Erziehen mit individuellen Messlatten

Zu einer richtigen Förderung eines Kindes gehört neben Spass und Freude doch sicherlich auch eine Portion Disziplin.

Disziplin ist für mich nicht ein Funktionieren auf Befehl. Disziplin bedeutet für mich, jedem Kind eine individuelle Messlatte zu setzen, wobei das Kind die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit haben soll, die Messlatte gerade noch zu überspringen. Wenn die Struktur und nötigen Mittel zur Erreichung des Ziels zur Verfügung gestellt werden, kann ein Kind dadurch seine Talente zur Entfaltung bringen. Ich kann nicht von jedem Kind, das Gleiche verlangen. Wenn man eine Regel fix festlegt, und das wird in den Schulen so gemacht, hat man schlussendlich viele Probleme, wenn man mit den Kindern zu tun hat. Und das haben unsere Schulen und Lehrer momentan. Sie sind total überfordert, weil jedes Kind sein eigenes Lebenskonzept hat, doch in der Schule erwartet man von allen, dass sie sich einheitlich verhalten.

Ist denn eine Schule mit Individualkonzepten für jedes Kind überhaupt realistisch?

Ja, in seinem Buch «Schülerjahre – Wie Kinder besser lernen» zeigt Remo Largo, dass altersdurchmischte Lerngruppen funktionieren, wenn die Kompetenzen der Kinder zuvor richtig eingeschätzt wurden. Dann gibt es Sportgruppen, in welchen ein Kind aus der 6. Klasse kommt und das andere aus der 1. Klasse. Durch diese Individualisierung können wir uns auch einen wirtschaftlichen Vorteil schaffen, indem wir spezifisch geförderte Kinder haben, nach dem, was sie in ihrer Veranlagung mit sich bringen. Unsere Aufgabe als Eltern und auch als Lehrpersonen ist es, dies in den Kindern zu erkennen und sie zu sich selbst zu führen.

Das scheint mir kein einfaches Unterfangen zu sein. Welche Vorteile haben denn Kinder, deren Stärken richtig erkannt werden, gegenüber solchen, deren Stärken falsch eingeschätzt werden?

Alles was sie leisten kommt aus eigenem Antrieb. Sie werden sich nicht verstellen müssen für das, was sie in ihrem Leben jeweils machen. Sie leben ihren eigenen Lebenstraum und nicht jenen von jemandem anderen. Ausserdem denke ich, dass meine Kinder ein gewisses Selbstverständnis mit sich bringen werden, welches sie in ihrem Tun bestätigt. Ein Wissen, dass ihnen sagt, dass es richtig ist, was für Talente sie haben und was sie bei der Entfaltung ihrer Talente arbeiten. Dies ist schlussendlich das Selbstvertrauen, das ein Mensch braucht um zur Zufriedenheit und zu sich selbst zu finden. Denn es wird wohl immer jemandem im Leben geben, der einem sagt, was richtig und was falsch ist.

Andrea Degen ist Geschäftsführerin der EUrelations AG.

Die Ärztin Andrea Degen ist Gründerin und Geschäftsführerin von EUrelations AG. Ihre Firma ist spezialisiert auf die Generierung von Geldern für Forschungsprojekte sowie deren Organisation. Des Weiteren bietet die EUrelations AG Schulungen für Wissenschaftler in den Bereichen Fundraising und Projektmanagement. Andrea Degen lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Geroldswil.

 

Interview: Marco Stocker

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter