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Lohnt sich mehr arbeiten als Alleinerziehende:r in der Schweiz?

Vielleicht überlegst du gerade, dein Pensum zu erhöhen – weil das Geld knapp ist, du beruflich dranbleiben möchtest oder dich die Sozialhilfe zu mehr Erwerbsarbeit verpflichtet. Gleichzeitig hörst du von der «Arbeitsanreizfalle» und hast Angst, dass am Ende trotz mehr Arbeit kaum mehr im Portemonnaie bleibt. In diesem Artikel erfährst du, warum die Rechnung je nach Kanton, Gemeinde und Familiensituation sehr unterschiedlich ausfallen kann – und wie du Schritt für Schritt dein eigenes Budget durchrechnest.

Ein Mann sitzt am Küchentisch im Homeoffice
Was ist das optimale Arbeitspensum als Alleinerziehender? © CG Tan / Getty Images

Warum die Antwort je nach Kanton und Gemeinde anders ausfallen kann

In der Schweiz hängt dein verfügbares Einkommen als Einelternfamilie nicht nur vom Lohn ab. Entscheidend sind auch:

Wie stark sich diese Faktoren auswirken, ist je nach Kanton und sogar Gemeinde unterschiedlich, weil:

  • die KiTa-Tarife und Subventionen kantonal/gemeindlich geregelt sind,
  • Steuersätze sich stark unterscheiden,
  • die Bedingungen für Prämienverbilligungen kantonal geregelt sind,
  • auch die Sozialhilfe-Praxen regional verschieden sind.

Fachstellen wie kibesuisse zeigen in ihren Übersichten, dass die Bruttokosten für KiTas schweizweit sehr unterschiedlich sind und dass Subventionsmodelle stark variieren. In manchen Gemeinden zahlst du bei niedrigem Einkommen sehr wenig für die KiTa, in anderen ist der Elternbeitrag trotz Subvention relativ hoch. Auch die Budgetberatungsstellen in der Schweiz machen immer wieder darauf aufmerksam, dass Einelternfamilien besonders stark von diesen regionalen Unterschieden betroffen sind.

KiTa-Tarife/Subventionen, Steuern, Prämienverbilligung, Sozialhilfe – wie sie zusammenspielen

Die sogenannte «Arbeitsanreizfalle» beschreibt eine Situation, in der du zwar mehr arbeitest, dein verfügbares Einkommen aber nur wenig steigt oder sogar sinkt. Das passiert, wenn mehrere Effekte gleichzeitig spielen:

1. Betreuungskosten steigen
Mehr Arbeit bedeutet meist mehr Fremdbetreuung. In einem subventionierten System zahlst du oft einen einkommensabhängigen Beitrag. Erhöhst du dein Pensum, steigen:

  • die Anzahl Betreuungsstunden und
  • der Tarif pro Stunde/Tag, weil dein steuerbares Einkommen höher ist.

2. Steuern steigen
Mit höherem Einkommen steigen die Steuern. Besonders relevant sind:

3. Prämienverbilligung sinkt oder fällt weg
Viele Kantone gewähren die Prämienverbilligung nur bis zu einer gewissen Einkommensgrenze. Erhöhst du dein Pensum, kann es sein, dass:

4. Sozialhilfe / Ergänzungsleistungen werden angepasst
Wenn du Sozialhilfe oder andere bedarfsabhängige Leistungen erhältst, werden zusätzliche Erwerbseinkommen häufig angerechnet. Das heisst: Ein Teil des zusätzlich verdienten Geldes reduziert einfach die ausbezahlte Unterstützung.

Ob sich mehr arbeiten für dich lohnt, hängt darum nicht nur von deinem Bruttolohn ab, sondern vor allem von der Frage: Wie viel von jedem zusätzlich verdienten Franken bleibt dir nach KiTa, Steuern, Krankenkasse und reduzierten Leistungen tatsächlich übrig?

