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Mütterhilfe: Hilfe für Eltern

Kinderärzte werden immer häufiger mit schwerwiegenden Eltern-Kind-Problemen konfrontiert. In der täglichen Praxis bleibt aber kaum Zeit, sich diesen Herausforderungen zu widmen. Für solche Situationen gibt es die mütterhilfe – eine Stiftung, die dort einspringt, wo eine kompetente und langfristige Begleitung am nötigsten ist.

 
Für das Wohl des Kindes müssen problematische Verhaltensmuster erkannt und frühzeitig gelöst werden. Manchmal brauchen Mütter Hilfe.

Susanne S. und Lea verstehen sich heute gut. Das war nicht immer so.

Ein Fall, der für die Arbeit der mütterhilfe typisch ist: Eine Hebamme machte sich schon während der Wochenbettbegleitung Sorgen, weil eine junge Mutter im Umgang mit ihrem Neugeborenen wenig Feingefühl zeigte. Das Baby Lea nahm kaum an Gewicht zu und zeigte eine leichte Gedeihstörung. Wie die ärztliche Diagnose ergab, lagen keine organischen Probleme vor. Die Wochenbettbegleitung war nach wenigen Tagen beendet und so meldete die Hebamme die Familie bei der mütterhilfe für einen Sozialtherapeutischen Familieneinsatz an.

Familienbegleitung mit interdisziplinärem Angebot

Neben Eltern, die aus Eigeninitiative um Unterstützung nachfragen, verzeichnet die mütterhilfe ein steigendes Interesse von Kliniken und Ärzten, Sozialzentren und Vormundschaftsbehörden, die sich an die private Stiftung mit Sitz in Zürich wenden. Kein Wunder, denn die mütterhilfe ist eine der wenigen Institutionen, die mit einem interdisziplinären Angebot eine langfristige Betreuung von Eltern und Kindern in Not anbieten.

Stiftungspräsidentin Kathrin Kuster: «Grundlegende Probleme können nur grundlegend gelöst werden. Dies ist in der Pädiatrie natürlich längst bekannt. Was aber fehlt, sind Angebote, die diese Erkenntnisse konkret umsetzen. Deshalb unterstützt die mütterhilfe Eltern, die während Schwangerschaft, Geburt oder in der Kleinkindphase in eine akute Notsituation geraten sind.»

Für das Wohl des Kindes müssen problematische Verhaltensmuster erkannt und frühzeitig gelöst werden. Manchmal brauchen Mütter Hilfe.

Die Eltern-Kind-Beziehung zu verbessern und problematische Verhaltensmuster nachhaltig zu bearbeiten – darauf konzentriert sich der Sozialtherapeutische Familieneinsatz, der eines der Kernangebote der mütterhilfe ist. Das Besondere dabei: Diese therapeutische Begleitung und Beratung findet im häuslichen Umfeld der Eltern statt. Denn gerade in den eigenen vier Wänden zeigen sich die dysfunktionalen Eltern-Kind-Beziehungen besonders deutlich. Diese können ohne fachkundige Behandlung negative Auswirkungen auf die gesunde Entwicklung der Kinder haben.

Mütterhilfe.ch

So auch im Fall Susanne S. mit ihrer Tochter Lea. Nach der Kontaktaufnahme durch die Hebamme konnte die mütterhilfe innerhalb von zwei Tagen einen Termin mit der Mutter vereinbaren. Was die Psychotherapeutin bei diesem Erstgespräch zu sehen bekam: eine 22-jährige Mutter, die mit ihrem fünf Wochen alten Baby alleine lebte und der es psychisch sehr schlecht ging. Der Grund für ihre depressive Stimmungslage: Sie wurde während der Schwangerschaft vom Vater des Kindes verlassen. So war sie nicht in der Lage, sich auf ihr Baby Lea feinfühlig einzulassen. Die junge Mutter nahm kaum Blickkontakt mit Lea auf und behandelte die Kleine wie ein Stück Holz. Lea schien traurig und liess den lieblosen Umgang mit sich mehr oder weniger geschehen. Wenn die kleine Lea Hungersignale zeigte, meinte die Mutter, das könne nicht sein, die Kleine sei nicht hungrig. Es fiel ihr sehr schwer, die Äusserungen ihrer Tochter richtig wahrzunehmen und darauf adäquat zu reagieren. Das Baby bekam zu wenig Nahrung und Zuwendung. Die Konsequenz: Gedeihstörungen beim Kind und starke Fütterprobleme.

