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Kunsttherapie: Wie sie Kindern und Erwachsenen helfen kann

Du musst kein Künstler sein, um in eine Kunst- und Ausdruckstherapie einzusteigen. In der Kunsttherapie geht es nicht um «schöne Bilder», sondern um den Prozess: über Farben, Formen, Bewegung oder Materialien das auszudrücken, wofür im Alltag manchmal die Worte fehlen. Wie das gestressten Kindern oder Eltern helfen kann, erklärt Leo Lalkaka im Interview – ergänzt um eine aktuelle, wissenschaftlich fundierte Einordnung, damit du Chancen und Grenzen realistisch einschätzen kannst.

Eine Kunsttherapie kann gestressten Eltern helfen.
Eine Kunsttherapie kann für Entspannung sorgen. (Bild: C Paulussen/iStock, Thinkstock)

Was ist Kunst- und Ausdruckstherapie?

Kunst- und Ausdruckstherapie (auch Kreativtherapie genannt) ist ein psychotherapeutisch orientiertes Verfahren, das künstlerische Mittel nutzt, um Gefühle, Körperempfinden, innere Bilder und Beziehungsmuster sichtbar und besprechbar zu machen. Viele Menschen erleben dabei: Wenn die Hände gestalten dürfen, wird der Kopf etwas leiser – und es entsteht Abstand zu Stress, Grübelschleifen oder belastenden Erinnerungen. Wichtig: Es geht nicht um Leistung, Talent oder ein «richtiges» Ergebnis, sondern um Wahrnehmen, Ausprobieren, Regulieren und Verstehen.

Je nach Setting kann Kunsttherapie als eigenständige Behandlung, als ergänzende Therapie (zum Beispiel parallel zu Psychotherapie oder medizinischer Behandlung) oder als stabilisierende Unterstützung eingesetzt werden.

Für wen kann Kunsttherapie hilfreich sein – und wann nicht?

Kunsttherapie kann für Erwachsene, Jugendliche und Kinder hilfreich sein, wenn du oder dein Kind …

  • unter Stress, Erschöpfung oder Überlastung leidest und wieder Zugang zu Ruhe, Körpergefühl und Ressourcen finden möchtest
  • Angst oder depressive Symptome erlebst und Worte nicht reichen oder du leichter über Bilder/Materialien ins Gespräch kommst
  • Schwierigkeiten mit Emotionsregulation hast (zum Beispiel Wut, Impulsivität, innere Anspannung)
  • nach belastenden Erfahrungen vorsichtig Stabilität und Sicherheit aufbauen möchtest (oft in enger Absprache mit behandelnden Fachpersonen)
  • als Kind über Spiel und Gestalten leichter ausdrückst, was dich bewegt (z.B. bei Anpassungsschwierigkeiten, Trauer, konflikthaften Familiensituationen)

Nicht geeignet als alleinige Massnahme ist Kunsttherapie, wenn eine akute medizinische oder psychiatrische Abklärung nötig ist oder wenn du eine schnelle Krisenintervention brauchst. Bei schweren Depressionen, Essstörungen, Psychosen, ausgeprägten Traumafolgen, Suchterkrankungen oder wenn Medikamente/ärztliche Behandlung notwendig sind, sollte Kunsttherapie in der Regel nur ergänzend und gut koordiniert stattfinden.

Was sagt die Forschung zur Wirkung?

Die Studienlage ist je nach Thema unterschiedlich: Für einige Bereiche gibt es ermutigende Ergebnisse, für andere ist die Evidenz noch begrenzt. Insgesamt zeigen wissenschaftliche Übersichtsarbeiten, dass kunsttherapeutische Interventionen Symptome wie Stress, Angst oder depressive Belastung bei manchen Menschen reduzieren können – allerdings hängt der Nutzen stark von Ausgangslage, Setting, Qualifikation der behandelnden Fachperson und der begleitenden Behandlung ab.

Ein nüchterner Orientierungspunkt für Eltern: Kunsttherapie kann ein wirksamer Zugang sein, wenn Reden schwerfällt oder wenn ein zusätzlicher Weg zur Emotionsregulation hilfreich ist. Sie ersetzt aber nicht automatisch eine Psychotherapie oder medizinische Behandlung, wenn diese angezeigt ist. Genau deshalb ist eine saubere Indikationsstellung zentral.

Kunsttherapie als Ergänzung zu Psychotherapie und Medizin

Viele Familien profitieren am meisten, wenn Kunsttherapie als Baustein in einem Gesamtkonzept eingesetzt wird – zum Beispiel ergänzend zu Gesprächstherapie, Elternberatung, schulischen Massnahmen oder kinderärztlicher/psychiatrischer Behandlung. In der Praxis kann das heissen: Die Kunsttherapie unterstützt dabei, Gefühle zu sortieren und Stress zu regulieren, während parallel die Diagnose, das Krisenmanagement oder eine Trauma-bezogene Psychotherapie fachärztlich oder psychotherapeutisch abgedeckt werden.

Wenn du unsicher bist, ob Kunsttherapie passt, ist ein erster Schritt oft ein Gespräch mit deiner Hausärzt:in, Kinderärzt:in oder einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Fachstelle. Das hilft, Risiken zu vermeiden und die passende Behandlungskombination zu finden.

