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Familienkultur in der Schweiz: Euer Familien-Kompass für den Alltag

Familie ist der Ort, an dem Kinder Sicherheit, Vertrauen und ihre ersten Werte lernen. Gerade in einem vielfältigen Land wie der Schweiz, mit verschiedenen Sprachen, Kulturen und Lebensentwürfen, ist eine bewusste Familienkultur ein wichtiger Kompass. In diesem Artikel erfährst du, wie ihr eure Familienwerte findet, klare Regeln schafft, Streit ohne Schreien meistert und mit einfachen Ritualen mehr Gelassenheit in euren Alltag bringt – inklusive praktischer Vorlagen zum Loslegen.

Eine Familie sitzt am Esstisch und spielt miteinander ein Bretttspiel
Das gemeinsame Spiel ist ein schönes Familienritual © Imgorthand / Getty Images

Was bedeutet «Familienkultur» – und warum sie Erziehung leichter macht

Mit «Familienkultur» ist gemeint, wie ihr als Familie zusammenlebt: Welche Werte euch leiten, welche Regeln gelten, wie ihr miteinander redet, streitet, feiert und Abschied nehmt – im Alltag und in besonderen Momenten. Es ist so etwas wie das «Betriebsklima» plus «Leitbild» eurer Familie.

Forschung aus der Entwicklungspsychologie zeigt, dass Kinder sich besonders gut entwickeln, wenn sie gleichzeitig Geborgenheit und klare Orientierung erleben. Man spricht oft von einem «autoritativen Erziehungsstil»: warm, offen, aber mit verlässlichen Grenzen. Studien aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass dieser Stil mit besserer emotionaler Regulierung, weniger Verhaltensauffälligkeiten und mehr Selbstständigkeit verbunden ist (z.B. Universität Zürich, 2021).

Eine bewusst gestaltete Familienkultur hilft dir:

  • Konflikte ohne Schreien zu lösen, weil ihr wisst, was euch wichtig ist und wie ihr streiten wollt.
  • Weniger diskutieren, mehr klar sein, weil Regeln und Abläufe vereinbart statt spontan ausgefochten werden.
  • Mehr Zusammenhalt zu erleben, weil gemeinsame Rituale verbinden.
  • Alltag zu entlasten, weil Routinen Entscheidungen abnehmen.

Familienkultur ist kein starres Regelwerk, sondern etwas, das ihr immer wieder anpasst – je älter die Kinder werden, je nachdem, wie sich eure Lebenssituation ändert (z.B. Kindergartenstart, Umzug, Trennung, Patchwork, Zuzug aus dem Ausland). Wichtig ist, dass ihr bewusst entscheidet statt nur alte Muster weiterlaufen zu lassen.

Schritt 1 – Werte finden 

Bevor du Regeln aufstellst, lohnt sich ein kurzer Stopp: Was ist uns eigentlich wichtig? Wenn ihr eure Werte kennt, fallen Entscheidungen im Alltag leichter – vom «Wie gehen wir mit Medien um?» bis zum «Wie sprechen wir miteinander, wenn wir wütend sind?».

Plane dir dafür etwa 15 Minuten ein. Kinder ab ca. 6–7 Jahren können meist mit einbezogen werden, jüngere Kinder profitieren trotzdem davon, auch wenn sie noch nicht alles mitformulieren.

8 Leitfragen für euer Werte-Worksheet

Nimm ein Blatt Papier (oder druckt euer «Werte-Worksheet» aus) und beantworte zuerst jede:r für sich, danach besprecht ihr gemeinsam. Notiere Stichworte, es muss nicht perfekt formuliert sein.

