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Gewalt durch Kinder: Was du in der Schweiz tun kannst, wenn es zu Hause eskaliert

Wenn dein Kind dich schlägt, tritt oder bedroht, fühlt sich das oft wie ein Schock an – und mit der Scham kommt schnell die Frage: «Was läuft hier falsch mit mir oder meinem Kind?». Du bist mit diesem Problem nicht allein, auch wenn kaum jemand offen darüber spricht. In diesem Artikel erfährst du, wie du in akuten Situationen für Sicherheit sorgst, was hinter der Gewalt stecken kann und welche konkreten Hilfen es in der Schweiz gibt. Ziel ist nicht, Schuldige zu suchen, sondern Wege aus der Eskalation zu finden – Schritt für Schritt.

Ein junger Mann ballt seine Hand zur Faust
Gewalt gegen Eltern ist gar nicht so selten © Marut Khobtakhob / Getty Images

Erst Sicherheit, dann Lösung

Wenn ein Kind oder ein:e Jugendliche:r Gewalt anwendet, steht zuerst eines im Vordergrund: Sicherheit. Deine Sicherheit, die Sicherheit von Geschwistern und anderen Personen im Haushalt – und auch die deines Kindes. Erst wenn niemand mehr akut gefährdet ist, kannst du über Ursachen und langfristige Lösungen nachdenken.

Sicherheitsregeln im Haushalt

Sprich in einer ruhigen Phase mit deinem Kind über klare Sicherheitsregeln. Solche Regeln sind kein Misstrauen, sondern Schutz für alle. Es hilft, sie schriftlich festzuhalten und sichtbar aufzuhängen, zum Beispiel als «Familien-Sicherheitsplan».

Wichtige Elemente können sein:

  • Rückzugsorte definieren: Jede Person in der Familie hat das Recht, einen Raum zu verlassen, wenn die Situation zu viel wird. Du kannst sagen: «Ich merke, ich werde wütend, ich gehe jetzt ins Schlafzimmer / Bad, um mich zu beruhigen.» Vereinbart, dass niemand der anderen Person in den Rückzugsraum nachläuft oder die Tür blockiert.
  • Regel: Keine Gewalt im Haus – gegen Personen, Haustiere oder Gegenstände. Das ist eine Grundregel, die immer gilt, auch wenn jemand «ausrastet». Du kannst betonen: Gefühle sind erlaubt, Gewalt nicht.
  • Umgang mit gefährlichen Gegenständen: Wenn es bereits zu bedrohlichen Situationen mit Messern, Werkzeugen oder anderen Gegenständen gekommen ist, ist es sinnvoll, diese unzugänglich zu verstauen (zum Beispiel abschliessbare Schränke). Das ist keine Strafe, sondern eine Sicherheitsmassnahme, ähnlich wie Steckdosenschutz bei Kleinkindern.
  • Notrufnummern kennen: Schreib die wichtigsten Nummern sichtbar auf (zum Beispiel an die Innenseite eines Küchenschranks):
    117 Polizei (Schweiz),
    112 internationaler Notruf (falls nötig),
    Elternnotruf (Schweiz, 24/7) – Telefonberatung speziell für Eltern in Krisen.
  • Klare Abmachung für Notfälle: Mach transparent, dass du im Notfall Hilfe rufen wirst. Zum Beispiel: «Wenn jemand so heftig wird, dass jemand verletzt werden könnte oder ich Angst um unsere Sicherheit habe, rufe ich die Polizei / den Notruf. Das ist kein Verrat, sondern meine Verantwortung als Erwachsene.»

Studien aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigen, dass klare, vorab besprochene Sicherheitspläne das Risiko schwerer Eskalationen reduzieren und Eltern das Gefühl geben, wieder etwas Kontrolle zu haben.

Wann 117 oder 112 sinnvoll ist

Viele Eltern scheuen sich, die Polizei zu rufen – aus Angst, «zu übertreiben», dem Kind zu schaden oder als «versagende Eltern» dazustehen. Es ist wichtig zu wissen: Im Notfall darfst und sollst du Hilfe holen. Das sehen Fachpersonen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Opferberatungen in der Schweiz ähnlich.