Immer mehr Eltern fühlen sich durch Job, Haushalt und Kinder gestresst, manche leiden sogar an einem Burnout. Könnte ihnen eine Kunsttherapie helfen?

Leo Lalkaka: Ja, denn die Kunst kann sehr entspannend wirken, aber auch Spannung bringen. Es geht darum, über die Kunst die Balance zwischen Anspannung und Entspannung wieder zu finden.

Geht es nur um Kunst oder werden Probleme auch angesprochen?

Ja, wir schauen Probleme gemeinsam an. Die Lösung muss der Betroffene selbst finden. Wir als Therapeut:innen unterstützen ihn dabei mit unserer kompetenten Begleitung.

Wie läuft eine Kunsttherapie ab?

Zuerst reden wir miteinander über die Probleme und Anliegen des Klienten. Dann werden wir künstlerisch tätig. Die Kunst wird so zur Brücke zwischen Problem und Lösung. Denn der Betroffene sieht sein Problem durch den künstlerischen Prozess von einem anderen Standpunkt aus. Dann kommen wir zurück in das Gespräch und schauen, was der künstlerische Prozess ausgelöst hat. Es geht darum, durch die Kunst, die Sensibilität für den Körper und Geist zu schärfen und nicht darum, ein künstlerisches Endprodukt zu erhalten.

Wie läuft eine Sitzung ab – und was hilft Kindern (und Eltern) dabei, sich sicher zu fühlen?

Viele Eltern fragen sich: «Muss mein Kind dann über alles reden?» oder «Was passiert mit dem Bild?» Seriöse Kunsttherapie arbeitet mit klaren Rahmenbedingungen:

  • Ankommen und kurze Standortbestimmung: Was war seit dem letzten Mal? Was ist heute wichtig?
  • Kreativer Teil: Malen, Gestalten, Collage, Ton, Arbeit mit Symbolen – bei Kindern oft spielerischer und kürzer, mit mehr Bewegung.
  • Reflexion: Je nach Alter und Wunsch wird gemeinsam angeschaut, was im Prozess spürbar war. Es muss nicht alles «interpretiert» werden. Oft reicht es, eine Erfahrung zu benennen: «Das hat mich beruhigt» oder «Da war Wut».
  • Transfer in den Alltag: Was nimmst du für zu Hause mit? Zum Beispiel eine kurze Atem- oder Körperübung, ein «Mini-Ritual» mit Farben, oder ein konkreter Plan für Pausen.

Bei Kindern ist es üblich, dass Eltern zu Beginn stärker einbezogen werden (Anamnese, Ziele, Rückmeldungen). Gleichzeitig braucht dein Kind einen geschützten Raum. Eine gute Kunsttherapeut:in klärt deshalb transparent, wie Schweigepflicht und Rückmeldungen gehandhabt werden: Was wird den Eltern berichtet – und was bleibt vertraulich, solange keine Gefährdung besteht.

Können Sie ein Beispiel geben?

Zu mir kam ein Mann, der nicht wusste, ob er seinen Job behalten sollte. Nachdem wir über sein Problem gesprochen hatten, gab ich ihm Zeit, ein Bild zu gestalten. Er malte ein Muster mit verschiedenen Farben. Danach hatte er die Möglichkeit, aufzuschreiben, was das Bild in ihm ausgelöst hatte.

Hatte das mit seinem Problem zu tun?

Im Schreibprozess wurde schnell klar, dass nicht der Job an sich das Problem war, sondern seine Einstellung gegenüber der Arbeit. Er erkannte, dass sein Leben nicht nur aus Arbeit bestehen sollte, sondern, dass er bewusst kreative Pausen einlegen sollte. Es hat nur etwa drei Sitzungen gebraucht, bis er sagen konnte, es geht mir gut bei dem was ich jetzt mache. Das war ein schönes Erlebnis.

Praxisnah: Was du zu Hause ausprobieren kannst 

Wenn du erst einmal niederschwellig starten willst, können kleine kreative Routinen helfen, Stress zu regulieren – ohne dass das eine Therapie ersetzt:

  • «3-Minuten-Farbpause»: Stell einen Timer. Male ohne Plan Linien, Punkte oder Flächen in zwei bis drei Farben. Danach kurz prüfen: Wo im Körper ist es jetzt ruhiger oder lebendiger?
  • Gefühlsbarometer für Kinder: Lass dein Kind eine Farbe für «heute in mir» wählen und eine zweite für «so möchte ich mich fühlen». Das kann ein Gespräch eröffnen, ohne zu drängen.
  • Wut sicher kanalisieren: Reissen, knüllen, kräftig mit Wachsmalstiften drücken, Ton drücken. Danach: «Was hilft mir, wieder runterzukommen?»

Wenn dein Kind dabei sehr stark überflutet wirkt (Panik, Erstarren, extreme Wut) oder du merkst, dass dich das Thema selbst zu sehr triggert, ist das ein Zeichen: lieber mit Fachbegleitung statt allein.

