Wie die Geschwisterkonstellationen die Persönlichkeitesbildung beeinflussen

Geschwister für immer: Besonderheiten von Geschwisterbeziehungen

Die Geschwisterkonstellation wirkt sich auch auf die Persönlichkeitsbildung aus. Foto: iStock, monkeybusinessimages, Thinkstock

Auch zur Persönlichkeitsentwicklung ist die Geschwisterbeziehung von Nutzen, wie Inés Brock, Erziehungswissenschaftlerin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und systemische Familientherapeutin in ihrem Artikel «Die Bereicherung familiärer Erziehung durch Geschwister» schreibt. Um sich von den älteren Geschwistern abzugrenzen, bilden die jüngeren eine eigene Identität. Diese forme sich nach Brock durch die gleichzeitige Abgrenzung und Identifikation mit Geschwistern. Denn durch die Herausbildung besonderer Fähigkeiten erhielten alle Kinder die Möglichkeit, das rivalisierende Verhalten um die Wertschätzung und Aufmerksamkeit der Eltern weitestgehend zu vermeiden, so Brock weiter.

Geschwisterkonstellationen und ihre Auswirkungen

Nicht alle Geschwister verstehen sich gleich gut oder schlecht. Je nachdem wie viele Geschwister es sind, welches Geschlecht sie haben und wie gross der Altersunterschied zu einander ist, unterscheidet sich das geschwisterliche Verhältnis.

Geschwisterkonstellation und Rollenverteilung

  • Das älteste Kind, egal ob Mädchen oder Junge, übernimmt häufig die Funktion eines Betreuers, beispielsweise bei der Pflege des neuen Geschwisterchens oder der Unterhaltung durch Spiele. Mädchen fügen sich durch die Identifikation mit der Mutterrolle mit mehr Freude in diese Rolle als Jungen.
  • Das älteste Kind wird in der Regel strenger erzogen, öfter ermahnt und bestraft als nachfolgende Kinder. Der oder die Älteste ebnet den Geschwistern oft den Weg, so dass diese es später in vielerlei Hinsicht leichter als ihre älteren Geschwister (Schlafenszeiten, Ausgehzeiten, etc.) haben.
  • In der Konstellation grosser Bruder/kleine Schwester fungiert der Bruder oft als Beschützer und Vorbild. Die Konstellation grosse Schwester/kleiner Bruder führt der Schwester die Rolle der Ersatzmutter zu. Bei ihr findet man Trost und Schutz.
  • Das jüngste Kind, egal ob Mädchen oder Junge, wird in die bestehende Rollenverteilung hineingeboren. Oft entwickelt es sich zum «hilflosen Netzhäkchen» mit einem manipulierenden Charme, der die Eltern immer auf seine Seite zieht. Nicht selten kommt den Jüngsten in einer Familie die Rolle des Rebellen zu, da sie sich irgendwann gegen die Anweisungen älterer Geschwister auflehnen.

Mehr zu den Geschwisterkonstellationen finden Sie hier.

Geschwisterbeziehung nach Walter Toman mit Ergänzungen

Im Bezug auf den Altersunterschied stellt der österreichische Psychologe Walter Toman (1920-2003) eine Regel auf: Demnach führe ein geringer Altersunterschied zu einer stärkeren Geschwisterbindung als bei Geschwistern, die durch einen grösseren Altersunterschied getrennt sind. Gleichzeitig ist der Konkurrenzkampf bei einem geringeren Altersunterschied aber stärker ausgeprägt.
 

Altersunterschied Beziehung Tipp/Info
1-2 Jahre Das ältere Kind empfindet eine grössere Konkurrenz im Bezug auf die elterlichen Zärtlichkeitsbekundungen, Aufmerksamkeiten, Anteilnahme und Hilfeleistungen. Ergänzung: Die Geschwister (v. a. gleichgeschlechtliche) neigen zu Vergleichen, weil sie sich sehr ähnlich sind und mehr miteinander zu tun haben. Es empfiehlt sich, Geschwistern mit geringem Altersunterschied ähnlich zu behandeln, z. B. durch kleine Aufmerksamkeiten am Geburtstag des Geschwisterkindes, um Neid zu vermeiden.
3-4 Jahre Das ältere Kind empfindet eine Beeinträchtigung in seiner Machtausübung und Kontrolle über die Eltern, merkt aber, dass ihm für Dienste, die es dem jüngeren Geschwisterchen leistet, Gegenleistungen von den Eltern bekommt. Ergänzung: Nennenswerte Konflikte sind bei diesem Altersunterschied eher selten. Oft ist ein harmonisches Verhältnis zu beobachten. Klare Besitzverhältnisse sind von Vorteil: Ältere Kinder sollten nicht gezwungen werden, etwas mit ihren jüngeren Geschwistern zu teilen.
4-5 Jahre Das ältere Kind lernt sich die Paarbildung (z. B. Eltern vs. Kinder, Mädchen vs. Jungen) zunutze zu machen. Bilden Geschwister eine Einheit, stärkt das ihre Persönlichkeit und das Verhältnis zueinander.
6 und mehr Jahre Bei nur zwei Kindern entsteht so keine volle Geschwisterbeziehung, weil das Jüngere zu klein ist, um mit dem Älteren in Konflikt zu geraten (=Quasi-Einzelkinder). Keine starke Konkurrenz mehr. Ergänzung: Das älteste Kind fungiert als Elternersatz. Ein solch grosser Altersunterunterschied kann entlastend für Eltern sein, da das älteste Kind viel Verantwortung in puncto Geschwisterbetreuung übernehmen kann. Zwingen Sie Ihr ältestes Kind aber nicht dazu.

Autor: Katharina Kehler

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