Gesundheit > Spital & TherapienZum Schutz Minderjähriger: «Es braucht klinische Studien bei Kindern» Dorothea Schulze Mengering Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Medikamente können bei ihnen anders wirken, anders abgebaut werden – und andere Nebenwirkungen auslösen. Trotzdem erhalten Kinder in der Praxis noch immer oft Arzneimittel, die primär an Erwachsenen geprüft wurden («off-label use»). Damit Heranwachsende besser geschützt sind und Behandlungen verlässlicher werden, braucht es mehr hochwertige klinische Studien mit Kindern – unter besonders strengen Regeln, wie sie in der Schweiz durch das Humanforschungsgesetz und Ethikkommissionen vorgegeben sind. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Oft werden Kindern Medikamente verabreicht, die nur durch klinische Studien mit Erwachsenen getestet wurden. Foto: djedzura, iStock, Thinkstock Worum es geht – und warum das auch dich als Elternteil betrifft Wenn dein Kind ernsthaft oder wiederholt krank ist, stehst du manchmal vor schwierigen Entscheidungen: Welche Behandlung ist wirklich wirksam? Welche Dosierung passt? Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten – und welche sind bei Kindern vielleicht häufiger oder gefährlicher als bei Erwachsenen? Genau hier setzen klinische Studien an: Sie sollen klären, ob ein Medikament oder eine Behandlung bei Kindern sicher ist, in welcher Dosis es wirkt und welche Risiken es gibt. Ohne solche Daten müssen Ärzt:innen häufiger auf Erfahrungswerte und «off-label use» ausweichen. Das kann medizinisch sinnvoll sein – bedeutet aber auch: Es gibt weniger solide Informationen speziell für Kinder. Warum Studien mit Kindern nötig sind – und warum das auch schützt Von der Geburt bis zur Pubertät verändert sich der Körper stark. Nicht nur Gewicht und Grösse unterscheiden sich, sondern auch Organfunktionen und Entwicklungsphasen: Leber und Nieren bauen Wirkstoffe anders ab, das Immunsystem reagiert anders, und auch das Gehirn entwickelt sich weiter. Deshalb können Medikamente, die bei Erwachsenen gut verträglich sind, bei Kindern zu hohe Wirkspiegel erreichen – oder umgekehrt zu wenig wirken. Ein zentrales Ziel moderner Kinderstudien ist deshalb, Kinder vor vermeidbaren Nebenwirkungen zu schützen und Unter- oder Überdosierungen zu verhindern. Studien liefern ausserdem Daten zu kindgerechten Darreichungsformen (z. B. flüssig, löslich, passende Dosierschritte), was im Alltag oft entscheidend ist. Auch heute gilt: Ärzt:innen dürfen Medikamente in bestimmten Situationen ausserhalb der zugelassenen Anwendung einsetzen. Das kann in der Pädiatrie wichtig sein, weil nicht für jede Altersgruppe genügend zugelassene Präparate existieren. Gerade deshalb ist Forschung nötig, damit Therapien künftig häufiger «on-label» möglich sind – also mit geprüften, zugelassenen Angaben für Kinder. Besonderheiten bei klinischen Studien mit Kindern Klinische Forschung mit Minderjährigen ist anspruchsvoller als bei Erwachsenen. Gründe sind unter anderem: Weniger Patient:innen: Viele Erkrankungen sind bei Kindern seltener – es braucht oft mehrere Zentren, damit genügend Teilnehmende zusammenkommen. Alter macht einen Unterschied: Was bei einem Teenager sinnvoll ist, kann für ein Frühgeborenes ungeeignet sein. Zusätzliche Schutzpflicht: Kinder gehören zu den vulnerablen Gruppen. Das Risiko-Nutzen-Verhältnis muss besonders streng geprüft werden, und die Information muss altersgerecht sein. Wie Prof. Dr. med. André Perruchoud, Präsident der Ethikkommission Nordwest- und Zentralschweiz, betont, ist