Du solltest 117 (oder 112) wählen, wenn:

  1. Akute Gefahr für dich oder andere besteht: Dein Kind schlägt, tritt, würgt, bedroht mit einem Gegenstand oder kündigt klare Gewalt an («Ich bringe dich um»), und du kannst die Situation nicht mehr beruhigen.
  2. Gegenstände als Waffen eingesetzt werden: Zum Beispiel Messer, Werkzeuge, Glasflaschen, schwere Gegenstände, mit denen geworfen oder geschlagen wird.
  3. Du oder jemand anderes verletzt wurde (z.B. blutende Wunden, starke Schmerzen, Verdacht auf Knochenbruch) und du dich nicht mehr sicher fühlst.
  4. Dein Kind sich selbst ernsthaft gefährdet: Zum Beispiel mit Suizidankündigungen, Selbstverletzungen mit gefährlichen Gegenständen oder riskantem Verhalten (aus dem Fenster steigen, auf Strasse rennen).

Wenn du dir unsicher bist, gilt: Lieber einmal zu viel Hilfe rufen als einmal zu wenig. Die Polizei ist auch dazu da, zu schützen, nicht nur zu bestrafen. In vielen Kantonen sind Polizist:innen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen in Krisen geschult und können deeskalierend wirken.

Warum passiert das? 

Eltern fragen sich in solchen Situationen fast immer: «Was habe ich falsch gemacht?» oder «Ist mein Kind böse?». Aus wissenschaftlicher Sicht ist Gewalt von Kindern gegen Eltern fast nie Ausdruck von «Bösartigkeit», sondern ein Zeichen, dass:

Emotionen, Stress oder psychische Belastungen das Kind überfluten – und ihm Fähigkeiten fehlen, damit anders umzugehen.

Wichtig: Das erklärt das Verhalten, entschuldigt es aber nicht. Gewalt bleibt nicht akzeptabel. Doch Verständnis für die Hintergründe hilft, bessere Lösungen zu finden, statt nur zu bestrafen.

Häufige Hintergründe

In der Forschung zu Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen werden mehrere Faktoren beschrieben, die oft zusammenwirken:

1. Stress und Überforderung
Viele Kinder und Jugendliche erleben heute hohen Druck: Schule, Leistungsanforderungen, Freizeitaktivitäten, soziale Medien, Konflikte mit Gleichaltrigen oder in der Familie. Wenn dazu Schlafmangel, Reizüberflutung (Bildschirmzeit) und wenig echte Erholung kommen, sinkt die Fähigkeit, Gefühle zu regulieren. Ausbrüche kommen dann nicht «aus dem Nichts», sondern sind wie ein überlaufender Eimer.

2. Psychische Belastungen
Depressionen, Angststörungen, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen oder Traumafolgen können die Stress- und Reizschwelle deutlich senken. Kinder erleben dann Gefühle intensiver und reagieren schneller mit Wut oder Aggression, wenn sie sich nicht verstanden fühlen. Laut aktuellen Leitlinien der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaften im DACH-Raum treten aggressive Verhaltensweisen häufig als Begleitsymptom solcher Störungen auf.

3. Konflikte in Schule oder Ausbildung
Mobbing, Leistungsdruck, Prüfungsangst oder ungelöste Konflikte mit Lehrpersonen können sich zu Hause entladen. Kinder und Jugendliche zeigen ihre Verzweiflung oft dort, wo sie sich am sichersten fühlen – leider manchmal in Form von Aggression gegen die engsten Bezugspersonen.

4. Suchtmittel und Problemkonsum
Alkohol, Cannabis oder andere Substanzen können Hemmungen senken und Impulsivität verstärken. Auch intensiver Medienkonsum (z.B. exzessives Gaming, Social Media) ist in Studien mit erhöhten Schlafproblemen, Reizbarkeit und Konflikten in der Familie verbunden, vor allem wenn andere Belastungen dazukommen.

5. Entwicklungsphase Pubertät
In der Pubertät verändern sich Hirnregionen, die für Impulskontrolle und Gefühlsregulation zuständig sind. Das «Gefühlshirn» ist zeitweise aktiver als das «Vernunftshirn». Starke Emotionen, Schwarz-Weiss-Denken und «Alles-oder-nichts-Reaktionen» gehören dazu. Das entschuldigt keine Gewalt, macht aber verständlich, warum Jugendliche manchmal «explodieren», obwohl sie es hinterher bereuen.

6. Lernmuster und Vorbilder
Kinder und Jugendliche lernen, wie man mit Konflikten umgeht, aus Beobachtung: in der Familie, in Peergroups, in Medien. Wenn sie häufig erleben, dass bei Konflikten geschrien, gedroht oder geschlagen wird – oder wenn sie merken, dass man mit Aggression «mehr erreicht» –, kann sich dieses Muster festigen. Umgekehrt können auch sehr konfliktscheue Umgebungen dazu führen, dass Kinder kaum lernen, wie man Streit konstruktiv austrägt.

