Naturerlebnis statt Frühenglisch

Kinder erleben in den GFZ Kitas die Natur.

Für den GFZ ist es wichtig, dass Kinder die Natur erleben. Foto: GFZ

Es heisst oft, Kindern würden heute weniger Grenzen gesetzt. Sie seien deshalb verwöhnt. Ist der gesellschaftliche Beitrag auch so zu verstehen, dass Kindertagesstätten das nachholen müssen, was Eltern versäumt haben?

Vedova: Nein, das ist nicht die Idee. Die wichtigsten Ansprechpersonen sind immer die Eltern. Ausserfamiliäre Kinderbetreuung ist ergänzend. Es gibt Kinder, die stark von der Kita profitieren können. Solche mit Migrationshintergrund bekommen vor allem im Bereich Sprache Unterstützung.

Engi-van Waterschoot: Früher hatten Kinder viele Geschwister und lernten so automatisch Rücksicht zu nehmen, zu verzichten, sich somit sozial zu verhalten. Heute leben wir andere Familienmodelle. Wenn das Kind heute in eine Gemeinschaft wie die Kita kommt, erlernt es sein soziales Verhalten in der Gemeinschaft der Kita mit andern Kindern und das ist zu begrüssen.

Es gibt Kindereinrichtungen, in denen der Nachwuchs schon ab frühem Alter Englisch lernen soll. Sind die Ansprüche der Eltern an die Kinderbetreuung gestiegen?

Vedova: Ich hoffe, dass die Ansprüche der Eltern gestiegen sind. Als Mutter erwarte ich von einer professionell geführten Kita oder Tagesfamilie, dass für meine Kinder die optimale Betreuung geboten wird. Grundbedürfnisse wie Zuneigung und Möglichkeiten, sich auszuleben, sollten erfüllt werden. Was Sie ansprechen, ist die Leistungserwartung in Bezug auf Bildung. Davon distanzieren wir uns als GFZ stark. Wir finden, dass das Kind eine optimale Frühförderung erhalten muss. Das ist jedoch nicht Frühenglisch, sondern das ist das Erleben von Natur, Zuverlässigkeit und Zuwendung.

Warum haben Sie sich als GFZ so entschieden?

Engi-van Waterschoot: Ich glaube, Kindern fehlt es heute an ganz natürlichen und alltäglichen Erfahrungen. Man kann, wenn man dies wünscht, Frühenglisch und andere Fähigkeiten auf privater Basis erlernen, aber dies ist nicht zwingend für die Entwicklung des Kindes. Wir reden hier über eine Altersgruppe zwischen 0 und 4 Jahren. Das Kind darf wirklich noch Kind sein und es sollte hauptsächlich in seiner gesamten Entwicklung gefördert werden.

Vedova: Wir stehen klar für das Kind und die Familie ein. Wir arbeiten mit Fachleuten zusammen und sind überzeugt, dass unser Konzept der Kindesentwicklung gerecht wird. Das Kind sollte die Erfahrung machen, sich Fähigkeiten selbst anzueignen. Das ist meine persönliche Überzeugung und auch unser pädagogisches Konzept.

Können Sie Beispiele nennen, wie diese Alltagserfahrungen in den Einrichtungen gefördert werden?

Vedova: Im Moment läuft ein Pilotprojekt zur so genannten «Bildungs-Kita». Das ist ein Modell, das in Deutschland erprobt und erfolgreich umgesetzt wurde. Man schaut weniger danach, was dem Kind fehlt, sondern fragt: Was kann es? Das Kind kann selbst aktiv werden und sich ein Buch aussuchen oder entscheiden, ob es in den Garten gehen möchte. Die Betreuer dokumentieren den Fortschritt der Kinder mit Fotos und Texten. Das Projekt läuft seit einem Jahr in zwei Kitas in Zürich. Wir sind dabei, das auch in anderen Einrichtungen zu implementieren. Es ist wichtig für den GFZ, am Puls zu bleiben. Es braucht diese Sensibilität für Trends, die von der Gesellschaft vorgegeben werden.

Engi-van Waterschoot: Der GFZ ist mit seinem Standort Zürich optimal positioniert, um gesellschaftlich relevante Themen und Veränderungen aufzunehmen und gegebenenfalls umzusetzen.

Interview: Angela Meissner

Sigrid Engi-van Waterschoot und Raffaela Vedova vom Gemeinnützingen Frauenverein in Zürich sprachen mit familienleben über den Wandel in der Kinderbetreuung

Sigrid Engi-van Waterschoot (links im Bild) ist seit Mai 2009 Präsidentin des GFZ. Davor war die Nationalökonomin mehrere Jahre im Vorstand tätig.

Raffaela Vedova (rechts im Bild) ist seit Mai 2009 Geschäftsführerin des GFZ. Zuvor arbeitete sie als Sozialpädagogin und war im GFZ Bereichsleiterin Kinderbetreuung.

Foto: Meissner

Der Gemeinnützige Frauenverein Zürich betreut über 1000 Kinder in 11 Kindertagesstätten und in Tagesfamilien in der Stadt Zürich. Seit 1885 setzte er sich für die Anliegen von Frauen, Kindern und Familien ein.

www.gfz-zh.ch ist die Webseite des Gemeinnützigen Frauenvereins.

 

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