Gesundheit > Spital & TherapienSchüsslersalze: Alternative Behandlung von Alltagskrankheiten Sigrid Schulze Wie schön wäre es, für die alltäglichen Beschwerden und Krankheiten der Familie ein Rezept zu haben, das leicht anwendbar ist – ohne Nebenwirkungen. Viele Menschen hoffen, dass Schüsslersalze genau das bieten. Wichtig zu wissen: Für eine spezifische Wirksamkeit über den Placebo-Effekt hinaus gibt es nach heutigem Stand keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege. Bei Kindern zählt deshalb vor allem, dass du Warnzeichen ernst nimmst und bewährte Massnahmen kennst. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Schüsslersalze sind natürliche Heilmittel, die einen Mangel von Mineralstoffen in Körperzellen ausgleichen. Bild: Aleksandr Ermolaev Kurzfazit: Was ist belegt – was nicht? Schüsslersalze sind stark verdünnte Mineralsalze, meist als Tabletten mit Milchzucker (Lactose). Viele Eltern berichten subjektiv von Besserung – gerade bei leichten, selbstlimitierenden Beschwerden wie Erkältungen, die häufig auch ohne Behandlung nach ein paar Tagen wieder abklingen. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt jedoch: Eine krankheitsspezifische Wirksamkeit ist nicht ausreichend belegt. In der Praxis kann eine wahrgenommene Wirkung auch durch Placebo-Effekte, den natürlichen Verlauf oder durch begleitende Pflege (Ruhe, Flüssigkeit, Wärme) erklärt werden. Wenn du Schüsslersalze nutzen möchtest, sollte das deshalb nicht an die Stelle einer medizinisch sinnvollen Abklärung oder Behandlung treten – besonders nicht bei Säuglingen und Kleinkindern. Was Schüsslersalze sind Schüsslersalze sind alternativmedizinische Präparate von Mineralsalzen, die in hohen Potenzen durch Schütteln, Reiben und Zerkleinern stark verdünnt wurden. «D6» oder «D12» sind die Standardpotenzen. Die Aufschrift «D6» zeigt eine sechsmalige Verdünnung des Wirkstoffs im Verhältnis «eins zu zehn» an. Daraus ergibt sich bereits eine Verdünnung der Ausgangssubstanz von eins zu einer Million. Eine D12-Potenz wurde sogar zwölf Mal in der Relation «eins zu zehn» verdünnt. Der Anteil der Ausgangssubstanz im Endprodukt ist also am Ende noch weitaus geringer. Von der Suche nach einer übersichtlichen Heilmethode Schüsslersalze gehen auf den Allgemeinmediziner Wilhelm Heinrich Schüssler (1821–1898) zurück. Schüssler, der auch als Homöopath arbeitete, fand die hohe Anzahl homöopathischer Mittel zu unübersichtlich. Er suchte nach einer Methode, die mit weniger Mitteln auskommen konnte. Ausgehend von der Theorie, dass Krankheiten durch Störungen des Mineralhaushaltes der Körperzellen entstehen, entwickelte er die Therapie mit zwölf Mineralsalzen, die notwendig für die Leistungsfähigkeit der Körperzellen sind. In potenzierter Form, so seine Annahme, können sie die Schutzhüllen der Zellen durchdringen und sie wieder zum guten Funktionieren veranlassen. Die weiteren Mineralstoffe, die ebenfalls für den Körper von Bedeutung sind und nach Schüsslers Tod entdeckt wurden, heissen Ergänzungsmittel. Was sagt die Wissenschaft zur Wirkung? Für Eltern ist meist die Kernfrage: «Hilft es wirklich – und wenn ja, wofür?» Nach heutigem Stand gibt es keinen allgemein anerkannten wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis, dass Schüsslersalze Krankheiten gezielt behandeln oder heilen. Das bedeutet nicht, dass deine Erfahrung «falsch» ist – aber: Wenn Beschwerden auch ohne Therapie abklingen, ist es im Alltag schwer zu unterscheiden, ob ein Mittel ursächlich geholfen hat oder ob der Körper sich selbst reguliert hat. Gerade bei Kindern ist diese Unterscheidung wichtig, weil sich Eltern sonst auf eine Selbstbehandlung verlassen könnten, obwohl eine Abklärung nötig wäre. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betont in ihrer Gesundheitsinformation, wie stark Erwartungen und Kontextfaktoren (Zuwendung, Ritual, Hoffnung) Beschwerden beeinflussen können – ohne dass ein spezifischer Wirkstoff die Ursache ist (Placebo-Effekte). Sicherheit bei Kindern: Was Eltern unbedingt beachten sollten Warnzeichen: Dann bitte nicht abwarten Auch wenn Schüsslersalze meist als «harmlos» wahrgenommen werden: Bei Kindern ist nicht das Präparat das grösste Risiko, sondern das Übersehen einer ernsten Erkrankung oder einer Austrocknung. Wenn eines der folgenden Warnzeichen zutrifft, solltest du rasch ärztlich abklären lassen (Kinderärzt:in, Notfallpraxis, je nach Situation Notruf): Säuglinge unter 3 Monaten mit Fieber (rektal ab 38,0 °C) oder deutlich verändertem Allgemeinzustand Atemnot, pfeifende Atmung, Einziehungen zwischen den Rippen, bläuliche Lippen, sehr schnelle Atmung Zeichen von Austrocknung: deutlich weniger nasse Windeln/Urinausscheidung, trockener Mund, keine Tränen, sehr schläfrig oder auffallend apathisch Anhaltendes Erbrechen oder blutiger/ schwarzer Stuhl, starke Bauchschmerzen, Nackensteife Fieber, das mehrere Tage anhält, oder Fieber mit schlechtem Allgemeinzustand Starke Schmerzen (Ohr, Bauch, Kopf) oder Schmerzen, die nicht erklärbar sind Krampfanfälle oder deutliche Verwirrtheit Diese Empfehlungen entsprechen der gängigen kinderärztlichen Triage-Logik: Bei jungen Säuglingen, Atemproblemen und Dehydratationszeichen gilt «lieber einmal zu früh abklären als einmal zu spät». Inhaltsstoffe: Lactose, Zucker und Unverträglichkeiten Viele Schüsslersalz-Tabletten bestehen zu einem grossen Teil aus Milchzucker (Lactose) als Trägerstoff. Das ist für die meisten Kinder unproblematisch, kann aber bei Lactoseintoleranz Beschwerden auslösen oder verstärken (zum Beispiel Bauchweh, Blähungen, Durchfall). Bei Diabetes sollte der Zuckergehalt in die Tagesplanung einbezogen werden. Achte ausserdem auf die Packungsangaben zu Hilfsstoffen, gerade wenn dein Kind Allergien hat oder du schon einmal Unverträglichkeiten erlebt hast. Wechselwirkungen? Durch die starke Verdünnung ist eine pharmakologische Wechselwirkung mit Medikamenten zwar unwahrscheinlich. Trotzdem gilt: Wenn dein Kind Medikamente benötigt (z.B. Antibiotika, Asthma-Sprays, Antiepileptika), sollten Schüsslersalze keine Alternative sein. Wenn du unsicher bist, frag in der Apotheke oder bei der Ärzt:in – vor allem dann, wenn es sich um Säuglinge, chronische Erkrankungen oder wiederkehrende Beschwerden handelt. Wenn du Schüsslersalze dennoch nutzen möchtest: verantwortungsvoll in 5 Regeln Nur ergänzend, nicht ersetzend: Nutze sie höchstens als Begleitung – nicht statt wirksamer Therapien oder notwendiger Abklärungen. Klare Zeitgrenze setzen: Wenn nach 24–48 Stunden keine Besserung eintritt (oder es schlechter wird), brich die Selbstbehandlung ab und lass dein Kind beurteilen. Nur bei leichten Beschwerden: Zum Beispiel bei