  1. Was ist uns als Familie besonders wichtig?
    Zum Beispiel: Ehrlichkeit, Zusammenhalt, Humor, Pünktlichkeit, Rücksicht, Glaube/Spiritualität, Leistung, Gesundheit, Natur, Grossfamilie.
  2. Wie wollen wir, dass wir miteinander reden?
    Z.B.: Ohne Schimpfwörter? Auf Augenhöhe? Keine Beleidigungen? Zuhören ohne zu unterbrechen?
  3. Wie wollen wir streiten?
    Dürfen alle Gefühle gezeigt werden? Was geht nicht (z.B. Schlagen, Türen knallen)? Was hilft uns beim Abkühlen (z.B. Pause, rausgehen)?
  4. Was bedeutet «Respekt» bei uns ganz konkret?
    Gegenüber Erwachsenen, Kindern, Lehrpersonen, Nachbar:innen, Natur, Dingen? Heisst das z.B., pünktlich zu sein, um Erlaubnis zu fragen, anderen zuzuhören?
  5. Wie gehen wir mit Fehlern um?
    Darf man Fehler machen? Wie entschuldigen wir uns? Was ist uns bei Wiedergutmachung wichtig?
  6. Was wünschen wir uns für unsere Kinder in 10–15 Jahren?
    Z.B.: selbstständig, empathisch, mutig, verantwortungsvoll. Welche Werte brauchen sie dafür?
  7. Was hat uns aus unserer Herkunftsfamilie gutgetan – was möchten wir anders machen?
    Vielleicht wollt ihr bestimmte Traditionen übernehmen (z.B. Sonntagsessen) und andere bewusst verändern (z.B. weniger Schreien, mehr Zuhören).
  8. Welche 3 Werte sind unsere Top-Priorität für die nächsten 12 Monate?
    Zum Beispiel: Sicherheit, Respekt, Verantwortung. Diese dienen später als Basis für eure Regeln.

Aus euren Antworten könnt ihr ein einfaches Familienleitbild formulieren, z.B.: «Wir sind eine Familie, in der alle wichtig sind, wir respektvoll miteinander reden, Fehler okay sind und wir füreinander sorgen.» Das muss nicht perfekt klingen – es soll euch im Alltag erinnern, worum es geht.

Werte in mehrsprachigen und bi-kulturellen Familien

In der Schweiz leben viele Familien mehrsprachig oder mit verschiedenen kulturellen Wurzeln. Das ist ein grosser Schatz – und manchmal auch eine Herausforderung, wenn Vorstellungen von Erziehung, Nähe, Respekt oder Pünktlichkeit auseinandergehen.

Forschung zur Entwicklung von Kindern in migrierten und bi-kulturellen Familien zeigt, dass Kinder profitieren, wenn Unterschiede benannt und erklärt werden, statt sie zu verschweigen. Wichtig ist nicht, dass beide Kulturen gleich gehandhabt werden, sondern dass Kinder verstehen: «So machen wir es hier in unserer Familie – und es gibt auch andere Arten, die okay sind.».

Konkrete Ideen:

Sprich mit deinem Partner/deiner Partnerin darüber:

  • Welche Werte bringst du aus deiner Herkunftskultur mit (z.B. «Ältere haben immer Recht», «Gemeinschaft vor Individualität», «Pünktlichkeit»)?
  • Welche davon sollen bei euch gelten – ganz, teilweise oder gar nicht?
  • Welche Traditionen sollen bleiben (z.B. bestimmte Feste, Essensgewohnheiten, Sprachen)?
  • Wo gibt es Spannungen? Wie könnt ihr Kompromisse finden, die für euch beide stimmig sind?

Du kannst Unterschiede auch kindgerecht erklären: «In der Schweiz ist es normal, dass Kinder die Lehrperson duzen. Bei Nonno in Italien sagen wir aber ‹Lei›, um Respekt zu zeigen. Beides ist in seinem Kontext richtig.» So lernen Kinder eine flexible Wertekompetenz, die sie in einer vielfältigen Gesellschaft stärkt.

Schritt 2 – Aus Werten werden Regeln 

Werte bleiben oft abstrakt, bis sie sich in konkretem Verhalten zeigen. Kinder brauchen klare, überschaubare Regeln, die erklären: «Wie sehen unsere Werte in der Praxis aus?» Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass Kinder Regeln besser akzeptieren, wenn sie verständlich, begründet und konstant sind – nicht willkürlich und je nach Laune.

Bewährt hat sich, pro Familie 5–8 «Non-Negotiables» zu definieren: Regeln, die immer gelten und nicht verhandelbar sind – vor allem zu den Themen Sicherheit, Respekt und Verantwortung. Alles andere kann situativer verhandelt werden.

Sicherheit, Respekt, Verantwortung: Beispiel-Regeln

Hier findest du Beispiele, wie du Regeln positiv und klar formulieren kannst. Passe sie an das Alter deiner Kinder an und besprecht sie gemeinsam.

Themenbereich Sicherheit

Mögliche Regeln:

– «Wir schnallen uns im Auto immer an, bevor das Auto fährt.»
– «Auf der Strasse geben Kinder unter 8 Jahren einer erwachsenen Person die Hand oder bleiben im Kinderwagen/Trottinett neben ihr.»
– «Wir fassen keine Medikamente und Reinigungsmittel an – nur Erwachsene dürfen diese öffnen.»