dabei entscheidend, dass Kinder und Eltern die Studie wirklich «verstehen». Neben schriftlichen Unterlagen braucht es ein sorgfältiges Gespräch: Welche Worte werden verwendet? Wie lang ist die Erklärung? Und wer führt sie? Denn bei Minderjährigen müssen Ärzt:innen immer auch die Eltern bzw. die gesetzliche Vertretung einbeziehen – und gleichzeitig das Kind ernst nehmen. So ist Humanforschung in der Schweiz geregelt (HFG) – in einfachen Worten In der Schweiz regelt das Humanforschungsgesetz (HFG), unter welchen Bedingungen Forschung mit Menschen stattfinden darf. Für Minderjährige gelten zusätzliche Schutzvorgaben. Für dich als Elternteil sind vor allem diese Grundideen wichtig: Schutz geht vor: Risiken und Belastungen müssen so klein wie möglich gehalten werden. Nur was nötig ist: Was man auch bei Erwachsenen herausfinden kann, soll nicht an Kindern getestet werden (Grundsatz der Subsidiarität). Strenge Prüfung: Jede Studie braucht eine Bewilligung durch eine zuständige Ethikkommission. Je nach Studie gelten zusätzlich Anforderungen an Sicherheit und Überwachung. Transparenz: Du und dein Kind müssen verständlich informiert werden: Ziel, Ablauf, Dauer, Zusatzuntersuchungen, Risiken, Nutzen, Alternativen. Freiwilligkeit: Die Teilnahme ist freiwillig, und ein Rücktritt ist grundsätzlich jederzeit möglich. Wichtig: Es gibt Studien, die dem einzelnen Kind direkt helfen können (z. B. neue Therapie bei einer Erkrankung). Und es gibt Studien ohne direkten Nutzen für das teilnehmende Kind – diese sind nur unter besonders strengen Bedingungen zulässig, typischerweise mit minimalen Risiken und minimaler Belastung. Einwilligung bei Kindern: Wer entscheidet was? In der Schweiz spielt die Frage eine zentrale Rolle, ob ein Kind urteilsfähig ist. Urteilsfähigkeit bedeutet alltagsnah: Dein Kind kann die Situation verstehen, Folgen abwägen und eine Entscheidung bilden – bezogen auf genau diese Studie. Das hängt weniger vom Alter allein ab als von Reife, Situation und Komplexität. Wenn dein Kind urteilsfähig ist Dein Kind soll selbst zustimmen können (Einwilligung) – und es muss die Information altersgerecht erhalten. Du als Elternteil wirst je nach Situation zusätzlich einbezogen. In der Praxis wird häufig beides verlangt: Zustimmung des urteilsfähigen Kindes/Jugendlichen und Einverständnis der gesetzlichen Vertretung – besonders wenn mehr als minimale Risiken/Belastungen im Spiel sind. Ein «Nein» deines Kindes zählt. Auch wenn du überzeugt bist: Wenn dein Kind nicht teilnehmen will, ist das ein starkes Signal, das respektiert werden muss. Wenn dein Kind (noch) nicht urteilsfähig ist Dann entscheidet die gesetzliche Vertretung (meist die Eltern) im Interesse des Kindes. Trotzdem soll dein Kind – soweit möglich – einbezogen werden (z. B. durch kindgerechte Erklärung). Auch ein nonverbales Unbehagen oder Widerstand kann ein wichtiger Hinweis sein. Wenn ihr unsicher seid, lass dir erklären, wie die Studie die Urteilsfähigkeit einschätzt und wie das Einwilligungs-/Informationsgespräch abläuft. Seriöse Studien planen dafür ausreichend Zeit ein. Medikamente für Kinder im «Off-label-use» Viele Ärzt:innen kennen das Dilemma: Sie wollen die bestmögliche Behandlung anbieten, aber es gibt zu wenig für Kinder zugelassene Medikamente. Im Rahmen der Therapiefreiheit werden daher in der Pädiatrie häufig Arzneimittel eingesetzt, die zwar zugelassen sind, aber ausserhalb der vorgesehenen Anwendung – «off-label». Laut dem Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz (interpharma.ch) ist der «off-label-use» bei