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Co‑Parenting in der Schweiz: Modelle, Regeln, Konflikte

Eine Trennung mit Kindern stellt vieles auf den Kopf – rechtlich, organisatorisch und emotional. Gleichzeitig braucht dein Kind jetzt vor allem eines: verlässliche, möglichst stressarme Beziehungen zu beiden Elternteilen. In diesem Artikel findest du einen klaren Überblick über Betreuungsmodelle in der Schweiz, typische Konfliktfelder und konkrete Formulierungs-Hilfen für den Alltag. So kannst du Schritt für Schritt ein Co‑Parenting aufbauen, das für dein Kind und euch als Eltern tragbar ist.

Vater und Mutter im ernstebn Gespräch am Tisch
Co-Parenting erfordert viel Austausch zwischen den Elternteilen © skynesher / Getty Images

Die wichtigsten Begriffe rasch erklärt: elterliche Sorge, Obhut, Besuchsrecht

In Gesprächen mit Anwält:innen, Behörden oder Beratungsstellen fallen schnell viele Begriffe: elterliche Sorge, Obhut, Besuchsrecht, Wechselmodell. Ein kurzer Überblick hilft dir, Entscheidungen besser einzuordnen.

Elterliche Sorge bedeutet das Recht und die Pflicht, die wichtigsten Entscheidungen für dein Kind zu treffen (z.B. Schule, medizinische Behandlungen, religiöse Erziehung). In der Schweiz ist die gemeinsame elterliche Sorge seit der Gesetzesrevision 2014 der Regelfall, auch nach einer Trennung. Nur in besonderen Fällen (z.B. bei Gefährdung des Kindeswohls) kann ein Gericht einem Elternteil die alleinige Sorge zusprechen.

Obhut beschreibt, bei wem das Kind hauptsächlich oder abwechselnd lebt und wer für den Alltag zuständig ist (z.B. Hausaufgaben, tägliche Betreuung). Man unterscheidet in der Praxis:

Alleinige oder hauptsächliche Obhut (Residenzmodell): Das Kind lebt überwiegend bei einem Elternteil und verbringt geregelte Zeiten mit dem anderen Elternteil (z.B. jedes zweite Wochenende, einzelne Wochentage, Ferien).

Alternierende Obhut (Wechselmodell): Das Kind lebt abwechselnd bei beiden Elternteilen, meist in einem annähernden 50/50‑Rhythmus (z.B. Woche/Woche, 2–2–3‑Rhythmus). Elterliche Sorge und Obhut sind also nicht dasselbe: Du kannst gemeinsame Sorge haben, auch wenn das Kind hauptsächlich bei einem Elternteil wohnt.

Besuchsrecht (heute oft «persönlicher Verkehr» genannt) meint das Recht und die Pflicht des nicht hauptsächlich betreuenden Elternteils, Kontakt zum Kind zu haben. Es geht um die konkrete Ausgestaltung von Zeiten: Wochenenden, Feiertage, Ferien, telefonische oder digitale Kontakte. Für Kinder ist ein verlässliches Besuchsrecht wichtig, weil stabile Beziehungen zu beiden Elternteilen langfristig mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden sind, wie etwa Zusammenfassungen der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie betonen.

Wichtig: Das Besuchsrecht ist kein «Bonus» für den getrennt lebenden Elternteil, sondern ein Recht des Kindes auf Beziehung. Ein Elternteil kann also nicht «auf Besuchsrecht verzichten», sondern höchstens darauf, dieses Recht aktiv wahrzunehmen – das ist für Kinder aber meist schmerzhaft.

Residenzmodell – wann es gut funktioniert

Beim Residenzmodell lebt das Kind hauptsächlich in einem Haushalt, der andere Elternteil hat ein geregeltes Besuchsrecht. Dieses Modell ist in der Schweiz nach wie vor am häufigsten. Es kann für Kinder sehr stabil sein, wenn einige Bedingungen stimmen.

Vorteile für Kinder können sein:

Das Kind hat einen klaren «Hauptort» mit fester Struktur, was gerade bei kleinen Kindern oder sensiblen Kindern Sicherheit geben kann. Nur ein Schulweg, eine Nachbarschaft, eine Kinderarztpraxis – das vereinfacht den Alltag. Konflikte zwischen den Eltern wirken sich oft weniger stark auf den Alltag des Kindes aus, wenn es nicht ständig zwischen zwei Haushalten pendeln muss.

