«Mehr als ein Stethoskop brauchte ich nicht!»

Chefarzt Attila Molnar in seiner Kinder Permanence.

«Wir sind bis jetzt durchaus zufrieden», sagt Attila Molnar zu seinem erfolgreichen Projekt Kinder Permanence.

Hat auch die Notfallpraxis ihre Kinderkrankheiten, ihre ersten Pannen? Pannen im eigentlichen Sinne gab es bisher noch keine, so Molnar. Allerdings räumt er ein, dass die Praxis nicht im bereits fertigen, «geschliffenen» Zustand eröffnet wurde. An der Webseite hapert es nach wie vor, der Fernseher im Wartezimmer wurde erst vor wenigen Tagen installiert und das sterile Weiss der Behandlungsräume und des langen Flurs werde erst in den kommenden Wochen mit Farbtupfern aufgepeppt. Der leitende Pädiater Molnar macht sich aber nicht viel aus den kleinen Startmängeln: «Mehr als ein Stethoskop und Patienten brauchte ich zu Beginn nicht!» Rückblickend sagt er: «Organisatorisch gibt es bei neuen Projekten immer tausend Dinge zu erledigen. So waren wir zu Beginn froh, wurden wir nicht mit Patienten überrannt.»

Momentan behandeln die Ärzte in der Kinder-Permanence im Durchschnitt acht Patienten pro Tag. An den Wochenenden erhöht sich der Schnitt auf über 20 junge Patienten im Alter von 0 bis 16 Jahren. Vier der sechs Behandlungsräume sind bisher nur spartanisch eingerichtet, ein Röntgenzimmer ist ebenfalls erst in Planung, da der effektive Nutzen einer solchen Investition noch unklar ist. «Wir sind mit den Ergebnissen im ersten Monat durchaus zufrieden. Jetzt hoffen wir auf Mund-zu-Mund-Propaganda, um unseren Bekanntheitsgrad zu steigern», so der Projektleiter Molnar, der vor der Instandsetzung der Kinder Permanence lange auf Intensivstationen, zuletzt am Lausanner Spital gearbeitet hatte.

Kinder Permanence: Eine Entlastung für das Kinderspital?

Rund 70 Prozent der Patienten, die bisher die Kinder Permanence aufsuchten, kamen wegen kleineren Notfällen in die Praxis: Husten, Schnupfen, andere Infekte. Zu den Alltäglichkeiten gehören aber auch kleinchirurgische Eingriffe, wie beispielsweise das Nähen von Wunden. Molnar musste auch schon einen Patienten mit der Ambulanz ins Kinderspital bringen lassen. «Solche Fälle sind aber in Notfallpraxen wie unsere eher die Ausnahme», erklärt er. «Junge Patienten im gravierenden Zustand werden von ihren Eltern immer einmal lieber ins Kinderspital gebracht als zu uns.»

Markus Malagoli, Direktor des Zürcher Kinderspitals, sagte vor einiger Zeit im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda, dass das «KiSpi» die Kinder Permanence keinesfalls als Konkurrenz ansehen würde. Sie könne sich sogar zu einer sinnvollen Ergänzung entwickeln. Attila Molnar findet, dass eine solche Zwischenbilanz erst nach mehreren Monaten gemacht werden könne. Noch könne er nicht mit genauen Zahlen beweisen, ob die Kinder Permanence eine Entlastung für das Kinderspital sei, das im letzten Jahr mehr «Bagatell-Notfälle» denn je verzeichnete.

«Wir nehmen uns für die Notfallpatienten genug Zeit»

Eltern fürchten sich oft, dass die Krankheit ihrer Kinder von den Ärzten unterschätzt und deren Ernst geschmälert wird. Ob eine Behandlung beim Notfallarzt, der die Krankengeschichte nicht kennt, den Hausarzt bei einem dringenden Zwischenfall überhaupt ersetzen könne? Molnar ist davon überzeugt. Er und die Pädiater seiner Praxis nehmen sich genug Zeit für die Patienten, um sich das nötige Wissen für die Notfallbehandlung anzueignen. Natürlich brauche es bei Grunderkrankungen ein tiefergehendes Begutachten, als bei einem simplen Schnupfen, erläutert der Arzt.

Der Ausblick über Zürich in der Kinder Permanence.

Den Leitern der Kinder Permanence war es wichtig, keine Spital-Atmosphäre zu erzeugen.

In einem Artikel des Tages Anzeigers vom vergangenen April wurde erwähnt, dass zu Projektbeginn die Einführung einer Telefon- und Onlineberatung zur Debatte stand. Molnar, der sich für eine achtsame Behandlung seiner Patienten einsetzt, möchte diese Aussage präzisieren. «Eine reine Telefon- oder Onlineberatung fände ich bei uns heikel», so der Pädiater. Bis jetzt hätten sie keine ausgebildeten und trainierten Fachkräfte für ein solches Angebot, wie sie zum Beispiel die telefonische SWICA-Gesundheitsberatung hat. «Für solche Beratungen muss man nämlich spezifisch ausgebildet sein. Gewisse Symptome können besonders bei Kindern von einem harmlosen Fieber bis zu einer Hirnhautentzündung auf verschiedene Krankheiten deuten.» Telefonberatung sei nur sinnvoll bei bereits bekannten Patienten, so Molnar. Die Eltern werden in diesem Fall auch über dieses Angebot informiert und zur Nutzung ermutigt – sonst nicht.

Eine halbe Stunde nach Öffnungszeit machen schon einige Kinder mehr vor dem Aquarium grosse Augen, Mütter und Väter versuchen ihre Sprösslinge mit Spielsachen und Bilderbüchern vom Unwohlsein abzulenken. Bei dem überschaubaren Ärzteteam der Kinder Permanence könnte die Vermeidung von langen Wartezeiten zu einer echten Herausforderung werden. «Das Ziel ist, die Wartezeiten bei höchstens 30 Minuten zu halten. Eltern können aber auch vorher anrufen und sich für ihr Kind einen zeitnahen Termin geben lassen, bevor sie herkommen und warten», erklärt Molnar. Sollte die Kinder Permanence den sich abzeichnenden Erfolg langfristig erreichen, wären für die Projektleitung auch längere Öffnungszeiten vorstellbar. «In einer zweiten Phase könnte die Kinder Permanence bereits morgens öffnen und erst um 22 Uhr schliessen. Diese Entscheidung hängt jedoch gänzlich von der Nachfrage ab.»

Was machen Sie, wenn Ihre Kinder notfallmässig einen Arzt sehen müssen? Wie sinnvoll finden Sie eine Notfallpraxis für Kinder? Diskutieren Sie mit und schreiben Sie weiter unten auf der Seite einen Kommentar zum Artikel.

Weiterführende Links

Was tun bei Notfällen? Swiss Paediatrics hat einen Leitfaden für Eltern zusammengestellt: swiss-paediatrics.com (PDF)

Auf der Facebook-Page der Kinder Permanence finden Sie weitere Infos und Fotos zum Projekt: facebook.com

Das Kinderspital Zürich klärt mit Infomaterialien über Kinderkrankheiten und der Notwendigkeit einer Spitalbehandlung auf: kispi.uzh.ch

Text und Fotos (Nr. 2-4): Sabrina Stallone im Dezember 2011

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