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Pubertät: Wie alleinerziehende Mütter damit umgehen können

Irgendwann ist es bei allen Familien soweit. Die Kinder sind in der Pubertät und damit ist der Startschuss für die Ablösung, mit Finale «Auszug aus dem Hotel Mama», gesetzt. Ist der Prozess bei Alleinerziehenden anders als in Zweielternfamilien? Und wie überstehen alleinerziehende Mütter diese Krisenjahre?

Die Pubertät macht alleinerziehenden Müttern zu schaffen.

Die Pubertät ihrer Kinder kann alleinerziehende Mütter an ihre Grenzen bringen. Foto: Design Pics, Thinkstock

In der Pubertät stehen die Kinder mehr denn je im Mittelpunkt. Sie sind nicht zu übersehen, denn sie befinden sich in einem neurologischen Ausnahmezustand, der sich mit intensiven, für uns nicht immer nachvollziehbaren Reaktionen bemerkbar macht. Türen knallen, patzige Antworten, Rückzug mit Musikstöpsel und Pullikaputze, Idealismus und Selbstfindung verblüffen die Eltern, die sich Erziehen und Begleiten gewohnt sind. Eine völlig neue Situation für alle, ein neuer Brennpunkt in der Familie.

Alleinerziehende Mütter sollten sich Entlastung holen

Grundsätzlich ist es so, dass Mütter generell ihrer sozialen Rolle entsprechend, anders erziehen als Väter. Väter bewegen sich, gehen mit den Kindern in den Wald oder bauen ein Baumhaus im Garten. Mütter umsorgen die Familie, stellen die Infrastruktur bereit, managen den Alltag. Sie sind vorsichtiger und sorgen sich um die Vernetzungen und die Ressourcen der Kinder.

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Mehr zum Thema Alleinerziehende gibt es unter www.einelternfamilie.ch

Mehr als vier Fünftel aller Alleinerziehenden in der Schweiz sind Frauen. Zirka 80 Prozent aller alleinerziehenden Mütter in der Schweiz sind voll- oder teilzeitig erwerbstätig. Die Fähigkeit zum Multitasking ist nicht jedem gleichermassen gegeben. Alleinerziehende Mütter haben keine Wahl. Sie sind Logistikerinnen, Managerinnen, Berufsfrauen, Raumpflegerinnen, Erzieherinnen und bestreiten meist einen langen Arbeitstag.

Dr. Veronika Breitler-Voigt ist Spezialärztin für Psychiatrie, Psychoanalyse und Familientherapie in St. Gallen. Sie beobachtet, dass Alleinerziehende sehr viele Rollen ausfüllen und vieles selbst machen, was bewundernswert ist. Die Schattenseite des Alleinerziehens sei jedoch Überforderung und Burnout. Sie rät Frauen, sich schneller Hilfe und Entlastung zu suchen.

Wenn Pubertät und Menopause zusammenfallen

Menopause und Pubertät fallen bei einigen Familien zusammen, was grossen Stress bedeutet. Mutter und Kind sind dann in einer gereizten Phase, bedingt durch die jeweilige hormonelle, auch noch konträre Veränderung, die sich ja nur wenig beeinflussen lässt. Das gegenseitige Unverständnis ist in dieser Zeit sehr gross. Leben die beiden in der «Biokrise» allein, ist es besonders schwierig. Eskalationen sind naheliegend und neutrale, konstruktive Lösungen schwer. Gefordert ist das Umfeld, der andere Elternteil, Onkel, Grosseltern, die «Erholungsinseln» bieten können, die räumliche Distanz schaffen. Auch in dieser Situation sind Hobbys und Aktivitäten ausserhalb der eigenen vier Wände für Mutter und Kind hilfreich.

In der Pubertät beginnt das Abgrenzen und Loslassen

Wie schwierig es für alleinerziehende Mütter ist sich abzulösen, wenn sie mit den Kindern allein gelebt haben, ist kaum abzuschätzen. Es ist jedoch nachvollziehbar, dass eine vollzeitige Familienfrau, deren Lebensinhalt für Jahrzehnte die Familie war, es schwerer hat. Mit dem Auszug der Kinder löst sich der grösste Teil ihres Lebensinhalts in Luft auf.