Neugeborenen fast immer der Fall, bei Kindern in mehr als der Hälfte der Fälle. Wichtig für dich: «Off-label» heisst nicht automatisch «unsicher». Ärzt:innen stützen sich oft auf Leitlinien, Fachwissen und langjährige Erfahrung – besonders bei Medikamenten, die sich in der Kinderheilkunde über viele Jahre bewährt haben. Gleichzeitig ist es bei neueren Wirkstoffen oder neuen Anwendungsgebieten besonders wichtig, Nebenwirkungen systematisch zu erfassen. Stellt ein Arzt oder eine Ärztin bei einem Kind Nebenwirkungen fest, die sich auf ein «off-label» eingesetztes Medikament zurückführen lassen, besteht eine Meldepflicht an Swissmedic. Das hilft, Risiken besser zu erkennen und andere Patient:innen zu schützen. Was du vor einer Zustimmung konkret prüfen kannst Diese Fragen helfen dir, die Studienunterlagen und das Gespräch einzuordnen – ohne dass du medizinische Vorkenntnisse brauchst: Ziel und Nutzen: Was genau will die Studie herausfinden? Gibt es einen möglichen direkten Nutzen für mein Kind – oder dient die Studie primär dem Erkenntnisgewinn? Ablauf: Wie viele Termine gibt es, wie lange dauern sie, und was passiert an jedem Termin? Zusatzbelastungen: Sind zusätzliche Blutentnahmen, Fragebögen, Bildgebung oder stationäre Aufenthalte nötig? Was ist medizinisch ohnehin nötig – und was kommt nur wegen der Studie dazu? Risiken: Welche Nebenwirkungen oder Komplikationen sind bekannt? Wie häufig sind sie? Was ist der Plan, wenn etwas auftritt? Placebo/Randomisierung: Gibt es eine zufällige Zuteilung? Besteht die Möglichkeit, dass dein Kind ein Placebo erhält? Welche Standardtherapie ist in jedem Fall gesichert? Rücktritt: Kannst du jederzeit abbrechen? Welche Folgen hätte das für die Behandlung deines Kindes? Kontakt: Wer ist im Alltag erreichbar (Studienteam, Notfallnummer)? Wer übernimmt die medizinische Verantwortung? Wenn du beim Lesen der Informationen das Gefühl hast, «ich verstehe das nicht richtig», ist das ein guter Grund nachzufragen. Seriöse Teams erklären so lange, bis du und (je nach Alter) dein Kind es nachvollziehen könnt. Datenschutz: Was passiert mit Daten und Proben? In klinischen Studien werden Gesundheitsdaten dokumentiert, manchmal auch Proben (z. B. Blut) analysiert. Für dich sind dabei vor allem diese Punkte wichtig: Wofür werden Daten/Proben verwendet? Nur für diese Studie – oder auch für spätere, verwandte Forschungsfragen? Wie werden sie geschützt? Üblich sind Pseudonymisierung (Code statt Name) und klare Zugriffsregelungen. Wie lange wird aufbewahrt? Lass dir die Aufbewahrungsdauer erklären. Widerruf: Welche Teile kannst du widerrufen (weitere Nutzung, Kontaktaufnahme)? Was passiert dann mit bereits erhobenen Daten? Wenn dir ein Punkt unangenehm ist (z. B. Weiterverwendung von Proben), frage nach Alternativen. Häufig gibt es Wahlmöglichkeiten innerhalb der Einwilligung. Entschädigung, Spesen, Aufwand: eine sensible, aber wichtige Frage Viele Eltern fragen sich: «Gibt es Geld dafür?» Grundsätzlich gilt: Eine Studienteilnahme soll nicht gekauft werden. In der Praxis kann es aber sein, dass Spesen übernommen werden (z. B. Reisekosten, Parkgebühren) oder eine angemessene Entschädigung für Zeitaufwand vorgesehen ist – besonders, wenn zusätzliche Termine anfallen. Du darfst transparent nachfragen: Welche Zahlungen sind vorgesehen, wofür genau, und wer zahlt? Seriöse Studien legen das klar schriftlich fest. Wenn du das Gefühl hast, eine Entschädigung setze euch unter Druck, sprich das im Gespräch offen an. Schweizer Netzwerk «SwissPedNet»: Forschung bei