Themenbereich Respekt

Mögliche Regeln:

– «Wir sprechen miteinander ohne Schimpfwörter und Beleidigungen.»
– «Wir hören einander zu und lassen ausreden – auch Kinder.»
– «Wir schlagen und schubsen niemanden. Wenn wir wütend sind, sagen wir Stopp und holen uns Hilfe.»

Themenbereich Verantwortung

Mögliche Regeln:

– «Jede:r räumt seine/ihre eigenen Sachen an den vereinbarten Ort.»
– «Vor dem Bildschirm werden Hausaufgaben und vereinbarte Aufgaben erledigt.»
– «Wir sagen Bescheid, wenn wir etwas kaputt gemacht oder verschüttet haben, damit wir es gemeinsam aufräumen.»

Formuliere Regeln möglichst positiv («Wir ...») statt nur als Verbote («Du darfst nicht ...»). Und erkläre kurz den Sinn: «Wir schnallen uns an, damit wir im Auto geschützt sind.» Kinder akzeptieren Grenzen eher, wenn sie verstehen, wofür sie gut sind.

Konsequenzen vs. Strafen: logische Folgen im Alltag

Viele Eltern möchten «ohne Schreien» erziehen, sind aber unsicher: «Wenn ich nicht strafe – lasse ich dann alles durchgehen?» Nein. Kinder brauchen Grenzen und verlässliche Folgen. Der Unterschied liegt darin, wie du reagierst.

Strafen sind oft:

willkürlich («Weil du geschrien hast, gibt es eine Woche kein Tablet!»),
demütigend («Jetzt schäme dich endlich!»),
nicht mit dem Verhalten verknüpft.

Logische Konsequenzen sind:

sachlich mit dem Verhalten verbunden («Wenn du das Spielzeug wirfst, nehmen wir es zur Seite, damit niemand verletzt wird.»),
vorhersehbar und erklärt,
so kurz wie möglich, ohne das Kind zu beschämen.

Beispiele für logische Folgen:

Dein Kind wirft Essen herum: «Das Essen bleibt auf dem Teller. Wenn du werfen möchtest, kannst du später draussen mit Bällen werfen. Jetzt ist das Essen fertig.»
Dein Kind rennt wiederholt auf die Strasse: «Ich sehe, es ist dir noch zu schwierig, an der Hand zu bleiben. Darum fährst du jetzt im Buggy/Trottinett neben mir. Wir üben morgen wieder.»
Das Zimmer wird seit Tagen nicht aufgeräumt: «Solange die Spielsachen am Boden liegen, kommen keine neuen Spielsachen mehr dazu. Wir räumen gemeinsam 10 Minuten auf, dann kannst du wieder andere Dinge holen.»

Wichtig: Bleibe ruhig, klar und zugewandt. Kinder lernen Selbstregulation nicht durch harte Strafen, sondern durch Erwachsene, die selbst reguliert bleiben und Orientierung geben. Studien zeigen, dass körperliche oder beschämende Strafen mit mehr Aggression, Angst und Verhaltensauffälligkeiten verbunden sind, während konsequente, liebevolle Führung Kinder stärkt.

Schritt 3 – Rituale & Routinen, die tragen

Rituale sind «wiederkehrende, bewusst gestaltete Momente mit Bedeutung» – sie geben Kindern Struktur und Sicherheit. Routinen sind die praktischen Abläufe, die euren Alltag ordnen. Zusammen bilden sie einen wichtigen Teil der Familienkultur.

Neuere Studien zeigen, dass regelmässige Familienrituale (z.B. gemeinsame Mahlzeiten, Einschlafrituale) mit besserer emotionaler Stabilität, weniger Verhaltensauffälligkeiten und stärkerem Zusammenhalt verbunden sind. Du musst dafür kein perfektes «Instagram-Frühstück» inszenieren – kleine, wiederkehrende Gesten reichen.

Morgen, Abend, Übergänge, Esskultur, Feiertage – mit Schweizer Beispielen

Morgenrituale

Eine kurze Kuschelminute im Bett oder auf dem Sofa, bevor der Stress beginnt.
Ein gemeinsamer Satz vor dem Losgehen: «Wer ist heute wofür zuständig?» – «Ich nehme den Znüni, du denkst an die Turnsachen.»
In mehrsprachigen Familien: «Montag ist Französisch-Morgen, Mittwoch Schweizerdeutsch-Morgen» – ein Lied oder Spruch in der jeweiligen Sprache.

