Arbeitsrecht: Was gilt, wenn Ihr Kind krank ist?

Wird ein Kind krank, gerät der wohlorganisierte Alltag oft ins Wanken. Wer soll das kranke Kind betreuen? Dürfen Sie sich frei nehmen? Was gilt laut Arbeitsrecht? Im Interview erklärt Béatrice Furer, Coach und Sozialarbeiterin HFS, was vor allem alleinerziehende Eltern bedenken sollten.

Dürfen Eltern zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist?

Wenn das Kind krank ist, sollten Eltern einen Notfallplan zur Hand haben. Foto: iStock

Frau Furer, nicht immer ist gerade dann eine Grossmutter oder Freundin erreichbar, wenn das Kind krank ist und die Mutter zwingend zur Arbeit muss. Wie kann sich die Mutter auf eine solche Situation vorbereiten?

Béatrice Furer: Wer kennt das nicht? Arbeit und Kinderbetreuung, alles ist wunderbar organisiert und funktioniert auch bestens. Wird ein Kind krank, ist das ganze schöne Gleichgewicht dahin. Kita und/oder Tagesmutter wollen wegen Ansteckungsgefahr keine kränkelnden Kinder und Frau kann nicht zur Arbeit gehen. Und erst recht bei hohem Fieber oder unklaren Beschwerden braucht es einen Arztbesuch – wer kann und will da als Mutter schon zur Arbeit gehen wie gewohnt? Jedes Unternehmen hat in gewissen Bereichen einen Katastrophenplan auf Lager, und das hat gute Gründe. Denn es ist in jedem Fall einfacher, sich im Voraus und in aller Ruhe Gedanken darüber zu machen, was denn im Notfall zu tun ist und die entsprechenden Abläufe festzulegen. Das gilt genauso für das Unternehmen Einelternfamilie.

Tipp: Im Voraus einen Notfallplan erstellen

So gilt es als erstes, alle möglichen Ressourcen zu erkennen und daraus Varianten zu entwickeln. Dabei können ein paar Fragen helfen:

  • Muss das Kind unbedingt im eigenen Zuhause bleiben oder ist es gesund genug, um von einer Bezugsperson in deren Zuhause betreut zu werden?
  • Wer aus dem Bekanntenkreis wäre bereit und auch in der Lage, im Notfall kurzfristig bei der Betreuung mitzuhelfen? Beispielsweise die Grosseltern, Gotte, der Götti, die Geschwister, NachbarInnen, FreundInnen usw. Anfragen an alle diese Personen starten und eine Liste erstellen mit Telefon, Verfügbarkeit, wie viel, wie lange, wie kurzfristig usw.
  • Welche familienexternen Betreuungsmöglichkeiten gibt es in der Region für (kranke) Kinder. Das SRK zum Beispiel hat einen Betreuungsdienst für kranke Kinder, in andern Regionen übernehmen dies Spitexorganisationen. Benevol arbeitet mit Freiwilligen, ebenso die kirchlichen Sozialdienste. Auch Familienberatungsstellen kennen die regionalen Hilfsangebote für Familien. Vermutlich weiss auch der Kinderarzt oder der Hausarzt, wer noch angefragt werden könnte.
  • Kostenfrage abklären. Kann ich das finanzieren? Wenn nein, wer könnte helfen?

Auch die Mutter kann mal erkranken, vielleicht sogar für längere Zeit. Wie kann sie sich da vorbereiten?

Im Prinzip gilt das gleiche wie oben. Vielleicht ist es bei Krankheit der Mutter je nach Situation sogar sinnvoll, wenn das Kind eine gewisse Zeit zu einer Bezugsperson in die Ferien gehen kann, wenigstens vorschulpflichtige Kinder.

Was gibt es im Voraus bezüglich Arbeitgeber zu beachten?

Es ist empfehlenswert sich vorab folgende Fragen zu stellen und sich gut zu informieren. Wie steht mein Arbeitgeber grundsätzlich zu Mutterpflichten und kurzfristigen Absenzen wegen Krankheit eines Kindes? Haben wir dazu interne Regelungen? Kenne ich die? Weiss mein Arbeitgeber, dass ich alleinerziehend bin? Welche meiner laufenden Arbeiten sind so wichtig, dass sie auf keinen Fall einen Tag liegenbleiben können? Was passiert, wenn sie nicht sofort oder verspätet erledigt werden? Gibt es jemanden, der im Notfall stellvertretend für mich das Wichtigste erledigen könnte?

