Suche nach dem Samenspender

Die Suche nach dem perfekten Samenspender war aber nicht einfach. Eine künstliche Befruchtung bleibt den Frauen verwehrt. Homosexuelle Paare in eingetragener Partnerschaft dürfen sie nicht in Anspruch nehmen. Also machen sich Judith und Vera selbst auf die Suche nach einem möglichen Vater. Sie fragen im Freundeskreis nach. Doch die Männer, die sie fragen, wollen nicht. Für den einen kommt es nicht in Frage, ein Kind zu zeugen. Für einen anderen sind die Bedingungen, die das lesbische Paar an die Vaterschaft stellen, zu streng.

Denn die zwei Frauen haben ganz genaue Vorstellungen davon, welche Rolle der Vater übernehmen soll. Sie wünschen sich keinen anonymen Samenspender. Ihr Kind soll über seine Herkunft Bescheid wissen und den Vater kennen. «Wir möchten, dass Linn erzählen kann, wer ihr Vater ist», sagt Judith. In die Erziehung aber, soll sich der Vater nicht einmischen.

Über eine Freundin lernen sie schliesslich den perfekten Samenspender kennen. Nachdem seine Befürchtungen, dass Judith und Vera zu viel von ihm als Vater verlangen könnten, aus dem Weg geräumt sind, willigt er ein. Es werden Verträge abgeschlossen, in denen unter anderem steht, dass der Vater die Vaterschaft nicht anerkennen und finanziell nicht für Linn aufkommen wird. Seinen Samen liefert er in einem Becher bei den Frauen ab. Mit einer Spritze führt Vera den Samen in ihren Körper ein. Es gibt keine Diskussion darüber, dass sie diejenige ist, die schwanger werden soll. Denn Judith hatte nie den Gebärwunsch.

«Ich war während der Schwangerschaft nie eifersüchtig auf Vera», meint Judith. «Wir sind uns über unsere Rollen klar. Das ist ein Vorteil bei uns.» Im Geburtsvorbereitungskurs übernimmt sie die Rolle des Mannes. Bei der Geburt ist sie dabei und darf die Nabelschnur durchschneiden. Nach der Geburt bleibt sie drei Wochen zu Hause. Vera nimmt eine achtmonatige Pause.

Heute teilt sich das Paar die Betreuung ihrer Tochter. Vera hat eine 50 Prozent Stelle als Oberstufenlehrerin und kümmert sich montags und mittwochs um die Zweijährige. Judith arbeitet in einer 80 Prozent Stelle als Case Managerin bei PostFinance und ist dienstags bei Linn. Am Donnerstag ist das Mädchen mit anderen Kindern bei einer Tagesmutter. Freitags verbringt es den Tag beim Grosi und dem Grossvater, zusammen mit ihrer Cousine.

Weil Vera und Judith den Vater auf der Behörde als unbekannt angeben, hat Linn eine Beiständin von der Vormundschaftsbehörde zugeteilt bekommen. Sie muss klären wie das Verhältnis zum Vater ist und die Mutter beraten. «Als die Beiständin uns besuchte», erinnert sich Judith, «war für sie sofort klar, dass das Kind bei uns gut aufgehoben ist.» Für die Frau war es kein Problem, dass das Mädchen mit zwei Müttern aufwächst und der Vater für die Behörden anonym bleiben sollte. Jedoch bemängelte sie, dass Linn rechtlich nur durch ihre leibliche Mutter abgesichert ist.

Probleme der Regenbogenfamilie: kein Sorgerecht, kein Unterhaltsanspruch

Im Ernstfall, wenn sich die beiden trennen würden, könnte Judith kein Sorgerecht für ihr Kind einfordern. Ihre Tochter hätte zudem keinen Anspruch auf Unterhalt von ihr. Die Verträge, welche die Frauen untereinander dazu abgeschlossen haben, sind vor dem Gesetz nichts wert. Judith beschäftigen diese Gedanken sehr: «Mir tut es weh, dass man uns Regenbogenfamilien keinen Schutz gewährt». Man werde der Realität nicht gerecht. Denn Schätzungen zufolge wachsen bereits 6000 oder mehr Kinder in der Schweiz in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auf. «Ich empfinde es schon als eine Diskriminierung, dass wir nicht die gleichen Rechte haben», räumt Vera ein.