Abendrituale

Fixe Reihenfolge: Abendessen – Zähneputzen – Pyjama – Geschichte – Licht aus.
«3 gute Dinge»: Jede:r nennt drei Dinge, die heute schön waren – stärkt Dankbarkeit und Resilienz.
In religiösen/spirituellen Familien: ein kurzes Abendgebet oder ein «Danke» für den Tag.

Übergangsrituale (z.B. Kita–Zuhause, Schule–Freizeit)

Ein fester Spruch oder Handschlag beim Abholen.
Zu Hause 10 Minuten «Ankommenszeit»: Kind darf erzählen oder einfach spielen, bevor Aufgaben/Termine kommen.
Ein kleines Übergangsobjekt (Stein, Schlüsselanhänger), das das Kind zwischen zwei Welten begleitet.

Esskultur

Eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag, so gut es geht (z.B. Frühstück oder Abendessen).
Kurze Tischregeln: «Wir warten, bis alle sitzen», «Wir probieren von Neuem einen kleinen Bissen», «Wer fertig ist, sagt Bescheid und räumt seinen Platz auf».

Schweizer Besonderheit: das gemeinsame Znüni mit vorbereiteten Früchten/Gemüse – Kinder können nach Alter mithelfen.

Feiertage & Jahreszeiten

Räbeliechtli-Umzug, Samichlaus, Fasnacht, Sechseläuten, Alpabzug – wählt bewusst aus, welche Traditionen zu euch passen, und erklärt euren Kindern die Hintergründe.
Eigene Familienfeiertage: der Tag, an dem ihr in die Schweiz gezogen seid, der Jahrestag der Adoption, Patchwork-Familien-Tag etc.

Eine Checkliste für Rituale könnte so aussehen:

Haben wir mindestens ein kurzes Ritual am Morgen, am Abend und beim Essen?
Gibt es ein wöchentliches «Highlight» (z.B. Spielabend, Pizza-Freitag, Familienausflug)?
– Haben wir Rituale für schwierige Zeiten (z.B. Abschiede, Krankheit, Trennung, Prüfungsstress)?
– Sind unsere Rituale für uns alle machbar – oder überfordern sie uns? Wenn ja: vereinfachen.

Schritt 4 – Kommunikationskultur: Familienrat in 20 Minuten

Ein «Familienrat» ist ein regelmässiges, kurzes Treffen, bei dem ihr über euren Alltag sprecht: Was läuft gut? Was nervt? Was wollen wir ändern? So lernen Kinder, ihre Meinung zu sagen, Kompromisse zu finden und Verantwortung zu übernehmen.

Damit es nicht ausufert oder in Vorwürfe kippt, hilft eine klare Struktur. 20 Minuten reichen meist völlig.

Ablauf, Rollen, Redegegenstand, Konfliktregeln

Wann und wie oft?

– 1x pro Woche oder alle zwei Wochen, z.B. Sonntagabend oder beim Znacht.
– Lieber kurz und regelmässig als selten und sehr lang.

Rollen

Moderation: wechselt jede Woche (auch Kinder ab ca. 7 Jahren können moderieren).
Protokoll (kurze Notizen): wer mag, z.B. ein Elternteil oder ein älteres Kind.
Redegegenstand (z.B. Stein, Löffel): Wer ihn hält, spricht – die anderen hören zu.

Vorschlag für eine Familienrat-Agenda (Vorlage)

1. Runde «Was war schön diese Woche?» – jede:r sagt einen Punkt.
2. Runde «Was war schwierig oder nervig?» – ohne zu unterbrechen.
3. Themen sammeln (z.B. Medienzeit, Morgenstress, Haushalt, Geschwisterstreit).
4. Ein oder zwei Themen auswählen, nicht alle auf einmal.
5. Ideenrunde: Jede:r darf Lösungsvorschläge machen – auch die Kinder.
6. Gemeinsame Entscheidung und Formulierung: «Wir probieren nächste Woche …»
7. Abschluss: kurze Zusammenfassung, evtl. ein kleines Ritual (z.B. alle legen die Hände übereinander und sagen «Wir packen das zusammen»).

Konfliktregeln für den Familienrat

– «Wir greifen Personen nicht an, sondern sprechen über Verhalten» («Mich stört, wenn…» statt «Du bist immer …»).
– «Wir lassen ausreden.»
– «Wir beschimpfen niemanden.»
– «Wir suchen Lösungen, nicht Schuldige.»

