«Regeln als Problemlösung funktionieren nicht»

Stimmen Sie mit Immanuel Kant überein, der sagte: Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung?

Jesper Juul: Ja, absolut. Denn eine Art von Erziehung muss der Mensch erfahren. Diese Naturkinder, die ohne äussere Einflüsse und ohne Druck aufwachsen, gibt es nur als romantische Illusion. Führung ist in der Erziehung generell sehr wichtig. Nur muss diese Führung sich beim Kind und beim Jugendlichen sehr unterscheiden. Kinder brauchen Eltern, die als Leuchttürme fungieren, also mehr oder weniger regelmässig klare Signale schicken. So können sich Kinder orientieren. Jugendliche brauchen Eltern, die maximalen Widerstand anbieten und dabei minimalen Schaden anrichten.

Was heisst das konkret?

Eltern sollten ihren Kindern gegenüber verantwortlich und treu sein. Sie müssen zu ihren Ansichten und Erfahrungen stehen – aber dabei nicht ihre Kinder zwingen, wie sie selbst zu sein. Sie dürfen gerne machtvoll sein und auch grossen Eindruck auf ihre Kinder machen – doch sie dürfen ihre Überlegenheit ihrem Kind gegenüber nie missbrauchen. Die Erziehung nach dem Motto «Wenn du nicht machst was ich sage, dann . . .» hat weder in der Vergangenheit funktioniert, noch tut sie es heute.

Dennoch brauchen Jugendliche doch Regeln?

Warum brauchen Jugendliche Regeln?

Ich möchte zum Beispiel nicht, dass meine Tochter mit dreizehn Jahren mal volltrunken um Mitternacht an der örtlichen Bushaltestelle herumhängt.

Sehen Sie, da haben wir schon das Dilemma. Sie können Verbote aufstellen und gleichzeitig mit Sanktionen drohen. Oder Sie führen stattdessen einen Dialog. Sie erklären Ihrer Tochter, warum Sie dagegen sind. Was Ihre Gründe und Ängste sind. Wenn Sie Regeln aufstellen, fängt der ganze Zirkus an. Dann werden die Kinder unterwürfig oder kriminell.

Welche Handlungsmöglichkeiten haben Eltern überhaupt noch?

Von der Pubertät an muss sich der Mensch selber finden. Seine eigenen Grenzen, Wertvorstellungen und Potenziale erkennen. Und das dauert eben sieben bis acht Jahre – in dieser Zeit brauchen sie den Widerstand der Eltern. Und die Jugendlichen müssen lernen, diesen Widerstand der Eltern auszuhalten. Ein 15-Jähriger kommt sturzbetrunken nach Hause. Seine Freunde finden Alkohol macht Spass, die Eltern halten das für gefährlich. In diesem Spannungsfeld muss er selber sich und seine Position finden.

Sind Regeln generell schlecht?

Regeln sind eine sehr primitive Art der Führung. Jede Familie braucht zwar eine Handvoll Regeln, um angenehm zusammenzuleben. Aber Regeln als Problemlösung oder Problemvorbeugung funktionieren nicht.

Eltern von kleineren Kindern möchten nicht, dass diese bis spätnachts aufbleiben oder Unmengen von Süssigkeiten konsumieren. Wie bringe ich denn meinen persönlichen Wunsch dem Kind nahe?

Da muss die Mutter oder der Vater klar sagen: Das möchte ich nicht. Da wird es eine Auseinandersetzung geben, bei der die Eltern ihre persönliche Autorität aufbauen müssen. Wenn man sich stattdessen stur auf Regeln beruft, erlangt man nie diese Art von Autorität. Man ist nichts weiter als ein Polizist, der die Einhaltung der Regeln kontrolliert. Als ich Kind war, hat dies noch annähernd funktioniert, weil es damals noch erlaubt war, Gewalt in der Erziehung einzusetzen. Gewalt ist das einzige Mittel, um Regeln durchzuboxen. Deshalb plädiere ich für den Dialog. Das bedeutet nicht endloses Diskutieren, sondern heisst schlichtweg: Hier bin ich, hier bist du. Ich bin bereit, deine Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen, dann werde ich entscheiden. Das ist neu – diesen Versuch des gegenseitigen Umgangs haben wir noch nie versucht. Kinder werden durch das Verhalten ihrer Eltern erzogen, dadurch, wie diese ihren Alltag gestalten, wie sie sich zu ihren Mitmenschen verhalten.

Sie schreiben, Dreizehnjährige brauchen nur ein oder zwei Menschen, die ihnen das Gefühl geben: Es ist richtig und gut, so wie du bist. Bei aggressiven oder drogenabhängigen Kindern ist dies aber eine grosse Anforderung für ihre Eltern!

Genau das ist es. Aber die Eltern sind ja auch dafür verantwortlich, dass ihre Kinder in diese Situation geraten sind. Die lieben, braven Teenager brauchen ihre Eltern kaum noch. Aber die Schulverweigerer, Drogenabhängigen umso mehr.

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