Im Alltag ist das Paar auf das Wohlwollen anderer angewiesen. Wäre Linn im Spital, müsste der Arzt Judith keine Auskunft über den Zustand ihrer Tochter geben. Bei Elternversammlungen hat Judith theoretisch kein Mitspracherecht. Bisher ist alles gut gegangen. «Aber es ist anstrengend, dass wir uns immer wieder erklären müssen», sagt Vera. Manchmal haben sie einfach keine Lust ihre Geschichte anderen auf die Nase zu binden.

Während Judith und Vera ihre Geschichte erzählen, wird Linn ungeduldig. Sie fängt an auf den Stühlen herumzuturnen. «Nicht so viel schwätzen», empört sie sich. «Sollen wir lieber mit dir schwätzen?», fragt Judith behutsam. Ihre Tochter nickt.

Linn passt genau auf, dass sie nicht zu kurz kommt. «Es dreht sich sehr viel um unsere Tochter», gibt Judith zu. Und Vera ergänzt: «Wir müssen uns darum bemühen, auch Zeit zu zweit zu finden.» Wie andere Paare mit Kindern haben auch sie das Problem, Familie, Beruf und Freizeit unter einen Hut zu bringen. Sind sie deshalb eine normale Familie? «Ja, wir sind normal, aber nicht der Norm entsprechend», sagt Judith und lacht.

Die rechtliche Situation von Regenbogenfamilien

Familien mit mindestens einem schwulen, lesbischen, bisexuellen oder transgender Elternteil werden als Regenbogenfamilien bezeichnet. Leben diese Paare in eingetragener Partnerschaft, bleibt ihnen laut Artikel 28 des Partnerschaftsgesetzes die Adoption fremder Kinder oder die Stiefkindadoption verwehrt. Zudem erhalten sie keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin.

Über die Frage, ob Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen, gibt es derzeit aber politische Diskussionen. Im November 2011 hat die Rechtskommission des Ständerats in einer Motion den Bundesrat beauftragt das geltende Recht dahingehend zu ändern, «dass alle Erwachsenen, ungeachtet ihres Zivilstandes und ihrer Lebensform, ein Kind, insbesondere das Kind des Partners oder der Partnerin, adoptieren können, wenn eine Adoption für das Kindeswohl die beste Lösung darstellt.» Der Bundesrat beantragte aber im Februar 2012 die Ablehnung der Motion. Er sprach sich lediglich für die Stiefkindadoption aus. Damit könnten Homosexuelle die Kinder ihres Partners adoptieren, nicht aber fremde Kinder. Der Ständerat sprach sich im März 2012 dagegen für die Motion der Rechtskommission aus. Jetzt muss noch der Nationalrat abstimmen.

 

Weiterführende Information zum Thema Regenbogenfamilien

  • Mit anderen Regenbogenfamilien austauschen: Das bietet der Dachverband Schweizer Regenbogenfamilien: www.regenbogenfamilien.ch
  • Informationen zur Gründung einer Regenbogenfamilie gibt es unter: www.familyproject.ch
  • Der Verein Familienchancen setzt sich für die Rechte von Regenbogenfamilien ein: www.familienchancen.ch
  • Buchtipp: Christina Caprez: Familienbande. Erschienen im Limmatverlag. Die Journalistin Christina Caprez hat 15 moderne Familien porträtiert, darunter auch viele Regenbogenfamilien.
  • Über die Situation Schweizer Regenbogenfamilien forscht die Sozialwissenschaftlerin Eveline Y. Nay am Zentrum Gender Studies in Basel http://genderstudies.unibas.ch

 

Autor: Angela Zimmerling im März 2012

 

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