Vorteile für Eltern können sein: Alltagsentscheidungen sind klar zugeordnet, was Konflikte reduziert. Der Elternteil mit Hauptobhut kann Abläufe stabil aufbauen, der andere Elternteil hat klar definierte Elternzeiten, in denen er oder sie sich voll auf das Kind konzentrieren kann. Für manche Familien passt dieses Modell auch besser zu Arbeitszeiten oder finanziellen Möglichkeiten.

Wann das Residenzmodell besonders sinnvoll ist:

Fachgesellschaften wie die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie weisen darauf hin, dass vor allem bei sehr jungen Kindern (< 3 Jahre), bei stark belasteten Eltern oder bei hoher geografischer Distanz ein stabiler Hauptlebensort für das Kind oft besser umsetzbar ist. Wichtig bleibt aber der regelmässige, verlässliche Kontakt zum anderen Elternteil, idealerweise mehr als nur «jedes zweite Wochenende».

Risiken und Stolpersteine:

Ein Risiko ist, dass der Elternteil mit Besuchsrecht in eine «Wochenend-Spass»-Rolle rutscht, während der Elternteil mit Hauptobhut den Alltag mit Pflichten trägt. Das kann zu Spannungen führen – und Kinder spüren solche Ungleichgewichte stark. Zudem kann der Kontakt zum Elternteil mit Besuchsrecht abnehmen, wenn Termine nicht ernst genommen oder immer wieder verschoben werden.

Du kannst dagegensteuern, indem ihr:

– Aufgaben bewusst verteilt (z.B. Hausaufgaben an einem Besuchstag, Arzttermine gelegentlich beim anderen Elternteil) und
– Besuchszeiten wie wichtige Termine behandelt – sie sind ein zentraler Bestandteil der Beziehung deines Kindes.

Wechselmodell / alternierende Obhut – Voraussetzungen & typische Stolpersteine

Beim Wechselmodell (alternierende Obhut) lebt das Kind zeitlich ungefähr hälftig bei beiden Elternteilen. Studien aus dem deutschsprachigen Raum und aus Skandinavien zeigen, dass Kinder im Wechselmodell bei guter Kooperation der Eltern emotional und sozial ähnlich gut oder teilweise sogar besser abschneiden als Kinder im klassischen Residenzmodell – vor allem, wenn sie eine enge Bindung zu beiden Elternteilen haben und die Übergänge stabil und vorhersehbar sind.

Was das Wechselmodell braucht:

1. Geografische Nähe: Ideal ist, wenn Schule, Kita und Freizeitaktivitäten von beiden Wohnorten gut erreichbar sind. Lange Fahrzeiten erhöhen den Stress. Empfehlungen aus der Praxis richten sich häufig nach maximal 30 Minuten Fahrzeit, besser weniger.
2. Ähnliche Erziehungsgrundhaltungen: Ihr müsst nicht alles gleich machen. Aber Grundprinzipien (z.B. Umgang mit Hausaufgaben, Bildschirmzeit, Schlafenszeiten) sollten nicht komplett widersprüchlich sein – das verwirrt Kinder und führt zu Konflikten.
3. Gute Kommunikationsfähigkeit: Ihr braucht eine funktionierende, sachliche Elternkommunikation. Bei dauerhaftem Hochkonflikt ist ein Wechselmodell selten kindgerecht.
4. Kapazitäten auf beiden Seiten: Beide Elternteile müssen zeitlich, emotional und organisatorisch in der Lage sein, den Alltag zu stemmen (z.B. bei Krankheit, Terminen, Schulprojekten).

Typische Modelle in der Praxis sind z.B.:

– Woche/Woche (Mo–Mo)
– 2–2–3 (2 Tage Elternteil A, 2 Tage Elternteil B, 3 Tage Elternteil A, dann umgekehrt)
– 5–2 (5 Tage bei einem Elternteil, 2 Tage beim anderen, dann Wechsel)

Welcher Rhythmus zu deinem Kind passt, hängt vom Alter, den Wegen, der Belastbarkeit und euren Arbeitszeiten ab. Kleinere Kinder profitieren häufig von häufigeren, kürzeren Wechseln; ältere Kinder kommen oft besser mit längeren Blöcken zurecht.