Es gibt selten die eine Ursache. Meistens ist es eine Mischung aus inneren Faktoren (z.B. Temperament, psychische Situation) und äusseren Belastungen (Familie, Schule, Umfeld). Wichtig ist: Du bist nicht schuld, aber du hast Einfluss darauf, was jetzt passiert.

Deeskalation im Akutfall

Wenn dein Kind oder dein:e Teenager:in gerade wütend ist, dich beschimpft, vielleicht schon schlägt oder wirft, geht es vor allem darum, nicht weiter anzuheizen. Fachleute sprechen von Deeskalation: die Situation so weit beruhigen, dass niemand verletzt wird und später ein Gespräch möglich ist.

3 Dinge, die sofort helfen können

Die folgenden Strategien stammen aus deeskalierenden Ansätzen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und werden in der Praxis oft erfolgreich genutzt.

1. Körperlich auf Abstand gehen
Wenn möglich, schaffe etwas räumliche Distanz. Stell dich nicht direkt vor dein Kind, «in die Konfrontation», sondern geh einen Schritt zur Seite oder einen Schritt zurück. Bleib, wenn sicher, in der Nähe, aber nicht bedrohlich nah. Du darfst auch sagen: «Ich gehe jetzt zwei Minuten ins andere Zimmer, wir reden weiter, wenn es etwas ruhiger ist.» Abstand senkt die körperliche Anspannung auf beiden Seiten.

2. Ruhig, knapp und klar sprechen
In der Eskalation reagiert das Gehirn stark auf Tonfall, weniger auf Inhalt. Senke deine Stimme, sprich langsamer und benutze kurze Sätze. Hilfreiche Sätze können sein:

«Stopp. Niemand wird hier verletzt.»
«Ich sehe, du bist extrem wütend. Wir sprechen später darüber.»
«Ich gehe jetzt aus dem Raum. Ich komme wieder, wenn es ruhiger ist.»

Verzichte auf Diskussionen, Rechtfertigungen oder lange Erklärungen – das überfordert in der Hitze des Gefechts. Halte die Grenze klar («Ich lasse mich nicht schlagen») und die Botschaft zugleich zugewandt («ich komme wieder»).

3. Eigene Sicherheit aktiv schützen
Du darfst und sollst dich in Sicherheit bringen. Wenn nötig:

– Verlasse den Raum oder die Wohnung, wenn du kannst, und nimm andere Kinder mit.
– Wenn du nicht gehen kannst, versuche, dich in eine Ecke mit Fluchtweg zu stellen (nicht in Sackgassen wie kleine Bäder ohne zweites Fenster).
– Wenn Gegenstände geworfen werden, schütze Kopf und Oberkörper und reduziere Gespräch auf das Nötigste.

Und: Nutze dein Handy als Sicherheitsinstrument. Leg es in Krisenzeiten bewusst griffbereit hin, um im Ernstfall 117 anzurufen. Das ist kein «Versagen», sondern verantwortungsvolles Handeln.

3 Dinge, die die Lage meist verschlimmern

Auch gut gemeinte Reaktionen können Öl ins Feuer giessen. Forschung und Praxis zeigen, dass einige typische Reflexe die Situation meist verschärfen.

1. Zurückschreien oder körperlich zurückschlagen
Wenn du laut wirst oder mit Gewalt reagierst, fühlt sich dein Kind noch mehr angegriffen. Beide Nervensysteme gehen auf Alarm – der Konflikt eskaliert. Selbst wenn du dein Kind festhältst, um es zu «beruhigen», kann das als Übergriff erlebt werden und die Wut weiter steigern, insbesondere bei grösseren Kindern oder Jugendlichen.

2. Drohen und Demütigen
Sätze wie «Wenn du so weitermachst, komme ich dich ins Heim stecken» oder «Du bist krank im Kopf» treffen zwar oft einen wunden Punkt, lösen aber selten Einsicht aus. Sie verstärken Scham, innere Not und oft auch Trotz. Besser sind klare, realistische Konsequenzen in ruhigen Momenten als wilde Drohungen in der Hitze des Gefechts.

3. Noch in der Eskalation diskutieren oder moralische Vorträge halten
Wenn das Gehirn im «Überlebensmodus» ist (Wut, Panik, Angst), ist kaum Raum für Einsicht oder Reflexion. Erklärungen wie «Ich habe doch nur…» oder «Versteh doch endlich…» erreichen dein Kind in diesem Moment nicht. Besser: kurz, klar, später.

