Gesundheit > Spital & TherapienSchielen: Frühzeitige Behandlung lässt Kinder scharf sehen Sigrid Schulze Wohin schaut dein Kind? Das rechte Auge scheint in die eine Richtung zu gucken, das linke Auge aber in eine andere. Blickt es dich an oder ganz woanders hin? Diese Verwirrung entsteht, wenn ein Kind schielt (Strabismus). Schielen kann Folgen für die Sehentwicklung haben – wichtig ist deshalb, nicht abzuwarten, sondern frühzeitig abklären zu lassen, ob eine Behandlung nötig ist. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Je früher Schielen behandelt wird, umso besser die Erfolgsaussichten der Therapie. Foto: Monkey Business Images, Monkey Business, Thinkstock Wie süss das Baby auf dem Rücken liegt und strampelt! Und wie toll es sich an Grosis Hose hochzieht! Fotos von Babys und Kleinkindern anzusehen, macht Eltern immer wieder grossen Spass. Manchmal geben Bilder sogar Hinweise auf die Augen: Wenn auf Fotos mit Blitz eine Pupille auffällig weisslich statt rot wirkt oder die «roten Augen» deutlich unterschiedlich sind, solltest du das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Das kann (muss aber nicht) mit Schielen oder anderen Augenproblemen zusammenhängen und gehört zeitnah augenärztlich abgeklärt. Wann ist Schielen normal – wann nicht? Viele Babys wirken in den ersten Lebenswochen gelegentlich «schielend». Das liegt oft daran, dass das Zusammenspiel der Augenbewegungen erst reift und Babys anfangs noch nicht konstant sauber fixieren. Entscheidend ist das Zeitfenster: Laut Universitätsspital Zürich sollte ein vorübergehendes Schielen bis etwa zum Alter von drei bis vier Monaten verschwinden. Wenn es danach weiterhin auffällt oder häufig vorkommt, ist eine augenärztliche Untersuchung sinnvoll. Kurzzeitig vs. anhaltend: wann du abklären lassen solltest Eine Kontrolle ist besonders wichtig, wenn eines davon zutrifft: Das Schielen ist ab etwa 3–4 Monaten weiterhin regelmässig sichtbar, es wird stärker, ein Auge weicht immer wieder in dieselbe Richtung ab (nach innen, aussen, oben oder unten) oder du hast das Gefühl, dein Kind fixiert Gesichter oder Spielzeug schlechter als Gleichaltrige. Auch wenn du unsicher bist: Lieber einmal zu früh abklären als zu spät – denn die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die Sehentwicklung. Was ist Schielen (Strabismus)? Beim Schielen sind die Sehachsen beider Augen nicht auf dasselbe Ziel ausgerichtet. Für das räumliche Sehen müssten beide Augen möglichst gleichzeitig in dieselbe Richtung schauen und das Gehirn würde die beiden leicht unterschiedlichen Bilder zu einem räumlichen Gesamteindruck verarbeiten. Weichen die Augen ab, entstehen zwei unterschiedliche Bildinformationen. Um störende Doppelbilder zu vermeiden, kann das Gehirn das Bild des abweichenden Auges «ausblenden». Das Problem: Wird ein Auge über längere Zeit unterdrückt, kann es sich nicht gut entwickeln. Dann droht eine Schwachsichtigkeit (Amblyopie) – selbst wenn das Auge anatomisch gesund ist. Genau deshalb ist frühe Diagnostik und Therapie so wichtig. Schielen: die Ursachen Schielen kann verschiedene Gründe haben. Häufig steckt eine Fehlsichtigkeit dahinter (zum Beispiel Weitsichtigkeit, Kurzsichtigkeit oder eine Hornhautverkrümmung). Besonders ausgeprägt fällt es oft auf, wenn ein Auge deutlich schlechter sieht als das andere. Dann kann das Zusammenspiel aus Fokussierung und Augenmuskeln aus dem