Streit zwischen Eltern macht Kindern Angst

Streitereien vor dem Kind sind alltäglich und manchmal auch unvermeidbar. Wie erleben Kinder diese Situation?

Kinder können sich vom Streit der Eltern nicht abgrenzen. Sie glauben, sie seien schuld, mit ihnen ist etwas nicht richtig. Sie erleben den Streit der Eltern als Ablehnung ihrer eigenen Person. Aber nicht nur unter dem Streit sich trennender Eltern, auch unter dem ständigen Kleinkrieg in einer schlecht funktionierenden Partnerschaft leiden die Kinder. Wenn nach der Trennung und Scheidung die Streitereien aufhören, ist das ein Gewinn für die Kinder. Wenn sich der Streit auch hinterher fortsetzt, dann wird es besonders schlimm für den Nachwuchs, dieser ist oft Streitkapital zwischen den Parteien.

Glückliche Scheidungskinder, so heisst das Buch von Monika Czernin und Remo H. Largo.

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Wie können sich im Clinch liegende Eltern trotzdem zusammenraufen und ihrer Fürsorgepflicht nachkommen?

Man sollte sich nicht scheuen, Hilfe von Mediatoren, Psychologen, manchmal vielleicht auch von einem guten Freund anzunehmen. Scheidungskonflikte erfolgreich zu lösen, ist kein Kinderspiel und aus einer schlecht gehenden Ehe eine gut funktionierende Scheidungsfamilie zu fabrizieren, ist anspruchsvoll. Aber mit Engagement, Ehrlichkeit, Disziplin - und eben Hilfe - kann es gelingen. Der Lohn hinterher ist für alle gross.

Gibt es Verhaltensweisen von Kindern, die sich unmittelbar nach der Trennung einstellen, aber in dieser Situation völlig normal und typisch sind?

Vor allem leiden Kinder unmittelbar nach der Trennung unter Verlustängsten. Das kann bei kleineren Kindern z. B. dazu führen, dass sie in der Nacht wieder ins Bett machen oder sehr anhänglich sind, nicht mehr in den Kindergarten gehen oder nur noch bei der Mutter im Bett schlafen wollen. Bei grösseren Kindern gibt es oftmals Einbrüche bei den Schulleistungen, sie sind unkonzentriert oder unmotiviert und traurig. Wichtig ist, dass man sich die Lebensbedingungen des Kindes nach der Scheidung ansieht und sich fragt, wo seine Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind. Oft entstehen hier die Probleme und nicht unmittelbar durch die Scheidung.

Bei welchem Verhalten sollte eine professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden?

Bei psychosomatischen Beschwerden zum Beispiel und immer dann, wenn man selbst unsicher ist. Lieber einmal zu viel fragen, als die Dinge schleifen zu lassen.

Rund 90 Prozent der Scheidungskinder leben bei der Mutter. Nach ein bis zwei Jahren hat sich bereits die Hälfte der dazugehörenden Väter fast vollständig aus dem Leben der Kinder verabschiedet. Sind es die Mütter, welche die Väter von ihren Kindern wegtreiben oder gehen die Väter freiwillig?

Es gibt wohl alle Kombinationen. Wichtig ist aber vor allem eines: Wie gut die Beziehung des Vaters nach der Scheidung zu seinen Kindern ist, hängt wesentlich davon ab, wie gut sie davor war. Ein präsenter Vater, der schon vor der Scheidung beispielsweise an den Wochenenden alleine mit seinen Kindern etwas unternommen hat, wird sich erstens nicht so leichtfertig aus ihrem Leben verabschieden, und - noch wichtiger - zweitens kann so ein Vater auch nicht von der Mutter aus dem Leben der Kinder gedrängt werden. Zumindest langfristig geht das nicht.

Was ist für das Kind am besten - Kontakt zum Elternteil, welcher sich schlecht kümmert oder der vollständige Verzicht auf diese Person?

«Schlecht kümmern» ist ein weites Feld. Alleinerziehende Mütter können schnell zum Schluss kommen, dass der Vater sich nicht gut um das Kind kümmert, wenn es bei ihm ist. Vielleicht sorgt er aber nur anders für das Kind, hier ist Toleranz für unterschiedliche Erziehungsstile nötig. Wenn sich ein Partner wirklich schlecht, sprich nicht kümmert, sollte man trotzdem versuchen, ihn in die Erziehung des Kindes einzubinden und den Kontakt nicht ganz abreissen zu lassen.

Wann ist die Toleranzgrenze überschritten?

Wenn das Kind Schaden nimmt, es unbeaufsichtigt bleibt, seine Grundbedürfnisse gar nicht erfüllt werden oder wenn es Anzeichen von Missbrauch gibt. Auf jeden Fall sollte man sich da professionelle Hilfe holen.

Alleinerziehende achten oft besonders darauf, dass es ihrem Kind gut geht und stellen ihre Bedürfnisse hinten an. Ist dies der richtige Weg?

Oft ist es eben DER Weg. Ohne die eigenen Bedürfnisse ein Stück weit hinten anzustellen, ist das Leben als Alleinerziehende/r nicht zu haben, man sollte sich dies vor der Trennung bewusst machen. Ganz allgemein gilt: Kinder aufzuziehen bedeutet neben allem Glück und aller Freude, die sie einem bringen, immer auch die eigenen Bedürfnisse ein Stück weit hinten anzustellen. Stattdessen die Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen, ihnen Lebensbedingungen zu verschaffen, die sie brauchen, um sich gut entwickeln zu können. Das bedeutet vor allem, sich viel Zeit für sie zu nehmen, egal in welcher Familienkonstellation.

Zum Schluss ganz konkret – wie sollte eine Trennung ablaufen, damit weder Vater, Mutter und die Kinder unnötig emotional belastet werden?

Eltern, die sich trennen wollen, sollten möglichst frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und sich vor, während und nach der Trennung begleiten lassen. Eltern unterschätzen all die Hürden, die sie nehmen müssen. Mit professioneller Hilfe sind sie viel weniger gestresst und können planvoller vorgehen, was sich auf ihre Kinder sehr positiv auswirken wird.

Monika Czernin ist freie Journalistin und Buchautorin. Sie lebt mit ihrer Tochter in München.

Interview: Natascha Mahle. Fotos: Fotolia, privat

 

Buch-Tipp zum Thema Scheidung und Kinder

Glückliche Scheidungskinder. Trennungen und wie Kinder damit fertig werden. Von Remo Largo, Monika Czernin. Pieper-Verlag

 

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