Eine Faustregel aus der Psychotherapie lautet: «In der Eskalation wird nicht verhandelt, nur geschützt.» Verhandlungen und Erklärungen folgen erst, wenn alle wieder reguliert sind.

Hilfe in der Schweiz

Es ist ein Zeichen von Stärke, dir Unterstützung zu holen – nicht von Schwäche. In der Schweiz gibt es verschiedene Anlaufstellen, die Eltern bei Gewaltsituationen mit Kindern und Jugendlichen beraten und begleiten.

Elternnotruf (24/7) und lokale Familienberatung

Der Elternnotruf bietet in der Schweiz rund um die Uhr anonyme Beratung für Eltern an – telefonisch und häufig auch online. Du kannst dort anrufen, wenn:

– du akut überfordert bist oder Angst vor der nächsten Eskalation hast,
– du unsicher bist, ob du Polizei oder Notfall aufbieten sollst,
– du jemanden brauchst, der dir zuhört und mit dir sortiert, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.

Du kannst beim Elternnotruf zum Beispiel sagen: «Mein 13-jähriger Sohn schlägt mich manchmal und ich weiss nicht mehr weiter. Was kann ich tun?» Die Berater:innen sind es gewohnt, mit Scham und Angst der Eltern umzugehen. Sie urteilen nicht, sondern unterstützen dich dabei, wieder handlungsfähig zu werden.

Zusätzlich gibt es in vielen Gemeinden und Kantonen Erziehungs- und Familienberatungsstellen. Dort kannst du meist kostenlos oder kostengünstig mit Fachpersonen (Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Therapeut:innen) deine Situation besprechen. Typische Themen sind:

– Wie kann ich Grenzen setzen, ohne zu eskalieren?
– Welche Regeln machen in unserem Alltag Sinn?
– Wie können wir als Eltern gemeinsam auftreten, auch wenn wir uns uneinig sind?
– Welche Hilfen braucht mein Kind zusätzlich?

Kinder- und Jugendpsychiatrie und Schulsozialarbeit

Wenn Gewaltsituationen wiederholt vorkommen, dein Kind auch sonst stark belastet wirkt (z.B. Schlafstörungen, starke Stimmungsschwankungen, Rückzug, Selbstverletzungen, Drogenkonsum) oder Schule und Umfeld sich Sorgen machen, ist es sinnvoll, eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung in Betracht zu ziehen.

In der Schweiz gibt es dafür spezialisierte Dienste an Universitätskliniken (z.B. Universität Zürich, Universität Bern) und kantonale kinder- und jugendpsychiatrische Dienste. Dort kann abgeklärt werden:

– ob eine psychische Erkrankung (z.B. Depression, ADHS, Trauma) vorliegt,
– wie stark die Familie insgesamt belastet ist,
– welche Form von Therapie (Einzeltherapie, Familientherapie, Gruppenangebote) helfen könnte.

Oft ist der Einstieg über die Kinderärzt:in / Hausärzt:in sinnvoll. Diese können eine Überweisung ausstellen, erste medizinische Fragen klären und manchmal auch zwischen Familie und Fachstellen vermitteln. Die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie betont in aktuellen Empfehlungen, wie wichtig es ist, bei wiederholten Gewaltvorfällen frühzeitig kinder- und jugendpsychiatrische Hilfen einzubeziehen.

Eine weitere Ressource ist die Schulsozialarbeit. Schulsozialarbeiter:innen können:

– mit deinem Kind in der Schule an Konfliktlösungen arbeiten,
– bei Spannungen im Klassenumfeld unterstützen,
– Gespräche mit Lehrpersonen moderieren,
– dir helfen, passende weiterführende Angebote zu finden (z.B. Jugendberatung, Therapie).

Du kannst dich als Elternteil meistens direkt bei der Schulsozialarbeit melden oder über die Klassenlehrperson Kontakt aufnehmen.

Langfristig: Regeln, Beziehung, Therapie

Sicherheit im Akutfall ist der erste Schritt. Damit Gewalt nicht zum Muster wird, braucht es längerfristig drei Dinge: klare Regeln, verlässliche Beziehung und – wenn nötig – therapeutische Unterstützung.

