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Warum Kinder nicht immer brav sein müssen, Eltern aber immer empathisch

Kinder sollen auf ihre Eltern hören, brav sein. Der veraltete Wunsch nach Gehorsam ist bis heute noch in vielen Familien gross. Dabei müssen und sollen Kinder ab und zu ausbrechen, findet Elternbildnerin Susanne Schultes. Schliesslich sollen sie später auch eigene Entscheidungen treffen können. Ihr Appell für mehr Empathie in der Erziehung. 

Tochter rennt vor Eltern weg

Bleib hier! Was, wenn das Kind nicht hört? Das «Fangis spielen» mit ihrer Tochter sorgte für Diskussionen zwischen Susanne Schultes und ihrer Mutter. Bild: GettyImages Plus, fizkes

Du verwöhnst sie zu sehr», sagte meine Mutter zu mir. Mir wurde heiss. Oder kalt? Ich weiss es nicht mehr. Was ich jedoch genau weiss ist, dass ich sofort Schuldgefühle bekam. Grosse Verunsicherung stieg in mir auf. Die Begebenheit spielte sich vor 13 Jahren ab. Damals war meine Tochter, meine Erstgeborene, genau zwei Jahre alt. Wir bewohnten gemeinsam – meine Mutter, mein Mann, meine Tochter und ich – während einer Woche eine Ferienwohnung im Engadin um Winterferien zu machen. Damals liebte meine Tochter es, sich zu verstecken oder vor mir wegzulaufen, immer, wenn wir die Wohnung verlassen wollten. Ab und zu liess ich mich auf das «Fangenspielen» ein und verfolgte sie kichernd durch die Wohnung, statt sie einfach mit meiner körperlichen Überlegenheit einzufangen, um ihr Jacke, Mütze und Handschuhe überzuziehen.

«Sie tanzt dir doch auf der Nase rum», meinte meine Mutter dann immer. Hat Sie recht? «Ist das so? Ja? Du meinst, sie nimmt mich dann nicht mehr ernst?» Ich fühlte mich auf jeden Fall so unfähig und unsicher nach ihrer Ausasge.

Gewaltfrei erziehen – schädlich oder fördernd?

Wie erziehe ich denn richtig, fragte ich mich damals. Ist es nötig, meine Tochter auch einmal hart anzupacken, damit sie kooperiert? Schliesslich muss sie ja später auch andere gesellschaftliche Regeln und Normen akzeptieren? Ich spürte die Zerrissenheit förmlich in mir. Was wäre denn meiner Mutter nach die richtige Umgangsweise? Mich über meine Tochter hinwegzusetzen und sie jedesmal mit körperlicher Gewalt in die Kleider zu zwingen? Was für ein Bedürfnis steckt denn dahinter? Hinter dem Verlangen nach Gehorsam?

In jeder Klasse sitzt ein Kind, das regelmässig körperlich bestraft wird.

Zu diesen Gedanken passt die aktuelle Diskussion rund um ein Postulat der Freiburger CVP-Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach, welches demnächst im Nationalrat behandelt wird. Sie fordert den Bundesrat dazu auf, Vorschläge zu machen, wie eine gewaltfreie Erziehung endlich gesetzlich verankert werden könnte. Denn die Schweiz ist eines der letzten Länder, welches trotz Abschaffung des Züchtigungsrechts im Jahr 1978 Ohrfeigen, an den Haaren ziehen und ähnliche Strafen auch heute noch erlaubt – dies halten mehrere Urteile des Bundesgerichts fest. 

Laut einer Analyse der Universität Freiburg, die seit Beginn der Neunzigerjahre das Bestrafungsverhalten der Eltern in der Schweiz untersucht, gibt es in jeder Schweizer Schulklasse ein Kind, das regelmässig körperlich bestraft werde. Mit dieser Forderung sind nicht alle einverstanden. «Gewaltfreie Erziehung gibt nicht die besseren Kinder», sagt zum Beispiel der SVP-Nationalrat Andreas Glarner in einem Interview im Tagesanzeiger.

Gehorsam gehört sich eben...

Nun also die Frage. Wie gelangen wir denn zu Kindern, die in erster Linie die familieninternen Gesetze und später soziale und gesellschaftliche Normen einhalten? Haben wir denn genügend Handhabung ohne körperliche und psychische Strafen als Eltern? Dies ist meiner Erfahrung nach die Verunsicherung mancher Eltern. Sie möchten Sicherheit und die Gewissheit, dass ihr Kind einmal gut in der Gesellschaft zurechtkommt, höflich ist und seinen Platz findet.

Noch immer haftet an vielen Eltern der veraltete Wunsch nach Gehorsam. Weil «man es halt so macht», weil es «praktisch» ist, weil Gewalt in Kleinkinderjahren «einfach» zu handhaben ist, und weil sie schlicht keine anderen Werkzeuge haben. Und weil sie oft als Kinder ebenso mit körperlicher und/oder psychischer Gewalt gefügig gemacht wurden. Und somit nichts anderes kennen. Ich nehme daher an, auch Herr Glarner wurde als Kind geschlagen – meine ganz persönliche provokative Annahme.

Zählen denn die Umstände gar nicht?

