«Die Schule ist eine Katastrophe»

Welche Rolle spielt die Schule im pädagogischen Alltag?

Jesper Juul: Die Schule ist, allgemein formuliert, eine Katastrophe – eine akademische, pädagogische und menschliche Katastrophe. Aber nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer. Überall in Europa herrscht ja die grosse Pisa-Angst: Leistung geht über alles. Leider wurde noch nicht verstanden, dass Leistung und gute Beziehungen nicht gegeneinander, sondern füreinander arbeiten. Die Schüler werden heute behandelt wie vor 50 Jahren die Industriearbeiter – was du erlebst, wie es dir sonst geht, ist uns nicht wichtig. Du musst nur pünktlich hier sein und tun, was wir dir sagen. Ich habe in Kroatien und Bosnien Familienarbeit in Flüchtlingslagern geleistet. Die kroatischen Fachleute und ich wurden von internationalen Studenten, Sozialarbeitern und Psychologen unterstützt. Wir wollten den Kindern Gutes tun und haben ihnen alles Denkbare angeboten: ein Fussballcamp, ein Zirkusprojekt und so weiter. Nach drei Monaten wollten die Kinder all das überhaupt nicht mehr, sie bestanden auf Unterricht. Ihr ausdrücklicher Wunsch war: «Wir möchten lernen». Lernen ist ein natürliches Verlangen von Kindern, und dieser Wissensdrang muss in den Schulen gefördert und begünstigt werden.

Wurden Sie dort nicht mit wesentlich härteren Problemen konfrontiert als in Ihren hiesigen Seminaren?

Natürlich ist es furchtbar, wenn die halbe Familie tot ist und man seine Heimat verloren hat. Aber die Probleme hier sind deshalb nicht weniger schlimm. Jedes Problem, das als ernsthaft empfunden wird, ist belastend. Ob der Vater an der Front ist und das Kind nicht weiss, wo er ist, oder ob der Vater an seinem Kind kein Interesse hat und es nie besucht – die Empfindungen eines Kindes sind die gleichen. Wenn man die Summe von Schmerz kalkulieren könnte, käme in beiden Fällen wohl dasselbe heraus.

Interview: Natascha Mahle, April 2011

Jesper Juul

Jesper Juul, geboren 1948, ist einer der innovativsten Familientherapeuten Europas. Der dänische Psychologe ist der Gründer von «familylab – die Familienwerkstatt» und arbeitet seit über 35 Jahren mit Familien. In Kroatien und Bosnien leistete Juul therapeutische Familienarbeit in Flüchtlingslagern.

Seine Bücher über Familienbeziehungen und Erziehung wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die deutsche Ausgabe seines Buchs «Pubertät – wenn erziehen nicht mehr geht» (Kösel Verlag, München 2010) wurde in Deutschland zum Sachbuch- Bestseller.

Mehr zu Jesper Juul und den Familylabs erfahren Sie unter www.familylab.ch

Foto: privat

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