Stolperstein 1: Wechselstress

Viele Kinder empfinden das Kofferpacken und den ständigen Wechsel als anstrengend, auch wenn sie beide Eltern lieben. Achte auf Signale deines Kindes: Schlafprobleme, Bauchweh, starke Wut oder Rückzug um Wechseltage herum können Hinweise sein, dass das Tempo oder die Organisation nicht passen.

Du kannst gegensteuern, indem du:

– «Fixe Dinge» an beiden Orten etablierst (z.B. Lieblingskuscheltier doppelt, Zahnbürsten, Sporttasche an beiden Orten)
– Übergabe-Routinen ruhig und kurz hältst (keine grossen Gespräche oder Konflikte vor dem Kind)
– deinem Kind frühzeitig ankündigst: «Morgen nach dem Zvieri gehst du zu Papa.»

Stolperstein 2: Rollenkonflikte

Ein Elternteil kann sich im Wechselmodell schnell überfordert fühlen, besonders wenn die Betreuungsverantwortung vorher hauptsächlich beim anderen lag. Umgekehrt kann der bisherige Hauptbetreuungselternteil Kontrollverlust erleben. Das ist emotional verständlich. Aus entwicklungspsychologischer Sicht brauchen Kinder aber vor allem verlässliche, feinfühlige Betreuungspersonen – und die können beide Eltern sein, auch wenn einer oder eine neu «lernen» muss.

Unterstützung (z.B. durch Elternberatung, Mediation oder eine psychologische Begleitung) kann helfen, diese Rollenumstellung gut zu bewältigen und alte Konflikte nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen.

Stolperstein 3: Finanzen und Unterhalt

Das Wechselmodell ist rechtlich nicht automatisch «unterhaltsfrei». In vielen Fällen bleiben Unterhaltsfragen komplex, etwa weil Einkommen stark unterschiedlich sind oder ein Elternteil deutlich mehr Fixkosten trägt. Informationen der Kantone (z.B. Kanton Zürich zu Unterhalt und elterlicher Sorge) sowie Beratungsstellen wie Pro Juventute oder SVAMV können dir helfen, realistische Vereinbarungen zu treffen.

Nestmodell / Birdnesting – Chance oder Dauerstress?

Beim Nestmodell (auch Birdnesting) bleibt das Kind in der gemeinsamen Wohnung («Nest»), und die Eltern wechseln sich mit dem Ein- und Ausziehen ab. Viele Familien überlegen dies in der Übergangsphase direkt nach der Trennung.

Welche Chancen es bietet:

Das Kind bleibt in seiner vertrauten Umgebung: Kinderzimmer, Spielplatz, Schulweg und Nachbarschaft bleiben gleich. Die Trennung der Eltern wird dadurch für das Kind weniger abrupt erlebbar. Für die ersten Monate kann das helfen, die emotionale Belastung abzufedern, besonders wenn die Trennung überraschend kam.

Warum es oft kein Dauermodell ist:

In der Praxis berichten viele Eltern über hohe Belastung: Sie brauchen zwei Wohnorte (Nest + Zweitwohnung/Zimmer), was finanziell und organisatorisch anspruchsvoll ist. Alte Konflikte können im gemeinsamen Haushalt weiterwirken, weil ihr z.B. Küche und Einrichtung gemeinsam nutzt. Zudem braucht das Modell viel Abstimmung über Regeln, Ordnung und Kosten.

Fachlich wird das Nestmodell deshalb eher als zeitlich begrenzte Übergangslösung empfohlen, um dem Kind einen sanften Start nach der Trennung zu ermöglichen. Je länger es dauert, desto stärker können unklare Grenzen und finanzielle Spannungen zunehmen.

Überlege dir deshalb:

– Für welchen Zeitraum wollt ihr das Nestmodell maximal ausprobieren (z.B. 6–12 Monate)?
– Was ist der Plan danach (Residenzmodell, Wechselmodell)?
– Wie regelt ihr Kosten, Ordnung, Anschaffungen im Nest (wer ersetzt z.B. defekte Geräte)?

Hochkonflikt: Parallel Parenting (Schritt-für-Schritt‑Plan)

Manche Trennungen sind so konfliktreich, dass ein klassisches Co‑Parenting mit viel Austausch kaum möglich ist. In solchen Situationen kann Parallel Parenting ein hilfreicher Ansatz sein. Anstatt zu versuchen, ständig zu kooperieren, werden Kontakt und Kommunikation möglichst reduziert und klar strukturiert. So kann dein Kind dennoch zu beiden Elternteilen eine Beziehung haben – ohne dass es jede Auseinandersetzung mitbekommt.