Je nach Alter der Kinder kann es helfen, diese Regeln sichtbar aufzuhängen oder mit Bildern zu illustrieren. Wichtig: Auch Erwachsene halten sich daran – Kinder lernen vor allem durch Vorbilder.

Schritt 5 – Fehlerkultur: Reparieren statt Recht haben

In jeder Familie passieren Fehler: Es wird geschrien, Türen knallen, Dinge gehen kaputt, Gefühle werden verletzt. Die Frage ist nicht, ob das passiert, sondern wie ihr damit umgeht. Eine gesunde Fehlerkultur ist ein Kernstück einer stabilen Familienkultur.

Entwicklungspsychologische Forschung zeigt, dass eine sichere Bindung nicht Perfektion braucht, sondern vor allem Wieder-Verbinden nach Brüchen – also, dass nach Stress und Konflikten wieder Nähe und Verständnis hergestellt werden. Das gilt sowohl für Eltern wie für Kinder.

Entschuldigen, Wiedergutmachung, Neustart

Entschuldigen (für Erwachsene und Kinder)

Kinder lernen, sich zu entschuldigen, indem sie erleben, wie Erwachsene das tun. Eine gute Entschuldigung:

– benennt das Verhalten («Ich habe vorhin laut geschrien.»),
– übernimmt Verantwortung («Das war nicht okay, auch wenn ich müde war.»),
– enthält eine echte Entschuldigung («Es tut mir leid.»),
– verzichtet auf «Aber» («Es tut mir leid, aber du hast auch …» – das schwächt die Entschuldigung).

Gegenüber Kindern kannst du sagen: «Ich habe dich vorhin angeschrien. Das war nicht fair. Es tut mir leid. Ich möchte nächstes Mal vorher eine Pause machen.» So lernst du zugleich, gnädiger mit dir selbst zu sein – niemand schafft Erziehung ohne Fehler.

Wiedergutmachung

Wiedergutmachung ist mehr als nur «Entschuldigung sagen». Sie zeigt: «Ich nehme ernst, dass ich dir weh getan habe.» Beispiele:

Etwas kaputt gemacht: «Ich helfe dir, es zu reparieren» oder «Ich beteilige mich daran, es zu ersetzen.»
Verletzende Worte: «Ich habe dich ‹faul› genannt, das hat dich verletzt. Ich will dir zeigen, dass ich deine Mühe sehe – wir schauen gemeinsam deine Aufgaben an.»
Geschwisterstreit: Gemeinsam aufräumen, was durcheinandergebracht wurde, oder etwas Nettes füreinander tun.

Neustart

Nach einer Reparatur darf es wieder leicht werden. Ein kleines Neustart-Ritual kann helfen:

Tief durchatmen, Hände schütteln, sagen: «Neustart. Wir probieren es nochmal.»
Ein kurzes «Versöhnungszeichen»: Umarmung (wenn das Kind mag), Faustcheck, gemeinsamer Tee.
Bei hartnäckigen Themen im nächsten Familienrat darüber sprechen, wenn alle ruhiger sind.

Medienkultur als Teil der Familienkultur

Medien sind heute ein selbstverständlicher Teil von Kindheit und Familienleben. Eine klare Medienkultur hilft dir, Konflikte zu reduzieren und Kinder Schritt für Schritt zu verantwortungsvoller Nutzung zu begleiten.

Schweizer Fachgesellschaften betonen, dass eine gute Medienerziehung früh beginnt – aber vor allem durch Begleitung und Vorbild, nicht nur durch Verbote.

Gerätefreie Zonen, gemeinsame Nutzung, Vorbildrolle, Bildschirmzeit

Gerätefreie Zonen & Zeiten

Überlegt gemeinsam: Wo und wann sollen Bildschirme grundsätzlich ausgeschaltet sein? Zum Beispiel:

– beim Essen,
– im Schlafzimmer der Kinder,
– während der ersten Stunde nach dem Aufstehen,
– in bestimmten Familienzeiten (z.B. Familienrat, Spielabend).

Solche «Offline-Inseln» sind wichtig für Schlaf, Konzentration und Beziehungsqualität. Studien zeigen, dass besonders in den Stunden vor dem Einschlafen eine reduzierte Bildschirmnutzung Schlaf und Stimmung verbessert.

Gemeinsame Nutzung

Anstatt Medien nur zu verbieten, nutze sie gemeinsam:

– Zusammen eine Sendung schauen und darüber sprechen.
– Gemeinsam ein Spiel spielen statt das Kind alleine vor dem Gerät zu lassen.
– Kinder fragen: «Was gefällt dir an diesem Video/Spiel?», «Was findest du doof daran?»

