«In der Figurenspieltherapie dürfen die Kinder alles ausprobieren»

Figurenspieltherapeutin Brigit Oplatka.

Die Figurenspieltherapeutin Brigit Oplatka ist überzeugt von der Heilkraft der Märchen und Figuren.

Kann denn Figurenspieltherapie alleine tiefsitzende Ängste und Traumata lösen?

Schäfli: Wir sind natürlich überzeugt, dass therapeutisches Figurenspiel eine sehr effektive Heiltherapie ist. Das Kind nimmt unsere Hilfe jedoch in seinem Rhythmus auf. Die Sternstunde, in der sich ein Knoten löst, kommt manchmal plötzlich und unerwartet. Wir üben keinen Druck aus. Die Grundlage der Figurenspieltherapie, wie bei jeder anderen Methode, ist die Beziehung und das Vertrauen. Wir sehen unser Therapieangebot als Insel für das Kind, wo es sich im eigenen Tempo seinen inneren Themen zuwenden darf, alles ausprobieren kann und nie verurteilt wird.

Oplatka: Wichtig ist uns der Einbezug der Familie. Wenn nötig arbeiten wir vernetzt mit weiteren involvierten Fachpersonen. Der Aufbau einer Vertrauensbasis mit den Eltern ist essentiell, denn wenn Eltern ihr Kind vertrauensvoll in die Therapie schicken, spürt das Kind dies.

In welchem konkreten Fall war Ihre Methode besonders erfolgreich?

Schäfli: Da gibt es ganz viele Beispiele! Wir arbeiten oft mit etwas grösseren Schosspuppen, mit denen sich Kinder oft besonders gut identifizieren können. Ein Mädchen wurde von ihren Eltern in die Therapie geschickt, weil es Schlafprobleme und ständig Bauchweh hatte. Das Thema wurde vom Mädchen lange gar nicht angesprochen. Die Schosspuppe Franziska erzählte ihr aber, dass sie Bauchschmerzen habe, besonders in der Nacht. Das Interesse des Kindes war geweckt und sie begannen sich auszutauschen. Die Schosspuppe erzählte von einem Klumpen im Bauch, der auftauche, sobald sie ins Bett geschickt werde. Im Spiel bot das Mädchen der Schosspuppe Franziska an, ihren Klumpen raus zu operieren. Franziska nahm das Angebot dankend an – seitdem ist das Bauchweh beim Mädchen verschwunden.

Oplatka: Da sich Kinder entwicklungsbedingt noch nicht auf der abstrakten, mentalen Ebene ausdrücken können, jedoch über symbolisches Denken verfügen, hilft ihnen die magische Verknüpfung von Fantasie und Realität, um ein Problem zu lösen. Wir Therapeutinnen verstehen uns bei diesen Erlebnissen als Assistentinnen, als Verbündete des Kindes, und als Zeuginnen.

Figurenspiel: Brigit Oplatka in ihren Therapieräumen.

«Viele Kinder wollen sofort ihre eigene Figur gestalten», erzählt Oplatka. Hier zum Beispiel ein zukünftiger Drache.

Greifen Sie denn nie mit Gegenfragen oder Erläuterungen zum Geschehenen ein?

Schäfli: In der Rolle der Therapeutin stellen wir, wenn nötig, klärende Fragen: Wie geht es dieser Figur jetzt? Braucht diese Figur hier noch einen Helfer? Als Figur greifen wir in die Handlung der Geschichte ein, wenn wir einem Kind modellhaft ein neues Verhaltensmuster aufzeigen möchten, zum Beispiel sich wehren, Nein sagen. Manche Kinder haben eine ganz klare Vorstellung davon, was unsere Figur im Stück sagen und tun soll – andere hingegen sind da offener und wünschen sich unbewusst vielleicht unsere Hilfe.

Oplatka: Im Spiel werden neue Verhaltensweisen ausprobiert oder auch schmerzhafte Themen angegangen.  Das ist ein subtiler Vorgang. Den richtigen Moment zu finden, um mit unserer Figur in die Geschichte einzugreifen oder nachzuhaken, ist eine fragile Gratwanderung. Auch hier ist es jedoch von Kind zu Kind unterschiedlich. Gewisse Kinder brauchen viel Hilfe von unserer Seite, bei anderen genügt der Aufforderungscharakter der Figuren.

Wir haben jetzt nur von Figurenspieltherapie für Kinder gesprochen, es gibt sie aber auch für Erwachsene. Müssen Sie dafür andere Methoden anwenden?

Schäfli: Eigentlich funktioniert die Figurenspieltherapie für Erwachsene genauso gut  wie für Kinder. Die Geschichten, die im Spiel entstehen und die Themen, die darin angesprochen werden, reflektieren wir mit den Erwachsenen.

Oplatka: Es ist wohl einfach seltener, dass sich Erwachsene hundertprozentig auf das Figurenspiel einlassen. Immer mehr auf Interesse stösst unsere Methode aber in Senioren- oder Pflegeheimen. Es ist schon öfters vorgekommen, dass die verloren geglaubte Sprachfähigkeit von Menschen mit Demenz durch das Spiel mit einer Figur wieder aktiviert wurde oder wieder Blickkontakt aufgenommen werden konnte. Es ist natürlich das Schönste, wenn wir durch das Figurenspiel das Strahlen in den Augen der Menschen wieder finden können.

Weiterführende Links

Interview und Fotos: Sabrina Stallone - Februar 2012

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