Grundprinzipien von Parallel Parenting:

Jeder Elternteil ist in seiner Betreuungszeit weitgehend autonom und trifft Alltagsentscheidungen allein (solange das Kindeswohl nicht gefährdet ist).
Nur zentrale Themen (Gesundheit, Schule, grundlegende Werte) werden gemeinsam entschieden.
Direkter Kontakt wird minimiert, Kommunikation läuft überwiegend schriftlich, sachlich und über klar definierte Kanäle.

Schritt‑für‑Schritt‑Plan für Parallel Parenting

Schritt 1: Kommunikationskanäle festlegen
Einigt euch – notfalls mithilfe von Mediation oder Behörde – auf 1–2 Kanäle (z.B. E‑Mail und eine Eltern‑App). Telefonate oder spontane Nachrichten werden auf das Notwendige beschränkt.

Schritt 2: Klare Zeiten und Regeln definieren
Vereinbart fixe Zeiten für Übergaben, Ferien, Feiertage und Absprachen (z.B. «Wir informieren uns bei schulischen Themen jeweils bis Sonntag 18 Uhr per E‑Mail»). Je genauer, desto weniger Anlass für Streit.

Schritt 3: Inhalte trennen (Themenkanäle)
Nutzt – falls möglich – unterschiedliche «Kanäle» oder Betreffzeilen für verschiedene Themen, z.B. «Schule», «Gesundheit», «Ferienplanung», «Finanzen». So gehen Informationen weniger unter und Diskussionen vermischen sich nicht.

Schritt 4: Emotionale Selbstfürsorge
Parallel Parenting bedeutet nicht, dass du alle Gefühle «wegstecken» musst. Aber es ist hilfreich, sie mit Freund:innen, Therapeut:in oder Beratungsangeboten zu bearbeiten – und nicht in der Elternkommunikation abzureagieren. Studien zeigen klar, dass anhaltender Elternkonflikt eine stärkere Belastung für Kinder ist als die Trennung selbst. Jede Eskalation, die du vermeiden kannst, ist ein Schutzfaktor für dein Kind.

Kommunikation (nur schriftlich; Themenkanäle)

Im Parallel Parenting ist schriftliche, sachliche Kommunikation ein wichtiges Schutzinstrument. Sie hilft, Distanz zu wahren und Missverständnisse zu reduzieren.

Grundregeln für schriftliche Co‑Parenting‑Kommunikation:

Kurze, klare Sätze, nur ein Thema pro Nachricht, wenn möglich.
Keine Vorwürfe, keine Interpretationen («Du interessierst dich nie für …»), sondern Fakten («Die Klassenlehrerin hat heute informiert, dass …»).
Wenn du merkst, dass du sehr wütend bist: Nachricht zuerst im Entwurf schreiben, eine Pause machen, später sachlich überarbeiten.

Copy‑paste‑Formulierungen für Mails oder Eltern‑Apps:

– «Ich informiere dich hiermit, dass [Name des Kindes] am [Datum] einen Arzttermin um [Uhrzeit] hat. Die Kinderärztin empfiehlt [kurze Zusammenfassung].»
– «Bitte bestätige kurz bis [Datum], ob du mit der Teilnahme von [Name des Kindes] am Klassenlager vom [Datum] einverstanden bist.»
– «Ich schlage folgende Regelung für die Herbstferien vor: [konkreter Vorschlag]. Wenn du einen Gegenvorschlag hast, sende ihn bitte bis [Datum].»
– «Laut Rückmeldung der Lehrperson vom [Datum] fällt es [Name des Kindes] schwer, die Hausaufgaben rechtzeitig abzugeben. Ich werde bei mir folgende Unterstützung anbieten: […]. Es wäre hilfreich, wenn du in deiner Betreuungszeit ebenfalls darauf achtest.»

Übergaben konfliktarm gestalten

Übergaben sind für Kinder sensible Momente. Sie spüren Spannungen sofort. Ziel ist, dass dein Kind möglichst entspannt von einem sicheren Hafen in den anderen wechselt – nicht zwischen Fronten.