milden, unkomplizierten Erkältungssymptomen ohne Red Flags. Auf Inhaltsstoffe achten: Gerade Lactose/ Zucker und mögliche Hilfsstoffe im Produkt. Ritual ja – Druck nein: Wenn dein Kind Tabletten nicht nehmen will, ist das kein «Muss». Zuwendung, Ruhe und Flüssigkeit sind oft der wirksamere Teil. Wer Schüsslersalze testen möchte, findet hier eine Übersicht, in welchen Bereichen die einzelnen Salze helfen sollen. Nr. 1 Calcium fluoratum: Bindegewebe, Gelenke, Haut Anwendbar zum Beispiel bei rissiger Haut, Hornhautbildungen, Zahnerkrankungen, Gewebserschlaffung, Krampfadern und Hämorrhoiden. Nr. 2 Calcium phosphoricum: Knochen, Zähne Anwendbar zum Beispiel bei Störungen der Zahn- und Knochenbildung und schlecht heilenden Knochenbrüchen. Nr. 3 Ferrum phosphoricum: Immunsystem Anwendbar zum Beispiel bei Entzündungen und frischen Wunden, Quetschungen, Verstauchungen und Blutungen. Nr. 4 Kalium chloratum: Schleimhäute Anwendbar zum Beispiel bei Heiserkeit, Keuchhusten, Mittelohrkatarrh, Augenentzündung und Sehnenscheidenentzündung. Nr. 5 Kalium phosphoricum: Nerven, Psyche Anwendbar zum Beispiel bei Schlaflosigkeit, Erschöpfungszuständen des Körpers und Geistes, Gedächtnisschwäche, Herzschwäche, Muskelschwäche und Lähmungsgefühl. Nr. 6 Kalium sulfuricum: Entgiftung (Entschlackung) Anwendbar zum Beispiel bei Entzündung, Katarrhen mit gelblich-schleimiger Absonderung, Schnupfen (gelbschleimigem Fliessschnupfen) und Husten. Nr. 7 Magnesium phosphoricum: Muskeln, Nerven Anwendbar zum Beispiel bei Krämpfen, Magen-, Gallen- und Nierenkolik. Nr. 8 Natrium chloratum: Flüssigkeitshaushalt Anwendbar zum Beispiel bei Blutarmut, Tränen- und Speichelfluss, bei wässrigem Nasenkatarrh und Bläschenausschlag. Nr. 9 Natrium phosphoricum: Stoffwechsel Anwendbar zum Beispiel bei Rheuma, Ischias, Gelbsucht und Nierenentzündung. Nr. 10 Natrium sulfuricum: Innere Reinigung (Ausscheidung) Anwendbar zum Beispiel bei Schnupfen, Grippe, Gallenstauung, Leberbeschwerden, Verstopfung, Durchfall und Rheuma. Nr. 11 Silicea: Haare, Haut, Bindegewebe Anwendbar zum Beispiel bei Erschöpfung, Drüsenvereiterungen, Arterienverkalkung, Zahngeschwüren, Gerstenkorn, Überbein, Hautjucken, Haarausfall. Nr. 12 Calcium sulfuricum: Gelenke Anwendbar zum Beispiel bei Eiterungen und Abszessen, Rachitis, Blasen- und Nierenentzündungen. Schüsslersalze einnehmen Wie es geht: Die Tabletten unter der Zunge auflösen lassen. Für Säuglinge die Tabletten mit etwas abgekochtem Wasser auflösen und mit einem Löffel verabreichen. Was bei Unverträglichkeiten zu tun ist: «Für Menschen, die keinen Milchzucker vertragen, gibt es die Schüssler-Salze auch als Globuli und in Tropfenform», erklärt der Schuessler Verein Schweiz. «Von den Globuli entsprechen 5 Globuli = 1 Tablette, von den Tropfen sind es auch 5 Tropfen.» Diabetiker müssen die Menge des Zuckers in ihrem Tages-Diätplan berücksichtigen. So lange werden Schüsslersalze eingenommen: Schüsslersalze werden so lange eingenommen, bis die Symptome verschwunden sind. Praktischer und sicherer ist: Setze dir zusätzlich eine klare Grenze (z.B. 24–48 Stunden). Wenn es nicht besser wird oder neue Symptome dazukommen, lass dein Kind beurteilen. Schüssler-Tabletten: zur Dosierung Im Umlauf sind teils sehr häufige Einnahmeempfehlungen. Für Familien ist wichtig zu wissen: Da die spezifische Wirksamkeit