Gleichgewicht geraten. Es gibt auch Formen, bei denen das Schielen vor allem in bestimmten Situationen sichtbar wird – zum Beispiel bei Müdigkeit oder wenn dein Kind krank ist. Seltener liegen Störungen der Augenbeweglichkeit oder neurologische Ursachen zugrunde. Wichtig für dich: Nicht du musst die Ursache erkennen. Entscheidend ist, dass das Schielen fachärztlich eingeordnet wird, damit das passende Vorgehen gewählt werden kann. Warnzeichen, die rasch abgeklärt werden sollten Manches Schielen ist zwar nicht akut gefährlich, aber es gibt klare Warnsignale, bei denen du rasch einen Termin vereinbaren solltest (oder bei plötzlichem Beginn auch notfallmässig abklären): Schielen, das plötzlich neu auftritt oder schnell stärker wird ein Auge wirkt «stehend» oder die Augenbeweglichkeit scheint eingeschränkt dein Kind kneift häufig ein Auge zu (vor allem draussen bei hellem Licht) auffällige Kopfhaltung (ständiges Schiefhalten oder Drehen des Kopfes) deutliche Lichtempfindlichkeit, häufiges Stolpern oder Greifen daneben weisslicher Pupillenreflex auf Fotos oder im Licht (nicht nur «rote Augen») Auch wenn dein Kind sonst fit wirkt: Solche Zeichen sollten nicht bis zur nächsten Vorsorgeuntersuchung warten. So wird Schielen untersucht Bei der Untersuchung schaut die Augenärzt:in (oft gemeinsam mit Orthoptist:innen in einer Sehschule/Orthoptik) nicht nur, ob ein Kind schielt, sondern auch wie stark und warum. Typische Bausteine sind: Beobachtung und Fixation: Kann dein Kind ein Objekt altersgerecht fixieren und verfolgen? Abdecktest (Cover-Test): Dabei wird ein Auge kurz abgedeckt, um zu sehen, ob das andere Auge eine Korrekturbewegung macht – ein Hinweis auf Schielen. Prüfung der Augenbeweglichkeit: So lässt sich erkennen, ob alle Augenmuskeln gut zusammenarbeiten. Refraktionsbestimmung (Messung der Fehlsichtigkeit): Häufig mit pupillenerweiternden Tropfen, damit das Ergebnis zuverlässig ist (gerade bei Babys und Kleinkindern). Das Ziel ist immer: bestmögliche Sehschärfe auf beiden Augen und – wenn möglich – gutes beidäugiges Sehen. Behandlung – Brille, Pflaster/Okklusion, Sehschule/Orthoptik, Operation Welche Therapie sinnvoll ist, hängt von Ursache, Alter und Ausprägung ab. Häufig werden mehrere Schritte kombiniert. Laut Universitätsspital Zürich kann eine Behandlung bei schielenden Kindern bereits ab dem sechsten Lebensmonat beginnen. Behandlungsmethoden gegen das Schielen Brille: Schielende Kinder sind entweder kurz- oder weitsichtig oder haben eine Hornhautverkrümmung. Deshalb brauchen sie in der Regel eine Brille, die den Fehler ausgleicht. Das Gehirn bekommt auf diese Weise Bilder, die es zu einem sinnvollen Bild zusammenbauen kann. Nur eine leichte Weitsichtigkeit kann das Auge selbst ausgleichen. Pflaster: Ist ein Auge bereits durch Schwachsichtigkeit beeinträchtigt, hilft ein Pflaster, das in bestimmten Zeitintervallen über das gut sehende Auge geklebt wird. Das sehschwache Auge muss nun also die Aufgabe des Sehens übernehmen. Auf diese Weise wird es trainiert, bis beide Augen wieder die gleiche Sehkraft besitzen. «Diese sogenannte Okklusionsbehandlung, hilft zumeist, die Schwachsichtigkeit erfolgreich zu behandeln», erklärt Dr. Walter C.J. Flögel. Der Besuch einer Sehschule kann diesen Prozess unterstützen. Operation: Schielt das Kind besonders stark, kann eine Operation der Augenmuskeln helfen, einen Parallelstand der Augen zu