Familienregeln und Reparaturgespräche

Kinder und Jugendliche brauchen Rahmen und Orientierung. Studien zeigen, dass eine Kombination aus klaren Grenzen und warmherziger Beziehung langfristig am besten vor problematischem Verhalten schützt.

1. Familienregeln entwickeln
Am wirksamsten sind Regeln, die in einer ruhigen Phase gemeinsam besprochen werden. Du kannst z.B. sagen: «Wir hatten in letzter Zeit heftige Situationen. Ich möchte, dass es uns allen besser geht. Lass uns Regeln finden, wie wir streiten können, ohne dass jemand verletzt wird.»

Mögliche Regeln:

– «Keine Schläge, kein Treten, kein Werfen von Gegenständen gegen Menschen.»
– «Wenn jemand «Stopp» sagt, wird nicht weiter bedrängt.»
– «Alle dürfen bei Überforderung den Raum verlassen.»
– «Handys, Controller oder andere Dinge werden nicht aus Wut zerstört oder weggenommen.»
– «Konsequenzen werden vorher besprochen und nicht in der Wut erfunden.»

Wichtig:

– Regeln gelten für alle, auch für Erwachsene. Wenn du mal laut wirst oder etwas sagst, das du bereust, kannst du das später benennen und dich entschuldigen. Das zeigt deinem Kind, wie man Verantwortung übernimmt.
– Wenige, klare Regeln sind besser als viele unübersichtliche.

2. Sinnvolle Konsequenzen statt Bestrafung aus der Emotion
Konsequenzen sollten vorher besprochen werden und zum Verhalten passen. Beispiel: Wenn dein Teenager dich geschlagen hat, könnte eine Konsequenz sein, dass ein gemeinsamer Ausgang am Wochenende verschoben wird, bis ein klärendes Gespräch stattgefunden hat und eine Entschuldigung erfolgt ist. Ziel der Konsequenz ist nicht «Rache», sondern Lernen.

3. Reparaturgespräche nach einer Eskalation
Nach einer heftigen Situation ist es wichtig, wieder in Kontakt zu kommen – ohne alles unter den Teppich zu kehren. Viele Familien profitieren von einem festen «Nachher-Ritual», zum Beispiel am nächsten Tag oder am Abend, wenn alle ruhiger sind.

Elemente eines Reparaturgesprächs können sein:

– Du beschreibst sachlich, was passiert ist: «Gestern hast du mich geschubst und mir wehgetan.»
– Du benennst deine Gefühle ohne Schuldzuweisung: «Ich war erschrocken und hatte Angst.»
– Du gibst deinem Kind Raum, seine Sicht zu schildern, ohne es zu unterbrechen.
– Ihr schaut gemeinsam: Was war vorher? Was hat die Wut so hochgetrieben?
– Ihr erinnert euch an die Familienregeln und überlegt: Was könnten wir nächstes Mal anders machen?

Achte darauf, nicht in einen Strafmonolog zu verfallen. Reparatur bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und die Beziehung aktiv zu stärken.

4. Therapie – wann sie sinnvoll ist
Eine psychotherapeutische Unterstützung kann helfen, wenn:

– die Gewalt sich wiederholt oder verstärkt,
– du dich dauerhaft erschöpft, ängstlich oder hilflos fühlst,
– dein Kind auch in anderen Bereichen stark auffällig ist (Schule, Freundschaften, Schlaf, Essen, Selbstwert),
– du selbst aus deiner eigenen Geschichte weisst, dass dir bestimmte Situationen besonders viel Angst machen oder alte Wunden berühren.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie werden oft familienorientierte Ansätze genutzt: Es geht dann nicht darum, ein «schwieriges Kind zu reparieren», sondern darum, die ganze Familie zu stärken. Dazu können gehören:

– Training für Eltern im Umgang mit Wut und Aggression,
– Einzeltherapie für dein Kind (z.B. zur Gefühlsregulation),
– Familientheranie, um Kommunikations- und Konfliktmuster zu verändern,
– bei Bedarf medikamentöse Unterstützung, wenn z.B. eine schwere Depression oder ein ausgeprägtes ADHS vorliegt.

Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Ärzt:innen, Psycholog:innen, Beratungsstellen und Notrufangebote in der Schweiz sind dazu da, dich und dein Kind zu unterstützen – nicht, euch zu verurteilen.

Vielleicht ist der wichtigste Satz am Schluss: Du darfst Hilfe holen, auch wenn du dich schämst. Gewalt durch Kinder und Jugendliche ist ein ernstes, aber lösbares Problem – Schritt für Schritt, mit Unterstützung.

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