. Seriöse Angebote vereinbaren konkrete Ziele und schauen regelmässig mit dir auf den Verlauf.

Kann ich mit meinem Kind Märchen nutzen, ohne Angst zu verstärken?

Ja, wenn du achtsam auswählst. Manche Kinder lieben klare Gut-und-Böse-Bilder, andere werden davon unruhig. Du kannst nachfragen: «Welche Stelle macht dir Mut? Welche ist gruselig?» und das Tempo deines Kindes respektieren. Wenn dein Kind immer wieder stark getriggert reagiert, ist weniger oft mehr.

Ersetzt Figurenspieltherapie eine Kinderpsychotherapie?

Nein. Für andere psychotherapeutische Verfahren neben der kognitiven Verhaltenstherapie lässt sich bei Angststörungen im Kindesalter aufgrund der Studienlage keine evidenzbasierte Empfehlung geben.[1] Ein spielerisches Angebot kann begleiten oder den Einstieg erleichtern. Bei einer diagnostizierten Angststörung gehört die Behandlung in fachliche Hände, und die Abklärung beginnt bei der Kinderärztin.

Weiterführende Links

  • 147.ch – Beratung und Hilfe für Kinder und Jugendliche, rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich.
  • figurenspieltherapie.ch – Fachschule und Fachverband Figurenspieltherapie mit Sitz in Olten, inklusive Verzeichnis der Mitglieder nach Kantonen (Anbieterseite).
  • poesietheater.com – Web-Auftritt von Brigit Oplatka

Quellen

  1. Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD), Swiss Society of Biological Psychiatry (SSBP), Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP): Die Behandlung der Angsterkrankungen. Behandlungsempfehlungen (PDF, 04/2023). Abgerufen am 21.08.2026.
  2. Fachschule Figurenspieltherapie FSF: Zertifizierung. Abgerufen am 21.08.2026.
  3. National Library of Medicine: PubMed-Suche «Figurenspieltherapie». Abgerufen am 21.08.2026.
  4. Pro Juventute: 147 – Wir sind für dich da. Abgerufen am 21.08.2026.
  5. Bundesamt für Gesundheit BAG: Neuregelung der psychologischen Psychotherapie ab 1. Juli 2022. Abgerufen am 21.08.2026.
  6. ErfahrungsMedizinisches Register EMR: Das EMR-Qualitätslabel. Abgerufen am 21.08.2026.

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