Digitale Demenz: Computer sind kein Teufelszeug

Kommentar - Wir wären längst verloren, würden die Thesen des deutschen Psychiaters Manfred Spitzer wahr sein. Er warnt in seinem neuen Buch vor «digitaler Demenz», davor, dass Computer zu einem geistigen Verfall führen und unsere Kinder dumm, dick und gewalttätig machen. Statt Angst zu schüren, sollte der verantwortungsvolle Umgang mit den Medien in den Vordergrund rücken.

Manfred Spitzer warnt vor digitaler Demenz, der Verdummung durch Computer.

Der Psychiater Manfred Spitzer warnt vor Digitaler Demenz. Digitale Medien würden eindeutig schaden. Foto: Wavebreak Media, Thinkstock

Sie können einem ganz schön Angst einjagen, diese Thesen des Psychiaters Manfred Spitzer. «Wir wissen aus sehr vielen guten wissenschaftlichen Studien, dass digitale Medien in Abhängigkeit von der Dosis (je mehr, desto mehr) und vom Lebensalter (je jünger, desto mehr) eindeutig schaden», schreibt er in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Nervenheilkunde. «Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht und Gewaltbereitschaft.»

Was der Forscher dort in Kurzform darlegt, wird in seinem Buch «Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen» noch deutlicher. Der Beobachter hat seine Thesen kürzlich wie folgt zusammengefasst: «Computer machen doof, Rechner sind „Lernverhinderungsmaschinen“, die genauso süchtig machen wie Heroin. Kinder vor die Kiste zu setzen sei nichts als „Anfixen“.»

Er schürt damit die Ängste von Eltern, die um das Wohl ihrer Kinder besorgt sind. Dass der Hirnforscher dabei die zahlreichen Studien, die das Gegenteil beweisen, ausser Acht gelassen hat, ist unverantwortlich. Wissenschaftler wie Lutz Jäncke von der Uni Zürich geraten bei Spitzers Thesen gar in Rage: «Demenz ist eine unheilbare, noch immer wenig erforschte Krankheit. Ich finde es fahrlässig den Leuten auf diese Weise Angst einzujagen», empörte er sich im Beobachter.

Digitale Medien sind nicht schlecht

Digitale Medien sind natürlich nicht per se schlecht. Computer sind kein Teufelszeug. Und Computerspiele machen auch nicht pauschal alle unsere Kinder dumm. Schon längst hätten wir keine Führungskräfte zwischen 30 und 40 Jahren mehr, wenn es so wäre. Medien und Blogger haben deshalb bereits nach Studien gesucht, die Spitzers Thesen widerlegen oder zumindest sachgerecht einordnen. So machen Computerspiele nach Recherchen der deutschen Zeit nicht dumm, sondern sie können sich positiv auf die Fähigkeit zum räumlichen Denken und zur Problemlösung auswirken. Vor allem gute Lernspiele können den Lernerfolg unterstützen.

Statt Angst vor den digitalen Medien zu schüren, ist es deshalb viel entscheidender, bewusst mit den Medien umzugehen. Dazu gehört, dass Eltern ihre Kinder am Computer und im Internet begleiten. Statt «Hör endlich auf mit diesem Ballerspiel» könnten sie sagen: «Was spielst du gerade und warum macht es dir so viel Spass?» Sie sollten sich darüber informieren, welche Sicherheitseinstellungen sinnvoll sind, gerade um Kinder davor zu schützen, zu viel Privates preiszugeben oder auf pornografische Inhalte zu stossen. Medienkompetenz ist ein gutes Stichwort. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem Computer gehört in jedes Elternhaus und in jede Schule.

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