Schritt-für-Schritt: So machst du deinen Pensum-Check

Damit du nicht nur mit groben Schätzungen arbeitest, kannst du dir mit einem einfachen Worksheet ein möglichst realistisches Bild machen. Hol dir Papier oder eine Tabelle und geh die folgenden Schritte durch. Wenn möglich, mach die Rechnung für zwei Szenarien, z.B. 40 % und 60 % Pensum.

Einnahmen: Lohn, Alimente, Zulagen

Notiere zuerst alle Einnahmen, die regelmässig reinkommen – getrennt nach Szenario 1 (jetziges Pensum) und Szenario 2 (geplantes Pensum).

Typische Einnahmeposten:

Lohn
Berechne deinen Bruttolohn bei unterschiedlichem Pensum (z.B. 40 %, 60 %, 80 %). Wenn du einen festen Monatslohn bei 100 % hast, ist die Rechnung relativ einfach (z.B. 5’500 CHF bei 100 % → 2’200 CHF bei 40 %, 3’300 CHF bei 60 %).

Alimente / Unterhaltsbeiträge
Unterhaltsbeiträge für Kinder oder dich als betreuende:n Elternteil bleiben meist gleich, auch wenn du etwas mehr arbeitest – je nach Scheidungs- oder Unterhaltsvereinbarung. Kläre im Zweifel mit einer Fachstelle oder Anwält:in ab, ob eine Pensenänderung deine Alimentenregelung beeinflussen könnte.

Kinder- und Ausbildungszulagen
Diese richten sich in der Regel nicht nach deinem Pensum, sondern nach der Erwerbstätigkeit an sich und dem Kanton. Prüfe, ob sich an der anspruchsberechtigten Person bei einem Stellenwechsel etwas ändert.

Weitere Leistungen
Hierzu zählen z.B. Ergänzungsleistungen, Sozialhilfe oder andere bedarfsabhängige Hilfen. Trage ein, was du heute erhältst, und notiere dir, dass diese Beträge sich bei höherem Pensum verändern können – dazu brauchst du die Auskunft der zuständigen Fachstelle.

Betreuungskosten: KiTa, Tagesfamilie, Schule, Ferien

Nun schaust du, was die Kinderbetreuung im jeweiligen Pensum konkret kostet. Wichtig: Rechne nicht nur mit KiTa-Kosten, sondern auch mit Schule und Ferien.

1. KiTa / Tagesfamilie / Hort
Für jedes Kind notierst du:

  • Wie viele Tage/Stunden Betreuung brauchst du aktuell?
  • Wie viele wären es beim höheren Pensum?
  • Wie hoch ist der subventionierte Tarif heute (Elternbeitrag)?
  • Wie würde der Tarif aussehen, wenn dein Einkommen höher ist?

Viele Gemeinden berechnen den Elternbeitrag anhand eines «massgebenden Einkommens». Dazu gibt es meist eine Tabelle. Frag bei deiner Gemeinde oder deiner KiTa nach einer Proberechnung für das höhere Pensum. Kibesuisse weist darauf hin, dass solche Proberechnungen ein wichtiges Instrument sind, damit Eltern eine fundierte Entscheidung treffen können.

2. Schule und Randzeitenbetreuung
Je nach Kanton und Gemeinde gibt es Tagesschulen, Mittagstische und Nachmittagsbetreuung. Notiere für jedes Pensum:

3. Ferienbetreuung
Ferien sind für Einelternfamilien oft finanziell und organisatorisch besonders anspruchsvoll. Überlege dir:

Versuche, diese Kosten auf den Monat herunterzubrechen (Jahressumme / 12), damit deine Übersicht vergleichbar bleibt.

Fixkosten und Krankenkassenprämien 

Jetzt kommen die Ausgaben, die nicht direkt mit dem Pensum zu tun haben, aber dein Budget stark prägen.