«Ist das denn nicht mehr legitim? So schlimm wird es doch nicht sein», fragen Sie sich jetzt vielleicht. Meine Antwort dazu wäre diese: Stellen Sie sich vor, Sie kommen mit einer Arbeit zu Ihrem Chef. Sie haben sich viel Mühe gegeben. Gerade möchten Sie diese voller Freude Ihrem Chef präsentieren – da gibt er Ihnen eine Ohrfeige. Es schmerzt grauenhaft. Sie verstehen die Welt nicht mehr! «Sie sind zu spät dran mit Ihrer Arbeit», brüllt jetzt Ihr Chef Sie an. «Solche Leute können wir hier nicht gebrauchen. Räumen Sie sofort Ihren Schreibtisch.» «Aber ich musste heute Morgen noch meine Tochter zum Kinderarzt fahren. Ich konnte es nicht delegieren. Ich rief doch sogar Ihre Assistentin an.» versuchen Sie sich noch zu erklären «Ihr Privatleben interessiert mich nicht. Punkt. Räumen Sie Ihren Platz.» Leere, Verzweiflung, Unverständnis, Einsamkeit, Machtlosigkeit macht sich in Ihnen breit.

Kein Interesse an den Umständen der Mitarbeitenden, kein Einfühlungsvermögen und keine Flexibilität sowie null Wertschätzung. Es zählen einzig und allein die Anforderungen und Gesetze der Firma. Ein Dialog findet erst gar nicht statt. Obwohl Sie als ArbeitnehmerIn alles gaben, einen Teil Ihrer Integrität aufgaben, eigene Bedürfnisse hinten anstellten. Das alles ist gar nichts wert? Ähnlich ergeht es unseren Kindern, wenn wir körperliche und psychische Gewalt an Ihnen anwenden. Im Unterschied zum Beispiel oben jedoch, sind Sie zu hundert Prozent von unserem Wohlwollen abhängig. Sie haben gar keine andere Wahl. Sie binden sich vorbehaltslos an uns Eltern.

Unsere Kinder kooperieren seit klein auf Tag für Tag mit uns, mit unserem Familiensystem, später mit Kinderkrippe, Spielgruppen, Kindergarten, Schule und Gesellschaft – in den ersten Lebensjahren um zu überleben und später mehr und mehr um dazuzugehören. Sie geben tagtäglich einen Teil ihrer Integrität auf, stellen Bedürfnisse und Wünsche hinten an, um wertvoll zu sein für uns, für die Familie.

Es gibt nicht zu viel Empathie!

Manchmal aber, da ist das eigene Bedürfnis dann doch wichtiger, weil es gerade so nötig ist für die gesunde kindliche Entwicklung, zum Beispiel während der Entdeckung der Selbstwirksamkeit oder in der Ablösungsphase während der Adoleszenz.

Dann will das Kind nicht in diese Jacke. Sondern zuerst einmal noch eine Runde davonrennen. «Damit mein System gesund bleibt, denn Mama, du möchtest doch einmal ein selbstbewusstes Kind, oder? Eins, das sich selbst etwas zutraut und nicht nur voller Gehorsam funktioniert? Du möchtest doch, dass ich später gute Entscheidungen für mich treffe, mit denen ich zufrieden bin und gut leben kann?» Ja, genau so ein Kind will ich!

Deswegen gibt es für mich kein «Verwöhnen» durch emphatische Eltern. Es gibt kein «zuviel davon» seinem Kind mit gleicher zu Würde begegnen. Es gibt keine «schnoddrigen» Kinder durch zuviel Interesse an Ihrem Kind. Und es gibt keinen Grund, unsere Kinder körperlich oder psychisch zu massregeln, nur damit wir uns «in Sicherheit wägen» können. Es ist an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen und uns stark zu machen für einen fairen und gewaltlosen Umgang mit unseren Schutzbefohlenen. Denn dies – und nur dies - ist die Garantie für eine Gesellschaft, die einander achtet, sich füreinander interessiert, die faire Dialoge führt und Lösungen findet, die keine Verlierer hervorbringt. Drum: Nicht blinder Gehorsam sondern schonungslose Gleichwürdigkeit – dies ist der Schlüssel für ein gelingendes Zusammenleben!

Kurse und Events

12.+19.1.2021, 19.30–21.30 Uhr, Online-Workshop: Gelingende Paar-Kommunikation

25.1.2021, 20–22 Uhr, Online-Workshop: Aggression – Wie gehe ich mit diesem starken Gefühl um?

Laura Müdespacher Goldenbody

Susanne Schultes

Suanne Schultes arbeitet seit 12 Jahren in der Elternbildung, ist ausgebildete Kommunikationstrainerin, Eidg. dipl. Beraterin im psychosozialen Bereich (SGfB) und Supervisorin. Sie betreibt eine eigene Praxis für Familien- und Paarberatung in Männedorf. Die Mutter von zwei Kindern (15 und 10 Jahre) teilt Ihr Wissen ausserdem auch auf Facebook und Instagram sowie auf Ihrem Blog. 

Ich bin weiterhin auch online für Sie da:

Haben Sie Anliegen, welche Sie gerne klären möchten? Betrifft es Sie selbst, Ihre Partnerschaft oder Ihre Familie? Kontaktieren Sie mich per Mail für eine Terminvereinbarung.

Weitere Informationen: www.susanneschultes.ch.