Gelassen Erziehen: Autor Wladimir Kaminer zeigt, wie es geht

«Wer wenig weiss, kann länger schlafen». Dieses alte russische Sprichwort hat sich Bestsellerautor Wladimir Kaminer im Umgang mit seinen pubertierenden Kindern zu Herzen genommen. Er erzieht nur in Notsituationen. Was das bedeutet, zeigt sein neues Buch, ein Plädoyer für gelassene Erziehung.

Wladimir Kaminer hat das Buch Coole Eltern leben länger geschrieben.

Wladimir Kaminer mischt sich in die Angelegenheiten der Jugend nicht ein. Foto: Ausschnitt Buchcover, Manhattan Verlag

Die Tochter will ihren 16. Geburtstag feiern. Unkonventionell, versteht sich, ohne Eltern. Obwohl die das für eine «ziemliche Schweinerei» halten, fahren sie aufs Land und lassen den Teenager allein zu Hause. Ab Mitternacht werden sie mit Anrufen der Nachbarn bombardiert: «Alle wollten wissen, ob wir noch alle Tassen im Schrank hätten. Nach Einschätzung der Anrufer stand die Tür zur Wohnung offen, zwischen fünfzig und hundert Menschen gingen ein uns aus, und es sah nicht nach einer Party, sondern eher nach einem Überfall aus».

Statt in Panik zu verfallen und auf schnellstem Wege nach Hause zu fahren, bleiben die Eltern an ihrem Lagerfeuer sitzen. Selbst am nächsten Tag gibt es keine Strafe. Obwohl einer der Party-Gäste die Turnschuhe des Vaters, ein anderer Kopfhörer und ein Flugzeugmodell mitgenommen haben, die Türklingel demoliert und Briefkästen mit Graffiti beschmiert wurden. «Wir haben nichts gesagt, schliesslich wird man nur einmal im Leben blablabla».

Wladimir Kaminer sagt: «Coole Eltern leben länger»

Der in Deutschland beliebte Autor Wladimir Kaminer, Vater zweier Kinder im Teenageralter, nimmt in seinem aktuellen Buch «Coole Eltern leben länger» den Alltag mit pubertierenden Kindern unter die Lupe. Kleine Geschichten erzählen humorvoll überspitzt von verliebten, rebellierenden Teenagern und ratlosen, aber meist entspannten Eltern. Der aus Russland stammende Schriftsteller ist bekannt für seinen erfrischend ironischen Blick auf den Alltag. Sein Geheimrezept: «Wir selbst erziehen wenig, nur in Notsituationen. Wir mischen uns aus Prinzip nicht in die Angelegenheiten der Jugend ein».

Der Satz könnte auch vom dänischen Familientherapeuten Jesper Juul stammen. «Was uns so anstrengt, ist ja diese Verpflichtung, zu erziehen. Dabei kann ich mir auch vornehmen, meine Kinder in den kommenden Wochen einfach zu geniessen», sagte er der Süddeutschen Zeitung. Das Allermeiste, was wir unter Erziehung verstünden, erziehe in der Tat kaum. Wie sich unsere Kinder als 20-Jährige verhielten, sei nicht die Folge der Erziehung, sondern unseres Zusammenlebens in der Familie. Wir seien Vorbilder, gute und schlechte, 24 Stunden am Tag.

Wladimir Kaminer war der Erziehungsauftrag schon immer «unheimlich». «Ich bin kein guter Erzieher. Ich bin ein unsicherer Mensch und habe keine Antworten. Ich weiss nicht, wie ein guter Erzieher sein soll. Deswegen habe ich auch keine richtige Erziehungsmethode», sagte der Autor in einem Interview.

Wenn die Eltern durchdrehen

Die Erzählungen in seinem Buch zeigen das: Die Tochter will wissen, ob ihre Freundin Antonia bei ihr übernachten darf. Die Eltern der Freundin seien durchgedreht. Die Mutter  von Antonia hat einen Kontrollzwang und will immer wissen, wo sich ihre Tochter mit wem gerade aufhält. Deshalb musste sie von zu Hause ausreissen.

