Intensive Eltern-Kind Zeit ist wichtig

Wie schnell entsteht eine psychische Störung?

Das ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Gewisse Risikofaktoren begünstigen aber die Entwicklung einer Verhaltensstörung in Kombination mit Zeitmangel.  Dazu gehören psychische Störungen der Eltern, Störungen in der Partnerschaft, mangelnde elterliche Sensitivität und ungünstiges Erziehungsverhalten.

Dann entsteht eine Störung nicht alleine durch den Zeitmangel?

Nein, es korrelieren meist mehrere Faktoren.

Müssen erwerbstätige Eltern ein schlechtes Gewissen haben?

Nein. Studien haben ergeben, dass Kinder, deren Eltern zuhause bleiben, nicht unbedingt zufriedener sind als Kinder von erwerbstätigen Elternteilen. Im Gegenteil: Die grösste Zufriedenheit herrscht in Familien, bei denen beide Eltern Teilzeit arbeiten oder in Familienmit einem Vollzeit und einem Teilzeit beschäftigten Elternteil. Den höchsten prozentualen Anteil von elterlichen Zuwendungsdefiziten haben wir bei diesen Kindern, die alleinerziehende erwerbstätige Eltern haben oder bei denjenigen Kinder, deren Eltern arbeitslos sind.

Warum ist das so?

Es kommt nicht nur auf die Quantität an. Zentral ist, ob die Eltern ihre Berufssituation frei gewählt haben. Wenn eine Mutter zuhause bleiben muss, obwohl sie gerne arbeiten würde, ist sie unglücklich. Das hat Einfluss auf die Erziehung. Wenn sie hingegen ohne Druck ihrem Beruf nachgeht, ist sie nicht nur bei der Arbeit zufriedener, sondern freut sich beim Nachhausekommen auf ihr Kind.

Wie können berufstätige Eltern die Zeit mit ihren Kindern intensiv nutzen?

Ein schönes Beispiel ist das gemeinsame Essen. Da kommen alle Familienmitglieder zusammen, erzählen und hören sich gegenseitig zu – auch wenn es nur für eine Stunde täglich ist.

Immer wieder geraten Kinderkrippen in die Diskussion. Wie beurteilen Sie es, wenn Kinder schon sehr früh ausserfamiliär erzogen werden?

Das muss nicht schlecht sein. Wie schon erwähnt, verbringt eine Hausfrau nicht zwingend mehr qualitativ sinnvolle Zeit mit ihrem Kind als eine erwerbstätige Mutter. In Kinderkrippen wird auf gutes Personal geachtet, das sehr gut auf Kinder eingehen kann. Trotzdem sollte ein Kind nicht zu viele enge Kontaktpersonen haben. Erst durch Vertrauen entstehen die feinfühligen Bindungen, die ein Kind braucht.

Dr. Irina Kammerer ist seit September 2008 Leiterin des Bereichs Beratung und Therapie für Kinder/Jugendliche und Familien am Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen Instituts an der Universität Zürich: irina.kammerer@psychologie.uzh.ch, Tel. 044 634 52 55

Interview: Jasmine Helbling im August 2012

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