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Max und Moritz und Struwwelpeter - Gewalt in Kinderbüchern

Im Kinderbuch Max und Moritz kommt Gewalt als Erziehungsmittel vor.

Bei «Max und Moritz» geht es manchmal grausam zu.

Manche Bücher und Erzählungen zeugen noch von der Zeit, als Gewalt ein akzeptiertes Erziehungsmittel war. Wer kennt sie nicht, die Kinderbuchklassiker «Max und Moritz» von Wilhelm Busch und «Struwwelpeter» von Dr. Heinrich Hoffmann. Dieser ist von Berufswegen schon ein pädagogisch versierter Mann, er gilt als erster Vertreter der Jugendpsychiatrie. Den «Struwwelpeter» schrieb Hoffmann 1844 und schenkte ihn seinem Sohn. Das Werk wurde später veröffentlicht. Schon im Einleitungstext erfährt der Leser oder damals das Kind auf was Erwachsene grossen Wert legen:

Wenn die Kinder artig sind,
Kommt zu ihnen das Christkind,
Wenn sie ihre Suppe essen
Und das Brot auch nicht vergessen;
Wenn sie, ohne Lärm zu machen,
Still sind bei den Siebensachen,
Beim Spazierengehen auf den Gassen
von Mama sich führen lassen;
Bringt es ihnen Gut’s genug
Und ein schönes Bilderbuch.

Wehe aber den Kindern, die sich nicht an die Regeln halten. Der Tierquäler Friedrich wird zur Strafe vom Hund gebissen, der Suppen-Kaspar stirbt und Paulinchen verbrennt bei lebendigem Leib, weil sie mit den Streichhölzern spielt. Unbestritten, die Geschichten sind manchmal grausam. Sollten Eltern dann komplett auf diese Klassiker verzichten? Dann dürfte auch Rotkäppchen oder die Sieben Geisslein nicht mehr erzählt werden. Oder müsste der Samichlaus, der in vielen Ländern Europas mit einem grimmig dreinschauenden Gesellen unterwegs ist, - pädagogisch gesehen - nun seine Rute an den Nagel hängen und erstmals eine Fortbildung «Wie erzieht man richtig?» besuchen?

Zwei Eltern meinen nein:

«Ich habe kürzlich die Samichlausfeier im Kindergarten meines Sohnes besucht. Als der Höhepunkt nahte – der Besuch des Heiligen – staunte ich nicht schlecht. Zwei normal gekleidete Männer kamen zur Tür herein. Die Erzieherin erklärte, dass der Samichlaus tot sei und die Geschichte von ihm jetzt nachgespielt werde. Die beiden Männer zogen sich vor den Kindern die Verkleidung an. Ich war sehr entsetzt über diese Feier. Der Samichlaus und das Christkind haben für Kinder einen besonderen Zauber und ich finde dieses magische Denken darf nicht einfach so zerstört werden. Sie erfahren die Wahrheit noch früh genug. Bis es soweit ist, sollte man Kinder einfach Kinder sein lassen. Und sie nicht schon im Kindergarten wie kleine Erwachsene behandeln.»

«Natürlich kenne ich Max und Moritz und den Struwwelpeter. Aber für mich waren diese Geschichten irgendwo in meinem Gedächtnis verschwunden und ich selbst hätte meinem Kind diese auch nicht vorgelesen. Bis meine damals vierjährige Tochter kichernd «Schneider Scheider, Schneider, meck, meck, meck» anstimmte und mir von Max und Moritz erzählte, die eine Brücke ansägen, damit der Schneider in den kalten Fluss fällt. Sie hat die Geschichte im Kindergarten gehört und war total begeistert. Wir kauften natürlich das Buch und in den folgenden Wochen lasen wir, wie Paulinchen in Flammen aufgeht oder dem Daumenlutscher die Daumen abgeschnitten werden. Das ansonsten sehr sensible Kind sitzt dann auf meinem Schoss und hört mit wohligem Schauer zu. Die offensichtliche Grausamkeit schockiert sie überhaupt nicht. Sie findet es nur gerecht, wenn der Schneider dem ewigen Daumenlutscher die selbigen abschneidet. Schliesslich hat man ihn ja gewarnt, wie sie betont. Ich staune nur über den kindlichen Gerechtigkeitssinn.»

Auch die Erzieherin im Kindergarten des vierjährigen Mädchens sieht die Geschichten nicht als bedenklich an. Alle Kinder waren begeistert und wollten die Geschichten immer wieder hören.

Text: Natascha Mahle

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