1. Fixkosten
Typische Fixkosten im Monatsbudget einer Einelternfamilie sind laut Budgetberatung Schweiz u.a.:

  • Miete und Nebenkosten
  • Strom, Internet, Handy
  • Lebensmittel und Haushaltsbedarf
  • ÖV-Abo oder Autokosten
  • Versicherungen (Haftpflicht, Hausrat etc.)
  • Auslagen für Schule, Kleidung, Freizeit

Die Budgetberatung Schweiz stellt Richtwerte zur Verfügung, mit denen du dein eigenes Budget vergleichen kannst. Gerade für Einelternfamilien lohnt sich der Blick, um zu sehen, wo du realistisch sparen kannst – und wo nicht.

2. Krankenkassenprämien
Notiere die monatlichen Prämien für dich und deine Kinder. Dann prüfst du:

3. Steuern
Steuern sind komplex, aber du kannst dir mit einem Online-Steuerrechner deines Kantons oder mit Hilfe einer Beratungsstelle eine grobe Schätzung holen. Du brauchst in der Regel:

Lass dir eine Berechnung für beide Szenarien machen, damit du die Steuerdifferenz siehst.

Dein persönlicher Pensum-Check

Die folgende Tabelle dient Dir als Checkliste. Du kannst sie kopieren und in ein Textprogramm oder eine Tabellenkalkulation einfügen. Fülle sie für zwei Szenarien aus, z.B. dein aktuelles Pensum und das geplante höhere Pensum.

Position Betrag (CHF) Bemerkungen
Einnahmen
Netto-Lohn    
Alimente / Unterhaltsbeiträge    
Kinder- / Ausbildungszulagen    
Weitere Leistungen (Sozialhilfe, EL etc.)    
Total Einnahmen    
Betreuungskosten
KiTa / Tagesfamilie / Hort    
Schule: Tagesschule / Mittagstisch / Randzeiten    
Ferienbetreuung (auf Monat gerechnet)    
Total Betreuungskosten    
Fixkosten
Miete inkl. Nebenkosten    
Haushalt (Lebensmittel, Hygiene etc.)    
Mobilität (ÖV, Auto)    
Versicherungen (Haftpflicht, Hausrat etc.)    
Schule, Kleidung, Freizeit der Kinder    
Weitere Fixkosten    
Total Fixkosten (ohne Krankenkasse)    
Krankenkasse & Steuern
Krankenkassenprämien (alle Personen)    
– abzüglich Prämienverbilligung    
Steuern (monatlich hochgerechnet)    
Total Krankenkasse & Steuern    
Verfügbares Einkommen (Einnahmen – Betreuungskosten – Fixkosten – KK/Steuern)    
Mehrarbeit in Stunden/Monat    
Zusätzlich verfügbares Einkommen pro Monat  
Zusätzliches Einkommen pro Stunde Mehrarbeit (Zusatz Einkommen / Mehrstunden)  

 

Besonders wichtig ist die letzte Zeile: Sie zeigt dir, wie viel dir effektiv pro zusätzlicher Arbeitsstunde bleibt – nach allen Abzügen. So kannst du besser einschätzen, ob sich ein höheres Pensum für dich lohnt oder ob du andere Lösungen (z.B. gezielte Weiterbildung, Stellenwechsel, Lohnverhandlung) prüfen möchtest.

Drei Beispielrechnungen: So kann sich ein höheres Pensum auswirken

Die folgenden Beispiele sind vereinfacht und dienen als Orientierung. Sie ersetzen keine individuelle Beratung, zeigen aber typische Muster. Alle Beträge sind gerundet und können je nach Kanton, Gemeinde und Wohnsituation deutlich abweichen.

1. Von 40 % auf 60 % – wenn die KiTa stark subventioniert ist

Angenommene Ausgangslage:

Im Beispiel bleibt dir also pro zusätzlicher Arbeitsstunde ein überschaubarer Betrag. Gleichzeitig kann es aber wichtig sein, beruflich dran zu bleiben, deine Chancen auf einen späteren Lohnanstieg zu verbessern und Sozialhilfebezug zu reduzieren – auch wenn sich die Mehrarbeit kurzfristig «klein» anfühlt.

2. Von 60 % auf 80 % – wenn die Prämienverbilligung wegfällt

Zweite Ausgangslage:

Hier siehst du die «Prämienverbilligungs-Falle»: Ein höheres Pensum kann dazu führen, dass du die Verbilligung verlierst, was einen grossen Teil des zusätzlichen Lohns «auffrisst». Es lohnt sich deshalb sehr, die Schwellenwerte deines Kantons genau zu kennen und mit Fachstellen Szenarien durchzurechnen.

3. Zwei Kinder statt ein Kind – doppelte Betreuung, aber auch mehr Zulagen

Dritte Ausgangslage:

Mehr Kinder bedeuten meist höhere Betreuungskosten, aber auch mehr Kinderzulagen. Gleichzeitig ist die Organisation im Alltag anspruchsvoller. Für Einelternfamilien ist es darum besonders wichtig, nicht nur die Finanzen, sondern auch die verfügbare Energie, das Unterstützungsnetz und die Gesundheit mitzudenken.

Wo du verlässlich nachfragst – wichtige Anlaufstellen

Gemeinde/Kanton: KiTa-Subventionen und Sozialhilfe

Deine Gemeinde oder dein Kanton ist erste Anlaufstelle für:

Bitte ausdrücklich um konkrete Beispielrechnungen für dein aktuelles und dein geplantes Pensum. Nimm deine Lohnangaben, Alimentenvereinbarungen und bisherigen Verfügungen mit, damit die Berechnungen möglichst realistisch werden.

Budgetberatung Schweiz: Unterstützung beim Haushaltsbudget

Die Budgetberatung Schweiz und regionale Budgetberatungsstellen bieten:

Studien und Praxisberichte zeigen immer wieder, dass Einelternfamilien ein erhöhtes Risiko haben, zu den «Working Poor» zu gehören, also trotz Erwerbsarbeit kaum über die Runden zu kommen. Eine fundierte Budgetberatung kann helfen, dieses Risiko zu reduzieren und gezielt Entscheide zu treffen, zum Beispiel zu Wohnkosten, Mobilität oder Weiterbildung.

AHV/IV- und kantonale Stellen: Prämienverbilligung

Die kantonalen Ausgleichskassen (AHV/IV) oder speziell zuständige kantonale Stellen informieren dich über:

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die kantonalen Stellen weisen darauf hin, dass die Prämienverbilligung ein zentrales Instrument ist, um Familien – insbesondere Einelternfamilien – finanziell zu entlasten. Nutze dieses Recht und lass dir helfen, deine Ansprüche zu klären.

Fazit: Dein Entscheid ist mehr als eine Zahlenfrage

Ein höheres Pensum kann dir mehr finanziellen Spielraum geben, das Risiko von Armut im Alter senken und deine berufliche Entwicklung stärken. Gleichzeitig kann es aber auch bedeuten:

Fachgesellschaften und Beratungsstellen betonen, wie wichtig ein stabiler Alltag für Kinder ist: verlässliche Bezugspersonen, genügend gemeinsame Zeit und möglichst wenig chronischer Stress. Das heisst nicht, dass du nicht viel arbeiten darfst – aber dass du mitdenken solltest, wie der Familienalltag organisiert ist, wer dich unterstützt und wo du dir selbst Pausen zugestehst.

Am Ende ist dein Pensum eine sehr persönliche Entscheidung. Nimm dir Zeit für die Budgetrechnung, hol dir fachliche Unterstützung und sprich – wenn möglich – mit Menschen in deinem Umfeld, denen du vertraust. Dein Ziel darf sein, dass ihr als Familie finanziell tragfähig aufgestellt seid und gleichzeitig euer Alltag lebbar bleibt.

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