So bleibst du in Kontakt mit der Medienwelt deines Kindes und kannst besser begleiten.

Vorbildrolle

Kinder orientieren sich stark am Verhalten der Erwachsenen. Wenn du ständig am Handy bist, ist es schwer zu erklären, warum sie es nicht dürfen. Überlege:

– Welche eigenen Handygewohnheiten möchtest du ändern (z.B. kein Social Media beim Znacht)?
– Wie kannst du das mit deinen Kindern besprechen («Ich möchte versuchen, weniger aufs Handy zu schauen, wenn wir zusammen sind.»)?

Bildschirmzeit

Aktuelle Empfehlungen betonen nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität der Mediennutzung. Als grober Rahmen für gesunde Kinder (ohne spezielle medizinische oder entwicklungsbedingte Bedürfnisse) werden häufig empfohlen:

– Unter 3 Jahren: möglichst keine oder sehr wenig Bildschirmzeit, dafür viel echte Interaktion.
– Kindergartenalter: kurze, begleitete Einheiten (z.B. 15–30 Minuten, nicht täglich notwendig).
– Primarschule: klare Tages- oder Wochenkontingente, abgestimmt auf Schulaufgaben, Hobbys und Schlaf.
– Sekundarschule: gemeinsam vereinbarte Zeiten und Regeln, Fokus auf Selbstregulation und medienfreie Zeiten.

Wichtiger als starre Minutenangaben ist, ob das Kind noch ausreichend schläft, sich bewegt, soziale Kontakte hat und sich konzentrieren kann. Wenn Mediennutzung andere wichtige Bereiche verdrängt, ist eine Anpassung nötig.

Wann Hilfe sinnvoll ist

Manchmal reicht ein Artikel oder ein Gespräch mit Freunden nicht mehr. Vielleicht habt ihr immer wieder heftige Konflikte, ihr schreit häufiger, als ihr wollt, oder euer Kind zeigt anhaltend auffälliges Verhalten (z.B. Rückzug, starke Ängste, häufige Wutausbrüche, körperliche Beschwerden ohne klare Ursache).

Es ist ein Zeichen von Stärke, sich Hilfe zu holen – nicht von Versagen. In der Schweiz gibt es verschiedene Anlaufstellen:

Wichtige Angebote in der Schweiz

Pro Juventute Elternberatung

Kostenlose, anonyme Beratung per Telefon, Chat oder E-Mail zu Erziehung, Familienkonflikten, Mediennutzung und vielem mehr. Auch in Krisensituationen erreichbar.

Elternnotruf

Notfallnummer für Eltern, die in einer akuten Belastungs- oder Krisensituation sind (z.B. Gefahr, das Kind zu schlagen, Überforderung, Trennungskonflikte). Bietet rund um die Uhr Unterstützung und Vermittlung von weiteren Hilfen.

Kantonale Mütter-/Väterberatung

Kostenlose Fachberatung zu Fragen rund um Säuglinge und Kleinkinder (Schlaf, Essen, Entwicklung, Erziehung). Viele Stellen bieten auch Kurse, Gruppentreffen oder Hausbesuche an.

Kinderschutz Schweiz

Setzt sich für den Schutz von Kindern vor Gewalt ein und bietet Informationen sowie Materialien für eine gewaltfreie Erziehung und Prävention. Kann auch Hinweise geben, wo vor Ort Unterstützung verfügbar ist.

Wenn du das Gefühl hast, dass dein Kind oder du selbst psychisch stark belastet bist (z.B. anhaltende Niedergeschlagenheit, starke Ängste, kein Antrieb, Gedanken, nicht mehr leben zu wollen), ist es wichtig, frühzeitig eine:n Kinder- und Jugendpsychiater:in oder eine:n Psychotherapeut:in zu kontaktieren. Deine Kinderärztin/dein Kinderarzt oder die Mütter-/Väterberatung kann euch weiterverweisen.

Familienkultur ist kein Projekt, das du «fertig» machst. Sie wächst mit euch – mit jedem Konflikt, jeder Versöhnung, jedem Familienrat und jedem Ritual. Du musst nicht perfekt sein, um eine gute Familienkultur zu haben. Es reicht, wenn du immer wieder bewusst hinschaust, nachjustierst und reparierst. Dein Kind braucht keine perfekte Familie – sondern eine, die sich bemüht, es gemeinsam gut zu machen.

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