Alleinerziehende Mütter dagegen sind Grenzgängerinnen zwischen Familie und Berufswelt. Sie halten verschiedene Lebensinhalte inne und sind dadurch stärker vernetzt. Nach der Ablösung der Kinder können sie im Beruf aufbauen und müssen nicht ganz von vorne beginnen, wobei dies jungen «pensionierten Müttern» besser gelingt. Die neu gewonnene Freiheit, gerade wenn die Mütter jünger sind, ist willkommen. Sie bietet neue Möglichkeiten für Beruf, Partnerschaft und Selbstverwirklichung, für die früher die Zeit fehlte.

Im Wesentlichen sei es aber so, meint Veronika Breitler, dass die Fähigkeit zur Ablösung von der psychologischen Entwicklung jeder einzelnen Frau abhängt. Depressive Mütter hätten es grundsätzlich schwerer loszulassen und seien gefährdeter in ein Loch zu fallen. Grosse Unterschiede zwischen alleinerziehenden Müttern oder in einer Partnerschaft lebenden Müttern konnte Veronika Breitler in ihrer Berufspraxis nicht beobachten.

Nach der Pubertät verstehen sich alleinerziehende Mütter und Töchter oft besser.

Wenn die Kinder nicht mehr zu Hause wohnen, verbessert sich oft der Kontakt zwischen Mutter und Kind. Foto: iStockphoto, Thinkstock

Wenn die Kinder und Eltern den Absprung verpassen und die Kinder lange zu Hause leben, sei dies nicht gut, meint Breitler. «Junge Menschen, die einmal alleine gelebt haben sind nicht nur selbstständiger und haben sich persönlich entwickelt, sie sind auch wesentlich beziehungsfähiger. Sich vom Elternhaus direkt in eine Beziehung zu flüchten bedeute, seine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit aufzugeben. Im besten Fall bedeutet die Ablösung von Zuhause Eigenständigkeit und eine positive Entwicklung aller Beteiligten, die ohne diesen Schritt nicht möglich wäre. Im schlechtesten Verlauf grenzen sich die Kinder so sehr ab, dass der Kontakt abbricht. Für die jungen Menschen ist es dann nötig, sich aus dem Konfliktfeld zu begeben, was gut ist.»

Die gute Nachricht in der Situation: Sobald das Gehirn ausgereift sei, was bei Frauen etwa mit zirka 22 Jahren und bei Männern mit etwa 25 Jahren der Fall sei, kämen sie wieder zurück, erklärt Breitler. Gluckenhaftes Verhalten, Druck auf die Kinder zu machen oder gar einen Rausschmiss empfiehlt die Fachärztin alleinerziehenden Müttern nicht.

Tipps der Fachfrau für alleinerziehende Mütter zur Pubertät

  • Sich mit dem Thema Ablösung schon früh befassen.
  • Hobbys und Interessen auch während der Erziehungsarbeit zulassen.
  • Freundeskreis und soziale Kontakte schaffen und pflegen.
  • Nicht allzu viel Verständnis in der Kommunikation erwarten, denn dies ist wegen der konträren Vorgänge gegenseitig kaum möglich.
  • Differenzen als normal und lebensnotwendig für die Umstellung ansehen und nicht schuldhaft verarbeiten.
  • Die bestehende Partnerschaft neu definieren.
  • Weiterhin zur Verfügung stehen, wenn auch aus der Distanz.

Mehr über Dr. Veronika Breitler-Voigt, Spezialärztin für Psychiatrie, Psychoanalyse und Familientherapie in St. Gallen, erfahren Sie unter www.drbreitler.ch

Autor: Rosmarie Lutz, Quelle: Erschienen in EinElternForum 1/2012, herausgegeben von: Schweizerischer Verband alleinerziehender Mütter und Väter SVAMV, Caritas Bern, Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Verein frabina Beratungsstelle für Frauen und binationale Paare. www.einelternforum.ch