erreichen. Wichtig für den Alltag: Eine Operation ersetzt nicht automatisch Brille oder Pflastertherapie. Oft bleibt die Behandlung von Fehlsichtigkeit und Amblyopie weiterhin zentral, damit beide Augen gut sehen lernen. Entscheidend ist die konsequente Umsetzung über Monate – manchmal auch länger – mit regelmässigen Kontrollen. Schielen: die Folgen - und warum Zeit so wichtig ist Damit Kinder räumlich sehen können, müssen beide Augen in dieselbe Richtung blicken. «Dadurch entsteht in jedem Auge eine Abbildung der Umwelt, die sich nur geringgradig von der des anderen Auges unterscheidet», erklärt der Facharzt für Augenheilkunde Dr. Walter C.J. Flögel aus Zürich. «Im Gehirn werden die Abbildungen zu einem einzigen räumlichen Bild verrechnet.» Wenn das Gehirn das Bild des schielenden Auges über längere Zeit unterdrückt, kann eine Amblyopie entstehen. Dann sieht das betroffene Auge trotz «eigentlich gesundem» Auge dauerhaft schlechter. Je früher eine Behandlung startet, desto besser sind die Chancen, die Sehentwicklung in die richtige Richtung zu lenken. Alltagstipps Viele Eltern wissen, dass Brille oder Pflaster wichtig wären – und erleben dann, wie schwierig es im Alltag sein kann. Diese Strategien helfen häufig: Routinen statt Diskussionen: Pflaster/Brille möglichst immer zur gleichen Tageszeit einführen (z.B. nach dem Znüni, vor dem Spielplatz). Mit Aktivität koppeln: Während der Pflasterzeit Aktivitäten wählen, die das Sehen fordern, aber Spass machen: Bilderbücher anschauen, malen, Puzzle, Bauklötze, Ball rollen. Kurze Erfolgseinheiten: Gerade am Anfang lieber mehrere gut machbare Etappen als ein täglicher Kampf. Den Plan stimmt ihr mit der Fachperson ab. Haut schonen: Pflaster vorsichtig abziehen, bei empfindlicher Haut die empfohlenen Pflegehinweise der Augenärzt:in/Orthoptist:in beachten. Bei Rötung oder Ekzem: früh melden, oft gibt es Alternativen. Brille alltagstauglich machen: Gute Passform ist entscheidend (sie darf nicht rutschen). Wenn dein Kind die Brille ständig abzieht, lohnt sich eine Nachkontrolle der Passform und der Stärke. Entlastung für dich: Es ist normal, wenn dein Kind protestiert. Du machst nichts falsch – es ist ungewohnt und manchmal anstrengend. Konsequenz wirkt hier oft stärker als perfekte «Motivation». Fragenliste für den Termin bei der Augenärzt:in Handelt es sich um echtes Schielen (Strabismus) oder um ein «Pseudoschielen» (nur optischer Eindruck)? Wie gross ist der Schielwinkel und in welche Richtung weicht das Auge ab? Liegt eine Fehlsichtigkeit vor (Weitsichtigkeit/Kurzsichtigkeit/Astigmatismus)? Braucht mein Kind eine Brille? Gibt es Hinweise auf Amblyopie? Wie wird die Sehschärfe altersgerecht geprüft? Wie viele Stunden Pflaster pro Tag sind empfohlen – und wie lange voraussichtlich? Wie oft braucht es Kontrollen? Wäre eine Sehschule/Orthoptik sinnvoll, und wie läuft das konkret ab? Wann wäre eine Operation angezeigt – und was kann sie leisten (und was nicht)? Was sind Warnzeichen zwischen den Terminen, bei denen wir früher kommen sollten? Schnell-Check: Soll ich jetzt abklären lassen? Ja, wenn dein Baby nach dem 4. Monat noch deutlich und regelmässig schielt. Ja, wenn das Schielen neu auftritt, plötzlich stärker wird oder du eine auffällige Kopfhaltung beobachtest. Ja, wenn ein Auge auf Fotos weisslich statt rot wirkt. Ja, wenn du unsicher bist oder dein Bauchgefühl sagt: «Irgendetwas stimmt nicht.»