Hilfreiche Grundsätze sind:

Übergaben so kurz wie möglich halten, keine Grundsatzdiskussionen am Auto oder an der Haustür.
Neutrale Orte nutzen, wenn es zu Hause häufig eskaliert (z.B. vor dem Kindergarten, Schulhaus, Bahnhof).
Das Kind nicht nach Konflikten ausfragen («Was hat Mama/Papa gestern wieder gesagt?»), sondern sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren.

Copy‑paste‑Sätze für die Übergabe (gesagt vor dem Kind, auch wenn die Stimmung schwierig ist):

– «Schön, dass du da bist. Wir wünschen dir eine gute Zeit bei Papa/Mama.»
– «Danke, dass du die Medikamente/Hausaufgaben mitgegeben hast.»
– «Wenn etwas Wichtiges ist, schreiben wir uns.»

Wenn du merkst, dass du emotional zu aufgewühlt bist, kann es helfen, dass eine neutrale Person (z.B. Grosseltern, Nachbar:in) die Übergabe übernimmt – zumindest vorübergehend.

Entscheidmatrix: Was muss gemeinsam entschieden werden?

Besonders bei gemeinsamer elterlicher Sorge ist es wichtig zu klären, welche Themen ihr gemeinsam regelt und wo jede:r im Alltag selbst entscheiden kann. Eine einfache Orientierung:

Gemeinsam zu entscheiden sind in der Regel:

– Wahl und Wechsel von Schule, Kindergarten, KiTa, Lehrstelle
– grössere medizinische Eingriffe, Therapien, Psychotherapie
– grössere religiöse Entscheidungen (z.B. Taufe, Konfessionswechsel)
– Wohnortswechsel, der das Kind stark betrifft (Schulwechsel, längere Distanzen)

Allein im Alltag entschieden werden können meist:

– Tagesablauf, Essenszeiten, Freizeitgestaltung in der eigenen Betreuungszeit
– Alltagsentscheidungen bei Krankheit (z.B. Fieberzäpfchen, Tag zu Hause behalten)
– Regeln im eigenen Haushalt, solange sie das Kindeswohl nicht verletzen

Du kannst euch entlasten, indem ihr schriftlich festhaltet, was für euch «Alltag» ist und wo ihr euch informieren oder fragen wollt. So entstehen weniger Konflikte über «Du hättest mich fragen müssen».

Mini‑Toolbox: Parenting‑Plan‑Checkliste (Ferien, Krankheit, Kosten, Schule)

Ein Parenting‑Plan (Elternplan) ist eine schriftliche Vereinbarung, wie ihr die Betreuung und Verantwortung nach der Trennung regelt. Er kann im Rahmen einer Mediation, bei der Kindes‑ und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder im Scheidungsverfahren festgehalten werden. Fachleute empfehlen klare, möglichst konkrete Vereinbarungen, weil diese für Kinder mehr Sicherheit bringen und spätere Konflikte reduzieren.

Die folgende Checkliste kannst du als Grundlage für euren Elternplan nutzen und bei Bedarf kopieren oder anpassen.

1. Alltag und Betreuungszeiten
– Wer betreut das Kind an welchen Wochentagen?
– Wie werden Bring‑ und Holzeiten geregelt (Uhrzeiten, Orte)?
– Wer ist zuständig für Kita/Tagesschule/Hort?

2. Ferien und Feiertage
– Wie werden Schulferien aufgeteilt (z.B. hälftig, im Wechsel nach Jahren)?
– Wie werden Feiertage geregelt (Weihnachten, Ostern, Geburtstage)?
– Wie werden längere Reisen ins Ausland gehandhabt (Information, Einverständnis)?
Beispiel-Formulierung: «Die Schulferien werden hälftig aufgeteilt. In ungeraden Jahren ist der erste Ferienblock bei Mutter, der zweite bei Vater, in geraden Jahren umgekehrt.»

3. Krankheit des Kindes
– Wer bleibt bei Krankheit zu Hause oder organisiert Betreuung?
– Wie informiert ihr euch gegenseitig (z.B. bei Arztbesuchen, Diagnosen, Medikamenten)?
Copy‑paste‑Satz: «Wenn [Name des Kindes] krank ist und deshalb Schule oder Kita verpasst, informiert der betreuende Elternteil den anderen Elternteil spätestens bis 18 Uhr per E‑Mail.»