Kindern verbessern Weil Krankheiten bei Kindern oft seltener sind und es weniger potenzielle Studienteilnehmende gibt, haben sich Schweizer Kinderspitäler 2012 zum Netzwerk «SwissPedNet» zusammengeschlossen. Das Ziel: pädiatrische Forschung besser koordinieren, qualitativ stärken und Familien Wege erleichtern. Für dich kann das bedeuten: mehr Studien werden standortübergreifend angeboten, und die Betreuung ist in spezialisierten Zentren organisiert. Wie Perruchoud erklärt, geht es heute weniger darum, ob man Studien mit Kindern macht, sondern wie – mit klaren Richtlinien, sorgfältiger Planung und dem Grundsatz, unnötige Behandlungsschritte wegzulassen und Risiken konsequent zu minimieren. Wichtigste Grundregel zum Schutz Minderjähriger bleibt: nichts an Kindern zu testen, was man auch bei Studien mit Erwachsenen herausfinden könnte. Wo finde ich seriöse Studien in der Schweiz? Wenn du aktiv nach einer Studie suchst (z. B. bei einer seltenen Erkrankung oder wenn Standardtherapien nicht gut helfen), ist eine verlässliche, offizielle Studiensuche wichtig. In der Schweiz gibt es dafür eine nationale Plattform des Bundes, die klinische Studien transparent auffindbar macht (Suchfunktion nach Ort, Thema und weiteren Kriterien). Achte bei jeder Studie darauf, dass eine Ethikbewilligung vorliegt und dass eine klare Kontaktstelle genannt ist, die deine Fragen beantwortet. Wenn dir deine Kinderärzt:in oder ein Zentrum eine Studie vorschlägt, ist das oft der beste Einstieg: Dann kann direkt besprochen werden, ob die Studie medizinisch sinnvoll ist, welche Alternativen es gibt und wie gross der zusätzliche Aufwand im Alltag wäre. FAQ für Eltern Kann mein Kind später «Nein» sagen, auch wenn wir schon zugesagt haben? Ja. Kinder und Jugendliche dürfen ihre Meinung ändern. Ein Rücktritt ist grundsätzlich jederzeit möglich. Seriöse Studien erklären dir, wie dann weiter vorgegangen wird und welche Daten bereits verwendet werden dürfen. Müssen beide Eltern unterschreiben? Das hängt von der gesetzlichen Vertretung und der konkreten Situation ab (z. B. gemeinsames oder alleiniges Sorgerecht) sowie von den Anforderungen der Studie. Frag das Studienteam frühzeitig und lass dir sagen, welche Unterschriften benötigt werden, damit es nicht in letzter Minute stressig wird. Was passiert, wenn Nebenwirkungen auftreten? Das Studienteam muss einen klaren Sicherheitsplan haben: Wer ist zuständig, wie schnell wird reagiert, und wie wird die Behandlung organisiert? Lass dir erklären, welche medizinische Versorgung im Ereignisfall vorgesehen ist und wen du rund um die Uhr kontaktieren kannst. Was, wenn ich Angst habe, mein Kind «als Versuchsperson» zu gefährden? Dieses Gefühl ist verständlich. Eine gute Studie nimmt diese Sorge ernst: Sie erklärt Nutzen und Risiken ohne Druck, zeigt Alternativen auf und respektiert ein Nein. Wenn du dich nach dem Gespräch immer noch gedrängt fühlst oder vieles unklar bleibt, ist es legitim, abzulehnen oder eine zweite Meinung einzuholen. Ethisches Grundprinzip «Gerechtigkeit» Eine der wichtigsten ethischen Leitideen ist «Gerechtigkeit». In klinischen Studien bedeutet das: Nutzen und Lasten der Forschung sollen fair verteilt sein, und sozial Schwächere dürfen nicht ausgenutzt werden. Perruchoud nennt als Beispiel, dass es unethisch wäre, Medikamente an Kindern in Regionen zu testen, in denen sie später gar nicht verfügbar sind. Umgekehrt können Studien dort besonders sinnvoll sein, wo die betroffene Krankheit tatsächlich häufig ist und die Ergebnisse den Menschen vor Ort zugutekommen.