nicht belegt ist, lässt sich auch keine evidenzbasierte Dosierung ableiten, die einen medizinischen Nutzen zuverlässig erwarten lässt. Wenn du dich trotzdem an Dosierangaben auf dem Produkt oder an Empfehlungen aus der Apotheke hältst, gilt besonders bei Kindern: nicht «mehr ist besser», sondern möglichst zurückhaltend – und immer mit Blick auf Warnzeichen und den Verlauf. Häufige Alltagsbeschwerden: evidenzbasierte Alternativen, die Kindern oft wirklich helfen Erkältung Bei unkomplizierten Atemwegsinfekten helfen vor allem unterstützende Massnahmen: ausreichend trinken, Ruhe, frische Luft, altersgerechtes Fiebermanagement und bei verstopfter Nase bei kleinen Kindern Kochsalzlösung. Antibiotika sind bei typischen Erkältungen in der Regel nicht sinnvoll, weil sie meist viral bedingt sind. Fieber Fieber ist häufig eine normale Abwehrreaktion. Entscheidend ist, wie es deinem Kind insgesamt geht (trinkt es, ist es ansprechbar?), nicht nur die Zahl auf dem Thermometer. Für Säuglinge und bei schlechtem Allgemeinzustand gilt: frühzeitig abklären lassen. Bauchweh, Durchfall, Erbrechen Hier ist das wichtigste Ziel, eine Austrocknung zu verhindern. Bei Durchfall/Erbrechen sind orale Rehydratationslösungen (Elektrolytlösungen) gut untersucht. Wenn dein Kind wenig trinkt, sehr müde wirkt oder der Durchfall blutig ist, solltest du rasch medizinischen Rat einholen. Schweiz: Status, Kosten und Erstattung In der Schweiz sind Schüsslersalze je nach Produkt und Zulassung unterschiedlich einzuordnen (z.B. als Arzneimittel der Komplementärmedizin oder als Präparat mit spezifischen Zulassungswegen). Für dich als Elternteil ist praktisch relevant: Die Kosten werden in der Regel nicht automatisch von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) übernommen. Ob eine Zusatzversicherung Leistungen in der Komplementärmedizin erstattet, hängt vom Vertrag ab. Wenn es dir um Kostenklarheit geht, lohnt sich vor dem Kauf ein kurzer Blick in die Versicherungsbedingungen oder eine Nachfrage bei der Kasse. FAQ Sind Schüsslersalze «natürlich» und deshalb automatisch sicher? «Natürlich» bedeutet nicht automatisch «wirksam» oder «risikofrei». Bei Schüsslersalzen ist das Produkt an sich meist gut verträglich – das grössere Risiko ist, ernste Warnzeichen zu übersehen oder notwendige Therapien aufzuschieben. Darf ich Schüsslersalze in Schwangerschaft und Stillzeit verwenden? Viele Produkte werden als gut verträglich beworben. Trotzdem gilt: Wenn du Beschwerden hast, die stärker sind, neu auftreten oder anhalten, lass dich medizinisch beraten. In Schwangerschaft und Stillzeit ist eine korrekte Abklärung oft wichtiger als Selbstbehandlung. Warum berichten so viele Menschen von Erfolg? Viele Alltagsbeschwerden bessern von selbst. Zusätzlich können Erwartung, Zuwendung und Rituale Symptome messbar beeinflussen (Placebo-Effekte), ohne dass ein spezifischer Wirkstoff die Ursache behandelt. Grenzen der Schüsslersalze Auch wenn über die Wirkungsweise der Schüsslersalze gestritten wird, ist sich die Fachwelt in einem Punkt einig: Schüsslersalze ersetzen keinen Arztbesuch! Spätestens bei schweren oder fortgeschrittenen Erkrankungen stossen Schüsslersalze sicher an ihre Grenzen. Wenn du unsicher bist, ob es «nur» eine harmlose Phase ist: Hol dir lieber früh Unterstützung – das ist gute Fürsorge, nicht Übervorsicht.