«Das ist ein bedauerliches Problem, liebes Töchterchen, wenn die Eltern durchdrehen», sagt der Vater, lässt sich das genaue Problem schildern, und schon verschwindet die Freundin mit der Tochter auf dem Zimmer. Als kurz darauf die Mutter der Freundin wissen will, ob ihre Tochter gut angekommen sei und sie weitere Freunde mitgebracht hätte, sagt der Vater, er habe keine Ahnung, ob sie jemanden mitgebracht habe. Die wundert sich: «Sie wissen nicht, wer im Zimmer Ihrer Tochter ist?» «Ja, weiss ich nicht», sagt der Vater. «In der Bibel steht, jedes Wissen mehrt nur das Leid. Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss; curiosity killed the cat.» Er legt sich zurück in seine Hängematte, beobachtet den Himmel und denkt «so einfach kann Erziehung sein».

Als kurz darauf die Tochter mit einer anderen Freundin auftaucht, deren Eltern ebenfalls durchgedreht waren und die bei ihr übernachten will, bleibt der Vater gelassen. Und auch als die dritte Freundin dringend bei der Tochter übernachten muss, wird der Vater nicht misstrauisch. «In der Nacht hörte man komische Geräusche aus dem Mädchenzimmer, Schreie, Lachen und Musik. Frederike, Johanna und Antonia ‚chillten’. Es klang nicht im Geringsten danach, als machten sie sich Sorgen über ihre armen durchgedrehten Eltern. Sie tauschten sich ziemlich laut über andere Themen aus. Ich habe natürlich gar nicht zugehört, denn: Wer zu viel weiss, dem wird die Katze heiss.»

«Coole Eltern leben länger» ist kein Erziehungsratgeber. Trotzdem kann man sich von Wladimir Kaminers Nicht-Erziehung ein Stück abschneiden. Ein Leser beschreibt das so: «Die Gelassenheit, derer sich Wladimir Kaminer selber rühmt, regt stattdessen an darüber nachzudenken, ob man diese Zeit der Entwicklung und Selbstentdeckung der Kinder nicht vielfach zu verbissen sieht. Einfach mal machen lassen – das wird schon.»

Jesper Juul: «Kinder brauchen keine Erziehung»

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul ist wie Wladimir Kaminer überzeugt davon, dass Kinder keine Erziehung brauchen. Statt dessen brauchten sie eine kompetente Begleitung und Führung. «Ich rate Eltern auch, sich vorzustellen, ihr Kind sei ein Adoptivkind aus einer fremden Kultur, dem sie all unsere Bräuche genau erklären müssen: Warum man bei uns nicht am Boden isst, warum man abends schlafen gehen soll und wie unsere ganze Kultur funktioniert. Kinder kooperieren nämlich extrem gerne, wenn sie das Gefühl bekommen: Ich bin okay, so wie ich bin», erklärte er in einem Interview mit dem Migros Magazin.

«Mehr Entspannung, mehr Dialog, weniger Machtkampf», heisst sein Motto. Eltern sollten für die Kinder da sein. Das heisst nicht, dass sie bezogen auf kleine Kinder, ständig als Spielpartner verfügbar sein sollen. Kinder sollten lernen, wies es ist, erwachsen zu sein. Sie müssten sehen, dass Erwachsene auch mal im Garten arbeiten, kochen oder Zeitung lesen müssen. In dieses Erwachsenenleben solle man sie ruhig integrieren. Wer dagegen dauernd für seine Kinder da sei, fördere damit die neue Generation der «gelernten Hilflosen». Stattdessen dürften Eltern durchaus mal an sich selber denken, denn kein Kind braucht «zu viel Eltern».

Buchcover: Coole Eltern leben längerBuchtipp: Wladimir Kaminer «Coole Eltern leben länger. Geschichten vom Erwachsenwerden», Manhattan Verlag, August 2014

 

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