Das gilt laut Arbeitsrecht, wenn Ihr Kind krank ist

Bis zu drei freie Tage, wenn das Kind krank ist

Der Arbeitgeber hat Arbeitnehmern/innen mit Familienpflichten gegen Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses die zur Betreuung kranker Kinder erforderliche Zeit im Umfang bis zu drei Tagen freizugeben (Art. 36 Abs. 3 ArG). Als Familienpflichten gelten «die Erziehung von Kindern bis 15 Jahren sowie die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger oder nahestehender Personen». Falls ein älteres Kind alleine krank zu Hause ist, hat man das Recht auf eine Mittagspause von mindestens 1 ½ Stunden, um das Kind über Mittag zu versorgen. Überstunden dürfen verweigert werden, wenn ein krankes Kind gepflegt werden muss. Auch vor Kündigung ist man geschützt; eine Kündigung aus diesem Grund wäre missbräuchlich und könnte angefochten werden. Das Arbeitsgesetz ist eine öffentliche Norm und für alle verbindlich. Neuer Anspruch für jeden neuen Fall: Jede Vorlage eines Arztzeugnisses, welches die Krankheit eines Kindes bezeugt, erneuert den Anspruch auf drei Freitage.

Betreuung organisieren

Nach dem Grundsatz von Treu und Glauben muss die Mutter oder der Vater die Arbeit wieder aufnehmen, sobald die Betreuung des kranken Kindes organisiert ist, auch wenn die Frist von drei Tagen noch nicht abgelaufen ist. Wenn drei Tage nicht genügen, gilt das Obligationenrecht. Auf Grund der allgemeinen Bestimmung über die verschiedenen Verhinderungsgründe ermöglicht dieses der Mutter oder dem Vater, für die nötige Zeit von der Arbeit fernzubleiben (Art. 324a OR, Nr. 4301ff.).

Lohnfortzahlung, wenn das Kind krank ist?

Das Arbeitsgesetz regelt die Lohnfortzahlungspflicht nicht. Es gelten die Bestimmungen des Obligationenrechts (Art. 324a OR, Nr. 4301ff.), des Einzelarbeitsvertrags oder des Gesamtarbeitsvertrags. Ein Urteil eines kantonalen Arbeitsgerichts auf der Basis von Art. 324a OR (Arbeitsgericht ZH, JAR 1988, 197) besagt, dass der Lohn für die ersten drei Tage Abwesenheit geschuldet ist. Die Lohnfortzahlung ist gleich geregelt wie bei Ihrer eigenen Erkrankung: sie richtet sich nach der Dauer Ihres Arbeitsverhältnisses (z.B. Berner Skala mit abgestufter Lohnfortzahlung von 3 Wochen bis zu mehreren Monaten). (ArG, Art. 36, OR Art. 324a).

Keine Kürzung der Ferien

Auch Ferien dürfen nicht gekürzt werden, falls jemand «insgesamt nicht mehr als einen Monat im Dienstjahr» fehlt (gemäss Artikel 329b Absatz 2 OR).

Wo beziehungsweise wie bekommt die Mutter finanzielle Unterstützung für die Kosten der Kinderbetreuung?

Für Krankheit und/oder Kinderbetreuung lässt sich bei engen Budgets in der Regel gut finanzielle Hilfe finden. Soziale Beratungsstellen können bei der Suche nach Unterstützung helfen.

Vielen Dank für das Interview.

Béatrice Furer ist Coach und Sozialarbeiterin HFS. Sie leitet die Fachberatung des Schweizerischen Verbandes für alleinerziehende Mütter und Väter (SVAMV) und ist Mitglied des Zentralvorstands.

Interview: Carmen Baumann, Erschienen erstmals in EinElternForum 3/2011, herausgegeben von: Schweizerischer Verband alleinerziehender Mütter und Väter SVAMV, Caritas Bern, Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Verein frabina Beratungsstelle für Frauen und binationale Paare. www.einelternforum.ch

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