Kann jeder mit seinen Problemen zu Ihnen kommen?

Die Kunst- und Ausdruckstherapie ist für alle Menschen geeignet, die an sich arbeiten möchten. Es können Menschen sein, die kreativ sein wollen oder die stark traumatisiert sind.

Leo Lalkaka Kunsttherapie für gestresste ElternZur Person

Leo Lalkaka ist Kunst- und Ausdruckstherapeut MA. In Affoltern am Albis (ZH) leitet er die Kinderkrippe Müsliburg und bietet dort auch Kunst- und Ausdruckstherapie an. (Bild: Angela Zimmerling)

Brauchen Menschen mit traumatischen Erlebnissen nicht eher eine Psychotherapie?

Auch sehr schwerwiegende traumatische Erlebnisse können von einem Kunst- und Ausdruckstherapeut:in behandelt werden, wenn die Erfahrung des Therapeuten dafür ausreicht. Kunsttherapeut:innen mit MA Abschlüssen gehören in die Charta der Psychotherapeuten.

Wie unterscheidet sich die Kunst- und Ausdruckstherapie von der Psychotherapie?

Wir arbeiten in der Kunst- und Ausdruckstherapie ressourcenorientiert. Wir bauen auf den Stärken auf. Wir probieren diese weiter zu fördern, um mit den Problemen besser umgehen zu können oder neue Energien frei zu setzen. Und wir nutzen die Kunstformen als Möglichkeit eine Dezentrierung weg von der Problematik hin zur Lösung zu schaffen.

Schweiz: Ausbildung, Qualität und Kosten

Damit du in der Schweiz seriöse Anbieter findest, lohnt sich ein Blick auf Qualifikation, Setting und Zusammenarbeit:

  • Ausbildung/Abschluss: Achte auf eine anerkannte kunsttherapeutische Qualifikation (z.B. Masterabschluss) und auf regelmässige Supervision/Fortbildung.
  • Berufsethik und Datenschutz: Klare Regeln zu Schweigepflicht, Dokumentation, Einbezug der Eltern und Umgang mit Gefährdung.
  • Vernetzung: Gute Kunsttherapeut:innen arbeiten – wenn nötig und mit Einverständnis – mit Kinderärzt:in, Psychotherapeut:in, Schule oder KJPD zusammen.
  • Kosten: Die Kostenübernahme kann je nach Angebot, Qualifikation und Versicherungsmodell variieren. Kläre vor Beginn transparent, wie abgerechnet wird und ob Zusatzversicherungen einen Teil übernehmen.

Wenn dir jemand schnelle Heilung verspricht, Diagnosen ohne Abklärung stellt oder dich von ärztlicher/psychotherapeutischer Hilfe abrät, ist das ein Warnsignal.

Ist die Kunst- und Ausdruckstherapie auch für Kinder geeignet?

Kinder haben sowieso einen leichten Zugang zur Kunst, so gesehen ist die Kunsttherapie eine sehr geeignete Therapieform. Das künstlerische Spiel steht hier an vorderster Stelle.

Wie haben Sie einem Kind mit Ihrer Therapie helfen können?

Zu mir kam ein Junge, der sehr aggressiv war. Ich hatte zunächst mit den Eltern ein Gespräch. Dann habe ich dem Jungen eine Auswahl an Musikinstrumenten gezeigt, wovon er sich eins aussuchen sollte. Er war sehr wild, ist von Instrument zu Instrument gesprungen und hat versucht möglichst laut auf den Instrumenten zu spielen. Schliesslich hat er sich für eine Ocean Drum entschieden, eine Trommel mit Kügelchen. Wir haben darüber gesprochen wie man die Trommel benutzen kann. Bewegte man sie langsam, war sie leise, bewegte man sie schnell, war sie laut. Er hat mir dabei zugehört. Ich sagte zu ihm: Wenn du im Kindergarten bist, geht es auch darum, zuzuhören: Wie bewege ich mich im Raum? Wenn ich schneller bin, bin ich lauter. Wir haben achtmal zusammen gearbeitet. Die Eltern haben mir später bestätigt, dass er mit der Zeit besser zuhören und sich in der Kindergartengruppe besser integrieren konnte.

FAQ: Häufige Fragen von Eltern

Wie lange dauert Kunsttherapie?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal reichen wenige Sitzungen, um ein konkretes Thema zu klären oder Entlastung zu schaffen. Bei länger anhaltenden Belastungen ist eine längere Begleitung sinnvoll. Gute Therapeut:innen überprüfen gemeinsam mit dir regelmässig Ziele und Fortschritte.

Was, wenn mein Kind nicht malen will?

Dann wird nicht gemalt. Kunst- und Ausdruckstherapie kann auch über Materialien, Bewegung, Musik oder spielerisches Gestalten laufen. Entscheidend ist, dass dein Kind sich sicher fühlt und mitbestimmen darf.

Werden Bilder «analysiert»?

Seriöse Kunsttherapie arbeitet nicht mit pauschalen Deutungen («Rot bedeutet …»). Im Zentrum steht, was dein Kind oder du selbst beim Gestalten erlebt habt und welche Bedeutung ihr dem Gebildeten gebt.

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