Was ist eine erfolgreiche Heimgeschichte?

Thomas Frick war im Kinderheim.

Thomas Frick ist einer der Portraitierten. Er war elf Jahre in vier verschiedenen Heimen. Foto: Silvia Luckner, (c) Helden Verlag

Die professionelle Betreuung im Kinderheim oder die Platzierung in Pflegefamilien kosten den Staat viel Geld. Sehen Sie das als ein Problem für die Zukunft?

Eine gute Lösung kostet Geld. Wie viel ist uns das Wohl des einzelnen Kindes in unserer Gesellschaft wert? Das ist eine weitere grosse Frage. Das Kindswohl zu sichern, ist eine Verpflichtung in der Schweiz und nicht einfach eine Nettigkeit. 

Was wird das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht, das im Januar 2013 in Kraft tritt, verbessern?

Es sieht unter anderem vor, dass sich die Vormundschaftsbehörden in allen Kantonen aus Fachleuten zusammensetzen müssen. Profis besitzen bessere Werkzeuge, um den einzelnen Fall zu beurteilen.  Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Welche Geschichte aus Ihrem Buch hat Sie besonders berührt?

Alle haben mich berührt. Mich hat die Art und Weise berührt, wie die Leute erzählt haben und wie sie sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Jetzt übergeben sie  ihre Geschichte der Öffentlichkeit. Das finde ich extrem mutig und auch wichtig, um andere Heimkindern zu ermutigen zu ihrer Biografie zu stehen. 

Wie haben Sie die ehemaligen Heimkinder erlebt, als Sie sie das erste Mal trafen?

Ich habe eine grosse Offenheit gespürt. Einige hatten auch das Bedürfnis ihre Geschichte zu erzählen, sicher auch weil sie teilweise ein schönes Beispiel dafür sind, wie das Leben gelingen kann trotz widriger Startbedingungen. Ich hatte erwartet, dass im Laufe der Zeit auch einige wieder abspringen. Dass das nicht passiert ist, freut mich sehr.

In Ihrem Buch stellen Sie einen Mann vor, der als junger Mann kriminell wurde und heute 100 000 Franken Schulden hat. Von seiner Arbeit als freischaffender Künstler kann er nicht leben. Wie hat er es geschafft mit Ihnen darüber zu sprechen, auch wenn er keine erfolgreiche Geschichte vorzuweisen hat?

Ich glaube nicht, dass er das so sieht. Und ich sehe das übrigens auch nicht so. Was ist eine erfolgreiche Geschichte? Ein volles Konto mit einem regelmässigen Lohn? Da bin ich mir nicht so sicher.

Bei manchen sind Sie die erste, welche die Geschichte in allen Details erzählt bekommt. Nicht mal die eigenen Kinder wissen so viel.

Wie weit erzähle ich meine eigene Vergangenheit meinen Kindern? Die neun Leute waren als Kind sehr einsam. Sie haben keine Gewohnheit darin, ihre Geschichte zu erzählen. Vielleicht ändert sich das jetzt mit dem Buch.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für die Zukunft von Heimkindern?

Mein Wunsch ist, dass die Platzierungen in Kinderheime oder Pflegefamilien sorgfältig von Profis begleitet werden. Da wird zum Beispiel in der Stadt Zürich sehr viel gemacht. Doch das muss überall passieren. Und nicht nur am Anfang, sondern über die ganze Zeit. Ich wünsche mir auch, dass alle Organisationen, die Plätze für Kinder oder Jugendlliche vermitteln, überprüft und qualifiziert werden müssen.

Zur Autorin

Barbara Tänzler ist Journalistin und Chefredaktorin des Schweizer Magazins für Reisekultur Transhelvetica. Die Idee zum Buch entstand durch eine Bekannte, die beruflich immer wieder mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, für die eine Lösung ausserhalb der Familie gefunden werden musste. Die Frage, was aus diesen Menschen wird, hat die Autorin nicht mehr losgelassen. Seit drei Jahren ist sie selbst Pflegemutter von zwei Mädchen im Alter von fünf und sechs Jahren. Mit dem Buch möchte sie eine konstruktive Diskussion rund um das Thema Fremdplatzierung heute anregen.

Zum Buch

Das Buch «Kinderheim statt Kinderzimmer. Neun Leben danach» ist im Helden Verlag erschienen, kostet 28 Franken und kann unter www.helden.ch bestellt werden.

 

Interview: Angela Zimmerling im Oktober 2012

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