4. Schule und Betreuung
– Wer nimmt an Elternabenden teil (oder beide)?
– Wie informiert ihr euch gegenseitig über Gespräche mit Lehrpersonen?
– Wer ist Ansprechperson für Schule/Kita (z.B. bei Notfällen)?
Copy‑paste‑Satz für Mails an die Schule:
«Wir sind getrennte Eltern von [Name des Kindes]. Bitte senden Sie wichtige Informationen an beide Elternteile: [E‑Mail‑Adresse 1], [E‑Mail‑Adresse 2]. Wir haben die gemeinsame elterliche Sorge.»

5. Finanzen und zusätzliche Kosten
– Wie werden ausserordentliche Kosten (Brille, Zahnspange, Lager, Musikunterricht) aufgeteilt?
– Wie dokumentiert ihr Ausgaben (z.B. Quittungen sammeln, einmal pro Quartal abrechnen)?
– Wie geht ihr mit staatlichen Leistungen (Alimente, Zulagen, Waisenrenten) um?
Informationen zu Unterhalt, Alimentenbevorschussung oder Sozialleistungen findest du z.B. in kantonalen Wegleitungen (wie jenen des Kantons Zürich), in den SKOS‑Richtlinien oder bei der AHV/IV‑Informationsstelle.

6. Kommunikation und Konfliktlösung
– Welche Kommunikationswege nutzt ihr regulär (E‑Mail, Eltern‑App)?
– In welchen Abständen informiert ihr euch über das Kind (z.B. kurz wöchentlich)?
– An welche Stelle wendet ihr euch, wenn ihr euch bei einem Thema nicht einigen könnt (Mediation, KESB, Fachberatung)?
Beispiel-Formulierung: «Können wir uns bei wichtigen Entscheidungen (Schule, Gesundheit) nicht einigen, verpflichten wir uns, innerhalb von 4 Wochen eine Mediation in Anspruch zu nehmen.»

Unterstützung und Anlaufstellen in der Schweiz

Du musst Co‑Parenting nicht allein «erfinden». Es gibt in der Schweiz verschiedene Angebote, die dich unterstützen können – rechtlich, organisatorisch und emotional.

Eltern‑ und Familienberatungen wie die Pro Juventute Elternberatung (telefonisch und online 24/7) oder regionale Erziehungsberatungsstellen helfen dir, die Bedürfnisse deines Kindes besser zu verstehen, Streitthemen zu sortieren und passende Betreuungsmodelle zu entwickeln. Diese Angebote sind meist kostenlos oder kostengünstig.

Mediation kann euch als Eltern helfen, aus dem Konfliktmodus in eine lösungsorientierte Zusammenarbeit zu kommen. Mediator:innen unterstützen euch dabei, einen fairen Elternplan zu erarbeiten, ohne dass sofort ein Gericht entscheiden muss. Studien zeigen, dass Vereinbarungen, die in Mediation erarbeitet wurden, häufiger langfristig eingehalten werden als rein gerichtlich verordnete Regelungen.

Spezialisierte Beratungsstellen wie der Schweizerische Verband alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV) bieten praktische Informationen, Rechtsberatung und Austausch mit anderen Betroffenen. Kantone und Gemeinden informieren über Unterhaltsfragen, Alimentenbevorschussung, Sozialhilfe (z.B. über SKOS‑Richtlinien) und Leistungen der AHV/IV (z.B. Hinterlassenen‑ und Waisenrenten, wenn ein Elternteil verstorben ist).

Wenn du merkst, dass dich Schuldgefühle, Wut oder Erschöpfung stark belasten, kann auch eine eigene psychologische Begleitung sinnvoll sein. Du entlastest damit nicht nur dich selbst, sondern indirekt auch dein Kind – denn je stabiler du bist, desto besser kannst du für dein Kind da sein.

Egal, welches Wohn‑ und Betreuungsmodell ihr wählt: Es gibt kein perfektes Modell, aber ein passendes für eure Familie in dieser Lebensphase. Und dieses Modell darf sich verändern, wenn sich Bedürfnisse, Arbeitszeiten oder die Entwicklung deines Kindes ändern. Wichtig ist, dass du immer wieder prüfst: «Was hilft meinem Kind jetzt, sich sicher, geliebt und gesehen zu fühlen?» – und eure Entscheidungen konsequent daran ausrichtest.

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