Schaut man sich das Verhalten von Susanne S. an, waren die Schwierigkeiten nicht weiter erstaunlich: Hungeranzeichen wurden negiert und der Aufbau der emotionalen Mutter-Kind-Bindung war erschwert. Bei solch komplexen Situationen genügt eine Beratung auf der Verhaltensebene meistens nicht, denn es spielen biografische oder psychische Belastungen der Eltern mit hinein. Deshalb ist oft eine längerfristige therapeutische Begleitung nötig. Und genau hier lag die Herausforderung für den Sozialtherapeutischen Familieneinsatz der Stiftung Mütterhilfe.

In Gesprächen mit Susanne S. zeigte sich eine tiefe Verletzung, da sie während der Schwangerschaft vom Vater des Kindes verlassen wurde. Ein Verlust, den die junge Mutter nicht alleine verarbeiten konnte, und eine Problematik, die sich auf die Beziehung zu Lea auswirkte. Diese schwierige Situation und diese emotionale Blockade galt es zu bearbeiten.

Thematisieren, intervenieren und die persönlichen Blockaden bearbeiten

Zwei Schwerpunkte standen in den nächsten Wochen im Mittelpunkt: Zum einen wurden die schwierigen Erfahrungen mit dem Kindsvater verarbeitet. Zum anderen dienten gezielte Interventionstechniken dazu, die Mutter für die Bedürfnisse ihres Babys zu sensibilisieren. Vor allem die Video-Interventionstherapie war dabei sehr hilfreich. Einerseits wurden bei Susanne S. hier Verhaltensweisen ersichtlich, die bisher ausserhalb der Wahrnehmung der jungen Mutter standen. Anderseits konnten ihre mütterlichen Kompetenzen gestärkt werden.

Die gemeinsame Arbeit zeigte schon bald erste Fortschritte: Die Mutter fing an, die kleine Lea besser wahrzunehmen und das Verhältnis zwischen Susanne S. und ihrer Tochter wurde zunehmend zärtlicher. Diese sicheren Bindungserfahrungen sind für das Kind besonders wichtig, denn sie sind ein wichtiger Schutzfaktor für die weitere Entwicklung.

Ebenso stellten sich erste Erfolge bei der Ernährung ein, sodass Lea laufend an Gewicht zunahm – was wiederum die Mutter mit grossem Stolz erfüllte. Susanne S. begann langsam wieder ihren eigenen Ressourcen zu vertrauen. Nicht zuletzt aufgrund dieses neuen Selbstvertrauens war Susanne S. nach einem halben Jahr in der Lage, den Vater in die Betreuung mit einzubeziehen. So hat der kompetente und engagierte Familieneinsatz der mütterhilfe zu einem positiven Ergebnis geführt – für die Mutter, für den Vater und vor allem für die jetzt neun Monate alte Tochter Lea.

Helfen wir den Eltern, helfen wir den Kindern

Die mütterhilfe ist eine private Stiftung und unterstützt seit über 77 Jahren Schwangere, Mütter, Väter und Paare, die in eine psychische oder finanzielle Notlage geraten sind. Die mütterhilfe hat dabei stets das gleiche Ziel vor Augen: eine stabile Eltern-Kind-Beziehung zu schaffen, die den Kindern als Basis für den Weg in ein selbstständiges Leben dient. Neben der finanziellen Hilfe stehen besonders psychosoziale und psychische Probleme im Vordergrund, denen die mütterhilfe mit drei Angeboten begegnet – mit der Sozialberatung, dem Sozialtherapeutischen Fami - lieneinsatz und der Elternschaftstherapie.

Die meisten Angebote sind kostenlos und können genutzt werden, bis das jüngste Kind drei Jahre alt ist. Die therapeutischen Angebote – wie im hier geschilderten Fall der Sozialtherapeutische Familieneinsatz – werden entweder durch Kostengutsprachen von Institutionen unterstützt oder mit gezielten Gesuchen an karitative Einrichtungen finanziert.

Das Behandlungsangebot des Sozialtherapeutischen Familieneinsatzes

  • Eltern-Kind-Begleitung, Beratung und Therapie bei der Familie zu Hause, bei Überforderung, Erschöpfung, Unsicherheit im Umgang mit dem Baby, Regulationsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten des Kindes usw.
  • Rasche Kontaktaufnahme mit der Familie innerhalb von zwei Arbeitstagen
  • Gezielter Einsatz von Interventionstechniken aus der Eltern-Säuglings-Psychotherapie, aus der körperorientierten Psychotherapie, der Familientherapie, der Video-Interventions-Therapie (VIT) nach George Downing
  • Kurzbegleitungen bis 6 Monate
  • Langzeitbegleitungen bis 18 Monate
  • Frequenz: 1 bis 2 Einsätze zu 1,5 Std. pro Woche

Mehr Infos unter www.muetterhilfe.ch.

Text: Susanne Fisch und Margarita Etter von der Stiftung Mütterhilfe, Forum Praxispädiatrie

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